Brustwirbelsäulen-Syndrom (BWS-Syndrom) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch BWS-Syndrom (Brustwirbelsäulensyndrom; Beschwerden der Brustwirbelsäule) mitbedingt sein können:
Einordnender Hinweis: Das BWS-Syndrom bezeichnet ein thorakales Schmerz- und Funktionssyndrom (Schmerz- und Funktionsstörung im Bereich der Brustwirbelsäule), keine eigenständige ätiologische Diagnose (Ursachendiagnose). Bei fehlender spezifischer Strukturdiagnose (Diagnose einer konkreten Gewebe- oder Organveränderung) sind echte organische Folgeerkrankungen begrenzt; relevant sind vor allem Schmerzchronifizierung (Übergang in anhaltenden Schmerz), funktionelle Einschränkung (Einschränkung der körperlichen Funktion), psychische Komorbidität (seelische Begleiterkrankung), Schlafstörungen und Therapiekomplikationen. Fraktur (Knochenbruch), Tumor, Infektion, entzündliche Wirbelsäulenerkrankung oder Myelopathie (Rückenmarksschädigung) sind primär Differentialdiagnosen beziehungsweise Red Flags (Warnzeichen) und nicht als Folge eines unspezifischen BWS-Syndroms zu werten [1, 2, LL1-3].
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Nichtsteroidale-Antirheumatika-assoziierte kardiovaskuläre (Herz und Gefäße betreffende) Komplikationen – mögliche iatrogene (durch medizinische Behandlung verursachte) Komplikation bei wiederholter oder längerfristiger Einnahme nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAR), insbesondere bei höherer Dosis, längerer Therapiedauer und kardiovaskulärer Vorerkrankung; klinisch relevant sind vor allem Herzinsuffizienzdekompensation (akute Verschlechterung einer Herzschwäche) und thrombotische Ereignisse (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel) [7, LL1].
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Nichtsteroidale-Antirheumatika-assoziierte Gastropathie (Magenschädigung)/Ulkuskrankheit (Geschwürkrankheit)/gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt) – relevante Therapiekomplikation bei analgetischer Behandlung (schmerzstillender Behandlung) thorakaler Schmerzen, besonders bei höherem Alter, Ulkusanamnese (Vorgeschichte mit Geschwüren), Antikoagulation (Blutverdünnung), Glucocorticoiden, höherer Dosis oder längerer Einnahmedauer [7, LL1].
- Opioidinduzierte Obstipation (Verstopfung) – mögliche Komplikation bei längerfristiger Opioidtherapie eines chronifizierten BWS-Syndroms; beim unspezifischen BWS-Syndrom nur relevant, wenn eine analgetische Eskalation (schmerztherapeutische Steigerung) in eine längerfristige Opioidexposition übergeht [6, LL1].
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Chronischer thorakaler Rückenschmerz – wichtigste Folgekonstellation bei persistierendem BWS-Syndrom; definitionsgemäß relevant bei Beschwerden über mehr als 3 Monate oder rezidivierendem Verlauf (wiederkehrendem Verlauf) mit funktioneller Beeinträchtigung (Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit) [1, LL1].
- Myofasziales Schmerzsyndrom (Schmerzsyndrom der Muskulatur und Faszien) der paravertebralen (neben der Wirbelsäule gelegenen), interskapulären (zwischen den Schulterblättern gelegenen) und schultergürtelnahen Muskulatur – kann durch Schonhaltung, erhöhte Muskelspannung, repetitive Fehlbelastung (wiederholte Fehlbelastung) und reduzierte thorakale Beweglichkeit unterhalten werden; klinisch relevant bei Druckdolenz (Druckschmerzhaftigkeit), lokalen Triggerpunkten (druckschmerzhaften Muskelpunkten) und belastungsabhängiger Schmerzverstärkung [1, LL1, LL2].
- Dekonditionierung (Verlust körperlicher Belastbarkeit) und belastungsabhängige Funktionsminderung – Folge von Schonverhalten, Aktivitätsreduktion und Schmerzvermeidung; begünstigt reduzierte Kraft, geringere Belastbarkeit, Einschränkung der Thorax-/Wirbelsäulenbeweglichkeit (Brustkorb-/Wirbelsäulenbeweglichkeit) und Rückzug aus körperlicher Aktivität [1, 5, LL1, LL3].
- Persistierende zervikothorakale (Hals- und Brustwirbelsäule betreffende) beziehungsweise schultergürtelspezifische Sekundärbeschwerden (Folgebeschwerden) – möglich durch kompensatorische (ausgleichende) Haltungs- und Bewegungsmuster bei chronischer thorakaler Schmerzsymptomatik; klinisch abzugrenzen von primärer Halswirbelsäulen-, Schulter- oder viszeraler Pathologie (Erkrankung innerer Organe) [1, LL1].
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Noziplastische Schmerzchronifizierung/zentrale Sensibilisierung (veränderte Schmerzverarbeitung im Nervensystem) – mögliche Entwicklung bei anhaltendem muskuloskelettalem Schmerz (Schmerz des Bewegungsapparates) mit veränderter Schmerzverarbeitung, Hyperalgesie (gesteigerter Schmerzempfindlichkeit), gesteigerter Schmerzempfindlichkeit und funktioneller Beeinträchtigung; besonders relevant bei diffuser Ausbreitung der Beschwerden, fehlender Proportionalität zum Gewebebefund und begleitender Fatigue (ausgeprägter Erschöpfung) oder Schlafstörung [3, 4, LL1].
- Schmerzbezogene Angst, Kinesiophobie (Angst vor Bewegung) und Fear-Avoidance-Verhalten (Angst-Vermeidungs-Verhalten) – prognostisch relevante (für den Verlauf bedeutsame) Folge- und Aufrechterhaltungsfaktoren chronischer muskuloskelettaler Schmerzen; führen zu Aktivitätsvermeidung, Dekonditionierung und zunehmender Funktionsminderung [5, LL1].
- Depressive Störungen (Erkrankungen mit anhaltend gedrückter Stimmung) und Angststörungen (Erkrankungen mit übermäßiger Angst) – häufige Komorbiditäten chronischer Schmerzsyndrome; sie können Schmerzintensität, Beeinträchtigung, Lebensqualität und Therapieansprechen ungünstig beeinflussen [3, LL1].
- Schlafstörungen – bidirektional (wechselseitig) mit chronischem muskuloskelettalem Schmerz verbunden; Schlafprobleme können Schmerzpersistenz (Fortbestehen von Schmerzen) und Schmerzintensität fördern, während chronischer Schmerz wiederum Schlafqualität und Tagesfunktion verschlechtert [4, LL1].
- Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (anhaltende Schmerzstörung mit körperlichen und seelischen Einflussfaktoren) – mögliche Entwicklung bei persistierendem Schmerz, erheblicher funktioneller Einschränkung, dysfunktionalen Kognitionen (ungünstigen Denkmustern) und psychosozialer Mitbeteiligung (Einfluss seelischer und sozialer Belastungen); klinisch relevant bei deutlicher Diskrepanz zwischen somatischem Befund (körperlichem Untersuchungsbefund) und Ausmaß der Beeinträchtigung [3-5, LL1].
- Neuropathischer thorakaler Schmerz/Radikulopathie (Nervenschmerz/Reizung einer Nervenwurzel) – nicht typische Folge eines unspezifischen BWS-Syndroms, sondern Hinweis auf eine spezifische Ursache wie Bandscheibenprolaps (Bandscheibenvorfall), foraminale Stenose (Einengung des Nervenaustrittskanals), Herpes zoster (Gürtelrose) oder Raumforderung (Gewebevermehrung mit Verdrängung); bei dermatomalem Schmerz (Schmerz in einem Hautnervengebiet), Sensibilitätsstörung (Gefühlsstörung), motorischem Defizit (Bewegungsschwäche), Gangstörung oder Blasen-/Mastdarmstörung ist Red-Flag-Diagnostik (Abklärung von Warnzeichen) erforderlich [2, LL2].
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Fatigue, Konzentrationsstörungen und reduzierte Tagesfunktion – mögliche Begleit- und Folgeprobleme bei chronifiziertem Schmerz, noziplastischer Schmerzverarbeitung und Schlafstörungen; klinisch relevant durch verminderte Leistungsfähigkeit und reduzierte Aktivität [3, 4, LL1].
- Schmerzbedingte Alltags- und Teilhabeeinschränkung (Einschränkung der Teilnahme am Alltag) – zentrale funktionelle Folge bei persistierendem BWS-Syndrom; umfasst Einschränkungen beim Sitzen, Heben, Drehen, Arbeiten, Sport und Schlafen und sollte strukturiert erfasst werden [1, 3-5, LL1, LL3].
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Nichtsteroidale-Antirheumatika-assoziierte akute Nierenschädigung (akute Schädigung der Nieren) – mögliche Therapiekomplikation bei wiederholter oder längerfristiger Einnahme, besonders bei höherem Alter, vorbestehender chronischer Nierenkrankheit (dauerhafter Nierenerkrankung), Volumenmangel (Flüssigkeitsmangel), Diuretika, Angiotensin-Converting-Enzyme-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptorblockern [8, LL1].
- Blasen-/Mastdarmstörung bei thorakaler Myelopathie – keine Folge des unspezifischen BWS-Syndroms, sondern Warnzeichen einer spezifischen spinalen Pathologie (Erkrankung der Wirbelsäule oder des Rückenmarkkanals); bei neu auftretender Gangstörung, spastischen Zeichen (Zeichen erhöhter Muskelspannung), sensibler Querschnittssymptomatik (Gefühlsstörung unterhalb einer Rückenmarksebene) oder Blasen-/Mastdarmstörung ist eine dringliche Abklärung erforderlich [2, LL2].
Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)
- Therapieassoziierte unerwünschte Arzneimittelwirkungen (behandlungsbedingte Nebenwirkungen von Arzneimitteln) – iatrogener Folgepfad bei chronifiziertem BWS-Syndrom mit wiederholter oder längerfristiger Analgetikatherapie; relevant sind vor allem nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Opioide. Die konkrete Organkomplikation ist den jeweiligen Organsystemen zuzuordnen [6-8, LL1].
Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)
- Sturz- und Verletzungsfolgen unter sedierender Schmerzmedikation (dämpfender Schmerzmedikation) – mögliche indirekte Komplikation bei Opioiden, sedierenden Ko-Medikationen, Schwindel, Müdigkeit, höherem Alter oder Polypharmazie (Einnahme vieler Arzneimittel); klinisch relevant durch Frakturrisiko, Immobilisation (Ruhigstellung) und funktionellen Rückschritt [6, LL1].
Prognosefaktoren
- Persistenz der Schmerzen über mehr als 3 Monate oder häufig rezidivierender Verlauf [LL1].
- Hohe initiale Schmerzintensität (anfängliche Schmerzstärke) und ausgeprägte funktionelle Einschränkung [1, LL1].
- Schmerzbezogene Angst, Kinesiophobie, Katastrophisieren (übermäßiges gedankliches Verstärken der Bedrohung durch Schmerzen) und Vermeidungsverhalten [5, LL1].
- Depressive Symptome, Angststörung, Schlafstörung und psychosoziale Belastung [3, 4, LL1].
- Körperliche Inaktivität, Dekonditionierung und fehlende aktive Selbstmanagementstrategie (eigene Strategie zum Umgang mit der Erkrankung) [1, LL1, LL3].
- Arbeitsbezogene Belastung durch langes statisches Sitzen, repetitive Rotation, Heben, ungünstige Ergonomie (Anpassung der Arbeitsbedingungen an den Körper) oder fehlende Anpassung der Tätigkeit [1].
- Reine medikamentöse Dauerstrategie ohne funktionelle Therapieziele, Bewegungstherapie, Edukation (Schulung) und Überprüfung von Nebenwirkungen [LL1, LL3].
- Analgetikaübergebrauch, längerfristige Opioidtherapie, Polypharmazie oder relevante Komorbiditäten, insbesondere kardiovaskuläre Erkrankung, Niereninsuffizienz (Nierenschwäche), Ulkusanamnese oder Atemstörung [6-8, LL1].
- Red Flags wie Trauma (Verletzung), Osteoporose (Knochenschwund), Tumoranamnese (Vorgeschichte mit Tumorerkrankung), Fieber, Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems), unerklärter Gewichtsverlust, nächtlicher Ruheschmerz oder progrediente neurologische Ausfälle (zunehmende Ausfälle des Nervensystems) sprechen gegen ein unspezifisches BWS-Syndrom und verschlechtern die Prognose nur insofern, als eine spezifische behandlungsbedürftige Ursache vorliegt [2, LL2].
Literatur
- Briggs AM, Smith AJ, Straker LM et al.: Thoracic spine pain in the general population: Prevalence, incidence and associated factors in children, adolescents and adults. A systematic review. BMC Musculoskeletal Disorders. 2009;10:77. https://doi.org/10.1186/1471-2474-10-77
- Maselli F, Palladino M, Barbari V et al.: The diagnostic value of Red Flags in thoracolumbar pain: a systematic review. Disability and Rehabilitation. 2022;44(8):1190-1206. https://doi.org/10.1080/09638288.2020.1804626
- Aaron RV, Ravyts SG, Carnahan ND et al.: Prevalence of Depression and Anxiety Among Adults With Chronic Pain: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Network Open. 2025;8(3):e250268. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2025.0268
- Runge N, Ahmed I, Saueressig T et al.: The bidirectional relationship between sleep problems and chronic musculoskeletal pain: a systematic review with meta-analysis. Pain. 2024;165(11):2455-2467. https://doi.org/10.1097/j.pain.0000000000003279
- Martinez-Calderon J, Flores-Cortes M, Morales-Asencio JM et al.: Pain-Related Fear, Pain Intensity and Function in Individuals With Chronic Musculoskeletal Pain: A Systematic Review and Meta-Analysis. The Journal of Pain. 2019;20(12):1394-1415. https://doi.org/10.1016/j.jpain.2019.04.009
- Busse JW, Wang L, Kamaleldin M et al.: Opioids for Chronic Noncancer Pain: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA. 2018;320(23):2448-2460. https://doi.org/10.1001/jama.2018.18472
- Bhala N, Emberson J, Merhi A et al.: Vascular and upper gastrointestinal effects of non-steroidal anti-inflammatory drugs: meta-analyses of individual participant data from randomised trials. The Lancet. 2013;382(9894):769-779. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(13)60900-9
- Zhang X, Donnan PT, Bell S et al.: Non-steroidal anti-inflammatory drug induced acute kidney injury in the community dwelling general population and people with chronic kidney disease: systematic review and meta-analysis. BMC Nephrology. 2017;18(1):256. https://doi.org/10.1186/s12882-017-0673-8
Leitlinien
- S1-Leitlinie: Chronischer nicht tumorbedingter Schmerz – Erläuterungen und Implementierungshilfen (AWMF-Register-Nr. 053-036) November 2023 Langfassung Kurzfassung
- S2k-Leitlinie: Spezifischer Kreuzschmerz (AWMF-Register-Nr. 187-059) August 2024 Langfassung
- World Health Organization: WHO guideline for non-surgical management of chronic primary low back pain in adults in primary and community care settings. 2023. https://www.who.int/publications/i/item/9789240081789