Beckenschmerzen – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpertemperatur; des Weiteren:
    • Allgemeinzustand
      • Bewusstseinslage, Kreislaufstabilität und Schmerzverhalten
      • Beurteilung auf Schonhaltung und schmerzbedingt eingeschränkte Mobilität (Beweglichkeit)
    • Inspektion (Betrachtung)
      • Abdomen (Bauch) und Beckenregion – Kontur, Distension (Aufblähung), Narben, Hernien (Brüche) und sichtbare Raumforderungen (Gewebevermehrungen)
      • Gangbild und Körperhaltung
    • Untersuchung des Abdomens
      • Auskultation (Abhören) der Darmgeräusche
      • Perkussion (Abklopfen) des Abdomens – Beurteilung von Tympanie (hohlem Klopfschall), Dämpfung und ggf. freier Flüssigkeit
      • Oberflächliche und tiefe Palpation (Abtasten) des gesamten Abdomens, insbesondere des Unterbauchs – Schmerzlokalisation, Druckschmerz, Abwehrspannung, Loslassschmerz und palpable Resistenzen (tastbare Verhärtungen)
      • [Reproduktion des bekannten Beckenschmerzes durch Palpation des Unterbauchs bzw. der Beckenregion]
      • Palpation der Leistenregion und Bruchpforten
      • Klopfschmerzprüfung der Nierenlager
    • Untersuchung des Bewegungsapparates
      • Inspektion und Palpation von Lendenwirbelsäule, Iliosakralgelenken (Kreuz-Darmbein-Gelenken), Symphyse (Schambeinfuge), Beckenring und Hüftregion
      • Prüfung der aktiven und passiven Hüftbeweglichkeit sowie schmerzabhängiger Bewegungseinschränkungen
      • Gezielte Palpation der Bauchwand-, Adduktoren- (heranführende Oberschenkelmuskeln), Gluteal- (Gesäß-) und Beckenbodenmuskulatur auf Muskeltonus (Muskelspannung), Druckschmerz und myofasziale Triggerpunkte (schmerzhafte Muskelpunkte)
      • [Reproduktion des bekannten Beckenschmerzes durch Palpation bzw. Dehnung der Beckenboden- oder angrenzenden Muskulatur]
    • Neurologische Untersuchung (Untersuchung des Nervensystems)
      • Orientierende Prüfung von Motorik (Bewegungsfunktion), Sensibilität (Empfindungsfähigkeit) und Reflexen der unteren Extremitäten (Beine)
      • Prüfung der Sensibilität im Unterbauch, in der Leistenregion und im Perineum (Damm) bei Verdacht auf neuropathische (nervenbedingte) Schmerzkomponenten
      • Beurteilung auf kutane Allodynie (Schmerz bei normalerweise nicht schmerzhaften Hautreizen) bzw. Hyperalgesie (gesteigerte Schmerzempfindlichkeit), insbesondere in den Segmenten T11-L1 und sakral/perineal
  • Gynäkologische Untersuchung – bei Patientinnen mit Beckenschmerzen regelhaft in Abhängigkeit von klinischer Situation und Alter:
    • Inspektion der Vulva (äußeren weiblichen Geschlechtsorgane) und des Introitus (Scheideneingangs) auf Läsionen (Gewebeschädigungen), Entzündungszeichen, Blutungen und pathologischen Fluor (krankhaften Ausfluss)
    • Spekulumuntersuchung (Untersuchung mit einem Scheidenspiegel) – Beurteilung von Vagina (Scheide) und Portio (Muttermund) sowie vaginaler bzw. zervikaler (vom Gebärmutterhals ausgehender) Blutung oder Sekretion
    • Vorsichtige ein- bzw. zweihändige vaginale Palpation:
      • Beurteilung von Uterus (Gebärmutter) und Adnexregion (Bereich von Eierstöcken und Eileitern) hinsichtlich Lage, Größe, Beweglichkeit, Druckschmerz und Raumforderungen
      • Prüfung auf Zervixbewegungsschmerz (Schmerz bei Bewegung des Gebärmutterhalses)
      • [Reproduktion des bekannten Beckenschmerzes bei Palpation von Uterus, Adnexregion oder Beckenboden]
    • Palpation des Beckenbodens, insbesondere M. levator ani (Afterhebermuskel) und M. obturatorius internus (innerer Hüftlochmuskel) – Beurteilung von Muskeltonus, Druckschmerz, Triggerpunkten sowie Fähigkeit zur willkürlichen Kontraktion (Anspannung) und Relaxation (Entspannung)
  • Urologische Untersuchung – insbesondere bei begleitenden Miktionsbeschwerden (Beschwerden beim Wasserlassen), genitalen Schmerzen oder männlichen Patienten:
    • Inspektion und Palpation von Penis, Urethraregion (Bereich der Harnröhre), Skrotum (Hodensack), Hoden, Nebenhoden und Samenstrang
    • Bei akutem Skrotalschmerz zusätzlich Beurteilung von Hodenlage und Kremasterreflex (Hebereflex des Hodens)
    • Palpation der suprapubischen Region (Bereich oberhalb des Schambeins) auf Druckschmerz bzw. gefüllte Harnblase
  • Digital-rektale Untersuchung (DRU; Austastung des Enddarms mit dem Finger) – bei entsprechender klinischer Fragestellung:
    • Beurteilung von Analkanal (Afterkanal) und Rektum (Mastdarm) auf Druckschmerz, Raumforderungen und Sphinktertonus (Schließmuskelspannung)
    • Palpation des Beckenbodens einschließlich M. puborectalis (Schambein-Mastdarm-Muskel) und Levator-ani-Muskulatur (Afterhebermuskulatur) auf Tonuserhöhung (erhöhte Muskelspannung), Druckschmerz und Triggerpunkte
    • Beim Mann zusätzliche Palpation der Prostata (Vorsteherdrüse) hinsichtlich Größe, Konsistenz und Druckschmerz
    • [Reproduktion des bekannten Beckenschmerzes durch Palpation der Beckenbodenmuskulatur bzw. Prostata]

Red Flags (Warnzeichen) bei Beckenschmerzen

  • Akut einsetzender starker bzw. rasch zunehmender Beckenschmerz
  • Hypotonie (niedriger Blutdruck), Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit), Kreislaufinstabilität oder Schockzeichen
  • Peritonismus (Zeichen einer Bauchfellreizung) mit ausgeprägter Abwehrspannung oder Loslassschmerz
  • Beckenschmerzen bei bestehender oder möglicher Schwangerschaft, insbesondere in Verbindung mit vaginaler Blutung, Kreislaufauffälligkeiten oder ausgeprägtem Druckschmerz
  • Fieber bzw. klinische Zeichen einer systemischen Infektion (den ganzen Körper betreffende Infektion) oder Sepsis (lebensbedrohliche Reaktion auf eine Infektion)
  • Akuter einseitiger Unterbauchschmerz mit ausgeprägtem Adnexdruckschmerz (Druckschmerz im Bereich von Eierstöcken und Eileitern)
  • Akuter Hoden- bzw. Skrotalschmerz, insbesondere bei abnormaler Hodenlage oder fehlendem Kremasterreflex
  • Neu aufgetretene neurologische Ausfälle, Reithosenanästhesie (Taubheitsgefühl im Sitz- und Genitalbereich) oder Blasen-/Mastdarmfunktionsstörung
  • Palpable abdominelle, pelvine (das Becken betreffende), rektale (den Mastdarm betreffende) oder genitale Raumforderung
  • Beckenschmerzen in Verbindung mit ungeklärter vaginaler, gastrointestinaler (den Magen-Darm-Trakt betreffend) oder urologischer Blutung

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.