Übermäßiger Durst (Polydipsie) – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

Behandlung der Ursache des gesteigerten Durstes und der übermäßigen Flüssigkeitsaufnahme; Vermeidung von Dehydratation (Flüssigkeitsmangel), Hypernatriämie (zu hoher Natriumwert im Blut) und wasserbedingter Hyponatriämie (zu niedriger Natriumwert im Blut). Bei Arginin-Vasopressin-Mangel (Mangel an einem die Wasserausscheidung regulierenden Hormon) (AVP-Mangel; früher zentraler Diabetes insipidus) wird die fehlende antidiuretische Wirkung ersetzt. Bei primärer Polydipsie stehen die Behandlung des Trinkverhaltens und gegebenenfalls der zugrunde liegenden psychischen Erkrankung im Vordergrund [3, 7].

Therapieempfehlungen

Primäre Polydipsie und AVP-Mangel unterscheiden: Bei primärer Polydipsie führt eine übermäßige Wasseraufnahme zur Suppression der AVP-Sekretion und zur vermehrten Ausscheidung verdünnten Urins. Bei AVP-Mangel ist die Polydipsie eine kompensatorische Reaktion auf den renalen Wasserverlust; bei AVP-Resistenz (vermindertes Ansprechen der Nieren auf Arginin-Vasopressin) sprechen die Nieren unzureichend auf AVP an. Die Behandlung richtet sich nach dieser Unterscheidung [1].

Vor Therapiebeginn Trinkmenge und 24-Stunden-Urinvolumen erfassen; Natrium, Glukose, Kalium, Kalzium, Kreatinin sowie Plasma- und Urinosmolalität bestimmen. Ein normaler Natriumwert schließt bei freiem Wasserzugang einen AVP-Mangel nicht aus. Bei unklarer hypotoner Polyurie (vermehrte Ausscheidung stark verdünnten Urins) erfolgt die endokrinologische Abklärung, gegebenenfalls mittels Copeptin-Stimulationstest. Die Stimulation mit hypertoner Kochsalzlösung ist diagnostisch genauer als die Argininstimulation; Testwahl und Durchführung gehören in erfahrene Hände. Kein Durstversuch zu Hause [1, 2].

Ursache Ursachenbezogene Behandlung
Primäre Polydipsie Aufklärung, Trinkprotokoll und individuell vereinbarte Verhaltensmaßnahmen; psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung entsprechend der Grunderkrankung. Keine etablierte spezifische medikamentöse Standardtherapie. Psychopharmaka ausschließlich nach eigenständiger psychiatrischer Indikation. Eine erforderliche Begrenzung übermäßiger Wasseraufnahme wird anhand von Natriumwerten, Trinkverhalten und klinischer Situation festgelegt [3].
Gesicherter AVP-Mangel Desmopressin individuell titrieren. Bei intaktem Durstgefühl nach Durst trinken und freien Wasserzugang gewährleisten. Übermäßiges Trinken unter antidiuretischer Wirkung vermeiden. Bei Adipsie (fehlendes Durstgefühl) sind eine festgelegte individuelle Flüssigkeitszufuhr, Gewichtskontrollen und Natriumkontrollen erforderlich [4, 7, LL1].
Renale AVP-Resistenz Auslösende Erkrankung behandeln, Hyperkalzämie (zu hoher Kalziumwert im Blut) und Hypokaliämie (zu niedriger Kaliumwert im Blut) korrigieren. Lithiumtherapie gemeinsam mit der behandelnden Psychiatrie überprüfen. Freien Wasserzugang sichern; Kochsalz- und Proteinzufuhr bedarfsgerecht abstimmen. Fachärztlich kommen Thiazide und insbesondere bei lithiumbedingter AVP-Resistenz Amilorid infrage. Desmopressin ist bei vollständiger AVP-Resistenz in der Regel unwirksam [5, 6].
Osmotische Diurese (vermehrte Wasserausscheidung durch im Urin gelöste Stoffe), insbesondere bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) Ursachenspezifische Behandlung der Hyperglykämie (zu hoher Blutzucker) beziehungsweise der auslösenden Störung; Volumen- und Elektrolythaushalt berücksichtigen. Verweis auf Diabetes mellitus/Medikamentöse Therapie [6].
Arzneimittelassoziierte Beschwerden Medikation auf renale Konzentrationsstörungen, osmotische Diurese und Mundtrockenheit überprüfen, beispielsweise unter Lithium, SGLT2-Hemmern oder anticholinerg wirkenden Arzneimitteln. Anpassungen indikationsbezogen vornehmen [1, 4].

Beachte: Keine empirische Desmopressin-Verordnung zur Behandlung einer ungeklärten Polydipsie. Bei habitueller oder psychogener Polydipsie ist das angeführte Desmopressinpräparat kontraindiziert. Keine pauschale Trinkmengenrestriktion: Bei AVP-Mangel oder AVP-Resistenz kann sie eine gefährliche Hypernatriämie verursachen. Umgekehrt kann fortgesetztes übermäßiges Trinken unter Desmopressin eine schwere Hyponatriämie auslösen [6,FI1].

Kontrollen und Notfallsituationen: Unter Desmopressin Natrium vor Therapiebeginn, nach Einleitung beziehungsweise Dosisänderung und risikoadaptiert im Verlauf kontrollieren. Eine intermittierende Aquaresis (Ausscheidung freien Wassers) kann nach individuellem ärztlichem Plan Wasserretention (Zurückhalten von Wasser im Körper) vermeiden. Bei gesichertem AVP-Mangel keine eigenmächtige Therapiepause. Für Erbrechen, Durchfall, fehlenden Wasserzugang oder eingeschränkte Medikamentenaufnahme ist ein schriftlicher Notfallplan erforderlich. Verwirrtheit, Krampfanfälle, Bewusstseinsstörungen oder ausgeprägte Dehydratation erfordern sofortige klinische Behandlung. Elektrolytentgleisungen einschließlich der Korrekturgeschwindigkeit überwacht behandeln [4, 7, LL1].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Vasopressinanaloga

Wirkstoff Besonderheiten
Desmopressin Gesicherter AVP-Mangel. Orale, sublinguale und nasale Präparate sind nicht dosisgleich; Präparatewechsel erfordern erneute individuelle Einstellung [7,  FI1].
  • Wirkweise: Aktivierung renaler V2-Rezeptoren mit gesteigerter Wasserrückresorption [7].
  • Indikation: Substitution bei gesichertem AVP-Mangel; keine symptomatische Behandlung einer primären Polydipsie [7, FI1].
  • Kontraindikationen: Unter anderem habituelle oder psychogene Polydipsie, Hyponatriämie, SIADH, Kreatinin-Clearance unter 50 ml/min sowie bekannte oder vermutete Herzinsuffizienz (Herzschwäche) und andere Zustände mit erforderlicher Diuretikatherapie. Präparatespezifische Gegenanzeigen beachten [FI1].
  • Nebenwirkungen: Insbesondere Wasserretention und Hyponatriämie mit Kopfschmerzen, Übelkeit, Gewichtszunahme, in schweren Fällen Krampfanfällen oder Bewusstseinsstörungen. SSRI, Carbamazepin und NSAR können das Hyponatriämierisiko erhöhen [FI1].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Die folgenden Wirkstoffe behandeln ausgewählte Ursachen beziehungsweise Folgen einer renalen AVP-Resistenz. Sie sind keine Standardtherapie der primären Polydipsie [5,6].

Thiaziddiuretika

Wirkstoff Besonderheiten
Hydrochlorothiazid Paradoxe Verminderung der Polyurie. Anwendung bei AVP-Resistenz für das angeführte Präparat off-label. Blutdruck und Elektrolyte kontrollieren. Erhöhtes Risiko einer Lithiumintoxikation (Lithiumvergiftung) bei gleichzeitiger Lithiumtherapie [6, FI3].
  • Wirkweise: Eine leichte Verminderung des Extrazellulärvolumens steigert die proximale Natrium- und Wasserrückresorption; dadurch erreicht weniger Flüssigkeit das Sammelrohr [6].
  • Indikation: Verminderung der Polyurie bei renaler AVP-Resistenz nach Behandlung korrigierbarer Ursachen [6].
  • Kontraindikationen: Unter anderem Anurie (nahezu fehlende Urinausscheidung), schwere Nierenfunktionsstörung entsprechend Fachinformation, Hypovolämie (vermindertes zirkulierendes Blutvolumen), therapierefraktäre Hyponatriämie, therapieresistente Hypokaliämie oder Hyperkalzämie sowie symptomatische Hyperurikämie (zu hoher Harnsäurewert im Blut)/Gicht [FI3].
  • Nebenwirkungen: Hypokaliämie, Hyponatriämie, Hypotonie (niedriger Blutdruck), Hyperurikämie und Photosensibilität (erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut); bei Langzeitanwendung erhöhtes Risiko für nichtmelanozytären Hautkrebs. Bei Lithiumtherapie zusätzliche Lithiumspiegelkontrollen und gegebenenfalls Dosisanpassung [FI3].

Kaliumsparende Diuretika – ENaC-Hemmer

Wirkstoff Besonderheiten
Amilorid Off-Label-Anwendung bei AVP-Resistenz; begrenzte Evidenz aus kleinen Studien. Kalium und Nierenfunktion überwachen; bei fortgesetzter Lithiumtherapie zusätzlich Lithiumspiegel kontrollieren [5, FI2].
  • Wirkweise: Blockade epithelialer Natriumkanäle im Sammelrohr; dadurch verminderte Aufnahme von Lithium in die Hauptzellen [5].
  • Indikation: Insbesondere lithiumbedingte renale AVP-Resistenz [5].
  • Kontraindikationen: Hyperkaliämie (zu hoher Kaliumwert im Blut), schwere Nierenfunktionsstörung, gleichzeitige Anwendung anderer kaliumsparender Diuretika oder von Kaliumpräparaten. Weitere kaliumsteigernde Arzneimittel und Wechselwirkungen berücksichtigen [FI2].
  • Nebenwirkungen: Insbesondere Hyperkaliämie, außerdem Schwindel und gastrointestinale Beschwerden [FI2].

Abkürzungsverzeichnis

  • AVP: Arginin-Vasopressin
  • ENaC: epithelialer Natriumkanal
  • FI: Fachinformation
  • LL: Leitlinie
  • ml/min: Milliliter pro Minute
  • NSAR: nichtsteroidale Antirheumatika
  • SGLT2: Natrium-Glukose-Cotransporter 2
  • SIADH: Syndrom der inadäquaten Sekretion von antidiuretischem Hormon
  • SSRI: selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer

Literatur

  1. Newell-Price J, Drummond JB, Gurnell M et al.: Approach to the Patient With Suspected Hypotonic Polyuria. J Clin Endocrinol Metab. 2025;110:e506-e514. doi: 10.1210/clinem/dgae565.
  2. Refardt J, Atila C, Chifu I et al.: Arginine or Hypertonic Saline-Stimulated Copeptin to Diagnose AVP Deficiency. N Engl J Med. 2023;389:1877-1887. doi: 10.1056/nejmoa2306263.
  3. Ahmadi L, Goldman MB: Primary polydipsia: Update. Best Pract Res Clin Endocrinol Metab. 2020;34:101469. doi: 10.1016/j.beem.2020.101469.
  4. Tomkins M, Lawless S, Martin-Grace J et al.: Diagnosis and Management of Central Diabetes Insipidus in Adults. J Clin Endocrinol Metab. 2022;107:2701-2715. doi: 10.1210/clinem/dgac381.
  5. Bedford JJ et al.: Lithium-induced nephrogenic diabetes insipidus: renal effects of amiloride. Clin J Am Soc Nephrol. 2008;3:1324-1331. doi: 10.2215/cjn.01640408.
  6. Ball S, Levy M: Diabetes Insipidus (AVP-Deficiency and AVP Resistance). Endotext. Aktualisiert am 12. Januar 2026. Volltext.
  7. Atila C, Refardt J, Christ-Crain M: Arginine Vasopressin Deficiency and Oxytocin Deficiency in the Endocrine Clinic. J Clin Endocrinol Metab. 2026;111:922-937. doi: 10.1210/clinem/dgaf651.

Leitlinien

  1. Baldeweg SE, Ball S, Brooke A et al.: Society for Endocrinology clinical guidance: Inpatient management of cranial diabetes insipidus. Endocr Connect. 2018;7:G8-G11. doi: 10.1530/ec-18-0154 [LL1].

Fachinformationen

  1. MINIRIN 0,1 mg Tabletten. Deutsche Fachinformation, Stand März 2022. Fachinformation [FI1].
  2. Amiloride 5 mg Tablets, Wockhardt UK Ltd. Summary of Product Characteristics. Fachinformation [FI2].
  3. HCT Dexcel 12,5 mg / 25 mg / 50 mg Tabletten. Fachinformation, Stand Dezember 2021. Fachinformation [FI3].