Sterilität des Mannes – Einleitung

Von einer Sterilität des Mannes (Synonyme: Aspermatogenese; Aspermie; Azoospermie; Fertilitätsstörung beim Mann; Männliche Infertilität; Männliche Infertilität nach Vasektomie; Nekrospermie; Nekrozoospermie; OAT; Oligo-Astheno-Teratozoospermie; Oligo-Astheno-Zoospermie; Oligo-Azoospermie; Oligospermie; Oligozoospermie; Sterilität; Unfruchtbarkeit (Mann); Zeugungsunfähigkeit; ICD-10-GM N46: Sterilität beim Mann) kann erst die Rede sein, wenn bei regelmäßigem Geschlechtsverkehr zweimal wöchentlich innerhalb von ein bis zwei Jahren keine Schwangerschaft eintritt (bei unauffälligen Untersuchungsergebnissen seitens der Frau) bzw. wenn eine Spermiogrammuntersuchung (Samenzelluntersuchung) die Unfruchtbarkeit nachweist bzw. als wahrscheinlich erklärt.

Formen der Sterilität des Mannes

  • Asthenozoospermie: Verminderte Beweglichkeit der Spermien.
  • Teratozoospermie: Hoher Anteil abnormal geformter Spermien.
  • Oligospermie: Geringe Anzahl von Spermien im Ejakulat.
  • Kryptospermie: Sehr geringe Anzahl von Spermien im Ejakulat, nur durch spezielle Techniken nachweisbar.
  • Nekrospermie/Nekrozoospermie: Vorhandensein von überwiegend oder ausschließlich toten Spermien im Ejakulat.
  • Oligo-Astheno-Teratozoospermie (OAT-Syndrom): Kombination aus einer geringen Anzahl von Spermien (Oligospermie), geringer Beweglichkeit der Spermien (Asthenozoospermie) und einer hohen Anzahl abnormal geformter Spermien (Teratozoospermie).
  • Azoospermie: Vollständige Abwesenheit von Samenzellen im Ejakulat.
  • Aspermie: Fehlen des Samenergusses, meist bedingt durch Verschluss der Samenwege oder retrograde Ejakulation.
  • Aspermatogenese: Vollständige Abwesenheit der Samenzellbildung im Hoden.

Ursachen der Sterilität

Die Ursachen für die Unfruchtbarkeit sind bei Mann und Frau vielfältig. Die Ursache der Unfruchtbarkeit liegt jeweils zu 39 % bei der Frau allein, bei weiteren 26 % sowohl beim Mann als auch bei der Frau. Bei 15 % aller Paare bleibt die Ursache der Kinderlosigkeit ungeklärt. Eine Sterilitätsbehandlung ist deshalb stets eine Paartherapie.

Epidemiologie

Häufigkeitsgipfel: Die natürliche Fertilität (Fruchtbarkeit) des Mannes beginnt ab dem 40. Lebensjahr langsam abzunehmen, kann jedoch in Einzelfällen bis ins hohe Alter bestehen bleiben.

Häufigkeitsgipfel bei Frauen: Die höchste natürliche Fertilität der Frau liegt zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr und nimmt danach kontinuierlich ab. Mit dem Eintritt in die Menopause endet die natürliche Fruchtbarkeit.

Unerfüllter Kinderwunsch: 12,5 % der Frauen und 10,1 % der Männer haben im Verlauf ihres Lebens einen unerfüllten Kinderwunsch erlebt. In der Altersgruppe der 35- bis 44-jährigen Frauen lag der Anteil bei 17,7 % [1].

Prävalenz (Krankheitshäufigkeit): Die Prävalenz liegt bei 15-20 % aller Paare in den westlichen Industrieländern. Weltweit liegt die mediane Prävalenzrate für Sterilität bei 9 %. Die Lebenszeitprävalenz wird mit 4 % angegeben.

Verlauf und Prognose

Verlauf

Der Verlauf der Sterilität hängt stark von den individuellen Voraussetzungen des Paares ab, einschließlich der genauen Ursache der Unfruchtbarkeit und dem allgemeinen Gesundheitszustand beider Partner. Die Diagnose beginnt mit einer umfassenden Anamnese und körperlichen Untersuchung, gefolgt von spezifischen Tests wie Spermiogramm, Hormonanalysen und genetischen Tests. Die Behandlung der männlichen Sterilität kann Änderungen des Lebensstils, medikamentöse Therapien, chirurgische Eingriffe oder assistierte Reproduktionstechniken umfassen.

Erstlinienbehandlung

  • Lebensstiländerungen: Gewichtsreduktion, gesunde Ernährung, Verzicht auf Rauchen und Alkohol sowie Stressreduktion können die Fertilität verbessern.
  • Medikamentöse Therapie: Hormonbehandlungen und andere medikamentöse Ansätze können die Spermienproduktion und -qualität verbessern.
  • Chirurgische Eingriffe: Bei strukturellen Anomalien wie Varikozele (Krampfaderbruch) oder obstruktiver Azoospermie* können operative Maßnahmen notwendig sein.
    *Spermien werden zwar produziert, können sich aber wegen eines Verschlusses der Samenwege nicht mit der restlichen Flüssigkeit des Ejakulats mischen.

In-vitro-Fertilisation (IVF) und Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI)

  • IVF und ICSI: Diese Methoden werden häufig eingesetzt, wenn andere Behandlungen nicht erfolgreich sind. Bei der ICSI wird ein Spermium direkt in das Zytoplasma einer Eizelle injiziert. Die Erfolgsraten variieren je nach individuellen Faktoren des Paares.

Prognose

  • Behandlungsbeginn und -intensität: Eine frühzeitige Diagnose und ein umfassender Behandlungsansatz verbessern die Prognose erheblich. Eine erfolgreiche Behandlung hängt oft von der genauen Ursache der Sterilität ab.
  • Lebensqualität und psychische Gesundheit: Eine gute psychologische Unterstützung und eine positive Einstellung können die Erfolgschancen der Behandlung verbessern und die Lebensqualität erhöhen.
  • Langzeitverlauf: Der Langzeitverlauf ist individuell unterschiedlich. Viele Männer können nach entsprechender Behandlung Vater werden, während bei anderen die Unfruchtbarkeit bestehen bleibt.

Literatur 

  1. Datta J et al.: Prevalence of infertility and help seeking among 15.000 women and men. Hum Reprod. 2016 Sep;31(9):2108-18. doi: 10.1093/humrep/dew123.

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Fertilitätserhaltung bei onkologischen Therapien. (AWMF-Registernummer: 015 - 082), November 2017 Langfassung
  2. S2k-Leitlinie: Psychosomatisch orientierte Diagnostik und Therapie bei Fertilitätsstörungen. (AWMF-Registernummer: 016-003), Dezember 2019 Langfassung