Erektionsstörung – Schwellkörper-Autoinjektionstherapie
Die Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT) ist eine medikamentöse Behandlung der erektilen Dysfunktion (Erektionsstörung; ED), bei der ein vasoaktiver Wirkstoff direkt in ein Corpus cavernosum (Penisschwellkörper) des Penis injiziert wird. Zugelassener Standardwirkstoff ist Alprostadil (Prostaglandin E1, PGE1).
Intrakavernöse Injektionen können bei entsprechend aufgeklärten Patienten als alternative Erstlinientherapie oder als Zweitlinientherapie eingesetzt werden [LL1, FI1, FI2].
Therapieziele
- Herbeiführung einer für den Geschlechtsverkehr ausreichenden Erektion
- Erreichen der niedrigsten wirksamen Dosis bei einer Erektionsdauer von höchstens etwa einer Stunde
- Vermeidung von Priapismus (schmerzhafte Dauererektion), Blutungen, Infektionen und Schwellkörperfibrose (bindegewebige Verhärtung des Schwellkörpers)
Indikationen
- Symptomatische Behandlung der erektilen Dysfunktion neurogener (durch eine Störung des Nervensystems bedingter), vaskulärer (gefäßbedingter), psychogener (seelisch bedingter) oder gemischter Genese [FI1, FI2]
- Alternative Erstlinientherapie bei einem entsprechend aufgeklärten Patienten, der eine intrakavernöse Therapie bevorzugt [LL1]
- Zweitlinientherapie bei unzureichender Wirksamkeit, Unverträglichkeit oder Kontraindikation von Phosphodiesterase-5-Hemmern [LL1]
- Diagnostisches Hilfsmittel bei der Abklärung einer erektilen Dysfunktion, beispielsweise im Rahmen einer Duplexsonographie der Penisgefäße oder einer dynamischen Cavernosometrie [FI1, FI2]
Kontraindikationen
- Überempfindlichkeit gegen Alprostadil oder einen sonstigen Bestandteil des jeweiligen Arzneimittels
- Prädisposition für verlängerte Erektionen oder Priapismus, beispielsweise bei Sichelzellkrankheit (erblich bedingte Erkrankung der roten Blutkörperchen) beziehungsweise Sichelzellanlage, multiplem Myelom (Knochenmarkkrebs), Leukämie (Blutkrebs) oder Thalassämie (erbliche Blutarmut)
- Anatomische Deformationen des Penis, beispielsweise Penisdeviation (Penisverkrümmung), Schwellkörperfibrose, Induratio penis plastica (krankhafte Verhärtung des Penisschwellkörpers) beziehungsweise Peyronie-Krankheit oder klinisch relevante Phimose (Vorhautverengung)
- Penisimplantat beziehungsweise Penisprothese
- Erkrankungen, bei denen sexuelle Aktivität nicht empfehlenswert oder kontraindiziert ist, insbesondere instabile oder schwere kardiovaskuläre (Herz und Kreislauf betreffende) beziehungsweise zerebrovaskuläre (die Hirngefäße betreffende) Erkrankungen [FI1, FI2]
Therapieempfehlungen
- Vor Therapiebeginn
- Behandelbare Ursachen der erektilen Dysfunktion sollen diagnostiziert und behandelt werden.
- Die kardiovaskuläre Belastbarkeit für sexuelle Aktivität ist zu beurteilen.
- Der Patient ist über Wirkung, Anwendung, Nebenwirkungen, Therapiealternativen und das Verhalten bei einer verlängerten Erektion aufzuklären [LL1, FI1, FI2].
- Alprostadil
- Alprostadil ist der zugelassene Standardwirkstoff für die intrakavernöse Monotherapie [FI1, FI2].
- Die klinische Wirksamkeit hinsichtlich einer für den Geschlechtsverkehr ausreichenden Erektion beträgt mehr als 70 %.
- Die Erektion tritt im Regelfall nach 5-15 Minuten ein und hält in Abhängigkeit von der injizierten Dosis an [LL1].
- Initialeinstellung
- Die ersten Injektionen und sämtliche Dosisanpassungen müssen unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.
- Der Patient darf die Therapie zu Hause erst nach sicherer Beherrschung der Zubereitungs- und Injektionstechnik durchführen.
- Die individuell niedrigste Dosis, die eine für den Geschlechtsverkehr ausreichende und nicht länger als etwa eine Stunde anhaltende Erektion erzeugt, ist zu ermitteln [FI1, FI2].
- Anwendungshäufigkeit
- Maximal eine Injektion täglich und höchstens drei Injektionen pro Woche.
- Zwischen zwei Anwendungen müssen mindestens 24 Stunden liegen [FI1, FI2].
- Psychosexuelle Begleittherapie
- Eine psychologische Beratung, kognitive Verhaltenstherapie oder Paartherapie kann bei entsprechender Indikation mit der medikamentösen Behandlung kombiniert werden [LL1].
Wirkstoffe
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Alprostadil bei neurogener erektiler Dysfunktion | Initialeinstellung und Dosissteigerung ausschließlich unter ärztlicher Aufsicht; niedrigste wirksame Dosis wählen |
| Alprostadil bei vaskulärer, psychogener oder gemischter erektiler Dysfunktion | Maximal einmal täglich und dreimal wöchentlich; Mindestabstand 24 Stunden; angestrebte Erektionsdauer höchstens etwa eine Stunde [FI1, FI2] |
- Wirkweise: Alprostadil bindet an Prostaglandinrezeptoren, erhöht den intrazellulären cAMP-Spiegel und relaxiert die glatte Muskulatur der Schwellkörper und der kavernösen Arterien. Die Vasodilatation (Gefäßerweiterung) führt zu einem gesteigerten arteriellen Bluteinstrom und zur Erektion.
- Indikationen: Erektile Dysfunktion neurogener, vaskulärer, psychogener oder gemischter Genese; diagnostische Abklärung der erektilen Dysfunktion.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, Prädisposition für Priapismus, anatomische Deformationen des Penis, Penisprothese sowie Erkrankungen, bei denen sexuelle Aktivität kontraindiziert ist.
- Nebenwirkungen: Penisschmerzen, schmerzhafte oder verlängerte Erektion, Priapismus, Hämatom (Bluterguss), Ekchymose (flächenhafte Einblutung) oder Blutung an der Injektionsstelle, fibrotische Knötchen, Schwellkörperfibrose, Penisdeviation, Peyronie-Krankheit sowie selten systemische Hypotonie (niedriger Blutdruck), Schwindel oder Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit) [FI1, FI2].
Durchführung der Selbstinjektion
- Einweisung
- Der Patient muss in die aseptische Zubereitung, korrekte Dosierung, Injektionstechnik und das Verhalten bei einer verlängerten Erektion eingewiesen werden.
- Injektionsstelle
- Die Injektion erfolgt dorsolateral im proximalen Drittel des Penisschafts.
- Sichtbare Venen sind zu vermeiden.
- Die Injektionsstelle und die Penisseite sind bei jeder Anwendung zu wechseln.
- Injektionsnadel
- Für jede Injektion ist eine neue sterile und unbeschädigte Nadel zu verwenden.
- Eine verbogene Nadel darf weder verwendet noch begradigt werden.
- Kompression der Einstichstelle
- Die Einstichstelle ist nach der Injektion mindestens 2-3 Minuten mit einem Tupfer zu komprimieren.
- Bei erhöhter Blutungsneigung ist eine entsprechend längere Kompression erforderlich.
- Injektionslösung
- Die Injektionslösung ist unmittelbar vor der Anwendung entsprechend der jeweiligen Fachinformation zuzubereiten.
- Nicht verbrauchte Injektionslösung ist zu verwerfen.
- Unterstützung durch den Partner
- Wenn der Patient die Selbstinjektion aufgrund eingeschränkter manueller Fähigkeiten, ausgeprägter Sehschwäche oder Adipositas (starkes Übergewicht) nicht sicher durchführen kann, darf der entsprechend eingewiesene Partner die Injektion übernehmen [FI1, FI2].
Besondere Vorsichtsmaßnahmen
- Antikoagulation und Thrombozytenaggregationshemmung
- Eine Antikoagulation stellt nach den deutschen Fachinformationen keine generelle absolute Kontraindikation dar, erhöht jedoch das Risiko einer Blutung oder eines Hämatoms an der Injektionsstelle.
- Erforderlich sind eine individuelle Nutzen-Risiko-Bewertung, eine sorgfältige Patientenauswahl und eine ausreichend lange Kompression der Einstichstelle.
- Bei beeinträchtigter Blutgerinnung oder thrombozytärer Funktionsstörung (Funktionsstörung der Blutplättchen) sind die Gerinnungsparameter entsprechend der klinischen Situation zu kontrollieren [FI1, FI2].
- Kardiovaskuläre, zerebrovaskuläre oder pulmonale Erkrankungen
- Diese Erkrankungen erfordern eine Beurteilung der Belastbarkeit und eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung, da sexuelle Aktivität kardiovaskuläre oder pulmonale (die Lunge betreffende) Ereignisse auslösen kann [FI1, FI2].
- Durch Blut übertragbare Infektionen
- Eine Blutung an der Einstichstelle kann das Risiko einer Übertragung auf den Partner erhöhen.
- Eine geeignete Barrieremethode ist anzuwenden [FI1, FI2].
- Schwangerschaft der Partnerin
- Die präparatespezifische Fachinformation ist zu beachten.
- Für Viridal wird während des Geschlechtsverkehrs die Verwendung eines Kondoms empfohlen [FI2].
- Gleichzeitige Anwendung anderer erektionsfördernder Substanzen
- Die gleichzeitige Anwendung von Phosphodiesterase-5-Hemmern, intraurethralem Alprostadil, Papaverin oder Alpharezeptorenblockern ist gemäß Fachinformation nicht vorgesehen.
- Die Kombination kann eine verlängerte Erektion oder einen Priapismus begünstigen [FI1, FI2].
- Regelmäßige Verlaufskontrollen
- Erforderlich ist eine sorgfältige Untersuchung des Penis auf Plaques (umschriebene Verhärtungen), fibrotische Knötchen, Penisdeviation oder Schwellkörperfibrose.
- Bei neu auftretender Penisdeviation, Schwellkörperfibrose oder Peyronie-Krankheit soll die Behandlung beendet und der Patient urologisch beurteilt werden [FI1, FI2].
Beachte
- Erektion von 2-4 Stunden Dauer
- Eine ärztliche Rücksprache und erneute Dosisanpassung sind vor der nächsten Anwendung erforderlich [FI2].
- Erektion von mindestens 4 Stunden Dauer
- Diese ist als urologischer Notfall zu behandeln.
- Der Patient muss unverzüglich den behandelnden Arzt oder eine Klinik mit urologischer Abteilung kontaktieren [FI1, FI2].
- Behandlungsbeginn des Priapismus
- Die Behandlung muss spätestens innerhalb von sechs Stunden beginnen, um eine Schädigung des Schwellkörpergewebes und eine irreversible erektile Dysfunktion zu verhindern [FI1, FI2].
- Akuttherapie des durch intrakavernöse Pharmakotherapie ausgelösten ischämischen Priapismus
- Intrakavernöse Gabe eines Sympathomimetikums, vorzugsweise Phenylephrin, unter Kontrolle von Blutdruck und Puls.
- Abhängig vom Befund zusätzlich Aspiration und Spülung der Corpora cavernosa.
- Bei Therapieversagen ist eine dringliche operative Behandlung erforderlich [LL1, FI1, FI2].
Weitere intrakavernöse Wirkstoffe
- Papaverin und Phentolamin
- Papaverin und Phentolamin werden als Bimix beziehungsweise gemeinsam mit Alprostadil als Trimix eingesetzt.
- Diese Kombinationen sind für die Behandlung der erektilen Dysfunktion nicht zugelassen und stellen einen Off-Label-Use dar.
- Sie können eine hohe Wirksamkeit erreichen, sind jedoch nicht standardisiert.
- Insbesondere papaverinhaltige Präparate sind mit einem höheren Risiko für Priapismus und Schwellkörperfibrose verbunden [LL1].
Weitere Hinweise
- Intrakavernöse Injektion von Botulinumtoxin A
- Die intrakavernöse Anwendung von Botulinumtoxin A ist keine etablierte Standardtherapie und stellt einen Off-Label-Use dar.
- In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie bei pharmakotherapieresistenter vaskulogener erektiler Dysfunktion führten einmalige intrakavernöse Injektionen von 50 beziehungsweise 100 Einheiten Onabotulinumtoxin A zu einer vorübergehenden Verbesserung der erektilen Funktion.
- Die Wirkung von 100 Einheiten war länger anhaltend [1].
- Aktuelle Evidenzbewertung zu Botulinumtoxin A
- Eine systematische Übersicht und Metaanalyse von sechs klinischen Studien zeigte ein kurzfristiges Wirksamkeitssignal.
- Aufgrund heterogener Behandlungsprotokolle, lediglich zweier randomisierter Studien und fehlender belastbarer Langzeitdaten kann Botulinumtoxin A derzeit nicht als reguläre Therapie empfohlen werden.
- Die Anwendung sollte vorzugsweise im Rahmen klinischer Studien erfolgen [2, LL1].
- Therapietreue
- Trotz hoher Wirksamkeit werden bei der intrakavernösen Pharmakotherapie Abbruchraten von 41-68 % berichtet, überwiegend während der ersten 2-3 Monate.
- Eine sorgfältige Einweisung, realistische Aufklärung und engmaschige Nachbetreuung verbessern die Therapieakzeptanz [LL1].
Abkürzungen
- cAMP – cyclisches Adenosinmonophosphat
- EAU – European Association of Urology
- ED – erektile Dysfunktion
- FI – Fachinformation
- LL – Leitlinie
- PGE1 – Prostaglandin E1
- SKAT – Schwellkörper-Autoinjektionstherapie
Literatur
- El-Shaer W, Ghanem H, Diab T, Abo-Taleb A, Kandeel W. Intra-cavernous injection of BOTOX (50 and 100 Units) for treatment of vasculogenic erectile dysfunction: randomized controlled trial. Andrology. 2021;9(4):1166-1175. doi:10.1111/andr.13010 [1]
- Pang KH. The effectiveness and safety of intracavernosal botulinum toxin injections in the management of erectile dysfunction: a systematic review and meta-analysis of clinical studies. Sex Med. 2025;13(2):qfaf034. doi:10.1093/sexmed/qfaf034 [2]
Leitlinien
- Salonia A, Minhas S, Bettocchi C, et al. EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health. Limited Update March 2026. Arnhem: European Association of Urology Guidelines Office; 2026. Management of Erectile Dysfunction [LL1]
Fachinformationen
- Pfizer Pharma GmbH. Caverject 10 µg/20 µg, Pulver und Lösungsmittel zur Herstellung einer Injektionslösung. Fachinformation. Stand November 2023. Fachinformation Caverject [FI1]
- Amdipharm Limited. Viridal 10 µg/20 µg/40 µg, Pulver und Lösungsmittel zur Herstellung einer Injektionslösung. Fachinformation. Stand Februar 2021. Fachinformation Viridal [FI2]