Ohrenschmerzen (Otalgie) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Otalgie (Ohrenschmerz) mitbedingt sein können:

Otalgie ist primär ein Symptom (Krankheitszeichen) und keine eigenständige ätiologische Diagnose (ursachenbezogene Diagnose). Daher werden hier nur Folgen persistierender (anhaltender), rezidivierender (wiederkehrender) oder schwerer Schmerzbelastung aufgeführt. Komplikationen wie Mastoiditis (Entzündung des Warzenfortsatzes), Labyrinthitis (Entzündung des Innenohrs), Meningitis (Hirnhautentzündung), Sinusvenenthrombose (Blutgerinnsel in venösen Hirnblutleitern), Cholesteatom (chronisch einwachsende Hautansammlung im Mittelohr), Hörminderung (vermindertes Hören) oder Fazialisparese (Gesichtsnervenlähmung) sind in der Regel Folgen otologischer (das Ohr betreffender) Grunderkrankungen und nicht Folgen der Otalgie selbst [1, 5, LL1-2].

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Chronisches sekundäres Schmerzsyndrom/Schmerzchronifizierung (anhaltende, durch eine andere Ursache ausgelöste Schmerzerkrankung/Verfestigung eines Schmerzgeschehens) – zentrale mögliche Folge persistierender oder rezidivierender Otalgie über > 3 Monate; klinisch relevant durch veränderte Schmerzverarbeitung, Hyperalgesie (gesteigerte Schmerzempfindlichkeit), Allodynie (Schmerz durch normalerweise nicht schmerzhafte Reize), Schonverhalten, reduzierte Belastbarkeit, emotionale Belastung und erhöhten Versorgungsbedarf. Besonders plausibel ist dies bei fortbestehender otologischer, temporomandibulärer (das Kiefergelenk betreffender), zervikogener (von der Halswirbelsäule ausgehender), dentaler (zahnbezogener), pharyngealer (den Rachen betreffender) oder neuralgiformer (nervenreizungsartiger) Schmerzquelle beziehungsweise bei inadäquater Analgesie (unzureichender Schmerzbehandlung) oder verzögerter Ursachenklärung [1, 2, LL1-2].
  • Insomnie (Schlaflosigkeit)/Schlafstörung – relevante Folge wiederkehrender, nächtlicher oder hochintensiver Otalgie; chronischer Nicht-Tumor-Schmerz ist in systematischen Reviews (Übersichtsarbeiten nach festgelegter Methodik) und Metaanalysen (zusammenfassenden statistischen Auswertungen mehrerer Studien) eng mit Schlafstörungen assoziiert. Klinisch relevant sind Ein- und Durchschlafstörungen, Tagesmüdigkeit, verminderte Schmerzschwelle und Verstärkung der Schmerzchronifizierung [1, 3, LL1-2].
  • Angststörung/depressive Störung (Erkrankung mit krankhafter Angst/Erkrankung mit krankhafter Niedergeschlagenheit) – bei persistierender Otalgie nicht als HNO-spezifische Komplikation (hals-nasen-ohren-spezifische Komplikation), aber als relevante Schmerzfolge beziehungsweise Komorbiditätskonstellation (Zusammentreffen mehrerer Erkrankungen) chronischer Schmerzen; besonders bei diagnostischer Unsicherheit, Tumorangst, hoher Schmerzintensität, Katastrophisieren (gedanklichem Zuspitzen auf den schlimmstmöglichen Verlauf), sozialer Einschränkung, Schlafstörung und fehlendem Therapieansprechen [1, 2, 4, LL1-2].

Weiteres

  • Gesundheitsbezogene Lebensqualitätsminderung und Teilhabeeinschränkung – keine eigenständige ICD-10-Krankheit (Krankheit nach der internationalen Klassifikation der Krankheiten), aber klinisch relevante Folge schwerer oder persistierender Otalgie; umfasst Vermeidung von Kauen, Sprechen, Telefonieren oder Seitlage, reduzierte soziale Aktivität, Arbeits- beziehungsweise Schulausfall, Fatigue (ausgeprägte Erschöpfung), schmerzbedingte Konzentrationsstörungen und erhöhte Inanspruchnahme medizinischer Leistungen [1-4, LL1-2].

Prognosefaktoren

  • Hohe Schmerzintensität, nächtliche Schmerzen, rezidivierender Verlauf oder Dauer > 3 Monate – erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Schlafstörung, Schmerzchronifizierung und funktioneller Einschränkung [2, 3, LL1-2].
  • Sekundäre Otalgia (übertragener Ohrenschmerz) – ungünstiger, wenn die Schmerzquelle temporomandibulär, zervikogen, dental, pharyngeal, neuralgiform oder malignomverdächtig (krebsverdächtig) ist und nicht zeitnah erkannt wird [1, LL1].
  • Neuropathische Schmerzqualität (nervenbedingte Schmerzqualität) – brennender, einschießender, elektrisierender oder berührungsabhängiger Schmerz spricht für eine neuralgiforme beziehungsweise neuropathische (nervenbedingte) Komponente und erhöht das Risiko persistierender Beschwerden [1, 2, LL1-2].
  • Schlafstörung, Angst, depressive Symptomatik (Krankheitszeichen einer Depression) und Katastrophisieren – relevante Verstärker von Schmerzpersistenz (Fortbestehen von Schmerzen), Beeinträchtigung und erhöhter Gesundheitsinanspruchnahme [2-4, LL1-2].
  • Häufige Analgetikaeinnahme (Einnahme von Schmerzmitteln) ohne kausale Diagnostik (ursachenbezogene Abklärung) – prognostisch ungünstig durch Maskierung von Warnsymptomen, Nebenwirkungsrisiko und mögliche Verstärkung chronischer Schmerzverläufe [1, LL1-2].
  • Red Flags (Warnzeichen) bei Otalgie – Tumoranamnese (Vorgeschichte mit Tumorerkrankung), Rauchen/Alkoholkonsum, Dysphagie (Schluckstörung), Odynophagie (Schmerzen beim Schlucken), Heiserkeit, Hämoptysen (Bluthusten), Gewichtsverlust, persistierende einseitige Otalgie bei unauffälligem Ohrbefund, Otorrhoe (Ohrausfluss), Fieber, Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Fazialisparese, Schwindel, neurologische Defizite (Ausfälle des Nervensystems) oder ausgeprägte Mastoid-/Periaurikularschwellung (Schwellung hinter beziehungsweise um das Ohr) verschlechtern die Prognose durch mögliche schwerwiegende Grunderkrankungen und erfordern zeitnahe weiterführende Diagnostik [1, 5].

Literatur

  1. Ramazani F, Szalay-Anderson C, Volpato Batista A: Referred otalgia: Common causes and evidence-based strategies for assessment and management. Canadian Family Physician. 2023;69(11):757-761. https://doi.org/10.46747/cfp.6911757
  2. Treede RD, Rief W, Barke A et al.: Chronic pain as a symptom or a disease: the IASP Classification of Chronic Pain for the International Classification of Diseases (ICD-11). PAIN. 2019;160(1):19-27. https://doi.org/10.1097/j.pain.0000000000001384
  3. Sun Y, Laksono I, Selvanathan J et al.: Prevalence of sleep disturbances in patients with chronic non-cancer pain: A systematic review and meta-analysis. Sleep Medicine Reviews. 2021;57:101467. https://doi.org/10.1016/j.smrv.2021.101467
  4. Aaron RV, Ravyts SG, Carnahan ND et al.: Prevalence of Depression and Anxiety Among Adults With Chronic Pain: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Network Open. 2025;8(3):e250268. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2025.0268
  5. Schilder AGM, Chonmaitree T, Cripps AW et al.: Otitis media. Nature Reviews Disease Primers. 2016;2:16063. https://doi.org/10.1038/nrdp.2016.63

Leitlinien

  1. S1-Leitlinie: Chronischer nicht tumorbedingter Schmerz (AWMF-Register-Nr. 053-036) Version 2.1, Stand 30.11.2023, gültig bis 29.11.2028, redaktionell überarbeitet Februar 2025. Langfassung Kurzfassung
  2. National Institute for Health and Care Excellence: Chronic pain (primary and secondary) in over 16s: assessment of all chronic pain and management of chronic primary pain. NICE guideline NG193. 2021. https://www.nice.org.uk/guidance/ng193