Darmverschluss (Ileus) – Differentialdiagnosen
Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)
- Darmatresie (angeborener Darmverschluss) bzw. angeborene Darmstenose (angeborene Darmverengung) – insbesondere duodenale und jejunoileale Atresien bzw. Stenosen als Ursache eines neonatalen mechanischen Ileus (Darmverschlusses)
- Hirschsprung-Krankheit (kongenitales Megakolon; angeborene Erweiterung des Dickdarms) – funktionelle distale Darmobstruktion (Darmblockade) durch kongenitale Aganglionose (angeborenes Fehlen von Nervenzellen in der Darmwand)
- Malrotation des Darms (angeborene Fehldrehung des Darms) – insbesondere bei Volvulus (Darmverdrehung) mit akuter mechanischer Obstruktion (Blockade); vorwiegend im Säuglings- und Kindesalter, selten Erstmanifestation beim Erwachsenen
Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben (P00-P96)
- Mekoniumileus (Darmverschluss durch zähen ersten Stuhl) – insbesondere bei zystischer Fibrose (Mukoviszidose); mechanische Obstruktion des terminalen Ileums (Endabschnitts des Dünndarms) durch zähes Mekonium (Kindspech)
- Mekoniumpfropf-Syndrom (Darmverschluss durch einen Pfropf aus erstem Stuhl) – funktionelle bzw. mechanische Kolonobstruktion (Dickdarmblockade) beim Neugeborenen
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Elektrolytstörungen (Störungen der Blutsalze) – insbesondere ausgeprägte Hypokaliämie (Kaliummangel) und schwere Hypercalcämie (erhöhter Calciumspiegel) können eine intestinale Motilitätshemmung (verminderte Darmbewegung) bis zum paralytischen Ileus (Darmstillstand) verursachen
- Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) – bei schwerer Ausprägung bis zum Myxödem (schwere Schwellung bei Schilddrüsenunterfunktion) mit ausgeprägter gastrointestinaler Hypomotilität (verminderter Bewegung des Magen-Darm-Trakts) bzw. intestinaler Pseudoobstruktion (scheinbarem Darmverschluss ohne mechanisches Hindernis)
Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)
- Akute Pankreatitis (akute Bauchspeicheldrüsenentzündung) – kann durch die intraabdominelle Entzündungsreaktion (Entzündungsreaktion im Bauchraum) einen sekundären paralytischen Ileus verursachen
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Adhäsions-/Bridenileus (Darmverschluss durch Verwachsungen) – häufigste Ursache eines mechanischen Dünndarmileus (Dünndarmverschlusses) nach vorausgegangenen abdominalen oder pelvinen Operationen
- Akute intestinale Pseudoobstruktion (Ogilvie-Syndrom; akute Darmlähmung mit Dickdarmerweiterung ohne mechanisches Hindernis) – ausgeprägte Kolondilatation (Erweiterung des Dickdarms) ohne nachweisbare mechanische Obstruktion, insbesondere bei schwer kranken oder postoperativen Patienten
- Akute mesenteriale Ischämie (akute Durchblutungsstörung des Darms) – kann initial eine mechanische Obstruktion imitieren und im Verlauf zu einer Darmparalyse (Darmlähmung) führen; bei unverhältnismäßig starken Abdominalschmerzen (Bauchschmerzen) besonders zu beachten
- Bezoarobstruktion (Darmverschluss durch unverdauliche Fremdmassen) – intraluminale mechanische Obstruktion, insbesondere nach Magenoperationen oder bei gestörter gastrointestinaler Motilität (Beweglichkeit des Magen-Darm-Trakts)
- Chronische intestinale Pseudoobstruktion (CIPO; chronischer scheinbarer Darmverschluss ohne mechanisches Hindernis) – rezidivierende oder persistierende Ileussymptomatik (Beschwerden eines Darmverschlusses) ohne mechanisches Passagehindernis
- Divertikuläre Stenose (Darmverengung durch Divertikelerkrankung) – insbesondere bei chronisch-rezidivierender Sigmadivertikulitis (wiederkehrender Entzündung von Ausstülpungen des S-Darms) als Ursache eines mechanischen Dickdarmileus (Dickdarmverschlusses)
- Fäkalom/Koprostase (Kotstein/Stuhlstau) – ausgeprägte Stuhlretention (Stuhlverhaltung) mit funktioneller oder mechanischer distaler Kolonobstruktion
- Gallensteinileus (Darmverschluss durch einen Gallenstein) – mechanischer Dünndarmileus durch einen über eine biliodigestive Fistel (unnatürliche Verbindung zwischen Gallenwegen und Darm) in den Darm gelangten Gallenstein
- Inkarzerierte Hernie (eingeklemmter Eingeweidebruch) – mechanischer Ileus durch Einklemmung von Darmanteilen; bei Strangulation (Abschnürung) Gefahr der Darmischämie (Minderdurchblutung des Darms)
- Innere Hernie (innerer Eingeweidebruch) – mechanische Dünndarmobstruktion (Blockade des Dünndarms), insbesondere nach abdominalchirurgischen Eingriffen; Risiko einer Closed-Loop-Obstruktion (beidseitig verschlossenen Darmschlinge) und Strangulation
- Invagination (Intussuszeption; Einstülpung eines Darmabschnitts) – mechanische Obstruktion durch Einstülpung eines Darmsegments; im Kindesalter häufig idiopathisch, beim Erwachsenen häufig mit strukturellem Leitprozess
- Morbus Crohn (chronisch-entzündliche Darmerkrankung) – mechanische Obstruktion insbesondere durch entzündliche oder fibrotische Dünndarmstenosen (Verengungen des Dünndarms)
- Peritonitis (Bauchfellentzündung) – diffuse Darmparalyse durch peritoneale Entzündung (Entzündung des Bauchfells)
- Postoperativer Ileus (Darmstillstand nach einer Operation) – vorübergehende diffuse Darmmotilitätsstörung (Störung der Darmbewegung) nach abdominalen und anderen größeren operativen Eingriffen ohne mechanischen Übergangspunkt
- Toxisches Megakolon (akute schwere Dickdarmerweiterung) – akute nichtobstruktive Kolondilatation bei schwerer Kolitis (Dickdarmentzündung) mit systemischer Toxizität; wichtige Abgrenzung zum mechanischen Dickdarmileus
- Volvulus – Torsion (Verdrehung) eines Darmsegments, insbesondere des Sigma (S-Darms) oder Zökums (Blinddarms), mit mechanischer Obstruktion und möglicher Strangulation
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Dünndarmtumoren (Tumoren des Dünndarms) – insbesondere Adenokarzinome (bösartige Drüsentumoren), neuroendokrine Tumoren (Tumoren hormonbildender Zellen) und Lymphome (Lymphdrüsenkrebs) können eine mechanische Dünndarmobstruktion verursachen
- Kolorektales Karzinom (Dick- und Enddarmkrebs) – zentrale neoplastische Ursache (tumorbedingte Ursache) eines mechanischen Dickdarmileus, insbesondere bei stenosierendem linksseitigem Kolonkarzinom (Dickdarmkrebs)
- Peritonealkarzinose (Tumorabsiedlungen am Bauchfell) – kann durch multifokale intestinale Kompression (Druck auf mehrere Darmabschnitte), Infiltration (Einwachsen) oder Adhäsionen (Verwachsungen) einen partiellen oder vollständigen Ileus verursachen
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Endometriose (Gebärmutterschleimhaut-ähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter) – selten mechanischer Ileus bei tief infiltrierender intestinaler Endometriose (tief in die Darmwand einwachsender Endometriose), insbesondere im Bereich von Rektosigmoid (Übergangsbereich zwischen S-Darm und Mastdarm) oder terminalem Ileum
Medikamente
- Medikamentös induzierte Darmmotilitätshemmung (durch Arzneimittel verursachte verminderte Darmbewegung) – insbesondere durch Opioide, stark anticholinerge Arzneimittel, Clozapin und Vinca-Alkaloide; bei ausgeprägter Motilitätsstörung bis zum paralytischen Ileus bzw. zur intestinalen Pseudoobstruktion