Afterjucken (Pruritus ani) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Linderung des Juckreizes und Unterbrechung des Juckreiz-Kratz-Zyklus
  • Behandlung der zugrunde liegenden Ursache
  • Wiederherstellung der Hautbarriere und Vermeidung therapiebedingter Hautschäden

Therapieempfehlungen

  • Ursachenbezogene Therapie: Behandlung zugrunde liegender proktologischer, dermatologischer, infektiöser oder parasitärer Erkrankungen; eine ausschließlich symptomatische Behandlung ist bei nachweisbarer Ursache nicht ausreichend. [LL1]
  • Basismaßnahmen: Reinigung mit lauwarmem Wasser und anschließende sanfte Trocknung; Vermeidung von Seifen, parfümierten Pflegeprodukten und feuchten Reinigungstüchern. Geformten Stuhl anstreben und Stuhlschmieren behandeln. [LL1]
  • Hautschutz: Allergenarme Pflegepräparate; bei Kontakt mit Stuhl oder Darmsekret dünn aufgetragene weiche Zinkoxidpaste. Im behandlungsfreien Intervall vorzugsweise hydrophile Öl-in-Wasser-Zubereitungen; ausgeprägte Okklusion vermeiden. [LL1, LL2]
  • Entzündlicher Hautbefund: Kurzzeitige topische Behandlung mit einem niedrig- bis mittelpotenten Glucocorticoid, beispielsweise Hydrocortison. Präparat, Grundlage und Therapiedauer nach Befund auswählen. [1, LL2]
  • Persistierende Beschwerden: Tacrolimus kann bei geeigneter Indikation als steroidsparende Therapie erwogen werden. Bei idiopathischem Pruritus ani (Afterjucken ohne erkennbare Ursache) und nichtatopischem Analekzem (entzündlicher Hautveränderung am After ohne Zusammenhang mit einer angeborenen Neigung zu allergischen Erkrankungen) handelt es sich um einen Off-Label-Use. [2, LL1, LL2]
  • Therapierefraktärer idiopathischer Pruritus ani: Fachärztlich überwachter Therapieversuch mit Capsaicin 0,006 % nach Ausschluss behandelbarer Ursachen; begrenzte Evidenz aus einer kleinen randomisierten Studie. [3]
  • Antiinfektive Therapie: Antimykotika, Antibiotika oder Anthelminthika ausschließlich bei entsprechender Diagnose. Wirkstoff und Behandlungsdauer richten sich nach der zugrunde liegenden Infektion. Topische Antibiotika wegen Sensibilisierungs- und Resistenzrisiken zurückhaltend einsetzen. [LL1, LL2]

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Die folgenden Anwendungsschemata beziehen sich auf Erwachsene. Zulassung, Applikationsort und Verträglichkeit des konkreten Präparats beachten.

Hautprotektiva

Wirkstoff Besonderheiten
Zinkoxid in weicher Paste Schutz vor irritativem Kontakt mit Stuhl und Darmsekret; allergenarme Grundlage wählen. [LL1, LL2]
  • Wirkweise: Bildung einer physikalischen Schutzbarriere.
  • Indikationen: Irritative Belastung der Perianalhaut, insbesondere bei Stuhlschmieren.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Bestandteile.
  • Nebenwirkungen: Lokale Irritation oder Kontaktallergie (allergische Hautreaktion nach Berührung mit einer auslösenden Substanz), insbesondere auf Bestandteile der Grundlage.

Topische Glucocorticoide

Wirkstoff Besonderheiten
Hydrocortison 1 % Eine zweiwöchige Behandlung wurde in einer kleinen randomisierten Studie untersucht. Bei Analekzem empfiehlt die Leitlinie eine möglichst kurze Anwendung, je nach Befund 1 bis maximal 4 Wochen. Keine unkontrollierte Dauertherapie. Das hier referenzierte Hautpräparat ist nicht zur Schleimhautanwendung geeignet. [1, LL2, F1]
  • Wirkweise: Antiinflammatorisch, antiallergisch und antipruriginös.
  • Indikationen: Pruritus ani mit entzündlichem Hautbefund, insbesondere Analekzem.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; beim referenzierten Präparat unter anderem bakterielle Hautprozesse, Mykosen (Pilzinfektionen), Herpes-simplex-Infektionen (Infektionen durch Herpesviren) und spezifische Hautinfektionen. Keine Anwendung auf Schleimhäuten. [F1]
  • Nebenwirkungen: Kontaktallergie; bei längerer Anwendung insbesondere Hautatrophie (Hautverdünnung), Teleangiektasien (sichtbare Erweiterungen kleiner Blutgefäße), Striae (Dehnungsstreifen), verzögerte Wundheilung und Begünstigung von Sekundärinfektionen (zusätzlich auftretenden Infektionen). Systemische Corticoidwirkungen sind bei hoher Exposition oder Okklusion möglich. [F1]

Topische Calcineurininhibitoren

Wirkstoff Besonderheiten
Tacrolimus 0,1 % Salbe Bei idiopathischem Pruritus ani Off-Label-Use; begrenzte Studienlage. Keine Schleimhautanwendung und keine Okklusivverbände. Bei atopischem Ekzem (Neurodermitis) gelten die Zulassungsvoraussetzungen der Fachinformation. [2, LL1, F2]
  • Wirkweise: Hemmung von Calcineurin und der T-Zell-vermittelten Freisetzung entzündlicher Zytokine.
  • Indikationen: Ausgewählte Fälle persistierenden Pruritus ani oder rezidivierenden Analekzems, insbesondere bei Bedarf an einer steroidsparenden Behandlung. [LL2]
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Tacrolimus, Makrolide oder Bestandteile. Nicht auf potenziell malignen Hautläsionen (möglicherweise bösartigen Hautveränderungen) anwenden. Infektionen am Behandlungsort vor Therapiebeginn behandeln; bei Immundefizienz (Abwehrschwäche) oder immunsuppressiver Therapie nicht anwenden. [F2]
  • Nebenwirkungen: Häufig initial Brennen, Wärmegefühl und Juckreiz; außerdem Hautirritation, Follikulitis (Entzündung der Haarwurzeln), Herpesinfektionen und alkoholassoziierte Hautrötung oder Irritation. Keine steroidtypische Hautatrophie. [LL2, F2]

Topische TRPV1-Agonisten

Wirkstoff Besonderheiten
Capsaicin 0,006 % Creme Off-Label-Use als Rezeptur; fachärztliche Überwachung. Die Konzentrationen 0,025-0,075 % sind nicht das für Pruritus ani untersuchte Schema und verursachen stärkere lokale Reizung. [3]
  • Wirkweise: Aktivierung des TRPV1-Rezeptors mit nachfolgender funktioneller Desensibilisierung kutaner sensorischer Nervenfasern.
  • Indikationen: Therapierefraktärer idiopathischer Pruritus ani nach Ausschluss sekundärer Ursachen. [3]
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; keine Anwendung auf Schleimhäuten, offenen Wunden oder erosiver Haut (Haut mit oberflächlichen Defekten). Bei ausgeprägt entzündlichem Analekzem zunächst die Entzündung behandeln.
  • Nebenwirkungen: Brennen und lokale Reizung; in der Studie führten starkes Brennen beziehungsweise Urtikaria (Nesselsucht) bei einzelnen Patienten zum Therapieabbruch. [3]

Weitere Hinweise

  • Menthol, Urea und Palmitoylethanolamin: Können Bestandteile juckreizlindernder beziehungsweise hydratisierender Pflegepräparate sein. Die allgemeinen Empfehlungen zum chronischen Pruritus (anhaltenden Juckreiz) begründen jedoch keine routinemäßige Anwendung von Menthol 3 % oder Urea 3-5 % an entzündlicher Perianalhaut. Auswahl und Konzentration nach Hautbefund und Verträglichkeit; bei Brennen absetzen. Palmitoylethanolamin wird als Bestandteil von Dermokosmetika eingeordnet, nicht als etablierte spezifische Arzneimitteltherapie des Pruritus ani. [LL3]
  • Corticoidinjektionen: Eine Unterspritzung mit Dexamethason oder Hydrocortison gehört nicht zur leitliniengestützten Standardtherapie des Pruritus ani. [LL1, LL2]
  • Therapiekontrolle: Bei fehlendem Ansprechen Diagnose und mögliche Kontaktallergien überprüfen; eine Intensivierung der symptomatischen Therapie ersetzt keine Ursachenklärung. [LL1, LL2]

Red Flags (Warnzeichen) bei Pruritus ani

  • Blutung, tastbare Induration (Verhärtung) oder persistierende Ulzeration (anhaltende Geschwürbildung): Zeitnahe proktologische beziehungsweise dermatologische Abklärung.
  • Therapierefraktäre oder rezidivierende Hautveränderungen über 4-6 Wochen: Histopathologische Untersuchung zur diagnostischen Sicherung beziehungsweise zum Ausschluss einer Neoplasie (Gewebeneubildung). [LL1, LL2]

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Darmgesundheit sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, E, D3)
  • Mineralstoffe (Calcium)
  • Weitere Vitalstoffe (Probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungsverzeichnis

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • doi: Digital Object Identifier; dauerhafte Kennzeichnung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung
  • et al.: et alii; und weitere Autoren
  • FI: Fachinformation; Kennzeichnung der Fachinformationsquellen
  • Ggf.: gegebenenfalls
  • KBE: koloniebildende Einheiten
  • LL: Leitlinie; Kennzeichnung der Leitlinienquellen
  • S1: Leitlinie mit Empfehlungen einer Expertengruppe
  • S2k: Leitlinie mit strukturierter Konsensfindung
  • TRPV1: Transient Receptor Potential Vanilloid 1; Rezeptor auf sensorischen Nervenfasern
  • z. B.: zum Beispiel

Literatur

  1. Al-Ghnaniem R, Short K, Pullen A, Fuller LC, Rennie JA, Leather AJM: 1% hydrocortisone ointment is an effective treatment of pruritus ani: a pilot randomized controlled crossover trial. Int J Colorectal Dis. 2007;22(12):1463-1467. doi:10.1007/s00384-007-0325-8.
  2. Suys E: Randomized study of topical tacrolimus ointment as possible treatment for resistant idiopathic pruritus ani. J Am Acad Dermatol. 2012;66(2):327-328. doi:10.1016/j.jaad.2011.05.024.
  3. Lysy J, Sistiery-Ittah M, Israelit Y, Shmueli A, Strauss-Liviatan N, Mindrul V, et al.: Topical capsaicin—a novel and effective treatment for idiopathic intractable pruritus ani: a randomised, placebo controlled, crossover study. Gut. 2003;52(9):1323-1326. doi:10.1136/gut.52.9.1323.

Leitlinien

  1. S1-Leitlinie: Analer Pruritus. (AWMF-Registernummer: 013 - 063), September 2024 Langfassung [LL1]
  2. S1-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Analekzems. (AWMF-Registernummer: 013 - 007), September 2024 Langfassung [LL2]
  3. S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des chronischen Pruritus. (AWMF-Registernummer: 013 - 048), Juni 2026 Langfassung [LL3]

Fachinformation

  1. Dermapharm AG. Hydrocutan Salbe 1 % (Hydrocortison). Fachinformation, Stand Februar 2026. [FI1]
  2. LEO Pharma A/S. Protopic 0,03 % und 0,1 % Salbe (Tacrolimus). Fachinformation. [FI2]