Skoliose – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Linderung behandlungsbedürftiger Schmerzen und Verbesserung der Beweglichkeit und Alltagsfunktion.
  • Ermöglichung einer aktiven Bewegungstherapie durch eine gegebenenfalls zeitlich begrenzte analgetische Begleitbehandlung.
  • Gesonderte Behandlung nachgewiesener schmerzverursachender oder zugrunde liegender Erkrankungen.

Therapieempfehlungen

  • Keine medikamentöse Krümmungskorrektur: Für die strukturelle Skoliose besteht keine etablierte Arzneimitteltherapie, die die Wirbelsäulenkrümmung korrigiert oder ihre Progression zuverlässig verhindert. Aus den leitliniengerechten Behandlungsoptionen ergibt sich keine Indikation für eine medikamentöse Skolioseprophylaxe [LL1].
  • Skoliosespezifische Behandlung: Bei adoleszenter idiopathischer Skoliose (Wirbelsäulenverkrümmung im Jugendalter ohne erkennbare Ursache) richtet sich die Behandlung insbesondere nach Krümmungsausmaß, Restwachstum und Progressionsrisiko. Verlaufskontrollen, skoliosespezifische Physiotherapie, Korsettbehandlung und gegebenenfalls operative Verfahren werden entsprechend der individuellen Indikation eingesetzt [LL1].
  • Schmerzfreie Skoliose: Die Diagnose allein begründet keine Indikation für Analgetika. Eine vorbeugende Dauermedikation ist nicht angezeigt.
  • Schmerzen gesondert beurteilen: Rückenschmerzen dürfen nicht automatisch der sichtbaren Wirbelsäulenkrümmung zugeschrieben werden. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen erfordern anhaltende oder ausgeprägte Schmerzen sowie neurologische Auffälligkeiten (auffällige Veränderungen der Nervenfunktion) eine gezielte Abklärung [LL1].
  • Symptomatische Schmerztherapie: Bei behandlungsbedürftigen muskuloskelettalen Schmerzen (Schmerzen des Muskel- und Skelettsystems) kann nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung kurzfristig ein nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAR) eingesetzt werden. Die Empfehlung wird aus der Kreuzschmerztherapie übertragen; sie belegt keine skoliosebezogene Wirkung auf die Krümmung [LL2].
  • Behandlungsdauer und Sicherheitsprüfung: NSAR in der niedrigsten wirksamen Dosis für den kürzesten erforderlichen Zeitraum einsetzen. Gastrointestinale, renale und kardiovaskuläre Risiken berücksichtigen; bei entsprechendem Risiko eine Gastroprotektion prüfen [LL2].
  • Aktive Behandlung fortführen: Die Analgesie soll die Teilnahme an Bewegung und Rehabilitation unterstützen. Eine Besserung der Schmerzen ist kein Nachweis für eine Korrektur der Skoliose.

Wirkstoffe zur symptomatischen Schmerztherapie

Nichtsteroidale Antirheumatika

Die folgende Dosierung ist ein Beispiel für die kurzfristige Schmerzbehandlung bei Erwachsenen. Sie stellt keine spezifische Skoliosebehandlung dar. Bei Kindern und Jugendlichen sind alters- und gewichtsabhängige Dosierung sowie die Eignung der jeweiligen Darreichungsform gesondert zu prüfen [FI1].

Wirkstoff Besonderheiten
Ibuprofen Keine Kombination mit weiteren NSAR; keine Wirkung auf die strukturelle Krümmung [LL1, FI1].
  • Wirkweise: Hemmung der Prostaglandinsynthese; analgetische und antiphlogistische Wirkung [FI1].
  • Indikationen: Kurzfristige Behandlung schmerzhafter Beschwerden nach Ursachenklärung und individueller Risikoprüfung [LL2].
  • Kontraindikationen: Insbesondere NSAR-Überempfindlichkeit, aktive oder rezidivierende peptische Ulzera (bestehende oder wiederholt auftretende Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre), frühere NSAR-bedingte gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt) oder Perforation (Durchbruch der Magen- oder Darmwand), aktive Blutungen, schwere Nieren-, Leber- oder Herzinsuffizienz (stark eingeschränkte Funktion von Nieren, Leber oder Herz), schwere Dehydratation (ausgeprägter Flüssigkeitsmangel) sowie drittes Schwangerschaftstrimenon; weitere Gegenanzeigen gemäß Fachinformation beachten [FI1].
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden), Ulzera und Blutungen, Nierenfunktionsstörungen, Flüssigkeitsretention (Zurückhalten von Flüssigkeit im Körper), Blutdruckanstieg, kardiovaskuläre Ereignisse (Erkrankungsereignisse des Herzens oder der Blutgefäße) und Überempfindlichkeitsreaktionen [FI1].

Einordnung weiterer Arzneimittel

  • Paracetamol: Keine routinemäßige Monotherapie bei unspezifischem Kreuzschmerz. In der PACE-Studie verkürzte Paracetamol die Erholungszeit bei akutem Kreuzschmerz gegenüber Placebo nicht. Daraus lässt sich weder eine spezifische Wirksamkeit bei Skoliose noch eine Wirkung auf die Krümmung ableiten [1, LL2].
  • Opioide: Keine routinemäßige Behandlung allein aufgrund einer Skoliose. In der OPAL-Studie war die untersuchte Opioidtherapie bei akutem Kreuz- oder Nackenschmerz Placebo nicht überlegen. Diese Ergebnisse betreffen keine postoperative Schmerztherapie und belegen keine skoliosebezogene Wirksamkeit [2].
  • Chronischer Kreuzschmerz: Eine routinemäßige Opioidtherapie wird hierfür nicht empfohlen. Bei anhaltenden Beschwerden sind Schmerzursache, funktionelle Einschränkungen und das multimodale Behandlungskonzept erneut zu beurteilen [LL2].
  • Gabapentin, Pregabalin, Benzodiazepine und systemische Glukokortikoide: Keine spezifische Indikation zur Skoliosebehandlung. Bei Ischialgie (entlang des Ischiasnervs ins Bein ausstrahlenden Schmerzen) werden Gabapentinoide, andere Antiepileptika, orale Glukokortikoide und Benzodiazepine wegen fehlenden Gesamtnutzens und möglicher Schäden nicht empfohlen. Eine davon unabhängige Erkrankung kann eine gesonderte Arzneimittelindikation begründen [LL2].

Behandlung zugrunde liegender oder begleitender Erkrankungen

  • Osteoporose (Knochenschwund) und osteoporotische Wirbelkörperfrakturen (durch Knochenschwund bedingte Brüche der Wirbelkörper): Bei entsprechender Diagnose ist eine eigenständige osteologische Behandlung erforderlich. Die Auswahl einer spezifischen Osteoporosetherapie richtet sich nach dem individuellen Frakturrisiko. Sie dient der Frakturprävention und ist keine medikamentöse Korrektur einer bestehenden Skoliose [LL3].
  • Entzündliche oder andere sekundäre Erkrankungen: Eine nachgewiesene entzündlich-rheumatische, neurologische, neuromuskuläre oder andere Grunderkrankung wird nach ihrer eigenen Diagnose und Therapieindikation behandelt. Aus dem Vorliegen einer Skoliose allein lässt sich keine Indikation für Immunsuppressiva, Glukokortikoide oder eine neurologische Medikation ableiten.
  • Schmerzbedingte funktionelle Fehlhaltung: Eine funktionelle skoliotische Fehlhaltung (seitliche Fehlhaltung der Wirbelsäule ohne feststehende strukturelle Verkrümmung) ist von einer strukturellen Skoliose zu unterscheiden. Die Behandlung der Schmerzursache kann die Fehlhaltung vermindern; dies ist keine medikamentöse Korrektur einer strukturellen Wirbelsäulendeformität (dauerhaften Formveränderung der Wirbelsäule) [LL1].

Beachte

  • Schwangerschaft: Systemische NSAR im ersten und zweiten Schwangerschaftstrimenon nur bei zwingender Notwendigkeit einsetzen. Ab der 20. Schwangerschaftswoche bestehen insbesondere Risiken für die fetale Nierenfunktion, ein Oligohydramnion (zu geringe Fruchtwassermenge) und eine Verengung des Ductus arteriosus; bei mehrtägiger Anwendung ist eine entsprechende Überwachung zu erwägen. Im dritten Schwangerschaftstrimenon sind sie kontraindiziert [3, FI1].
  • Verlaufskontrolle: Wirkung und Verträglichkeit anhand der Schmerzen und Alltagsfunktion beurteilen. Die Kontrolle der Wirbelsäulenkrümmung erfolgt davon unabhängig im orthopädischen Behandlungskonzept.
  • Nach Skolioseoperation: Die postoperative Analgesie ist eine gesonderte, individuell abgestimmte Behandlung und folgt dem perioperativen Schmerzkonzept; sie wird nicht aus dem hier dargestellten kurzfristigen ambulanten Schema abgeleitet [LL1].

Abkürzungen

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
  • FI: Fachinformation.
  • LL: Leitlinie.
  • mg: Milligramm.
  • NG: NICE Guideline, Leitlinie des National Institute for Health and Care Excellence.
  • NICE: National Institute for Health and Care Excellence.
  • NSAR: Nichtsteroidale Antirheumatika.
  • NSAID: Non-steroidal anti-inflammatory drug; englische Bezeichnung für ein nichtsteroidales Antirheumatikum.
  • OPAL: Studienkurzname der zitierten Untersuchung zur Opioidtherapie bei akutem Kreuz- und Nackenschmerz.
  • PACE: Paracetamol for Acute Low Back Pain; Studienkurzname der zitierten Untersuchung zu Paracetamol bei akutem Kreuzschmerz.
  • p.o.: Per os, Einnahme über den Mund.
  • S2k: Leitlinie mit strukturierter Konsensfindung.
  • S3: Leitlinie mit systematischer Evidenzbewertung und strukturierter Konsensfindung.

Literatur

  1. Williams CM, Maher CG, Latimer J et al.: Efficacy of paracetamol for acute low-back pain: a double-blind, randomised controlled trial. Lancet. 2014;384(9954):1586 bis 1596. doi: 10.1016/S0140-6736(14)60805-9.
  2. Jones CMP, Day RO, Koes BW et al.: Opioid analgesia for acute low back pain and neck pain (the OPAL trial): a randomised placebo-controlled trial. Lancet. 2023;402(10398):304 bis 312. doi: 10.1016/S0140-6736(23)00404-X.
  3. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: NSAID-haltige Arzneimittel zur systemischen Anwendung während der Schwangerschaft. Behördliche Vorgaben zur Anpassung der Produktinformationen. Sicherheitshinweise und Textänderungen.

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Adoleszente Idiopathische Skoliose. (AWMF-Registernummer: 151-002). Version 001, März 2023. Gültig bis März 2028. Langfassung [LL1].
  2. National Institute for Health and Care Excellence: Low back pain and sciatica in over 16s: assessment and management. NICE Guideline NG59. November 2016, aktualisiert Dezember 2020. Leitlinienübersicht; Empfehlungen. Keine skoliosebezogene Leitlinie; ergänzende Grundlage für die symptomatische Kreuzschmerztherapie [LL2].
  3. Dachverband Osteologie: S3-Leitlinie zur Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei postmenopausalen Frauen und bei Männern ab dem 50. Lebensjahr. September 2023. Leitlinienportal mit Kurz- und Langfassung; Therapieempfehlungen [LL3].

Fachinformationen

  1. ratiopharm GmbH: Ibu-ratiopharm 400 mg/600 mg/800 mg Filmtabletten. Stand Juni 2026. Die kurzfristige analgetische Dosierung im Artikel bezieht sich auf die 400-mg-Zubereitung. Fachinformation [FI1].