Nächtliches Wasserlassen (Nykturie) – Medizingerätediagnostik

Fakultative Medizingerätediagnostik – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte), der körperlichen Untersuchung, Labordiagnostik und der obligaten Medizingerätediagnostik – zur differentialdiagnostischen Abklärung

Stufendiagnostik (eskalierend, nach klinischer Vortestwahrscheinlichkeit)

  • Stufe 1: Basis- und Weichenstellungsdiagnostik
    • Nierensonographie (Ultraschalluntersuchung der Nieren) (inkl. der ableitenden Harnwege):
      • Beurteilung von Nierengröße, Parenchymdicke (Dicke des Nierengewebes) und Harnstau (Hydronephrose) (Aufstau des Urins in der Niere).
      • Beurteilung der Blase mit Blasenwanddicke und Restharn (verbleibender Urin nach dem Wasserlassen).
      • Einordnung der Blasenwanddicke als Hinweis auf mechanische Ursachen (z. B. benigne Prostatahyperplasie (BPH; gutartige Prostatavergrößerung)) und ggf. auch neurogene Ursachen (nervenbedingte Störungen).
      • Ziel: Ausschluss postrenaler Abflussstörung (Harnabflussstörung nach der Niere), Hinweis auf Blasenauslassobstruktion (Abflussbehinderung am Blasenausgang) sowie Hinweise auf neurogene Blasenfunktionsstörung (nervenbedingte Blasenstörung).
    • Uroflowmetrie (Harnstrahlmessung):
      • Harnstrahlmessung und Dauer (normal: < 60 sec).
      • Maximaler Harnfluss (Qmax).
      • Miktionsvolumen (Urinmenge beim Wasserlassen), Kurvenverlauf.
      • Ziel: Screening auf infravesikale Obstruktion (Abflussbehinderung unterhalb der Blase) und Objektivierung funktioneller Miktionsstörungen (Störungen des Wasserlassens).
  • Stufe 2: Funktionsdiagnostische Differenzierung
    • Urodynamische Diagnostik (Messung der Blasenfunktion):
      • Messung der Blasenfunktion während der Füllung über einen Katheter (Schlauch) und der sich anschließenden Entleerung (Druck-Fluss-Analytik) (Analyse von Druck- und Flussverhältnissen).
      • Ziel: Differenzierung der Formen der Harninkontinenz (unwillkürlicher Urinverlust) (Stress-, Urgeinkontinenz (Dranginkontinenz), Mischformen) sowie Abklärung einer neurogenen Blase (nervenbedingte Blasenstörung).
      • Indikation: Bei klinischem Verdacht auf Blaseninstabilität (unkontrollierte Blasentätigkeit), bei Diskrepanz zwischen Symptomen und Sonographie/Uroflowmetrie oder bei Therapieresistenz (fehlendem Ansprechen auf eine Behandlung).
    • Zystoskopie (Blasenspiegelung):
      • Endoskopische Beurteilung von Urethra (Harnröhre), Prostataharnröhre und Harnblase.
      • Ziel: Ausschluss struktureller Ursachen (z. B. Tumor, Entzündung, Steine, Strikturen (Engstellen)); keine Routinediagnostik, sondern gezielt indiziert.
  • Stufe 3: Prostata- und Tumordiagnostik
    • Transrektale Prostatasonographie (TPS oder TRUS) (Ultraschalluntersuchung der Prostata über den Enddarm):
      • Indikation: Bei Verdacht auf benigne Prostatahyperplasie (BPH) (gutartige Prostatavergrößerung) oder Prostatakarzinom (Prostatakrebs).
      • Bestimmung des Prostatavolumens (Größe der Prostata).
      • Einordnung immer im Kontext von Symptomen, Prostata-spezifischem Antigen (PSA) (Prostatamarker im Blut) und Tastbefund (Abtastuntersuchung).
  • Stufe 4: Systemische Ursachen
    • Echokardiographie (Echo) (Ultraschalluntersuchung des Herzens):
      • Indikation: Bei Verdacht auf strukturelle Herzerkrankungen und/oder Herzinsuffizienz (Herzschwäche).
      • Ziel: Abklärung kardiovaskulärer Ursachen (Herz-Kreislauf-Ursachen) einer nächtlichen Polyurie (vermehrte nächtliche Urinproduktion) (Volumenverschiebung im Liegen).
    • Elektrokardiogramm (EKG) (Herzstromkurve):
      • Rhythmusdiagnostik und Screening auf kardiale Grunderkrankungen (Herzerkrankungen) als Co-Faktor systemischer Nykturie-Ursachen (nächtlicher Harndrang).
    • 24-Stunden-Blutdruckmessung (auch Langzeit-RR oder ABDM genannt) – um den Zusammenhang zwischen Blutdruck und Nykturie (nächtlicher Harndrang) zu klären
      • Bei Gesunden sinkt der Blutdruck nachts um 10 % bis 20 % ab (physiologisches Dipping) (normaler nächtlicher Blutdruckabfall).
      • Non-Dipping: Sinkt der Druck nachts um weniger als 10 %, deutet dies oft auf eine sekundäre Hypertonie (Bluthochdruck durch eine Grunderkrankung) oder Schlafapnoe (nächtliche Atemaussetzer) hin.
      • Nächtliche Polyurie: Ein fehlendes Absinken des Blutdrucks (oder sogar ein Anstieg) führt dazu, dass die Nieren vermehrt Urin produzieren, was die Nykturie direkt auslöst.
      • Beachte: Bluthochdruck und Nierenschädigung (Nierenerkrankung) (markiert durch den UACR-Wert) bedingen sich gegenseitig. Ein dauerhaft erhöhter nächtlicher Blutdruck ist einer der stärksten Treiber für das Fortschreiten einer Niereninsuffizienz (nachlassende Nierenfunktion).
  • Stufe 5: Erweiterte Bildgebung – nur bei klarer Indikation
    • Röntgenaufnahme des Thorax (Röntgen-Thorax) (Röntgenbild des Brustkorbs), in zwei Ebenen:
      • Indikation: Bei Verdacht auf kardio-pulmonale Ursache (Herz- oder Lungenerkrankung) oder Volumenüberladung (Flüssigkeitsüberschuss).
    • Computertomographie (CT) des Abdomens (Abdomen-CT) (Schichtbilduntersuchung des Bauchraums):
      • Zur weiterführenden Diagnostik bei Tumorverdacht (Verdacht auf Krebserkrankung), komplexen anatomischen Fragestellungen oder unklaren sonographischen Befunden.
      • Keine Routinediagnostik.
    • i.v. Pyelogramm (Kontrastmittel-Röntgenuntersuchung der Nieren):
      • Röntgenologische Darstellung der Nieren; heute nur noch selektiv in Ausnahmeindikation und durch moderne Bildgebung häufig ersetzt.