Tinnitus – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

  • Reduktion der tinnitusbezogenen Belastung und Verbesserung der Lebensqualität
  • Behandlung identifizierbarer Ursachen und relevanter Komorbiditäten (Begleiterkrankungen)

Therapieempfehlungen

  • Grundsatz: Eine wirksame tinnitusspezifische Pharmakotherapie des chronischen subjektiven Tinnitus (anhaltende Ohrgeräusche ohne äußere Schallquelle) steht nicht zur Verfügung. Für diese Indikation ist weder von der European Medicines Agency (EMA) noch von der Food and Drug Administration (FDA) ein Arzneimittel zugelassen. Die routinemäßige Verordnung tinnitusspezifischer Medikamente soll vermieden werden [3, 4; LL1, LL2, LL4].
  • Akuter Tinnitus mit plötzlichem Hörverlust: Bei neu aufgetretenem Tinnitus mit subjektiver Hörminderung ist eine umgehende HNO-ärztliche Untersuchung einschließlich Audiometrie erforderlich. Wird ein akuter sensorineuraler Hörverlust (plötzlich entstandener Innenohrhörverlust) nachgewiesen, richtet sich die Therapie nach der Leitlinie zum Hörsturz (plötzlicher Hörverlust ohne erkennbare Ursache) und nicht nach dem Tinnitus als Einzelsymptom [LL1, LL3].
    • Systemische Glucocorticoide können innerhalb von 2 Wochen nach Symptombeginn nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung angeboten werden; die Evidenz für einen Nutzen ist begrenzt [LL3].
    • Bei unvollständiger Erholung kann eine intratympanale Glucocorticoidtherapie 2-6 Wochen nach Symptombeginn als Reservetherapie angeboten werden [LL3].
    • Hochdosisregime mit Prednisolon 250 mg/d intravenös oder Dexamethason 40 mg/d oral waren in der HODOKORT-Studie einem niedriger dosierten Regime mit Prednisolon 60 mg/d oral nicht überlegen und verursachten mehr arzneimittelbezogene unerwünschte Ereignisse [5]. Eine Hochdosistherapie ist deshalb nicht als bevorzugtes Standardschema anzusehen.
    • Die konkrete Behandlung einschließlich Dosierung und Kontraindikationen s. u. Hörsturz/Pharmakotherapie.
  • Akuter Tinnitus ohne nachgewiesenen Hörverlust: Eine systemische oder intratympanale Glucocorticoidtherapie allein zur Behandlung des Tinnitus wird nicht empfohlen [LL1]. Vorrangig sind die zeitnahe ätiologische Abklärung, die Behandlung einer identifizierten Ursache und ein frühzeitiges Tinnitus-Counselling.
  • Chronischer Tinnitus: Arzneimittel sollen nicht mit dem Ziel verordnet werden, die Tinnituslautheit oder die tinnitusbezogene Belastung unmittelbar zu vermindern. Empfohlen sind insbesondere Tinnitus-Counselling, psychotherapeutische Verfahren und bei Hörverlust Maßnahmen zur Hörverbesserung; weitere Maßnahmen s. u. „Weitere Therapie“ [LL1, LL2, LL4].
  • Komorbiditäten: Depression (depressive Erkrankung), Angststörungen (krankhafte Angstzustände) und Insomnie (Schlaflosigkeit) sollen entsprechend den jeweiligen Leitlinien behandelt werden. Antidepressiva oder andere Arzneimittel sind bei eigenständiger Indikation einsetzbar, jedoch nicht als tinnitusspezifische Therapie [3; LL1, LL4].
  • Sekundärer Tinnitus: Bei identifizierbarer Ursache erfolgt eine ursachenspezifische Therapie. Bei Verdacht auf einen arzneimittelinduzierten Tinnitus sind Indikation, Dosierung, Interaktionen und mögliche Alternativen der auslösenden Medikation zu überprüfen; notwendige Arzneimittel dürfen nicht unkontrolliert abgesetzt werden.

Nicht empfohlene tinnitusspezifische Pharmakotherapie

Auf Grundlage systematischer Reviews, randomisierter Studien und aktueller Leitlinien werden die folgenden Wirkstoffe oder Wirkstoffgruppen nicht zur Behandlung des chronischen Tinnitus empfohlen [3, 4; LL1, LL2, LL4]:

  • Antidepressiva
  • Antikonvulsiva einschließlich Gabapentin
  • Benzodiazepine
  • Betahistin
  • Cannabinoide
  • Ginkgo biloba
  • Glucocorticoide, systemisch oder intratympanal
  • Melatonin
  • NMDA-Rezeptorantagonisten einschließlich Acamprosat
  • Oxytocin
  • Zink

Beachte: Diese negative Empfehlung bezieht sich auf die Behandlung des Tinnitus selbst. Eine leitliniengerechte Therapie unabhängiger Begleiterkrankungen bleibt davon unberührt.

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Für die Hauptindikation Tinnitus steht kein zugelassener und leitliniengerecht empfohlener Wirkstoff zur Verfügung.

Obsolete oder nicht etablierte Verfahren

  • Rheologika und Vasodilatatoren: Niedermolekulare Dextrane, Pentoxifyllin und Nimodipin sind weder beim isolierten Tinnitus noch beim idiopathischen Hörsturz als tinnitusspezifische Therapie zu empfehlen. Für Dextran und Pentoxifyllin zeigte eine randomisierte placebokontrollierte Studie keinen klinisch relevanten Vorteil [1; LL3].
  • Apherese: Eine Fibrinogenapherese ist keine etablierte Standardtherapie des akuten oder chronischen Tinnitus und wird in den aktuellen Tinnitus- und Hörsturzleitlinien nicht als Routinebehandlung empfohlen.
  • Hyperbare Oxygenierung: Die hyperbare Sauerstofftherapie ist keine Behandlung des isolierten Tinnitus. Sie kann nach der US-amerikanischen Hörsturzleitlinie ausschließlich in Kombination mit einer Glucocorticoidtherapie bei idiopathischem Hörsturz innerhalb von 2 Wochen nach Beginn oder als Reservetherapie innerhalb eines Monats angeboten werden; die Evidenz ist begrenzt [2; LL3].

Weitere Hinweise

  • Netzwerk-Metaanalyse: Eine Netzwerk-Metaanalyse berichtete statistische Signale unter anderem für Amitriptylin, Acamprosat, Gabapentin sowie intratympanales Dexamethason in Kombination mit oralem Melatonin. Wegen kleiner Studien, methodischer Heterogenität, überwiegend niedriger bis sehr niedriger Evidenzsicherheit und fehlender belastbarer Replikation begründen diese Ergebnisse keine Routineempfehlung und ändern die negativen Leitlinienempfehlungen nicht [4; LL1, LL4].
  • Benzodiazepine: Wegen fehlender gesicherter tinnitusspezifischer Wirksamkeit sowie des Abhängigkeits-, Sedierungs- und Sturzrisikos (Risiko starker Müdigkeit, verminderter Wachheit und von Stürzen) sind Benzodiazepine nicht zur routinemäßigen Tinnitusbehandlung einzusetzen [LL1].
  • Melatonin: Eine tinnitusspezifische Wirksamkeit ist nicht belegt. Eine Anwendung bei eigenständiger schlafmedizinischer Indikation ist hiervon zu unterscheiden [LL1].
  • Nahrungsergänzungsmittel: Nahrungsergänzungsmittel einschließlich Ginkgo biloba werden in der VA/DoD-Leitlinie 2024 nicht zur Tinnitusbehandlung empfohlen [LL4].

Red Flags (Warnzeichen) bei Tinnitus

  • Plötzlich einsetzender Tinnitus mit Hörminderung: umgehende HNO-ärztliche Untersuchung und Audiometrie; Verdacht auf akuten sensorineuralen Hörverlust.
  • Pulssynchroner Tinnitus: zeitnahe vaskuläre und otologische Abklärung; bei akutem Beginn oder neurologischen Begleitsymptomen notfallmäßige Diagnostik.
  • Fokale neurologische Symptome (örtlich begrenzte Beschwerden des Nervensystems), akuter starker Schwindel, schwere Kopfschmerzen oder Zustand nach Kopftrauma: sofortige Notfalldiagnostik.
  • Schwere psychische Dekompensation (akute seelische Überforderung) oder Suizidgedanken: unverzügliche psychiatrische Krisenintervention.

Supplemente

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Gesundheit von Nerven und Psyche sollten die folgenden Mikronährstoffe (Vitalstoffe) enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Mineralstoffe (Magnesium)
  • Spurenelemente (Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Grüntee-Polyphenole, Epigallocatechingallate)
  • Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10 (CoQ10), Phosphatidylserin)

Weitere Mikronährstoffe siehe unter „Therapie mit Mikronährstoffen“.

Bei Vorliegen einer Insomnie infolge eines Tinnitus s. u. Insomnie/Pharmakotherapie/Supplemente.

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungsverzeichnis

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • CoQ10: Coenzym Q10
  • d: Tag
  • DHA: Docosahexaensäure
  • DoD: Department of Defense
  • EMA: European Medicines Agency
  • EPA: Eicosapentaensäure
  • FDA: Food and Drug Administration
  • HNO: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde
  • HODOKORT: Studie zur Hochdosis-Glucocorticoidtherapie beim Hörsturz
  • LL: Leitlinie
  • mg: Milligramm
  • NEJM: New England Journal of Medicine
  • NMDA: N-Methyl-D-Aspartat
  • s. u.: siehe unter
  • VA: Department of Veterans Affairs

Literatur

  1. Probst R, Tschopp K, Lüdin E et al.: A randomized, double-blind, placebo-controlled study of dextran/pentoxifylline medication in acute acoustic trauma and sudden hearing loss. Acta Otolaryngol. 1992;112(3):435-443. doi: 10.3109/00016489209137424. [1]
  2. Bennett MH, Kertesz T, Perleth M et al.: Hyperbaric oxygen for idiopathic sudden sensorineural hearing loss and tinnitus. Cochrane Database Syst Rev. 2012;10(10):CD004739. doi: 10.1002/14651858.CD004739.pub4. [2]
  3. Tunkel DE, Bauer CA, Sun GH et al.: Clinical practice guideline: tinnitus. Otolaryngol Head Neck Surg. 2014;151(2 Suppl):S1-S40. doi: 10.1177/0194599814545325. [3]
  4. Chen JJ, Chen YW, Zeng BY et al.: Efficacy of pharmacologic treatment in tinnitus patients without specific or treatable origin: A network meta-analysis of randomised controlled trials. EClinicalMedicine. 2021;39:101080. doi: 10.1016/j.eclinm.2021.101080. [4]
  5. Plontke SK, Girndt M, Meisner C et al.: High-Dose Glucocorticoids for the Treatment of Sudden Hearing Loss. NEJM Evid. 2024;3(1):EVIDoa2300172. doi: 10.1056/EVIDoa2300172. [5]

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S3-Leitlinie: Chronischer Tinnitus. (AWMF-Registernummer: 017-064), September 2021 publizierte Langfassung. [LL1]
  2. Cima RFF, Mazurek B, Haider H et al.: A multidisciplinary European guideline for tinnitus: diagnostics, assessment, and treatment. HNO. 2019;67(Suppl 1):10-42. doi: 10.1007/s00106-019-0633-7. [LL2]
  3. Chandrasekhar SS, Tsai Do BS, Schwartz SR et al.: Clinical Practice Guideline: Sudden Hearing Loss (Update). Otolaryngol Head Neck Surg. 2019;161(1 Suppl):S1-S45. doi: 10.1177/0194599819859885 Guideline-Seite. [LL3]
  4. Department of Veterans Affairs, Department of Defense: VA/DoD Clinical Practice Guideline for Tinnitus. Version 1.0, June 2024. Guideline-Seite und Volltext. [LL4]