Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch die auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS; Störung der Hörverarbeitung und Hörwahrnehmung) mitbedingt sein können:
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Lese-/Rechtschreibstörung (LRS; Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben) bzw. schulische Lernstörung (Lernbeeinträchtigung in der Schule) – AVWS ist keine gesicherte alleinige Ursache einer LRS; beeinträchtigtes Sprachverstehen im Störschall (Verstehen von Sprache bei Hintergrundgeräuschen), erschwerte Phonemdiskrimination (Unterscheidung von Sprachlauten), reduzierte auditive Merkspanne (Merkfähigkeit für Gehörtes) und phonologische Verarbeitungsprobleme (Probleme bei der Verarbeitung von Sprachlauten) können den Schriftspracherwerb und schulische Lernleistungen jedoch funktionell mitbeeinträchtigen [1, 2, 7, LL 1, LL 4]
- Sprachentwicklungsstörung (SES; Störung der Sprachentwicklung) bzw. Sprachverständnisstörung (Störung des Sprachverstehens) – bei sprachgebundenen auditiven Defiziten (Einschränkungen bei der Hörverarbeitung) können Sprachverstehen, Verarbeitung rascher Sprache und Befolgen mehrschrittiger verbaler Instruktionen beeinträchtigt sein; häufig besteht diagnostische Überlappung (bei der Diagnosestellung bestehende Überschneidung) mit Entwicklungsstörungen der Sprache, sodass die Kausalität (ursächlicher Zusammenhang) individuell differentialdiagnostisch (durch Abgrenzung von anderen möglichen Ursachen) abgegrenzt werden muss [1, 3, 7, LL 1, LL 2]
- Sekundäre Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme in Hörsituationen – anhaltende Höranstrengung (erhöhter Kraftaufwand beim Zuhören), Störschallempfindlichkeit (Empfindlichkeit gegenüber Hintergrundgeräuschen) und erschwerte Sprachentnahme (Heraushören von Sprache) können im Unterricht oder in Gruppensituationen als Unaufmerksamkeit, Ablenkbarkeit oder Erschöpfung imponieren; eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS; Störung mit Unaufmerksamkeit, Impulsivität und/oder Hyperaktivität) ist vorrangig Differentialdiagnose (andere mögliche Ursache) bzw. Komorbidität (Begleiterkrankung) und keine gesicherte Folgeerkrankung der AVWS [1, 7, LL 1, LL 2]
- Psychosoziale Belastung (seelische und soziale Belastung) mit sozialem Rückzug und sozialer Isolation – wiederholte Kommunikationsabbrüche, Missverständnisse, schulische Überforderung und eingeschränkte Teilhabe (Teilnahme am sozialen Leben) in Gruppen können soziale Isolation mitbedingen [6, LL 2, LL 3]
- Angst- und Vermeidungsverhalten in akustisch anspruchsvollen Situationen – möglich bei wiederholten Misserfolgserfahrungen in Unterricht, Gruppengesprächen, Telefonaten oder lärmbelasteten Umgebungen; die Evidenz ist überwiegend qualitativ und teilhabebezogen [6, LL 3]
- Frustration, vermindertes Selbstwertgefühl und schulbezogene Belastungsreaktionen – können sekundär aus persistierenden Hörverstehensproblemen, Leistungsrückmeldungen und unzureichender Unterstützung entstehen [6, LL 3]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Erhöhte Höranstrengung und rasche auditive Ermüdbarkeit (rasche Ermüdung durch Zuhören) – insbesondere bei Störschall, mehreren Sprecherinnen bzw. Sprechern, ungünstiger Raumakustik oder längeren mündlichen Instruktionen [3, 5, 7, LL 1, LL 2, LL 3]
- Persistierende Schwierigkeiten beim Sprachverstehen im Störschall – zentrale funktionelle Leitsymptomatik (zentrales alltagsrelevantes Hauptbeschwerdebild) mit Relevanz für Unterricht, Ausbildung, Beruf und soziale Teilhabe [3, 5, 7, LL 1, LL 2]
- Häufiges Nachfragen, Missverstehen mündlicher Anweisungen und verlangsamte auditive Informationsverarbeitung (Verarbeitung von Gehörtem) – kann zu sekundären Kommunikationsproblemen und Leistungsabfall führen, ohne dass eine periphere Schwerhörigkeit (Hörminderung durch Störung am äußeren Ohr, Mittelohr oder Innenohr) vorliegen muss [5, 7, LL 1, LL 2]
Weiteres
- Schulische Leistungsbeeinträchtigung und erhöhter Förderbedarf – AVWS kann Unterrichtsverstehen, Mitschreiben, Arbeitsorganisation, mündliche Leistungssituationen und Lerntransfer beeinträchtigen; häufig sind pädagogische Anpassungen, Nachteilsausgleich, Raumakustikmaßnahmen oder technische Hörhilfen erforderlich [4, 8, LL 1, LL 2, LL 3]
- Eingeschränkte kommunikative und soziale Teilhabe – besonders in Kindergarten, Schule, Ausbildung, Beruf, Gruppenkommunikation und Freizeitaktivitäten mit ungünstiger Akustik [4, 6, LL 2, LL 3]
- Familiäre und schulische Belastung – wiederholte Missverständnisse, Konflikte um schulische Leistungen und hoher Kompensationsaufwand können Eltern, Lehrkräfte und Betreuungspersonen zusätzlich belasten [6, LL 3]
Prognosefaktoren (Einflussfaktoren für den Verlauf)
- Defizitprofil (Muster der Einschränkungen) und Schweregrad (Ausmaß der Einschränkungen) – ungünstiger sind ausgeprägte Defizite des Hörens im Störschall, der dichotischen Verarbeitung (gleichzeitige Verarbeitung unterschiedlicher Höreindrücke auf beiden Ohren), der zeitlichen Verarbeitung (Verarbeitung zeitlicher Merkmale von Geräuschen und Sprache), der Phonemdiskrimination und des auditiven Arbeitsgedächtnisses (Kurzzeitgedächtnis für Gehörtes) [3, 5, LL 1]
- Komorbiditäten und Differentialdiagnosen – Sprachentwicklungsstörung, Lese-/Rechtschreibstörung, ADHS, Autismus-Spektrum-Störung (ASS; tiefgreifende Entwicklungsstörung mit Besonderheiten in sozialer Kommunikation und Verhalten), Intelligenzminderung (verminderte geistige Leistungsfähigkeit), periphere Hörstörungen (Hörstörungen am äußeren Ohr, Mittelohr oder Innenohr) und psychosoziale Belastungsfaktoren verschlechtern die funktionelle Prognose bzw. erschweren die Attribution (Zuordnung) der Beschwerden [1, 3, 7, LL 1, LL 2]
- Alter bei Diagnostik (Untersuchung zur Feststellung) und Interventionsbeginn (Beginn von Behandlung bzw. Förderung) – frühzeitige, defizitspezifische Diagnostik und gezielte schulische bzw. therapeutische Maßnahmen (Behandlungsmaßnahmen) verbessern die Chance, sekundäre Lern- und Teilhabefolgen zu begrenzen [4, 8, LL 1, LL 2]
- Akustische Umgebung – ungünstige Raumakustik, hoher Störschall und mehrere konkurrierende Sprecherinnen bzw. Sprecher verschlechtern die Alltagsfunktion; Raumakustikmaßnahmen und Frequenzmodulations-/Digitalmodulations-Systeme (FM-/DM-Systeme; technische Systeme zur besseren Sprachübertragung) können die Unterrichts- und Kommunikationssituation verbessern [4, 8, LL 1, LL 3]
- Interdisziplinäre Versorgung (Versorgung durch mehrere Fachrichtungen) – günstig sind abgestimmte pädaudiologische (auf kindliches Hören spezialisierte), logopädische (sprachtherapeutische), psychologische, schulische und familienbezogene Maßnahmen mit regelmäßiger Verlaufskontrolle [3, 4, LL 1, LL 2, LL 3]
- Motivation, Adhärenz (Therapietreue) und Transfer (Anwendung des Gelernten im Alltag) in den Alltag – Therapieeffekte sind stärker, wenn Hörstrategien, schriftliche Unterstützung, Visualisierung (bildliche Darstellung), Sitzplatzwahl, Wiederholungsstrategien und technische Hilfen konsequent in Schule und Alltag umgesetzt werden [4, 8, LL 2, LL 3]
- Entwicklungsverlauf – bei einem Teil der Kinder können sich auditive Verarbeitungsleistungen im Verlauf bessern; persistierende Beschwerden sind insbesondere bei komplexen Komorbiditäten und fehlender Kontextanpassung wahrscheinlicher [3, 9, LL 1]
Literatur
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Leitlinien
- S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP): Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS). (AWMF-Registernummer 049-012), Stand 09/2019. Langfassung.
- American Academy of Audiology: Clinical Practice Guidelines: Diagnosis, Treatment, and Management of Children and Adults with Central Auditory Processing Disorder. Publication Date 10.08.2010. Guideline.
- British Society of Audiology: Position Statement and Practice Guidance: Auditory Processing Disorder (APD). Date: February 2018. Practice Guidance.
- S3-Leitlinie: Diagnostik und Behandlung bei der Lese- und/oder Rechtschreibstörung. (AWMF-Registernummer 028-044), Stand 04/2015. Langfassung.