Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) – Differentialdiagnosen
Ohren – Warzenfortsatz (H60-H95)
- Auditive Neuropathie-Spektrum-Störung (Störung der Reizweiterleitung vom Innenohr zum Hörnerv) – Störung der synchronen Weiterleitung akustischer Signale; typisch sind disproportional schlechtes Sprachverstehen, insbesondere im Störgeräusch (Hintergrundgeräusch), bei auffälliger objektiver audiologischer Diagnostik (Hördiagnostik mit messbaren Untersuchungsverfahren)
- Otitis media mit Erguss (Paukenerguss) – häufige Ursache einer fluktuierenden Schallleitungsschwerhörigkeit (wechselnde Schwerhörigkeit durch gestörte Schallweiterleitung) im Kindesalter; kann Zuhörprobleme, Sprachverstehensprobleme und schulische Auffälligkeiten imitieren
- Periphere Hörstörung (Hörstörung im Außen-, Mittel- oder Innenohr) wie Schallleitungs-, Schallempfindungs- oder kombinierte Schwerhörigkeit (Schwerhörigkeit durch gestörte Schallweiterleitung, gestörte Schallempfindung oder beides) – muss vor der Diagnose einer AVWS (auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung; Hörverarbeitungsstörung) ausgeschlossen werden; auch leichte, einseitige oder frequenzspezifische Hörverluste (Hörverluste in bestimmten Tonhöhenbereichen) können das Sprachverstehen im Störgeräusch beeinträchtigen
- Retrocochleäre oder zentralnervöse Hörbahnpathologie (Erkrankung der Hörbahn hinter dem Innenohr oder im Gehirn) – zusammenfassend zu berücksichtigen bei asymmetrischen Befunden (seitenungleichen Befunden), progredienter Symptomatik (zunehmenden Beschwerden), auffälliger Hirnstammaudiometrie (Messung der Hörbahnreaktion im Hirnstamm), neurologischen Zusatzsymptomen (zusätzlichen Beschwerden des Nervensystems) oder erworbenem Beginn
- Zentrale Schwerhörigkeit (Hörstörung durch gestörte Verarbeitung im Gehirn) – abzugrenzen bei eingeschränktem Sprachverstehen und zentral-auditiven Auffälligkeiten (Auffälligkeiten der Hörverarbeitung im Gehirn), die nicht durch eine isolierte AVWS erklärt werden können
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS; Störung mit Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität) – wichtige Differentialdiagnose bei schwankender Aufmerksamkeit, Ablenkbarkeit, Impulsivität, inkonsistenten Testergebnissen (uneinheitlichen Testergebnissen) und Auffälligkeiten auch in nichtauditiven Aufgaben (Aufgaben ohne Hörbezug)
- Autismus-Spektrum-Störung (ASS; Entwicklungsstörung mit Besonderheiten in sozialer Kommunikation und Wahrnehmung) – kann mit auffälliger Reaktion auf Geräusche, Hyperakusis (Geräuschüberempfindlichkeit), verzögerten Reaktionen auf Ansprache, sensorischen Integrationsproblemen (Problemen bei der Verarbeitung von Sinnesreizen) und sozial-kommunikativen Auffälligkeiten (Auffälligkeiten im sozialen Austausch) ein AVWS-ähnliches Bild erzeugen
- Dissoziative bzw. psychogene Hörstörung (seelisch bedingte Hörstörung) – inkonsistente oder nicht organisch erklärbare Hör- und Sprachverstehensangaben; abzugrenzen durch stimmige audiologische, elektrophysiologische (elektrische Messungen der Nerven- und Hörbahnaktivität) und verhaltensbezogene Befundprüfung
- Intelligenzminderung (deutlich unterdurchschnittliche geistige Leistungsfähigkeit) – spricht gegen eine isolierte AVWS, wenn niedrige Leistungen modalitätsübergreifend (in mehreren Wahrnehmungsbereichen) bestehen; für die Diagnose einer AVWS ist eine altersangemessene Interpretation der kognitiven Leistungsfähigkeit (geistigen Leistungsfähigkeit) erforderlich
- Lese-Rechtschreibstörung (LRS; Störung beim Lesen und Schreiben) – wichtige Differentialdiagnose und mögliche Komorbidität (Begleiterkrankung); abzugrenzen über standardisierte Lese- und Rechtschreibdiagnostik sowie Fehlermuster, insbesondere Wahrnehmungsfehler versus Regel- und Orthografiefehler (Rechtschreibregelfehler)
- Multimodale kognitive Störung bzw. Gedächtnisstörung (Störung mehrerer geistiger Funktionen oder des Gedächtnisses) – eher anzunehmen, wenn Kurzzeitgedächtnis-, Arbeitsgedächtnis- oder Wahrnehmungsdefizite (Einschränkungen der Wahrnehmung) nicht nur auditiv, sondern auch visuell oder visuell-motorisch bestehen
- Sprachentwicklungsstörung, rezeptiv oder rezeptiv-expressiv (Störung der Sprachentwicklung mit eingeschränktem Sprachverstehen oder zusätzlich eingeschränktem Sprechen) – zentrale Differentialdiagnose bei Problemen im Wort-, Satz- und Grammatikverständnis; vorrangig anzunehmen, wenn das Sprachverständnis deutlicher eingeschränkt ist als die spezifischen auditiven Testleistungen
Weiteres
- Mehrsprachigkeit bzw. unzureichende Sprachkompetenz in der Testsprache – keine Erkrankung, aber wesentlicher differentialdiagnostischer Störfaktor; AVWS sollte nicht aus sprachgebundenen Testauffälligkeiten abgeleitet werden, wenn die Testsprache nicht ausreichend beherrscht wird
- Ungünstige Hörumgebung – keine Erkrankung, aber relevante Erklärung für alltagsbezogene Hör- und Verstehensprobleme, insbesondere bei ungünstiger Klassenraumakustik, großem Sprecherabstand, Nachhall oder schlechtem Signal-Rausch-Verhältnis
- Unzureichende Beschulung bzw. fehlende sprachliche Förderung – keine Erkrankung, aber differentialdiagnostisch relevant bei Lese-, Rechtschreib- oder Sprachleistungsproblemen ohne konsistente spezifische auditive Defizite