Aufstoßen – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Verminderung von Häufigkeit und Belastung durch übermäßiges Aufstoßen.
- Gezielte Behandlung einer zugrunde liegenden Erkrankung, insbesondere einer gastroösophagealen Refluxkrankheit (Erkrankung durch Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre) (GERD).
- Vermeidung einer unnötigen oder nebenwirkungsreichen medikamentösen Behandlung.
Therapieempfehlungen
- Therapie nach Art des Aufstoßens: Gastrisches Belching (Aufstoßen von Luft aus dem Magen) muss von supragastrischem Belching (Aufstoßen von Luft, die zunächst in die Speiseröhre aufgenommen und unmittelbar wieder ausgestoßen wird) unterschieden werden. Bei unklarer Zuordnung kann eine pH-Impedanzmessung zur Differenzierung beitragen [1, LL2].
- Gelegentliches gastrisches Aufstoßen: Ohne relevante Beschwerden oder zugrunde liegende Erkrankung ist keine medikamentöse Therapie erforderlich. Bei vermehrtem Luftschlucken sollten hastiges Essen, Kaugummikauen und kohlensäurehaltige Getränke reduziert werden [1].
- Belastendes gastrisches Aufstoßen: Baclofen ist nach der Übersicht von Liu et al. eine wichtige medikamentöse Option. Es kann den Druck des unteren Ösophagussphinkters (Schließmuskel am Übergang von der Speiseröhre zum Magen) etwas erhöhen und dessen vorübergehende Erschlaffungen vermindern. Dadurch können Luftaufstoßen und Refluxepisoden (Episoden mit Rückfluss von Mageninhalt) abnehmen. Die Anwendung erfolgt außerhalb der Zulassung für diese Indikation und erfordert eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung [1, FI1].
- Supragastrisches Aufstoßen: Vorrangig sind Aufklärung, Zwerchfellatmung, spezialisierte Logopädie und kognitive Verhaltenstherapie. Eine routinemäßige Behandlung mit Baclofen ist hierfür nicht ausreichend belegt. Positive Ergebnisse einer kleinen offenen Untersuchung wurden hinsichtlich supragastrischer Aufstoßepisoden in einer kontrollierten Studie nicht bestätigt [2, 3, LL2].
- Begleitende GERD: Behandlung entsprechend der Refluxleitlinie. Protonenpumpeninhibitoren (PPI) behandeln säurebedingte Beschwerden; sie sind keine spezifische Therapie des isolierten Luftaufstoßens. Alginate können bei refluxbedingtem saurem Aufstoßen eingesetzt werden [LL1].
- Begleitende Übelkeit und Erbrechen: Eine Gastroparese (verzögerte Magenentleerung) sollte als mögliche Ursache abgeklärt werden. Eine Untersuchung der Magenentleerung ist bei isoliertem Aufstoßen ohne entsprechende Begleitsymptome nicht routinemäßig erforderlich [1, LL2].
Wirkstoffe nach Wirkstoffgruppen
GABA-B-Rezeptoragonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Baclofen | Individueller Therapieversuch bei belastendem gastrischem Aufstoßen; Off-Label-Anwendung. Langsam einschleichen und Nutzen sowie Verträglichkeit kontrollieren. Nierenfunktion vor Therapiebeginn berücksichtigen. Nach längerer Anwendung ausschleichend absetzen. Alkohol und andere zentral dämpfende Substanzen können Nebenwirkungen verstärken [1, 2, FI1]. |
- Wirkweise: Aktivierung von GABA-B-Rezeptoren; Verminderung vorübergehender Erschlaffungen des unteren Ösophagussphinkters und Erhöhung seines Ruhedrucks [1, 2].
- Indikationen: Belastendes gastrisches Aufstoßen nach Ursachenklärung und unzureichender Besserung durch Allgemeinmaßnahmen. Bei ausgewählten Patienten mit objektiviertem, anhaltendem Reflux kann ein fachärztlich überwachter Therapieversuch erwogen werden. Keine routinemäßige Anwendung bei isoliertem supragastrischem Aufstoßen [1, 3, LL1].
- Kontraindikationen: Gemäß der herangezogenen Fachinformation Überempfindlichkeit, Epilepsie (Erkrankung mit wiederkehrenden Krampfanfällen) und andere zerebrale Anfallsleiden (vom Gehirn ausgehende Erkrankungen mit Krampfanfällen) sowie terminale Niereninsuffizienz (Nierenversagen im Endstadium). Bei sonstiger Einschränkung der Nierenfunktion besteht ein erhöhtes Risiko einer Wirkstoffanreicherung [FI1].
- Nebenwirkungen: Insbesondere Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel, Muskelschwäche und Übelkeit; außerdem Verwirrtheit und Blutdruckabfall. Bei Wirkstoffanreicherung sind schwere neurologische Störungen (Störungen des Nervensystems) und Atemdepression (Abschwächung der Atmung) möglich. Abruptes Absetzen kann Entzugsreaktionen auslösen [FI1].
Protonenpumpeninhibitoren
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Pantoprazol | Beispiel für die Behandlung einer begleitenden symptomatischen GERD. Einnahme der magensaftresistenten Tablette unzerkaut eine Stunde vor einer Mahlzeit. Bei erforderlicher Dauertherapie niedrigste wirksame Dosis verwenden und Indikation regelmäßig überprüfen. Keine gezielte Wirkung gegen isoliertes Luftaufstoßen [LL1, FI2]. |
- Wirkweise: Hemmung der H+/K+-ATPase der Belegzellen und damit Verminderung der Magensäuresekretion [FI2].
- Indikationen: Begleitende GERD mit säurebedingten Beschwerden, beispielsweise Sodbrennen und saurem Aufstoßen [LL1, FI2].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Pantoprazol, substituierte Benzimidazole oder sonstige Bestandteile. Bei schweren Leberschäden sind Dosisbegrenzung und Überwachung erforderlich; relevante Arzneimittelinteraktionen berücksichtigen [FI2].
- Nebenwirkungen: Unter anderem Kopfschmerzen, Durchfall, Übelkeit, Bauchbeschwerden und Schwindel. Bei längerfristiger Anwendung können Hypomagnesiämie (Magnesiummangel im Blut) und eine verminderte Vitamin-B12-Aufnahme auftreten; selten tubulointerstitielle Nephritis (Entzündung des Nierengewebes) [FI2].
Alginate in Kombination mit Antazida
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Natriumalginat + Natriumhydrogencarbonat + Calciumcarbonat | Für refluxbedingtes saures Aufstoßen; gegebenenfalls ergänzend zu einem PPI. Angaben beziehen sich auf Gaviscon Dual Suspension. Natrium- und Calciumgehalt beachten. Zu anderen oral eingenommenen Arzneimitteln einen Abstand von zwei Stunden einhalten. Bei fehlender Besserung nach sieben Tagen ärztliche Überprüfung [LL1, FI3]. |
- Wirkweise: Bildung einer schwimmenden Alginatbarriere auf dem Mageninhalt und zusätzliche Neutralisation von Magensäure [FI3].
- Indikationen: Symptomatische Behandlung von Sodbrennen und saurem Aufstoßen bei gastroösophagealem Reflux [LL1, FI3].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Bestandteile. Das genannte Präparat soll bei eingeschränkter Nierenfunktion beziehungsweise schwerer Niereninsuffizienz (schwerer Einschränkung der Nierenfunktion) und bei Hypophosphatämie (Phosphatmangel im Blut) nicht angewendet werden. Vorsicht bei Hypercalcämie (erhöhtem Calciumgehalt im Blut), calciumhaltigen Nierensteinen und erforderlicher natriumarmer Ernährung [FI3].
- Nebenwirkungen: Möglich sind Bauchbeschwerden, Übelkeit, Durchfall oder Obstipation (Verstopfung); sehr selten allergische Reaktionen. Bei Überdosierung können Hyperkalzämie und Alkalose (Störung mit übermäßig basischem Blut) auftreten [FI3].
Weitere medikamentöse Ansätze
- Buspiron und niedrig dosierte trizyklische Antidepressiva: Liu et al. diskutieren diese als mögliche individuelle Ansätze bei gastrischem Aufstoßen mit verminderter gastrischer Akkommodation (unzureichender Anpassung des Magens an eine Mahlzeit) beziehungsweise erhöhter Dehnungsempfindlichkeit. Dies beruht wesentlich auf pathophysiologischen Überlegungen und klinischer Erfahrung; eine gesicherte Standardtherapie des gastrischen Aufstoßens lässt sich daraus nicht ableiten [1].
- Evidenz zu Buspiron: Eine Metaanalyse von 2025 zeigte keine signifikante Verbesserung der Gesamtsymptomatik bei funktioneller Dyspepsie (anhaltenden Oberbauchbeschwerden ohne erklärende organische Erkrankung) beziehungsweise Gastroparesesymptomen gegenüber Placebo. Diese Ergebnisse belegen keine Wirksamkeit gegen isoliertes gastrisches Aufstoßen. Deshalb keine routinemäßige Verordnung allein aufgrund dieses Symptoms [4].
- Neuromodulatoren bei supragastrischem Aufstoßen: Sie können bei ausgewählten Patienten ergänzend zu verhaltensorientierten Verfahren erwogen werden, insbesondere bei relevanten psychischen Begleiterkrankungen oder zusätzlicher funktioneller Symptomatik. Die Auswahl richtet sich nach der konkreten Begleiterkrankung und dem Nebenwirkungsprofil [LL2].
Beachte
- Ursachenklärung vor Therapieeskalation: Anhaltende Beschwerden unter einem PPI rechtfertigen keine automatische Dosiserhöhung oder zusätzliche Baclofenverordnung. Zunächst sind Einnahme, Diagnose und Zusammenhang zwischen Beschwerden und Reflux zu überprüfen [LL1].
- Warnsymptome: Dysphagie (Schluckstörung), gastrointestinale Blutungen (Blutungen im Verdauungstrakt), ungewollter Gewichtsverlust oder anhaltendes Erbrechen erfordern eine zeitnahe diagnostische Abklärung [LL1, FI2].
- Abgrenzung zur Rumination (wiederholtem mühelosem Hochkommen kürzlich aufgenommener Nahrung): Beim Ruminationssyndrom (Störung mit wiederholtem mühelosem Hochkommen kürzlich aufgenommener Nahrung) handelt es sich um eine eigenständige Störung. Zwerchfellatmung und verhaltensorientierte Behandlung stehen im Vordergrund; die Evidenz für Baclofen bei Rumination darf nicht uneingeschränkt auf isoliertes Aufstoßen übertragen werden [1, 3].
Abkürzungen
- AGA: American Gastroenterological Association.
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
- DGVS: Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.
- FI: Fachinformation.
- GABA: Gamma-Aminobuttersäure.
- GERD: gastroösophageale Refluxkrankheit; gastroesophageal reflux disease.
- LL: Leitlinie beziehungsweise fachgesellschaftliche Handlungsempfehlung.
- PPI: Protonenpumpeninhibitor.
Literatur
- Liu K, Walsh E, Katzka D et al.: Diagnostic and Management Review of Gastric and Supragastric Belching, Aerophagia, and Rumination Syndrome. Clin Gastroenterol Hepatol. 2026;24(2):285-295. doi: 10.1016/j.cgh.2025.08.012.
- Blondeau K, Boecxstaens V, Rommel N et al.: Baclofen improves symptoms and reduces postprandial flow events in patients with rumination and supragastric belching. Clin Gastroenterol Hepatol. 2012;10(4):379-384. doi: 10.1016/j.cgh.2011.10.042.
- Pauwels A, Broers C, Van Houtte B et al.: A Randomized Double-Blind, Placebo-Controlled, Cross-Over Study Using Baclofen in the Treatment of Rumination Syndrome. Am J Gastroenterol. 2018;113(1):97-104. doi: 10.1038/ajg.2017.441.
- Mohamedali Z, Amarasinghe G, Hopkins CWP et al.: Effect of Buspirone on Upper Gastrointestinal Disorders of Gut-Brain Interaction: A Systematic Review and Meta-analysis. J Neurogastroenterol Motil. 2025;31(1):18-27. doi: 10.5056/jnm24115.
Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Gastroösophageale Refluxkrankheit und eosinophile Ösophagitis. Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. (AWMF-Registernummer: 021-013). März 2023. Langfassung [LL1].
- AGA Clinical Practice Update: Evaluation and Management of Belching, Abdominal Bloating, and Distention: Expert Review. Moshiree B, Drossman D, Shaukat A. Gastroenterology. 2023;165(3):791-800.e3. Fachgesellschaftliche Best-Practice-Empfehlungen ohne formale Evidenz- und Empfehlungsgraduierung. doi: 10.1053/j.gastro.2023.04.039 [LL2].
Fachinformationen
- neuraxpharm: Baclofen-neuraxpharm 10 mg und 25 mg Tabletten. Stand: Oktober 2024. Fachinformation [FI1].
- ratiopharm: Pantoprazol-ratiopharm 20 mg magensaftresistente Tabletten. Stand: Juni 2026, Version 6. Fachinformation [FI2].
- Reckitt Benckiser: Gaviscon Dual 500 mg/213 mg/325 mg Suspension zum Einnehmen im Beutel. Stand der verlinkten Fachinformation: Dezember 2019. Fachinformation [FI3].