Skoliose – Prävention
Die adoleszente idiopathische Skoliose (AIS) (seitliche Wirbelsäulenverkrümmung im Jugendalter ohne bekannte Ursache) ist eine dreidimensionale strukturelle Wirbelsäulendeformität (Fehlform der Wirbelsäule) mit einer seitlichen Krümmung von mindestens 10° nach Cobb und einer Wirbelrotation (Verdrehung der Wirbel), die zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr beginnt. Ihre Ätiologie ist nicht abschließend geklärt und wahrscheinlich multifaktoriell. Für die AIS ist keine Maßnahme belegt, die ihre Entstehung zuverlässig verhindert. Evidenzbasierte Prävention besteht deshalb vor allem in der Förderung der allgemeinen Knochen-, Muskel- und Lungengesundheit, der rechtzeitigen Erkennung einer progressionsgefährdeten Krümmung und der konsequenten Verhinderung einer weiteren Deformitätszunahme [LL1].
Die folgenden Empfehlungen beziehen sich vorrangig auf die AIS. Kongenitale, neuromuskuläre, syndromale und sekundäre Skoliosen (angeborene, durch Nerven- oder Muskelerkrankungen, im Rahmen eines Syndroms oder durch andere Grunderkrankungen bedingte Wirbelsäulenverkrümmungen) erfordern eine an der jeweiligen Grunderkrankung ausgerichtete Prävention, Diagnostik und Therapie.
Verhaltensbedingte Risikofaktoren
Für die Entstehung einer AIS sind keine verhaltensbedingten Faktoren mit gesicherter Kausalität nachgewiesen. Insbesondere dürfen schlechte Haltung, mangelnde sportliche Aktivität, ein schwerer Schulranzen oder Ernährungsfehler nicht als belegte Ursachen dargestellt werden. Die folgenden Faktoren sind dennoch für die allgemeine Gesundheit, die Erkennung von Begleiterkrankungen und den Behandlungserfolg relevant.
- Ernährung
- Eine altersgerechte Energie- und Proteinzufuhr sowie eine ausreichende Versorgung mit Calcium und Vitamin D unterstützen Knochenaufbau, Muskelentwicklung und Wachstum. Eine bestimmte Ernährungsform verhindert die AIS jedoch nicht nachweislich.
- Mangelernährung (unzureichende Versorgung mit Energie und Nährstoffen), restriktives Essverhalten und klinisch relevante Mikronährstoffmängel (Mangel an Vitaminen oder Mineralstoffen) sollen erkannt und gezielt behandelt werden. Für eine routinemäßige AIS-spezifische Supplementierung von Calcium, Vitamin D oder anderen Mikronährstoffen bei ausreichend versorgten Kindern und Jugendlichen besteht keine Evidenz.
- Genussmittelkonsum
- Rauchen und Nikotinkonsum sind nicht als Ursache der AIS belegt. Tabak- und Nikotinabstinenz ist dennoch aus allgemeinpräventiven, pulmonalen und osteologischen Gründen sowie zur Verminderung perioperativer Wundheilungs- und Fusionsrisiken zu empfehlen.
- Auch für Alkoholkonsum ist kein AIS-spezifischer Kausalzusammenhang nachgewiesen. Bei Kindern und Jugendlichen ist Alkoholverzicht unabhängig davon präventivmedizinisch angezeigt.
- Körperliche Aktivität
- Körperliche Inaktivität ist keine gesicherte Ursache der AIS. Regelmäßige Bewegung fördert jedoch Muskelkraft, kardiorespiratorische Leistungsfähigkeit, Knochengesundheit, Körperwahrnehmung und psychosoziales Wohlbefinden.
- Allgemeiner Sport, Schwimmen oder unspezifische Rückengymnastik verhindern eine strukturelle Skoliose nicht und ersetzen weder Skoliose-spezifische Übungen noch eine indizierte Korsetttherapie (Behandlung mit einem Stützkorsett).
- Einseitige Sportarten oder Alltagsbelastungen sind nicht als Ursache der AIS belegt. Pauschale Sportverbote sind nicht gerechtfertigt [LL1].
- Haltung, Ergonomie und Schulranzen
- Anhaltend ungünstige Sitzhaltungen, asymmetrisches Tragen und schwere Schulranzen können vorübergehende Haltungsänderungen, muskuläre Ermüdung oder Beschwerden begünstigen; eine strukturelle AIS mit Wirbelrotation verursachen sie nach der verfügbaren Evidenz nicht.
- Ergonomische Möbel, regelmäßige Positionswechsel, eine körpernahe und symmetrische Lastverteilung sowie die Vermeidung unnötig schwerer Lasten sind zur Beschwerdeprävention sinnvoll, stellen aber keine spezifische Skolioseprävention dar.
- Eine funktionelle skoliotische Fehlhaltung (nicht dauerhaft knöchern fixierte seitliche Fehlhaltung), beispielsweise bei Beinlängendifferenz (unterschiedliche Beinlänge), Schmerz oder Schonhaltung, ist von einer strukturellen Skoliose abzugrenzen und ursachenspezifisch zu behandeln.
- Psychosoziale Situation
- Chronischer Stress, psychosoziale Belastungen und familiäre Konflikte sind nicht als Ursachen der AIS belegt. Sie können jedoch Krankheitsverarbeitung, Körperbild, Therapieadhärenz und Lebensqualität bei bereits bestehender Skoliose beeinflussen.
- Körpergewicht und Körperzusammensetzung
- Ein niedriger BMI ist in epidemiologischen Beobachtungsdaten mit einer höheren Prävalenz spinaler Deformitäten assoziiert [1]. Diese Assoziation belegt weder einen kausalen Einfluss des Untergewichts noch eine präventive Wirkung einer Gewichtszunahme.
- Übergewicht ist keine gesicherte Ursache der AIS. Ein deutlich erhöhtes oder vermindertes Körpergewicht kann jedoch die klinische Erkennung, die Korsettanpassung, die Therapieadhärenz und gegebenenfalls das perioperative Risiko beeinflussen.
- Schlafqualität
- Eine schlechte Schlafqualität verursacht keine AIS. Unter einer Korsetttherapie können Druckstellen, Wärmeentwicklung, Schmerzen oder psychische Belastungen den Schlaf beeinträchtigen und sollten durch Passformkontrolle, Hautmanagement und Beratung behandelt werden.
Präventionsfaktoren (Schutzfaktoren)
Zur Prävention der Skoliose muss auf eine Reduktion individueller Risikofaktoren geachtet werden. Da für die AIS keine spezifischen modifizierbaren Ursachen belegt sind, liegt der Schwerpunkt auf allgemeiner Gesundheitsförderung, klinischer Früherkennung und der Vermeidung einer Krümmungsprogression.
- Ernährung und Mikronährstoffversorgung
- Eine bedarfsgerechte Mischkost mit ausreichender Energie-, Protein-, Calcium- und Vitamin-D-Zufuhr unterstützt die normale Knochen- und Muskelentwicklung.
- Eine Supplementierung ist bei nachgewiesenem Mangel, unzureichender Zufuhr, Malabsorption (gestörte Nährstoffaufnahme im Darm), ausgeprägtem Untergewicht oder anderen spezifischen Risikokonstellationen nach den jeweils geltenden pädiatrischen beziehungsweise osteologischen Empfehlungen sinnvoll. Eine prophylaktische Supplementierung bei ausreichender Versorgung verhindert die AIS nicht nachweislich.
- Genussmittelkonsum
- Tabak- und Nikotinverzicht sowie ein altersgerechter Verzicht auf Alkohol dienen der allgemeinen Knochen-, Lungen- und kardiometabolischen Gesundheit; eine spezifische Prävention der AIS ist hierdurch nicht belegt.
- Körperliche Aktivität
- Kinder und Jugendliche sollen regelmäßig körperlich aktiv sein und grundsätzlich uneingeschränkt am Schul- und Freizeitsport teilnehmen. Die Auswahl der Sportart kann nach Interesse und individueller Verträglichkeit erfolgen [LL1].
- Rumpfkraft, Beweglichkeit und kardiorespiratorische Fitness können durch altersgerechtes Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining gefördert werden. Diese Maßnahmen sind gesundheitsfördernd, aber keine kausale Primärprävention der AIS.
- Klinische Früherkennung im Wachstumsalter
- Im Rahmen pädiatrischer, hausärztlicher oder orthopädischer Untersuchungen soll insbesondere während des pubertären Wachstumsschubs auf Schulter- und Beckenstand, Taillendreiecke, Rumpfüberhang (seitliche Verlagerung des Oberkörpers), Rippenprominenz (Rippenbuckel) und Lendenprominenz (Vorwölbung im Lendenbereich) geachtet werden.
- Bei Verdacht erfolgen der Adams-Vorbeugetest und die Messung des Rumpfrotationswinkels mit einem Skoliometer. Ab einer Rippen- oder Lendenprominenz von 5° soll nach der deutschen S2k-Leitlinie eine radiologische Diagnosesicherung veranlasst werden [LL1].
- Ein routinemäßiges radiologisches Screening asymptomatischer Kinder und Jugendlicher ist wegen der Strahlenexposition nicht angezeigt.
- Risikoadaptierte Aufmerksamkeit
- Ein erhöhtes Progressionsrisiko besteht insbesondere bei ausgeprägtem Restwachstum, hoher Wachstumsgeschwindigkeit, weiblichem Geschlecht, positiver Familienanamnese, größerem Ausgangs-Cobb-Winkel und bestimmten Krümmungsmustern. Diese Faktoren sind nicht modifizierbar, bestimmen aber die Dringlichkeit und Dichte der Verlaufskontrollen [LL1].
- Qualitätsgesicherte Screeningprogramme
- Der patientenrelevante Nutzen eines flächendeckenden Schul-Screenings ist international nicht abschließend geklärt. Eine Metaanalyse von 2026 fand bei strukturierten Programmen eine Erkennung in milderen Stadien und eine Assoziation mit niedrigeren Fusionsraten; wegen heterogener, überwiegend beobachtender Daten lässt sich daraus jedoch kein sicherer kausaler Nutzen ableiten [2].
- Wo Screeningprogramme durchgeführt werden, sollen standardisierte Untersuchungsverfahren, geschulte Untersucher, definierte Überweisungsschwellen, gesicherte fachärztliche Weiterleitung und eine strikte Begrenzung unnötiger Röntgenuntersuchungen gewährleistet sein.
Sekundärprävention
Die Sekundärprävention richtet sich an Kinder und Jugendliche mit klinischem Verdacht auf eine Skoliose, mit neu diagnostizierter AIS oder mit einer beginnenden Krümmungsprogression, um eine höhergradige Deformität während des Wachstums zu verhindern beziehungsweise zu begrenzen.
- Früherkennung und Diagnosesicherung
- Die klinische Untersuchung umfasst Inspektion im Stand, Adams-Vorbeugetest, Skoliometermessung, Beurteilung des sagittalen Profils und der Rumpfbalance, neurologische Untersuchung sowie Erfassung von Körpergröße, Gewicht, Wachstumsgeschwindigkeit, Menarchenstatus, Schmerzen und Familienanamnese [LL1].
- Die radiologische Diagnose der AIS setzt eine strukturelle Krümmung von mindestens 10° nach Cobb voraus. Ein Cobb-Winkel unter 10° erfüllt definitionsgemäß nicht das radiologische Kriterium einer Skoliose.
- Labor- und genetische Diagnostik
- Bei einer klinisch typischen AIS bestehen keine obligaten Laboruntersuchungen. Laboruntersuchungen sind gezielt bei Verdacht auf Mangelernährung, metabolische Knochenerkrankung (stoffwechselbedingte Erkrankung der Knochen), entzündliche Erkrankung, endokrine Störung (Störung des Hormonsystems) oder andere sekundäre Ursachen einzusetzen.
- Bei entsprechender Konstellation können insbesondere Blutbild, C-reaktives Protein, Calcium, Phosphat, alkalische Phosphatase, Kreatinin, 25-Hydroxy-Vitamin D und Parathormon bestimmt werden; weitere Parameter richten sich nach Anamnese und Befund.
- Ein genetischer Test, mit dem sich das individuelle Auftreten oder die Progression einer AIS zuverlässig vorhersagen und die Therapie steuern ließe, ist für die Routineversorgung nicht etabliert [LL1].
- Bildgebung
- Zur Diagnosesicherung dient eine Ganzwirbelsäulenaufnahme im Stehen. Sie ermöglicht die Bestimmung des Cobb-Winkels, des Krümmungsmusters, der koronaren und sagittalen Balance sowie der Skelettreife.
- Röntgenaufnahmen sollen nur bei klinischer Konsequenz erfolgen. Dosisarme posteroanteriore Aufnahmen, die Beschränkung auf erforderliche Projektionen und – sofern verfügbar – Low-dose- beziehungsweise Micro-dose-Verfahren sind zu bevorzugen [LL1].
- Eine Magnetresonanztomographie (MRT) ist bei typischer, neurologisch unauffälliger AIS nicht routinemäßig erforderlich. Indikationen sind unter anderem starke oder unklare Schmerzen, neurologische Auffälligkeiten (Auffälligkeiten des Nervensystems), rasche oder atypische Progression, eine links-konvexe thorakale Hauptkrümmung, Verdacht auf kongenitale beziehungsweise intraspinale Anomalien (angeborene oder im Wirbelkanal gelegene Fehlbildungen) sowie die präoperative Abklärung [LL1].
- Eine Computertomographie (CT) ist weder zur Routinediagnostik noch zur regelhaften Verlaufskontrolle indiziert. Sie bleibt klar definierten knöchernen oder implantatbezogenen Fragestellungen vorbehalten.
- Funktionstests und Risikostratifizierung
- Das Progressionsrisiko wird anhand des Cobb-Winkels, des Krümmungsmusters, einer dokumentierten Winkelzunahme, der Wachstumsgeschwindigkeit, des Menarchenstatus und der Skelettreife, beispielsweise nach Risser oder Sanders, beurteilt.
- Eine Zunahme des Cobb-Winkels um mindestens 5° zwischen technisch vergleichbaren Aufnahmen gilt in der Regel als klinisch relevante Progression; Messvariabilität und die Wahl der Endwirbel sind zu berücksichtigen.
- Bei höhergradiger thorakaler Skoliose, Dyspnoe (Atemnot) oder eingeschränkter Belastbarkeit ist eine Lungenfunktionsdiagnostik angezeigt.
- Risikoadaptierte Verlaufskontrollen
- Während des Wachstums sollen klinische Kontrollen in der Regel alle 4 bis 6 Monate erfolgen. Radiologische Kontrollen werden abhängig von Ausgangsbefund, Wachstum und klinischer Veränderung meist in Abständen von 6 bis 12 Monaten durchgeführt; jede Aufnahme ist erneut zu rechtfertigen [LL1].
- Die Rasterstereographie kann ergänzend zur klinischen Verlaufskontrolle eingesetzt werden und gegebenenfalls die Zahl der Röntgenaufnahmen reduzieren. Sie ersetzt die radiologische Cobb-Winkel-Bestimmung bei Verdacht auf Progression nicht.
- Physiotherapeutische Skoliose-spezifische Übungen
- Physiotherapeutische Skoliose-spezifische Übungen umfassen eine dreidimensionale aktive Selbstkorrektur, Stabilisierung in korrigierter Haltung, Atemlenkung, Haltungs- und Bewegungsschulung sowie die Integration der Korrektur in Alltagsaktivitäten. Sie sollen durch qualifizierte Therapeuten angeleitet und als regelmäßiges Eigenübungsprogramm fortgeführt werden.
- Bei verbleibendem Wachstum können Patienten mit Krümmungen unterhalb der Korsettschwelle physiotherapeutisch behandelt werden. Bei thorakalen Krümmungen über 25° beziehungsweise thorakolumbalen oder lumbalen Krümmungen über 20° soll die Physiotherapie Bestandteil der konservativen Behandlung sein, in der Regel ergänzend zur Korsetttherapie [LL1].
- Die Evidenz ist aufgrund kleiner und heterogener Studien begrenzt. Cochrane- und neuere Metaanalysen sprechen für mögliche kleine bis moderate Verbesserungen des Cobb-Winkels, der Rumpfasymmetrie (ungleichmäßige Form des Oberkörpers) und patientenbezogener Endpunkte; die Sicherheit und klinische Langzeitrelevanz der Effekte bleiben teilweise unklar [3, 4].
- Bei bestehender Korsettindikation dürfen Skoliose-spezifische Übungen nicht als Ersatz für das Korsett angeboten werden.
- Korsetttherapie
- Bei verbleibendem Wachstum soll nach der deutschen S2k-Leitlinie eine Korsetttherapie bei thorakalen Hauptkrümmungen ab 25° sowie bei thorakolumbalen oder lumbalen Hauptkrümmungen ab 20° erfolgen. Zusätzlich sind Skelettreife, dokumentierte Progression, Krümmungsmuster, sagittales Profil und individuelle Belastung zu berücksichtigen [LL1].
- Die BrAIST-Studie zeigte einen deutlichen dosisabhängigen Nutzen der Korsetttherapie. In der randomisierten Analyse wurde das Therapieziel, eine Progression auf mindestens 50° bis zum Wachstumsabschluss zu vermeiden, bei 75 % der Korsettpatienten gegenüber 42 % unter alleiniger Beobachtung erreicht [5].
- Angestrebt wird ein Vollzeit-Tragemodus von 18 bis 23 Stunden täglich. Die tatsächliche Tragezeit, die Passform, die initiale Korrektur im Korsett und regelmäßige ärztliche sowie orthopädietechnische Kontrollen sind wesentliche Erfolgsfaktoren. Die radiologische Primärkorrektur im Korsett sollte möglichst mindestens 40 % der Ausgangskrümmung betragen [LL1].
- Ein sensorbasiertes Tragezeitmonitoring kann nach transparenter Aufklärung und Einwilligung zur objektiven Adhärenzerfassung und zur gemeinsamen Therapieanpassung eingesetzt werden.
- Lebensstil und Sport
- Betroffene sollen körperlich aktiv bleiben und grundsätzlich am Schul-, Freizeit- und Vereinssport teilnehmen. Während des Sports wird das Korsett üblicherweise abgelegt; die Sportzeit kann im Rahmen des individuellen Therapieplans berücksichtigt werden [LL1].
- Schmerzadaptierte Aktivität, ausreichende Regeneration und ein normales Körpergewicht unterstützen die allgemeine Gesundheit, beeinflussen eine strukturelle Krümmung aber nicht zuverlässig.
- Psychosoziale Unterstützung
- Körperbild, Scham, Angst, depressive Symptome (Anzeichen einer Depression), familiäre Belastung, soziale Teilhabe, Schlaf und Therapieadhärenz sollen regelmäßig angesprochen werden.
- Eine verständliche gemeinsame Therapieplanung, realistische Zielvereinbarungen, Schulberatung und bei Bedarf psychologische beziehungsweise psychotherapeutische Unterstützung können die Krankheitsverarbeitung und Behandlungstreue verbessern.
- Nicht ausreichend belegte Verfahren
- Chiropraktische, osteopathische oder ausschließlich manualtherapeutische Verfahren, Elektrostimulation, Taping, Einlagen und unspezifische Haltungskorrekturen verhindern eine strukturelle Progression nicht nachweislich und dürfen eine leitliniengerechte Verlaufskontrolle, Skoliose-spezifische Physiotherapie oder Korsetttherapie nicht ersetzen.
Tertiärprävention
Die Tertiärprävention zielt darauf ab, wiederkehrende Beschwerden, eine weitere Deformitätsprogression und mögliche funktionelle, pulmonale, neurologische sowie psychosoziale Komplikationen einer bestehenden Skoliose langfristig zu minimieren.
- Langzeittherapie
- Nach Wachstumsabschluss richtet sich die konservative Behandlung nach Beschwerden und Funktion. Regelmäßige körperliche Aktivität, Rumpfstabilisation, Ausdauertraining und gegebenenfalls Skoliose-spezifische Physiotherapie können Schmerzen, Belastbarkeit, Bewegungsökonomie und Selbstmanagement verbessern, eine fixierte strukturelle Krümmung jedoch nicht zuverlässig korrigieren.
- Pauschale Einschränkungen von Sport, Beruf, Schwangerschaft oder Alltagsaktivitäten sind bei stabiler AIS nicht gerechtfertigt. Empfehlungen sollen sich an Krümmungsausmaß, Balance, Beschwerden, neurologischem Status, Lungenfunktion und individueller Belastbarkeit orientieren.
- Operative Beratung und Behandlung
- Ab einem Cobb-Winkel von 40° soll eine individualisierte Beratung in einem erfahrenen operativen Skoliosezentrum erfolgen. Bei verbleibendem Wachstum oder nach Wachstumsabschluss soll die Indikation zur operativen Korrektur bei thorakalen Krümmungen über 50° beziehungsweise thorakolumbalen oder lumbalen Krümmungen über 40° gestellt werden; bei thorakalen Krümmungen zwischen 40° und 50° kann eine Operation erwogen werden [LL1].
- Die Entscheidung berücksichtigt neben dem Cobb-Winkel insbesondere dokumentierte Progression, koronale und sagittale Balance, Rumpfdekompensation (seitliches Ungleichgewicht des Oberkörpers), Schmerzen, Lungenfunktion, neurologischen Status, Körperbild, Lebensqualität, Restwachstum und Patientenpräferenz.
- Ziel der Operation ist eine sichere dreidimensionale Korrektur und dauerhafte Stabilisierung mit Verhinderung weiterer Progression bei bestmöglichem Erhalt von Funktion und Lebensqualität.
- Rehabilitation und Nachsorge
- Nach operativer Korrektur sind strukturierte klinische und radiologische Kontrollen erforderlich. Sie dienen der Beurteilung von Heilungsverlauf, Korrekturerhalt, knöcherner Fusion, Implantatlage und möglichen Komplikationen.
- Die Rückkehr zu Schule, Ausbildung, Beruf und Sport erfolgt stufenweise entsprechend Operationsverfahren, Fusionsstatus, Beschwerden und individueller ärztlicher Freigabe. Kontakt- und Hochrisikosportarten werden in der Regel für mehrere Monate eingeschränkt; die konkrete Dauer ist individuell festzulegen [LL1].
- Eine rehabilitative Behandlung kann bei funktioneller Beeinträchtigung, chronischen Schmerzen, eingeschränkter Belastbarkeit, pulmonaler Einschränkung oder erheblicher psychosozialer Belastung angezeigt sein.
- Komplikationsprävention
- Vor einer Operation sollen Ernährungsstatus, relevante Mangelzustände, Lungenfunktion, Infektionsrisiken, Nikotinkonsum, psychische Belastung und realistische Therapieziele geprüft und optimiert werden.
- Postoperativ ist auf Wundinfektion (Infektion der Operationswunde), neurologische Auffälligkeiten, Implantatprobleme, Pseudarthrose (ausbleibende knöcherne Heilung mit Falschgelenkbildung), Korrekturverlust und Beschwerden angrenzender Segmente zu achten. Eine CT-Kontrolle erfolgt nur bei konkreter klinischer oder implantatbezogener Fragestellung.
- Psychosoziale und soziale Teilhabe
- Langfristige Unterstützung kann bei anhaltender Körperbildstörung (belastende Störung der Wahrnehmung des eigenen Körpers), Angst, depressiver Symptomatik, chronischem Schmerz, sozialem Rückzug oder schulisch-beruflicher Beeinträchtigung erforderlich sein.
- Die Therapie soll Selbstständigkeit, Aktivität und gesellschaftliche Teilhabe fördern und unnötige Schonung sowie Krankheitsfixierung vermeiden.
Red Flags (Warnzeichen) bei Skoliose
- Sehr früher Beginn
- Manifestation vor dem 10. Lebensjahr, insbesondere bei rascher Zunahme der Deformität.
- Rasche oder atypische Progression
- Deutliche Zunahme innerhalb kurzer Zeit, links-konvexe thorakale Hauptkrümmung, kurzbogige oder scharfwinklige Krümmung, ausgeprägte thorakale Kyphose (verstärkte Rundrückenbildung im Brustwirbelsäulenbereich) oder erhebliche Rumpfdekompensation.
- Schmerzen und Allgemeinsymptome
- Starke, anhaltende oder nächtliche Schmerzen, Fieber, Gewichtsverlust, ausgeprägte Leistungsminderung oder lokale Klopfempfindlichkeit.
- Neurologische Auffälligkeiten
- Paresen (Lähmungserscheinungen), Sensibilitätsstörungen (Störungen des Empfindens), Gangstörung (Störung des Gehens), asymmetrische Reflexe, pathologische Bauchhautreflexe (krankhaft veränderte Reflexreaktionen der Bauchhaut), Klonus (rhythmische unwillkürliche Muskelzuckungen) sowie Blasen- oder Mastdarmfunktionsstörungen (Störungen der Blasen- oder Darmentleerung).
- Hinweise auf eine sekundäre Ursache
- Hautstigmata (auffällige Hautzeichen) über der Wirbelsäule, auffällige Fußdeformitäten (Fehlformen der Füße), syndromale Merkmale, relevante Muskelschwäche oder anamnestische Hinweise auf eine neuromuskuläre, kongenitale, entzündliche oder tumoröse Erkrankung.
- Kardiopulmonale Beeinträchtigung (Einschränkung von Herz- und Lungenfunktion)
- Belastungsdyspnoe (Atemnot bei körperlicher Belastung), Ruhedyspnoe (Atemnot in Ruhe), Thoraxrestriktion (eingeschränkte Ausdehnungsfähigkeit des Brustkorbs), Zyanose (bläuliche Verfärbung von Haut oder Lippen) oder unerklärte Einschränkung der körperlichen Belastbarkeit.
Bei Red Flags ist eine zeitnahe kinderorthopädische beziehungsweise wirbelsäulenchirurgische Abklärung erforderlich. Bei Schmerzen unklarer Genese, neurologischen Auffälligkeiten oder Verdacht auf kongenitale beziehungsweise intraspinale Anomalien ist eine MRT der gesamten Wirbelsäule zu veranlassen [LL1].
Literatur
- Hershkovich O et al.: Association between body mass index, body height, and the prevalence of spinal deformities. Spine J. 2014;14(8):1581-1587. doi: 10.1016/j.spinee.2013.09.034.
- Lam C et al.: Effectiveness and Cost Burden of School Screening for Adolescent Idiopathic Scoliosis: A Systematic Review and Meta-Analysis. Spine (Phila Pa 1976). 2026;51(3):208-216. doi: 10.1097/BRS.0000000000005565.
- Romano M et al.: Therapeutic exercises for idiopathic scoliosis in adolescents. Cochrane Database Syst Rev. 2024;2(2):CD007837. doi: 10.1002/14651858.CD007837.pub3.
- Andrade RM et al.: Impact of Therapeutic Exercises Versus General Conservative Modalities and Brace on the Progression of Adolescent Idiopathic Scoliosis: Systematic Review and Meta-analysis. Arch Phys Med Rehabil. 2025;106(12):1874-1885. doi: 10.1016/j.apmr.2025.06.021.
- Weinstein SL et al.: Effects of Bracing in Adolescents with Idiopathic Scoliosis. N Engl J Med. 2013;369(16):1512-1521. doi: 10.1056/NEJMoa1307337.
Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Adoleszente Idiopathische Skoliose. (AWMF-Registernummer: 151 - 002), März 2023 Langfassung [LL1].