Mikronährstoffe bei verschiedenen Schmerzformen – mögliche Einsatzgebiete im Überblick
Mikronährstoffe können bei bestimmten Schmerzpatienten medizinisch relevant sein – allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Ein Vitamin-B12-Mangel kann neurologische Beschwerden verursachen, Vitamin D ist für Knochen- und Muskelfunktion bedeutsam, und einzelne Mikronährstoffe wie Riboflavin oder Magnesium werden gezielt zur Migräneprophylaxe eingesetzt.
Für die klinische Praxis ist deshalb weniger die pauschale Frage entscheidend, ob Nahrungsergänzungsmittel bei Schmerzen wirken, sondern bei wem, bei welcher Schmerzform und mit welchem Therapieziel eine Supplementierung sinnvoll ist. Dabei müssen die Versorgung ausreichend versorgter Personen, die gezielte Substitution bei Mangel, die schmerzformspezifische therapeutische Anwendung und nicht belegte Lifestyle-Indikationen voneinander getrennt werden.
Supplementierung ist nicht gleich Supplementierung
Bei gesunden, ausreichend versorgten Personen ist eine allgemeine Einnahme von Vitamin- oder Mineralstoffpräparaten in der Regel nicht erforderlich. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) weist jedoch zugleich darauf hin, dass in bestimmten Lebenssituationen und bei einzelnen Nährstoffen ein erhöhtes Risiko für eine unzureichende Versorgung besteht und eine gezielte Ergänzung sinnvoll sein kann [1].
Davon zu unterscheiden ist die Substitution eines nachgewiesenen oder klinisch wahrscheinlichen Mangels. Hier dient der Mikronährstoff der Behandlung einer medizinisch relevanten Mangelsituation. Schmerzen, Parästhesien, Muskelschwäche oder neurologische Funktionsstörungen können Bestandteile eines solchen Mangelsyndroms sein.
Eine weitere Situation ist die schmerzformspezifische therapeutische Anwendung ohne nachgewiesenen Mangel. Hierzu gehören beispielsweise Riboflavin und Magnesium zur Migräneprophylaxe. Die therapeutisch untersuchten Dosierungen können deutlich oberhalb der ernährungsphysiologischen Zufuhrmengen liegen.
Ein breites Mikronährstoff-Screening allein aufgrund chronischer Schmerzen ist dagegen nicht begründet. Die Diagnostik sollte sich an Symptomen, Ernährungsweise, Begleiterkrankungen, Medikamenten, Malabsorptionsrisiken und weiteren klinischen Hinweisen orientieren.
Vitamin D: Versorgung sichern, Schmerztherapie gezielt einsetzen
Vitamin D nimmt eine Sonderstellung ein, da die Versorgung überwiegend über die körpereigene Synthese in der Haut erfolgt. Bei fehlender endogener Synthese beträgt der DGE-Schätzwert für Jugendliche und Erwachsene 20 µg bzw. 800 IE Vitamin D täglich [1].
Ein erhöhtes Risiko für eine unzureichende Vitamin-D-Versorgung besteht insbesondere bei älteren Menschen, geringer oder fehlender Sonnenexposition, Immobilität, Pflegebedürftigkeit, chronischen Erkrankungen mit geringer Aktivität im Freien, überwiegend bedeckter Haut sowie dunkler Hautpigmentierung [1].
Für gesunde Erwachsene unter 75 Jahren ohne etablierte Indikation empfiehlt die Endocrine Society dagegen keine routinemäßige empirische Vitamin-D-Zufuhr oberhalb der üblichen Referenzzufuhr zur allgemeinen Krankheitsprävention. Auch ein routinemäßiges 25-Hydroxyvitamin-D-Screening der Allgemeinbevölkerung wird nicht empfohlen [2].
Davon klar zu trennen ist die Behandlung eines nachgewiesenen Vitamin-D-Mangels oder einer anderen etablierten medizinischen Indikation. In solchen Situationen richten sich Dosierung und Dauer nach Ursache, Ausgangswert, Begleiterkrankungen und Therapieziel.
Sicherheitsgrenze nicht mit Zufuhrziel verwechseln
Für Erwachsene einschließlich Schwangeren und Stillenden liegt der von der EFSA festgelegte Tolerable Upper Intake Level (UL) bei 100 µg bzw. 4.000 IE Vitamin D täglich aus allen Quellen. Dieser Wert ist ausdrücklich keine empfohlene Zufuhrmenge [3].
Eine langfristige hoch dosierte Einnahme kann über eine Hyperkalzämie unter anderem Nierensteine, Nephrokalzinose und Nierenfunktionsstörungen begünstigen. Für die normale Versorgung ausreichend versorgter Personen sind Dosierungen in der Größenordnung von 4.000 IE täglich nicht erforderlich [3].
Vitamin D bei Fibromyalgie
Für Fibromyalgie besteht ein mögliches therapeutisches Signal. Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von 2025 fand unter Vitamin-D-Supplementierung eine signifikante Verbesserung der Schmerzintensität und des Fibromyalgia Impact Questionnaire [4].
Die quantitative Evidenz beruhte jedoch jeweils nur auf vier Studien und war durch ausgeprägte Heterogenität gekennzeichnet. Vitamin D kann deshalb insbesondere bei Fibromyalgiepatienten mit unzureichender Versorgung oder nachgewiesenem Mangel sinnvoll eingesetzt werden. Darüber hinaus ist ein zusätzlicher schmerztherapeutischer Nutzen möglich, aber noch nicht ausreichend gesichert, um eine unselektierte hoch dosierte Vitamin-D-Therapie bei allen Patienten mit Fibromyalgie zu empfehlen [4].
Vitamin D bei chronischem Kreuzschmerz
Für chronischen Kreuzschmerz ist die Datenlage weniger günstig. Eine Metaanalyse von zehn randomisierten kontrollierten Studien aus dem Jahr 2024 zeigte keine relevante Reduktion der Schmerzen durch Vitamin-D-Supplementierung. Dies galt auch in den Auswertungen in Abhängigkeit vom Vitamin-D-Ausgangsstatus [5].
Ein vorhandener Vitamin-D-Mangel sollte daher behandelt werden. Chronischer Kreuzschmerz allein ist jedoch keine ausreichende Indikation für Vitamin D mit dem primären Ziel der Schmerzlinderung [5].
Migräne: Riboflavin und Magnesium als therapeutische Optionen
Die Migräne gehört zu den Schmerzformen, bei denen bestimmte Mikronährstoffe auch unabhängig von einem nachgewiesenen Mangel therapeutisch eingesetzt werden können.
Die aktuelle DGN-/DMKG-Leitlinie nennt Magnesium und Riboflavin unter den Nahrungsergänzungsmitteln mit migräneprophylaktischer Wirksamkeit, bewertet die wissenschaftliche Evidenz jedoch als gering [6]. Aktuelle Metaanalysen stützen ein positives Signal, zeigen zugleich aber eine erhebliche Heterogenität der zugrunde liegenden Studien [7, 8].
Riboflavin
Für Riboflavin (Vitamin B2) wurde insbesondere eine Tagesdosis von 400 mg untersucht. Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Dosis-Wirkungs-Metaanalyse von zwölf Studien und 749 Teilnehmern fand eine Verringerung von Migränefrequenz und -dauer. Die Heterogenität war allerdings hoch [8].
Eine Anwendung von 400 mg täglich, beispielsweise 2 x 200 mg, kann deshalb als ergänzende Migräneprophylaxe erwogen werden. Für die Beurteilung des Effekts ist aufgrund der prophylaktischen Zielsetzung eine ausreichend lange Behandlungsphase sinnvoll. Riboflavin gilt als gut verträglich. Eine intensive Gelbfärbung des Urins ist erwartbar und harmlos.
Dieser Einsatz ist von der Substitution eines Vitamin-B2-Mangels zu unterscheiden. Die migräneprophylaktisch verwendete Dosis liegt deutlich oberhalb des Ernährungsbedarfs.
Magnesium
Für Magnesium ist die Studienlage weniger einheitlich. Die DGN-/DMKG-Leitlinie beschreibt unter anderem eine randomisierte placebokontrollierte Studie mit 600 mg Magnesium als Trimagnesiumdicitrat täglich über zwölf Wochen. In dieser Studie nahm die Attackenhäufigkeit stärker ab als unter Placebo. Eine andere placebokontrollierte Untersuchung zeigte dagegen keinen Vorteil, sodass die Leitlinie die Gesamtevidenz als nicht völlig schlüssig bewertet [6].
Die Leitlinie kommt dennoch zu dem Schluss, dass Magnesium aufgrund seiner Akzeptanz und Verträglichkeit insbesondere für Patienten infrage kommt, die keine zugelassene medikamentöse Migräneprophylaxe wünschen [6]. Auch eine aktuelle Metaanalyse randomisierter Studien fand Hinweise auf eine Reduktion von Attackenzahl und Migränetagen [7].
Für die Migräneprophylaxe wurden somit vor allem Dosierungen im Bereich von etwa 500-600 mg Magnesium täglich untersucht. Dabei handelt es sich um einen gezielten therapeutischen Einsatz und nicht um eine gewöhnliche Nahrungsergänzung.
Das BfR empfiehlt für Nahrungsergänzungsmittel dagegen eine Höchstmenge von 250 mg zusätzlichem Magnesium pro Tagesverzehrempfehlung eines Produkts [9]. Dieser Wert bezieht sich auf die zusätzliche Zufuhr über Nahrungsergänzungsmittel und wurde insbesondere wegen dosisabhängig auftretender gastrointestinaler Beschwerden abgeleitet. Er stellt keine Aussage zur Wirksamkeitsdosis einer ärztlich begleiteten Migräneprophylaxe dar.
Bei höheren Dosierungen treten vor allem Diarrhö und gastrointestinale Beschwerden auf. Bei relevanter Nierenfunktionsstörung muss wegen der verminderten renalen Magnesiumelimination besonders vorsichtig dosiert werden. Zudem kann Magnesium die gastrointestinale Resorption einzelner Arzneimittel beeinträchtigen. Gegebenenfalls erforderliche Einnahmeabstände sind anhand der jeweiligen Fachinformation zu beachten.
Vitamin B12: gezielte Diagnostik bei neuropathischen Symptomen
Ein Vitamin-B12-Mangel kann Parästhesien, Sensibilitätsstörungen, Gangstörungen und periphere Neuropathien verursachen. Bei neuropathischen Beschwerden ist deshalb zu prüfen, ob entsprechende klinische oder anamnestische Risikofaktoren bestehen.
Die NICE-Leitlinie von 2024 nennt unter anderem eine Vitamin-B12-arme Ernährung, autoimmune Gastritis, Zöliakie, gastrointestinale und bariatrische Operationen sowie Medikamente wie Metformin, Protonenpumpenhemmer und H₂-Rezeptorantagonisten als relevante Risikofaktoren. Auch Lachgasexposition kann einen funktionellen Vitamin-B12-Mangel auslösen [10].
Eine Anämie oder Makrozytose muss bei Vitamin-B12-Mangel nicht vorliegen. Bei neurologischen Symptomen und begründetem Verdacht sollte die Diagnostik daher nicht allein wegen eines unauffälligen Blutbildes unterbleiben [10].
Dosierung bei Vitamin-B12-Mangel
Bei nachgewiesenem oder hinreichend wahrscheinlichem Mangel richtet sich die Therapie nach der Ursache. Liegt eine bestätigte oder vermutete Malabsorption vor und wird oral behandelt, empfiehlt NICE eine Dosierung von mindestens 1 mg Vitamin B12 täglich [10].
Bei irreversiblen Ursachen wie Autoimmungastritis, totaler Gastrektomie oder vollständiger Resektion des terminalen Ileums ist eine dauerhafte intramuskuläre Substitution angezeigt. Auch bei ausgeprägten neurologischen Manifestationen kann abhängig von Ursache und klinischer Situation eine parenterale Behandlung zweckmäßig sein [10].
Eine Metaanalyse von sechs randomisierten Studien bei diabetischer Neuropathie fand zwar Verbesserungen neuropathischer Symptome und der Schmerzwerte unter Vitamin B12 [11]. Die begrenzte Zahl und Heterogenität der Studien erlaubt jedoch keine allgemeine Empfehlung zur Vitamin-B12-Therapie jeder diabetischen Polyneuropathie unabhängig vom Vitamin-B12-Status.
Der klinisch am besten begründete Einsatz besteht somit bei nachgewiesenem Mangel, hohem Mangelrisiko oder funktioneller Unterversorgung. Dies ist insbesondere bei Diabetikern unter langfristiger Metformintherapie zu berücksichtigen.
Vitamin B6: Mangel substituieren, Überversorgung vermeiden
Vitamin B6 findet sich häufig in B-Komplex- und sogenannten Nervenvitaminpräparaten. Eine gezielte Substitution kann bei einem dokumentierten Mangel sinnvoll sein. Für eine langfristige hoch dosierte Einnahme als unspezifische Therapie neuropathischer Schmerzen besteht dagegen keine belastbare Evidenz.
Von besonderer klinischer Bedeutung ist, dass eine übermäßige Vitamin-B6-Zufuhr selbst eine überwiegend sensible periphere Neuropathie mit Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühl und Schmerzen verursachen kann.
Die EFSA legte 2023 aufgrund dieses Neuropathierisikos für Erwachsene einen Tolerable Upper Intake Level von 12 mg Vitamin B6 täglich aus allen Quellen fest [12]. Auch hier handelt es sich um eine Sicherheitsobergrenze und nicht um eine empfohlene Supplementierungsdosis.
Bei unklaren neuropathischen Beschwerden sollte deshalb ausdrücklich nach B-Komplex-Präparaten, Multivitaminpräparaten und anderen Vitamin-B6-haltigen Nahrungsergänzungsmitteln gefragt werden.
Vitamin C und CRPS-Prävention: keine routinemäßige Empfehlung
Vitamin C wurde zur Prävention eines komplexen regionalen Schmerzsyndroms Typ I (CRPS-I) nach Frakturen und orthopädischen Eingriffen untersucht.
Frühere Studien berichteten bei meist 500-1.000 mg Vitamin C täglich über etwa 45-50 Tage nach Trauma oder Operation über eine mögliche Verringerung der CRPS-Inzidenz. Die Ergebnisse konnten jedoch nicht konsistent bestätigt werden.
Die CRPS-Leitlinie der fünften Auflage bewertet den prophylaktischen Nutzen deshalb weiterhin als nicht gesichert [13]. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2024 zeigte zwar numerisch eine geringere CRPS-I-Häufigkeit nach Vitamin-C-Gabe, der gepoolte Effekt erreichte jedoch keine statistische Signifikanz. Zudem bestanden Hinweise auf Publikationsbias [14].
Damit besteht derzeit keine ausreichende Grundlage für eine routinemäßige Vitamin-C-Prophylaxe des CRPS-I. Die Daten schließen einen möglichen Nutzen in einzelnen perioperativen oder posttraumatischen Situationen nicht sicher aus, reichen aber nicht für eine allgemeine Empfehlung aus. Für die Behandlung eines bereits bestehenden CRPS ist eine therapeutische Wirksamkeit von Vitamin C ebenfalls nicht etabliert.
Fazit
Mikronährstoffe besitzen in der Schmerzmedizin klar definierbare und teilweise klinisch relevante Einsatzgebiete. Besonders gut begründet ist eine Supplementierung bei nachgewiesenem oder wahrscheinlichem Mangel sowie bei spezifischen Risikokonstellationen für eine Unterversorgung.
Darüber hinaus bestehen schmerzformspezifische therapeutische Möglichkeiten. Riboflavin und Magnesium können als ergänzende Optionen zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden. Vitamin D zeigt bei Fibromyalgie ein mögliches positives Zusatzpotenzial, während bei chronischem Kreuzschmerz kein überzeugender eigenständiger analgetischer Effekt belegt ist. Vitamin B12 ist vor allem bei Mangel oder hohem Mangelrisiko mit neurologischen Beschwerden klinisch relevant. Für Vitamin C zur CRPS-Prävention reicht die aktuelle Evidenz dagegen nicht für eine routinemäßige Empfehlung.
Eine Supplementierung sollte somit gezielt statt pauschal erfolgen. Der größte Nutzen ist zu erwarten, wenn Mikronährstoff, Patientengruppe, Versorgungsstatus, Dosierung und Therapieziel aufeinander abgestimmt werden. Gleichzeitig müssen Sicherheitsgrenzen, Nierenfunktion, Begleitmedikation und mögliche Folgen einer Überversorgung berücksichtigt werden.
Literatur
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