Akutes Skrotum – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch ein akutes Skrotum (plötzlich auftretende Beschwerden im Hodensackbereich) mitbedingt sein können:
Hinweis: Das akute Skrotum ist ein zeitkritisches klinisches Syndrom (Kombination typischer Krankheitszeichen) und keine einheitliche Erkrankung. Die Folgeerkrankungen hängen wesentlich von der zugrunde liegenden Ursache ab, insbesondere Hodentorsion (Hodenverdrehung), akute Epididymo-Orchitis (akute Nebenhoden-Hoden-Entzündung), Fournier-Gangrän (schwere bakterielle Weichteilinfektion im Genital-/Dammbereich) und Skrotaltrauma (Verletzung des Hodensacks) [LL1-3].
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Hypogonadismus/Androgendefizienz (verminderte Hodenfunktion/Mangel an männlichen Geschlechtshormonen) – seltene, aber klinisch relevante Spätfolge bei bilateraler testikulärer Schädigung (beidseitiger Hodenschädigung), Verlust eines funktionell einzigen Hodens oder vorgeschädigtem Gegenhoden; nach unkomplizierter einseitiger Hodentorsion bleiben die endokrinen Parameter (Hormonwerte) meistens im Normbereich [2, 6, LL1].
Haut und Unterhaut (L00-L99)
- Skrotale/perineale Haut- und Weichteilnekrosen (Absterben von Haut und Weichteilen im Hodensack- und Dammbereich) – insbesondere bei Fournier-Gangrän beziehungsweise nekrotisierender Fasziitis (gewebezerstörender Entzündung der Muskelhüllen) mit rasch progredienter Gewebedestruktion (fortschreitender Gewebezerstörung), großflächigem Weichteildefekt (Defekt von Weichteilgewebe) und möglichem plastisch-rekonstruktivem Behandlungsbedarf (wiederherstellendem operativem Behandlungsbedarf) [8, LL2].
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Testikulärer Abszess (Eiteransammlung im Hoden), suppurative Nekrose (eitriges Absterben von Gewebe) oder Infarktion (Gewebeuntergang durch fehlende Durchblutung) – mögliche Komplikationen einer schweren bakteriellen Epididymo-Orchitis; besonders relevant bei systemischen Zeichen (den ganzen Körper betreffenden Krankheitszeichen), sonographischem Abszess (im Ultraschall sichtbarer Eiteransammlung), vermindertem testikulärem Blutfluss (verminderter Hodendurchblutung) oder fehlender klinischer Besserung unter antiinfektiver Therapie (Behandlung gegen Infektionserreger) [7, LL2].
- Sepsis (Blutvergiftung) bis septischer Schock (lebensbedrohliches Kreislaufversagen durch Blutvergiftung) – vor allem bei Fournier-Gangrän, schwerer Epididymo-Orchitis oder verzögerter chirurgisch-antibiotischer Therapie (operativer und antibiotischer Behandlung); Fournier-Gangrän ist eine urologische Notfallsituation (Notfall im Bereich der Harn- und Geschlechtsorgane) mit relevanter Mortalität (Sterblichkeit) [8, LL2].
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Chronisches Skrotalschmerzsyndrom/chronische Orchialgie (dauerhaftes Hodensackschmerzsyndrom/dauerhafter Hodenschmerz) – mögliche Spätfolge nach ausgeprägter Entzündung, Skrotaltrauma, Hodenruptur (Hodenriss), Hämatozele (Blutansammlung im Hodensack) oder operativer Versorgung [LL3].
- Psychosexuelle Belastung (seelische und sexuelle Belastung) und Körperbildstörung (Störung des eigenen Körperempfindens) – insbesondere nach Orchiektomie (operativer Entfernung des Hodens), testikulärer Atrophie (Hodenschrumpfung), ausgedehnter skrotaler Weichteilresektion (Entfernung von Weichteilgewebe am Hodensack) oder rekonstruktiver Operation (wiederherstellender Operation); nach genitalem Trauma (Verletzung der Geschlechtsorgane) sollte eine psychosoziale Mitbetreuung (seelische und soziale Unterstützung) erwogen werden [LL3].
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Hodenischämie (Minderdurchblutung des Hodens), Hodeninfarkt (Gewebeuntergang des Hodens durch fehlende Durchblutung) und irreversible testikuläre Atrophie (nicht rückbildungsfähige Hodenschrumpfung) – wichtigste zeitabhängige Folge einer Hodentorsion; Risiko und Ausmaß hängen insbesondere von Symptomdauer, Torsionsgrad (Ausmaß der Verdrehung) und intraoperativer Vitalität des Hodens (während der Operation beurteilbarer Lebensfähigkeit des Hodens) ab [1, 3, 5, LL1].
- Verlust des betroffenen Hodens/Orchiektomie – bei nicht vitalem Hoden (nicht mehr lebensfähigem Hoden) nach Hodentorsion, bei schwerer Epididymo-Orchitis mit Abszess/Nekrose oder bei ausgedehnter traumatischer Hodenruptur (verletzungsbedingtem Hodenriss) möglich [1, 7, LL1-3].
- Einschränkung der Fertilität/Subfertilität (Fruchtbarkeit/eingeschränkte Fruchtbarkeit) – insbesondere nach Hodentorsion durch gestörte Spermatogenese (gestörte Bildung von Samenzellen), reduzierte Spermienmotilität (verminderte Beweglichkeit der Samenzellen) oder testikulären Volumenverlust (Volumenverlust des Hodens); zusätzlich möglich nach schwerer Epididymo-Orchitis, bilateraler Beteiligung (beidseitiger Beteiligung) oder Skrotaltrauma [2, 6, LL1-3].
- Persistierender testikulärer Volumenverlust (anhaltender Volumenverlust des Hodens) trotz initial erfolgreicher Detorsion (Zurückdrehen des verdrehten Hodens) und Orchidopexie (operativer Fixierung des Hodens) – auch bei erhaltendem Vorgehen kann im Verlauf eine relevante Atrophie (Schrumpfung) entstehen [3, 5, LL1].
- Rezidivtorsion (erneute Hodenverdrehung) oder metachrone kontralaterale Torsion (zeitlich versetzte Verdrehung des gegenüberliegenden Hodens) – seltene, aber notfallrelevante Komplikation bei prädisponierender Anatomie (begünstigender anatomischer Veranlagung) oder unzureichender Fixation (Befestigung); erneute akute Skrotalschmerzen (akute Hodensackschmerzen) nach Orchidopexie schließen eine Torsion (Verdrehung) nicht sicher aus [4, LL1].
- Hämatozele, sekundäre Infektion (nachfolgende Infektion) und verzögerte Hodenatrophie (verzögerte Hodenschrumpfung) nach Skrotaltrauma – besonders relevant bei Hodenruptur, großer Hämatozele oder verzögerter Exploration (operativer Untersuchung) [LL3].
Weiteres
- Keine eigenständige Folgeerkrankung des Syndroms selbst – das akute Skrotum ist der klinische Notfallbefund; Prognose (Krankheitsverlauf) und Spätfolgen werden durch die zugrunde liegende Diagnose und die Zeit bis zur adäquaten Therapie (geeigneten Behandlung) bestimmt [LL1-3].
Prognosefaktoren
- Zeit bis Detorsion/Operation: stärkster modifizierbarer Prognosefaktor bei Hodentorsion. In einer systematischen Übersicht (wissenschaftlichen Zusammenfassung mehrerer Studien) lagen die berichteten Testisüberlebensraten (Hodenerhaltungsraten) bei 0-6 h bei 97,2 %, 7-12 h bei 79,3 %, 13-18 h bei 61,3 %, 19-24 h bei 42,5 %, 25-48 h bei 24,4 % und > 48 h bei 7,4 %; auch jenseits von 24 h bleibt eine Exploration gerechtfertigt [1, LL1].
- Torsionsgrad und intraoperative Vitalität: höherer Torsionsgrad, lange Symptomdauer, hämorrhagisch-nekrotischer Hoden (eingebluteter und abgestorbener Hoden) und fehlende Reperfusion (Wiederherstellung der Durchblutung) nach Detorsion erhöhen das Risiko für Atrophie und Orchiektomie [5, LL1].
- Diagnostisch-therapeutische Verzögerung: Doppler-Sonographie (Ultraschalluntersuchung des Blutflusses) ist diagnostisch hilfreich, darf bei dringendem Torsionsverdacht (Verdacht auf Hodenverdrehung) die operative Exploration aber nicht verzögern [LL1].
- Infektiöse Risikokonstellation: Fieber, systemische Zeichen, erhöhtes C-reaktives Protein (Entzündungswert), sonographischer Abszess, reduzierter testikulärer Blutfluss, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems), Harnwegsobstruktion (Abflussbehinderung der Harnwege) und fehlendes Therapieansprechen (fehlende Besserung unter Behandlung) erhöhen das Risiko für Abszess, Gewebeverlust und Orchiektomie [7, LL2].
- Fournier-Gangrän: höheres Alter, Diabetes mellitus, Immunsuppression, Malnutrition (Mangelernährung), hoher Body-Mass-Index (Körpermasseindex) und verzögertes beziehungsweise inkomplettes chirurgisches Debridement (unvollständige chirurgische Entfernung abgestorbenen oder infizierten Gewebes) verschlechtern Morbidität (Krankheitshäufigkeit/Krankheitslast) und Mortalität [8, LL2].
- Skrotaltrauma: Hodenruptur, große Hämatozele, penetrierende Verletzung (eindringende Verletzung) und verzögerte operative Versorgung erhöhen das Risiko für Orchiektomie, Atrophie, chronischen Schmerz und Fertilitätsstörung (Fruchtbarkeitsstörung) [LL3].
- Nachsorge: Sonographische Volumenkontrolle (Ultraschallkontrolle der Hodengröße), Pubertäts-/Androgenstatus (Untersuchung der Pubertätsentwicklung und männlichen Geschlechtshormone) bei Risikokonstellation sowie fertilitätsmedizinische Beratung (Beratung zur Fruchtbarkeit) beziehungsweise Spermiogramm (Samenuntersuchung) nach Pubertät oder bei Kinderwunsch sind besonders nach Hodentorsion, Orchiektomie, bilateraler Pathologie (beidseitige krankhafte Veränderung), schwerer Infektion oder Skrotaltrauma relevant [2, 6, LL1, LL3].
Literatur
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- Kopechek KJ, Patel HV, Koch GE: Modern Management of Fournier’s Gangrene. Current Urology Reports. 2025;26:47. https://doi.org/10.1007/s11934-025-01275-3
Leitlinien
- European Association of Urology: EAU Guidelines on Paediatric Urology – Acute Scrotum. https://uroweb.org/guidelines/paediatric-urology/chapter/the-guideline
- European Association of Urology: EAU Guidelines on Urological Infections – Acute Epididymitis/Fournier’s Gangrene. https://uroweb.org/guidelines/urological-infections/chapter/the-guideline
- European Association of Urology: EAU Guidelines on Urological Trauma – Urogenital Trauma Guidelines. https://uroweb.org/guidelines/urological-trauma/chapter/urogenital-trauma-guidelines