Vorhauthypertrophie, Phimose und Paraphimose – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
Die Diagnose von Vorhauthypertrophie (Vergrößerung der Vorhaut), Phimose (Vorhautverengung) und Paraphimose (Einklemmung der zurückgezogenen Vorhaut) wird primär klinisch gestellt. Entscheidend sind die atraumatische Beurteilung der Retraktilität (Zurückziehbarkeit) des Präputiums (Vorhaut) sowie die Unterscheidung zwischen einer altersentsprechenden physiologischen Nichtretrahierbarkeit (natürlichen Nichtzurückziehbarkeit) und einer pathologischen Phimose (krankhaften Vorhautverengung). Insbesondere bei Kindern darf die Vorhaut nicht gewaltsam retrahiert werden.
- Allgemeine körperliche Untersuchung
- Beurteilung von Allgemeinzustand und Ernährungszustand
- Blutdruck, Puls, Körpertemperatur, Körpergewicht und Körpergröße
- Inspektion von Haut und Schleimhäuten bei klinischem Verdacht auf eine entzündliche oder dermatologische Grunderkrankung
- Abdomen (Bauch) und Inguinalregion (Leistengegend)
- Inspektion und Palpation (Abtasten) des Unterbauchs [suprapubische Vorwölbung (Vorwölbung oberhalb des Schambeins) bzw. palpable Harnblase (tastbare Harnblase) bei Harnverhalt (Unfähigkeit zur Blasenentleerung)]
- Palpation der inguinalen Lymphknoten (Lymphknoten in der Leiste) bei entzündlichen oder suspekten genitalen Befunden [Lymphadenopathie (vergrößerte Lymphknoten), Druckschmerz]
- Äußeres Genitale (Geschlechtsorgane)
- Inspektion des gesamten Penis einschließlich Präputium, soweit atraumatisch darstellbarer Glans penis (Eichel) und Meatus urethrae (Harnröhrenöffnung)
- Beurteilung von Länge, Redundanz und Symmetrie des Präputiums [ausgeprägtes redundantes bzw. verlängertes Präputium bei Vorhauthypertrophie]
- Vorsichtige Prüfung der Retraktilität des Präputiums nur bis zum schmerzfreien Widerstand; keine forcierte Retraktion
- Bei Kindern und Jugendlichen Beurteilung auf altersentsprechende physiologische Nichtretrahierbarkeit bzw. präputiale Adhäsionen (Verklebungen der Vorhaut) ohne Narbenbildung; eine isolierte Nichtretrahierbarkeit kann vor der Pubertät physiologisch sein
- Beurteilung des Präputialrings (Vorhautring)
- Physiologische Nichtretrahierbarkeit [keine Vernarbung; beim vorsichtigen Retraktionsversuch Vorwölbung des inneren Präputialblatts (inneren Vorhautblatts) durch den engen Präputialring]
- Pathologische bzw. sekundäre Phimose [weißlicher, verdickter, fibrotischer (bindegewebig verhärteter) oder narbiger Schnürring; fehlende Vorwölbung des inneren Präputialblatts; Rhagaden (Hauteinrisse) bzw. narbige Einziehungen]
- Inspektion auf entzündliche Veränderungen [Erythem (Hautrötung), Schwellung, Druckschmerz, Erosionen (oberflächliche Hautdefekte), Sekretion (Absonderung) bzw. eitriger Ausfluss bei Balanitis (Eichelentzündung) oder Balanoposthitis (Entzündung von Eichel und Vorhaut)]
- Inspektion auf Lichen sclerosus (chronisch-entzündliche Hauterkrankung), früher Balanitis xerotica obliterans [porzellanweiße bzw. weißlich-atrophische (ausgedünnte) oder sklerotische (verhärtete) Hautveränderungen, fibrotischer Präputialring, Rhagaden, Verklebungen, Beteiligung von Glans penis oder Meatus urethrae]
- Beurteilung des Meatus urethrae, soweit atraumatisch darstellbar [Meatusstenose (Verengung der Harnröhrenöffnung), entzündliche Veränderungen]
- Beurteilung auf begleitende Fehlbildungen bzw. anatomische Varianten des Penis [Hypospadie (Harnröhrenöffnung an der Unterseite des Penis), Epispadie (Harnröhrenöffnung an der Oberseite des Penis), buried penis (verborgener Penis), Megapräputium (übermäßig große Vorhaut), kongenitale Penisdeviation (angeborene Penisverkrümmung), Frenulum breve (verkürztes Vorhautbändchen)]
- Bei erworbener oder sekundärer Phimose im Erwachsenenalter sorgfältige Inspektion und Palpation des gesamten zugänglichen Penis auf suspekten Haut- oder Schleimhautbefund [Induration (Verhärtung), Ulzeration (Geschwürbildung), exophytische (nach außen wachsende) oder infiltrative (in das Gewebe einwachsende) Läsion (Gewebeveränderung)]
- Miktionsbeobachtung (Beobachtung des Wasserlassens)
- Bei entsprechenden Beschwerden ggf. Beobachtung der Miktion (Wasserlassen) [abgeschwächter, dünner oder spritzender Harnstrahl, Dysurie (schmerzhaftes oder erschwertes Wasserlassen), verlängerte Miktion]
- Beurteilung eines präputialen Balloonings (Aufblähung der Vorhaut) während der Miktion; ein isoliertes Ballooning ohne weitere Beschwerden oder Zeichen einer Harnabflussstörung ist bei Kindern nicht als Nachweis einer obstruktiven Phimose (den Harnabfluss behindernden Vorhautverengung) zu werten
- Paraphimose
- Inspektion auf ein hinter die Glans penis retrahiertes, nicht mehr vorverlagerbares Präputium [zirkulärer Schnürring im Bereich des Sulcus coronarius (Eichelfurche), ausgeprägtes Ödem (Ödem/Flüssigkeitseinlagerung) von Präputium und Glans penis]
- Beurteilung von Schmerz, Schwellung, Hautfarbe und Gewebeperfusion (Gewebedurchblutung) der Glans penis [starke Schmerzen, livide bzw. zyanotische Verfärbung (bläuliche Verfärbung), zunehmendes Ödem, Zeichen einer Minderperfusion (verminderten Durchblutung) bis hin zur Nekrose (Absterben von Gewebe)]
- Cave: Die Paraphimose ist ein urologischer Notfall und erfordert eine unverzügliche Behandlung.
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.