Akutes Skrotum – Einleitung
Das akute Skrotum (plötzlich schmerzhafter Hodensack) ist ein klinisches Syndrom (Krankheitsbild aus mehreren gemeinsam auftretenden Beschwerden) mit akut einsetzenden Schmerzen im Bereich des Skrotums, meist begleitet von Schwellung und gegebenenfalls Rötung. Abhängig von der Ursache können Übelkeit, Erbrechen, Fieber, Unterbauchschmerzen oder Beschwerden beim Wasserlassen hinzutreten. Das akute Skrotum ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein zeitkritischer urologischer Arbeitsbegriff, hinter dem sowohl organbedrohende als auch konservativ behandelbare Ursachen stehen können [LL1, LL2].
Die Hodentorsion (Hodenverdrehung) ist die vorrangig auszuschließende Diagnose. Sie führt durch Verdrehung des Samenstrangs zu einer venösen Abflussbehinderung (gestörter Rückfluss des Blutes über die Venen) und nachfolgend zu einer arteriellen Minderperfusion (verminderte Versorgung mit arteriellem Blut) des Hodens. Bei klinischem Verdacht sind die unverzügliche urologische bzw. kinderchirurgische Beurteilung und die schnellstmögliche operative Exploration erforderlich. Die Dopplersonographie ist ein wichtiges ergänzendes Verfahren, darf die operative Versorgung jedoch nicht verzögern; ein erhaltener arterieller Blutfluss schließt eine partielle, intermittierende oder frühe Hodentorsion nicht sicher aus [LL1].
Synonyme: Akutes Skrotalsyndrom; akuter Skrotalschmerz
ICD-10-GM: Für das akute Skrotum als Syndrom besteht kein eigener spezifischer Code. Die Verschlüsselung erfolgt nach der gesicherten Ursache, insbesondere N44.0 (Torsion des Hodens), N44.1 (Torsion der Appendix testis), N45.0 (Orchitis, Epididymitis und Epididymoorchitis mit Abszess) bzw. N45.9 (Orchitis, Epididymitis und Epididymoorchitis ohne Abszess). Weitere Ursachen werden entsprechend der jeweiligen Grunderkrankung kodiert [B1, B2].
Formen des akuten Skrotums
Da das akute Skrotum einen Symptomkomplex bezeichnet, werden seine Formen ätiologisch eingeteilt:
- Torsionsbedingte bzw. ischämische Ursachen (durch Verdrehung bzw. Minderdurchblutung bedingte Ursachen) [LL1]
- Hodentorsion, einschließlich peri- bzw. neonataler Torsion (Verdrehung um den Geburtszeitraum bzw. beim Neugeborenen)
- Torsion der Appendix testis bzw. Appendix epididymidis (Verdrehung des Hodenanhangs bzw. Nebenhodenanhangs)
- Entzündliche bzw. infektiöse Ursachen [LL1, LL2]
- Akute Epididymitis (plötzliche Nebenhodenentzündung)
- Epididymo-Orchitis (Entzündung von Nebenhoden und Hoden)
- Orchitis (Hodenentzündung), beispielsweise Mumpsorchitis (Hodenentzündung durch Mumps)
- Fournier-Gangrän (lebensbedrohliche bakterielle Weichteilinfektion des Genital- und Dammbereichs)
- Traumatische Ursachen [LL1]
- Skrotalhämatom (Bluterguss im Hodensack)
- Hodenkontusion (Hodenprellung)
- Hodenruptur (Riss des Hodengewebes) oder Hodendislokation (Verlagerung des Hodens aus dem Hodensack)
- Traumatisch ausgelöste Hodentorsion
- Hernienbedingte, lokale und systemische Ursachen [LL1, LL2]
- Inkarzerierte Leistenhernie (eingeklemmter Leistenbruch)
- Idiopathisches Skrotalödem (Schwellung des Hodensacks ohne erkennbare Ursache)
- IgA-Vaskulitis (Entzündung kleiner Blutgefäße durch Ablagerung von Immunglobulin A)
- Fortgeleitete oder projizierte Schmerzen, beispielsweise bei Appendizitis (Blinddarmentzündung)
Im Kindes- und Jugendalter zählen die Hodentorsion, die Torsion eines Hodenanhangs sowie die Epididymitis bzw. Epididymo-Orchitis zu den häufigsten Ursachen [LL1]. Bei Erwachsenen überwiegen entzündlich-infektiöse Erkrankungen, ohne dass dadurch eine Hodentorsion ausgeschlossen werden kann [2, LL2].
Epidemiologie (Häufigkeit und Verteilung)
- Altersverteilung
- Ein akutes Skrotum kann in jedem Lebensalter auftreten; das Ursachenspektrum ist deutlich altersabhängig.
- Die Hodentorsion zeigt Häufigkeitsgipfel in der Perinatalperiode (Zeitraum unmittelbar vor und nach der Geburt) und um die Pubertät. Die Torsion eines Hodenanhangs tritt über eine breitere pädiatrische Altersspanne auf [LL1].
- Für die pädiatrische Epididymitis werden Häufigkeitsgipfel im ersten Lebensjahr sowie im Alter von 12-15 Jahren beschrieben [LL1].
- Hodentorsion
- In einer bevölkerungsbezogenen US-amerikanischen Analyse wurde die jährliche Inzidenz (Zahl der Neuerkrankungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums) auf 5,9 pro 100.000 Jungen im Alter von 1-17 Jahren und auf 1,3 pro 100.000 erwachsene Männer geschätzt. Unter den operierten Patienten erfolgte in 33,6 % eine Orchiektomie (operative Entfernung des Hodens); diese Angaben sind aufgrund des administrativen Datensatzes und des nationalen Versorgungskontexts nur eingeschränkt übertragbar [1].
- Epididymitis bzw. Epididymo-Orchitis
- Für Kinder wird eine jährliche Inzidenz der Epididymitis von etwa 1,2 pro 1.000 angegeben [LL1].
- Bei erwachsenen Männern liegt die berichtete Inzidenz der Epididymitis bei 25-65 pro 10.000 Personenjahre [LL2].
- In einer prospektiven monozentrischen Notaufnahmestudie mit 669 Erwachsenen waren Epididymo-Orchitis mit 28,7 % und Epididymitis mit 28,4 % die häufigsten Einzeldiagnosen. Diese Anteile beschreiben ein klinisches Kollektiv und keine bevölkerungsbezogene Prävalenz (Häufigkeit einer Erkrankung in einer Bevölkerung) [2].
Verlauf und Prognose
Verlauf
- Hodentorsion
- Die Wahrscheinlichkeit einer Hodenischämie (Minderdurchblutung des Hodens), Nekrose (Absterben von Gewebe) und späteren Atrophie (Schrumpfung des Hodengewebes) steigt mit der Dauer und dem Ausmaß der Torsion. Das günstigste Zeitfenster für die Detorsion (Zurückdrehen des Hodens) liegt innerhalb der ersten 4-6 Stunden; diese Zeitangabe ist jedoch keine absolute Vitalitätsgrenze [LL1].
- Auch eine verzögerte Vorstellung darf nicht zum Verzicht auf die erforderliche operative Beurteilung führen [3, LL1].
- Torsion eines Hodenanhangs
- Der Verlauf ist in der Regel selbstlimitierend. Bei unklarer Befundlage oder anhaltenden Schmerzen ist eine operative Exploration erforderlich, um insbesondere eine Hodentorsion nicht zu übersehen [LL1].
- Epididymitis bzw. Epididymo-Orchitis
- Bei präpubertären Jungen ist die Epididymitis häufig selbstlimitierend; eine bakterielle Genese (Entstehung durch Bakterien) soll vor einer antibiotischen Therapie durch Urinbefunde gestützt werden [LL1].
- Weitere Notfallursachen
- Eine inkarzerierte Leistenhernie, Hodenruptur und Fournier-Gangrän erfordern eine unverzügliche spezifische Therapie, da Darm- bzw. Hodenschädigung, ausgedehnte Weichteilnekrose, Sepsis (lebensbedrohliche Organschädigung durch eine fehlregulierte Reaktion auf eine Infektion) und Tod drohen können [LL1, LL2].
Prognose
- Hodentorsion
- Eine systematische Übersichtsarbeit ermittelte eine anatomische Testiserhaltung (Erhaltung des Hodens im Körper) von 90,4 % bei Behandlung innerhalb der ersten 12 Stunden, von 54,0 % nach 13-24 Stunden und von 18,1 % nach mehr als 24 Stunden. Diese Raten erfassen die Erhaltung des Hodens, nicht zwingend dessen dauerhafte Volumen-, Hormon- oder Keimzellfunktion (Fähigkeit zur Bildung von Samenzellen) [3].
- Eine aktuelle Metaanalyse von elf Studien mit 538 Patienten ergab nach Orchidopexie eine gepoolte ipsilaterale Atrophierate (Anteil der Hodenschrumpfung auf derselben Körperseite) von 38 %. Nach Orchiektomie waren FSH und LH höher und die Spermienkonzentration niedriger als nach Orchidopexie; für Testosteron, Inhibin B und die meisten übrigen Samenparameter zeigten sich keine signifikanten Gruppenunterschiede. Belastbare Daten zur späteren Vaterschaft fehlen weiterhin [4].
- Torsion eines Hodenanhangs
- Bei gesicherter Diagnose ist die Prognose gut [LL1].
- Epididymitis bzw. Epididymo-Orchitis
- Bei frühzeitiger ursachengerechter Behandlung ist die Prognose meist gut. Mögliche Komplikationen sind Abszessbildung (Bildung einer Eiteransammlung), testikuläre Nekrose, systemische Infektion (den ganzen Körper betreffende Infektion), chronische Skrotalschmerzen und eine vorübergehende oder persistierende Beeinträchtigung der Samenparameter [LL2].
- Weitere Notfallursachen
- Die Prognose einer inkarzerierten Leistenhernie, Hodenruptur oder Fournier-Gangrän hängt wesentlich von der frühzeitigen Diagnose und unverzüglichen spezifischen Therapie ab [LL1, LL2].
Abkürzungen
- B – behördliche bzw. regulatorische Quelle
- EAU – European Association of Urology
- FSH – follikelstimulierendes Hormon
- ICD-10-GM – Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification
- IgA – Immunglobulin A
- LH – luteinisierendes Hormon
- LL – Leitlinie
- US – United States
Literatur
- Greear GM, Romano MF, Katz MH et al.: Testicular torsion: epidemiological risk factors for orchiectomy in pediatric and adult patients. Int J Impot Res. 2021;33(2):184-190. doi: 10.1038/s41443-020-0331-8 [1]
- Lorenzo L, Rogel R, Sanchez-Gonzalez JV et al.: Evaluation of Adult Acute Scrotum in the Emergency Room: Clinical Characteristics, Diagnosis, Management, and Costs. Urology. 2016;94:36-41. doi: 10.1016/j.urology.2016.05.018 [2]
- Mellick LB, Sinex JE, Gibson RW et al.: A Systematic Review of Testicle Survival Time After a Torsion Event. Pediatr Emerg Care. 2019;35(12):821-825. doi: 10.1097/PEC.0000000000001287 [3]
- Nasr AM, Zamlout A, Alghzawi HM et al.: Gonadal function and fertility outcomes after orchiopexy versus orchiectomy for testicular torsion: A systematic review and meta-analysis. J Pediatr Surg. 2026;61(10):163348. doi: 10.1016/j.jpedsurg.2026.163348 [4]
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- European Association of Urology: EAU Guidelines on Paediatric Urology. 2026. Abschnitt „Acute Scrotum“; Full guideline [LL1]
- European Association of Urology: EAU Guidelines on Urological Infections. 2026. Full text; Full guideline [LL2]
Behördliche und regulatorische Quellen
- Bundesministerium für Gesundheit: ICD-Code N44: Torsion des Hodens. gesund.bund.de [B1]
- Bundesministerium für Gesundheit: ICD-Code N45: Orchitis und Epididymitis. gesund.bund.de [B2]