Resorptionsstörungen – Ursachen, Mikronährstoffmangel und Therapie

Resorptionsstörungen können die Versorgung des Organismus mit Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und weiteren essentiellen Nährstoffen erheblich beeinträchtigen. Sie entstehen, wenn Nahrungsbestandteile nicht ausreichend verdaut, über die Darmschleimhaut aufgenommen oder aufgrund anatomischer Veränderungen nur eingeschränkt verwertet werden können. Je nach Ursache, Schweregrad und Dauer können einzelne Mikronährstoffdefizite oder kombinierte Mangelzustände auftreten [LL1, LL2].

Für die ernährungsmedizinische Beurteilung ist insbesondere die Unterscheidung zwischen Maldigestion (unzureichende Aufspaltung der Nahrung durch Verdauungsprozesse) und Malabsorption (gestörte Aufnahme von Nährstoffen über die Darmschleimhaut) von Bedeutung. Beide Störungen können unabhängig voneinander oder gemeinsam auftreten. Eine Sonderstellung nimmt das Kurzdarmsyndrom ein, bei dem die verkürzte Dünndarmlänge und die eingeschränkte Aufnahmefähigkeit des verbliebenen Darms zu komplexen Nährstoffdefiziten führen können [LL1, LL3].

Auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten können die Mikronährstoffversorgung beeinflussen. Dabei steht häufig nicht eine generelle Störung der Nährstoffaufnahme im Vordergrund, sondern eine eingeschränkte Lebensmittelauswahl infolge von Beschwerden oder längerfristigen Eliminationsdiäten (Ernährungsformen, bei denen bestimmte Lebensmittel gezielt ausgeschlossen werden) [LL2, LL5].

Die Mikronährstofftherapie richtet sich nach dem zugrunde liegenden Krankheitsmechanismus, den betroffenen Darmabschnitten, dem Ernährungszustand und dem individuellen Nährstoffbedarf. Entscheidend sind eine gezielte Diagnostik, die Behandlung der Grunderkrankung sowie eine bedarfsgerechte und regelmäßig überprüfte Mikronährstoffzufuhr [LL2, LL6].

Mikronährstofftherapie bei Kurzdarmsyndrom

Das Kurzdarmsyndrom entsteht überwiegend nach ausgedehnten operativen Entfernungen von Dünndarmabschnitten. Durch die verminderte Resorptionsfläche (für die Nährstoffaufnahme verfügbare Darmoberfläche), eine häufig beschleunigte Darmpassage und veränderte Verdauungsprozesse kann die Aufnahme zahlreicher Nährstoffe beeinträchtigt sein. Das Ausmaß der Störung hängt insbesondere von der Länge und Funktion des verbliebenen Dünndarms, den entfernten Darmabschnitten und dem Erhalt des Dickdarms ab [LL3].

Besonders relevant sind mögliche Defizite an Vitamin B12, den fettlöslichen Vitaminen A, D, E und K sowie an Calcium, Magnesium, Zink, Selen und weiteren Mikronährstoffen. Nach Entfernung des terminalen Ileums (letzter Abschnitt des Dünndarms) ist insbesondere die Aufnahme von Vitamin B12 beeinträchtigt. Zusätzlich können Störungen des Gallensäurekreislaufs die Fettaufnahme und damit die Versorgung mit fettlöslichen Vitaminen verschlechtern [LL3].

Die Mikronährstofftherapie erfordert eine langfristige, individuell angepasste Strategie. Abhängig von der verbliebenen Darmfunktion können eine gezielte orale Supplementierung (ergänzende Nährstoffzufuhr über den Mund), spezielle Nährstoffpräparate oder eine parenterale Substitution (Nährstoffzufuhr unter Umgehung des Magen-Darm-Trakts) erforderlich sein. Regelmäßige klinische und laborchemische Verlaufskontrollen sind wesentlich, da sich die Resorptionsfähigkeit durch intestinale Adaptation (funktionelle Anpassung des verbliebenen Darms) im Krankheitsverlauf verändern kann [LL3].

Mikronährstofftherapie bei Maldigestion (unzureichende Verdauung)

Bei einer Maldigestion werden Nahrungsbestandteile im Verdauungstrakt nicht ausreichend in resorbierbare Bestandteile zerlegt. Ursachen können eine exokrine Pankreasinsuffizienz (unzureichende Bildung oder Abgabe von Verdauungsenzymen durch die Bauchspeicheldrüse), Störungen der Gallensäurebereitstellung oder weitere Beeinträchtigungen der Verdauungsprozesse sein [LL1, LL4].

Besonders ausgeprägt können die Auswirkungen bei einer gestörten Fettverdauung sein. Da die Aufnahme der Vitamine A, D, E und K an die Fettverdauung gekoppelt ist, können entsprechende Defizite entstehen. Je nach zugrunde liegender Erkrankung können zusätzlich weitere Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente betroffen sein. Typische klinische Hinweise sind Steatorrhoe (vermehrte Fettausscheidung über den Stuhl), Gewichtsverlust und Zeichen einer Mangelernährung [LL4].

Die Behandlung konzentriert sich auf die Wiederherstellung oder Verbesserung der Verdauungsfunktion und die Korrektur bestehender Mikronährstoffdefizite. Bei exokriner Pankreasinsuffizienz steht beispielsweise die bedarfsgerechte Substitution von Verdauungsenzymen im Vordergrund. Ergänzend erfolgen eine gezielte Mikronährstoffdiagnostik und gegebenenfalls eine angepasste Supplementierung, insbesondere der fettlöslichen Vitamine [LL4].

Mikronährstofftherapie bei Malabsorption (gestörte Aufnahme im Darm)

Bei einer Malabsorption ist die Aufnahme bereits verdauter Nährstoffe über die Darmschleimhaut eingeschränkt. Zu den möglichen Ursachen zählen Erkrankungen der Dünndarmschleimhaut wie Zöliakie (immunvermittelte Dünndarmerkrankung durch Gluten), entzündliche Darmerkrankungen, bestimmte Infektionen sowie funktionelle Störungen der intestinalen Nährstoffaufnahme [LL1].

Auch eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms (Small Intestinal Bacterial Overgrowth; SIBO) kann durch Veränderungen des bakteriellen Stoffwechsels, der Gallensäuren und der Schleimhautfunktion die Nährstoffversorgung beeinträchtigen. Die Auswirkungen unterscheiden sich je nach Ursache, betroffenem Darmabschnitt und Ausmaß der Schleimhautschädigung [LL1, LL5].

Mögliche Defizite betreffen insbesondere Eisen, Folsäure, Vitamin B12, Calcium, Vitamin D, Zink und weitere Mikronährstoffe. Beispielsweise kann eine Schädigung des proximalen Dünndarms (oberer Dünndarmabschnitt) die Aufnahme von Eisen und Calcium beeinträchtigen. Bei ausgedehnten Schleimhautveränderungen können mehrere Mikronährstoffdefizite gleichzeitig auftreten [LL2, LL6].

Die Mikronährstofftherapie umfasst die Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung, die gezielte Erfassung von Nährstoffdefiziten und deren bedarfsgerechte Substitution. Dabei sind die Schwere der Resorptionsstörung und die individuelle Verträglichkeit der Präparate zu berücksichtigen. Nach erfolgreicher Behandlung der Grunderkrankung kann sich die Aufnahmefähigkeit des Darms verbessern, sodass Dosierungen und Dauer einer Supplementierung regelmäßig überprüft werden sollten [LL2, LL6].

Mikronährstofftherapie bei Nahrungsmittelunverträglichkeit

Nahrungsmittelunverträglichkeiten umfassen unterschiedliche Krankheitsmechanismen, bei denen der Verzehr bestimmter Lebensmittel Beschwerden auslöst. Dazu gehören beispielsweise die Lactoseintoleranz (Unverträglichkeit von Milchzucker aufgrund verminderter Lactasespaltung) und die Fructosemalabsorption (eingeschränkte Aufnahme von Fruchtzucker im Dünndarm) [LL5].

Im Unterschied zu ausgeprägten intestinalen Resorptionsstörungen steht bei vielen Nahrungsmittelunverträglichkeiten nicht die generelle Aufnahme von Mikronährstoffen im Vordergrund. Vielmehr können wiederholte Beschwerden, eine eingeschränkte Lebensmittelauswahl oder unnötig strenge Eliminationsdiäten zu einer unzureichenden Zufuhr einzelner Mikronährstoffe führen [LL2, LL5].

Bei einer Lactoseintoleranz kann beispielsweise der weitgehende Verzicht auf Milch und Milchprodukte ohne geeignete Alternativen die Calciumversorgung beeinträchtigen. Werden zusätzlich andere Lebensmittelgruppen gemieden, können weitere Versorgungslücken entstehen. Welche Mikronährstoffe betroffen sind, hängt daher wesentlich vom individuellen Ernährungsverhalten ab [LL2, LL5].

Ziel der ernährungsmedizinischen Behandlung ist eine möglichst vielfältige, beschwerdeangepasste Ernährung unter Vermeidung unnötiger Einschränkungen. Eine Supplementierung ist insbesondere dann sinnvoll, wenn sich der Bedarf über verträgliche Lebensmittel nicht ausreichend decken lässt oder ein relevanter Mangel nachgewiesen wurde. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen einer tatsächlich bestehenden Resorptionsstörung und einer ernährungsbedingten Unterversorgung [LL2, LL6].

Diagnostik und therapeutische Grundprinzipien

Unabhängig von der jeweiligen Ursache sollte die Mikronährstoffversorgung bei klinisch relevanten Resorptionsstörungen systematisch beurteilt werden. Neben Ernährungsanamnese, Krankheitsverlauf und klinischen Symptomen ist eine risikoorientierte Labordiagnostik erforderlich. Die Auswahl der zu untersuchenden Mikronährstoffe richtet sich nach dem Krankheitsmechanismus, den betroffenen Darmabschnitten und den zu erwartenden Defiziten [LL1, LL2, LL6].

Die Behandlung verfolgt drei wesentliche Ziele:

  • Ursachenbezogene Therapie: Verbesserung der Verdauungs- und Resorptionsfunktion durch Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung.
  • Bedarfsgerechte Mikronährstoffzufuhr: Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung durch Ernährungsanpassung und bei Bedarf durch gezielte Supplementierung.
  • Langfristige Verlaufskontrolle: Überprüfung des Mikronährstoffstatus, der klinischen Wirksamkeit und der Notwendigkeit einer fortgesetzten Substitution.

Insbesondere bei chronischen oder anatomisch bedingten Resorptionsstörungen kann eine dauerhafte Mikronährstofftherapie erforderlich sein. Eine pauschale hochdosierte Supplementierung ohne Berücksichtigung des individuellen Bedarfs ist dagegen nicht grundsätzlich angezeigt. Vielmehr sollten Art, Dosierung und Verabreichungsweg der Mikronährstoffe an die jeweilige klinische Situation angepasst werden [LL2, LL3, LL6].

Fazit

Resorptionsstörungen und ernährungsbedingte Versorgungseinschränkungen können unterschiedliche Mikronährstoffdefizite verursachen. Während beim Kurzdarmsyndrom vor allem die verringerte Resorptionsfläche entscheidend ist, stehen bei Maldigestion und Malabsorption gestörte Verdauungs- bzw. Aufnahmeprozesse im Vordergrund. Bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten entstehen mögliche Versorgungslücken dagegen häufig durch eine eingeschränkte Lebensmittelauswahl [LL1, LL2].

Eine erfolgreiche Mikronährstofftherapie setzt daher die genaue Kenntnis des zugrunde liegenden Mechanismus voraus. Die Kombination aus ursachenbezogener Behandlung, individuell angepasster Ernährung, gezielter Supplementierung und regelmäßiger Verlaufskontrolle bildet die Grundlage für die langfristige Sicherstellung einer bedarfsgerechten Mikronährstoffversorgung [LL2, LL6].

Die folgenden Artikel behandeln die jeweiligen Besonderheiten der Mikronährstoffversorgung und Mikronährstofftherapie:

Leitlinien

  1. Lenti MV, Hammer HF, Tacheci I et al.: European Consensus on Malabsorption—UEG & SIGE, LGA, SPG, SRGH, CGS, ESPCG, EAGEN, ESPEN, and ESPGHAN. Part 1: Definitions, Clinical Phenotypes, and Diagnostic Testing for Malabsorption. United European Gastroenterol J. 2025;13(4):599-613. doi: 10.1002/ueg2.70012.
  2. Lenti MV, Hammer HF, Tacheci I et al.: European Consensus on Malabsorption—UEG & SIGE, LGA, SPG, SRGH, CGS, ESPCG, EAGEN, ESPEN, and ESPGHAN: Part 2: Screening, Special Populations, Nutritional Goals, Supportive Care, Primary Care Perspective. United European Gastroenterol J. 2025;13(5):773-797. doi: 10.1002/ueg2.70011.
  3. Pironi L, Cuerda C, Jeppesen PB et al.: ESPEN guideline on chronic intestinal failure in adults – Update 2023. Clin Nutr. 2023;42(10):1940-2021. doi: 10.1016/j.clnu.2023.07.019.
  4. Dominguez-Muñoz JE, Vujasinovic M, de la Iglesia D et al.: European guidelines for the diagnosis and treatment of pancreatic exocrine insufficiency: UEG, EPC, EDS, ESPEN, ESPGHAN, ESDO, and ESPCG evidence-based recommendations. United European Gastroenterol J. 2025;13(1):125-172. doi: 10.1002/ueg2.12674.
  5. Hammer HF, Fox MR, Keller J et al.: European guideline on indications, performance, and clinical impact of hydrogen and methane breath tests in adult and pediatric patients: European Association for Gastroenterology, Endoscopy and Nutrition, European Society of Neurogastroenterology and Motility, and European Society for Paediatric Gastroenterology Hepatology and Nutrition consensus. United European Gastroenterol J. 2022;10(1):15-40. doi: 10.1002/ueg2.12133.
  6. Berger MM, Shenkin A, Dizdar OS et al.: ESPEN practical short micronutrient guideline. Clin Nutr. 2024;43(3):825-857. doi: 10.1016/j.clnu.2024.01.030. Volltext.