Hodenhochstand (Maldeszensus testis) – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

  • Zeitgerechte Therapie: Die Behandlung sollte mit einem korrigierten Alter von sechs Monaten beginnen und möglichst bis zum Ende des ersten Lebensjahres, spätestens jedoch bis zum Alter von 18 Monaten, abgeschlossen sein. Eine verzögerte Therapie kann die Keimzellreifung (Reifung der Vorläufer der Samenzellen) und das spätere Fertilitätspotential (Fähigkeit zur späteren Fortpflanzung) beeinträchtigen [LL1, 3].
  • Weitere Therapieziele: Reduktion des Risikos für Hodentorsion (Verdrehung des Hodens) und testikuläre Neoplasien (Neubildungen des Hodengewebes) sowie Ermöglichung der klinischen Selbst- und Nachuntersuchung.

Therapieempfehlungen

  • Abwartendes Vorgehen bis zum sechsten Lebensmonat: Bis zu diesem Zeitpunkt kann ein spontaner Deszensus (selbstständiger Abstieg des Hodens) abgewartet werden. Nach dem korrigierten Alter von sechs Monaten ist ein spontaner Deszensus unwahrscheinlich [LL1, LL2].
  • Operative Therapie: Persistiert der Hodenhochstand (nicht vollständig abgestiegener Hoden), ist die Orchidopexie die Therapie der Wahl. Sie sollte vorzugsweise zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat, spätestens bis zum Alter von 18 Monaten, durchgeführt werden [LL1, 3]. Eine medikamentöse Behandlung darf die Operation nicht verzögern.
  • Einseitiger Maldeszensus testis (einseitiger Hodenhochstand): Eine Hormontherapie mit Gonadorelin beziehungsweise GnRH-Analoga oder humanem Choriongonadotropin (hCG) zur Induktion des Hodendeszensus wird nicht empfohlen. Die Erfolgsrate liegt nur bei etwa 20 %; zudem kommt es bei ungefähr 20 % der zunächst erfolgreich behandelten Kinder zu einem erneuten Hodenhochstand [LL1, LL2, 1].
  • Beidseitiger Maldeszensus testis: Nach der europäischen Leitlinie kann eine Behandlung mit einem GnRH-Analogon zur möglichen Verbesserung des späteren Fertilitätspotentials erwogen werden. Es handelt sich um eine schwache Empfehlung bei sehr niedriger Evidenzqualität; ein belastbarer Nachweis verbesserter langfristiger Fertilitäts- oder Vaterschaftsraten fehlt [LL1, 2, 5]. Die Orchidopexie wird hierdurch nicht ersetzt.
  • Therapie mit hCG: Eine routinemäßige hCG-Behandlung wird aufgrund der geringen Deszensusrate, fehlender langfristiger Wirksamkeitsnachweise und möglicher nachteiliger Wirkungen auf Keimzellen (Vorläufer der Samenzellen) nicht empfohlen [LL1, LL2, 1, 4].
  • Postoperative Hormontherapie: Eine routinemäßige Hormontherapie nach Orchidopexie kann nicht empfohlen werden. Beschriebene Verbesserungen histologischer Surrogatparameter (feingeweblicher Ersatzmessgrößen) sind klinisch nicht ausreichend validiert [LL1, 5].
  • Pendelhoden (beweglicher Hoden, der vorübergehend in die Leiste gleitet): Ein Pendelhoden bedarf keiner medikamentösen oder operativen Therapie. Aufgrund des Risikos eines sekundären Aszensus (späteres Hochsteigen des Hodens) sind jährliche Kontrollen bis zum Abschluss der Pubertät erforderlich [LL1].
  • Beidseits nicht palpable Hoden: Bei Neugeborenen mit beidseits nicht palpablen Hoden oder zusätzlichen Zeichen einer Störung der Geschlechtsentwicklung (angeborene Abweichung der Entwicklung der Geschlechtsmerkmale) ist unverzüglich eine kinderendokrinologische und genetische Abklärung erforderlich.

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Hormontherapie – keine Routinetherapie

Wirkstoff Besonderheiten
Gonadorelin
(GnRH beziehungsweise LH-RH)
Keine Routinetherapie zur Deszensusinduktion. Allenfalls bei beidseitigem Hodenhochstand zur möglichen Unterstützung des Fertilitätspotentials erwägen; schwache europäische Empfehlung bei sehr niedriger Evidenzqualität [LL1].
Humanes Choriongonadotropin
(hCG)
Keine routinemäßige Anwendung. Nicht bei ektopischer Hodenlage (Hodenlage außerhalb des normalen Abstiegswegs) oder anatomisch bedingtem Deszensushindernis (Abstiegshindernis). Eine Behandlung darf die zeitgerechte Orchidopexie nicht verzögern.
  • Wirkweise: Gonadorelin stimuliert die hypophysäre Freisetzung (Freisetzung aus der Hirnanhangsdrüse) von LH und FSH und dadurch die testikuläre Testosteronproduktion. hCG aktiviert den LH-Rezeptor der Leydig-Zellen (testosteronbildenden Zellen im Hoden) und steigert ebenfalls die Testosteronsynthese.
  • Indikationen: Keine routinemäßige pharmakologische Indikation beim einseitigen Maldeszensus testis. Eine GnRH-Behandlung kann bei beidseitigem Hodenhochstand nach kinderendokrinologischer beziehungsweise kinderurologischer Beurteilung zur möglichen Unterstützung des Fertilitätspotentials erwogen werden [LL1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den jeweiligen Wirkstoff oder einen Bestandteil des Arzneimittels; bei hCG organisch beziehungsweise anatomisch bedingtes Deszensushindernis, ektopische Hodenlage sowie ein Zustand nach bestimmten Leistenoperationen gemäß Fachinformation.
  • Nebenwirkungen: Vorübergehende Virilisierungszeichen (Zeichen einer verstärkten männlichen Geschlechtsentwicklung) mit Peniswachstum, Schambehaarung, Skrotalerythem (Rötung des Hodensacks) oder -pigmentierung; Reizbarkeit beziehungsweise aggressives Verhalten; Kopfschmerzen, Flush und gastrointestinale Beschwerden. Bei hCG zusätzlich Schmerzen an der Injektionsstelle. Für hCG wurden interstitielle testikuläre Blutungen (Blutungen im Hodenzwischengewebe) und eine gesteigerte Keimzellapoptose (programmierter Zelltod der Keimzellen) beschrieben [LL1, 4].

Beachte:

  • Historische Therapieempfehlung: Die inzwischen abgelaufene deutsche S2k-Leitlinie von 2016 führte eine sequenzielle Behandlung mit intranasalem Gonadorelin über vier Wochen und anschließend 500 I.E. hCG einmal wöchentlich über drei Wochen als mögliche Kombinationstherapie auf [LL3]. Diese Dosierungsfolge entspricht nicht mehr der aktuellen internationalen Standardtherapie.
  • Keine Überlegenheit der Kombinationstherapie: Die Aussage, eine sequenzielle GnRH-/hCG-Therapie sei wegen eines höheren Wirkungsgrades grundsätzlich vorzuziehen, ist durch die aktuelle Evidenz nicht hinreichend belegt und sollte nicht aufrechterhalten werden [LL1, 1].
  • Zulassung versus Leitlinienempfehlung: Eine arzneimittelrechtliche Zulassung für den Hodenhochstand ist nicht mit einer Empfehlung zur routinemäßigen Anwendung gleichzusetzen.
  • Zeitkritische Operation: Ein Therapieversuch mit Hormonen darf die Orchidopexie innerhalb des empfohlenen Zeitfensters nicht verzögern.

Abkürzungsverzeichnis

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • FSH: Follikelstimulierendes Hormon
  • GnRH: Gonadotropin-Releasing-Hormon
  • hCG: humanes Choriongonadotropin
  • I.E.: Internationale Einheiten
  • LH: Luteinisierendes Hormon
  • LH-RH: Luteinisierendes-Hormon-Releasing-Hormon
  • LL: Leitlinie
  • S2k: konsensbasierte S2-Leitlinie

Literatur

  1. Penson D, Krishnaswami S, Jules AL, McPheeters ML: Effectiveness of hormonal and surgical therapies for cryptorchidism: a systematic review. Pediatrics. 2013;131(6):e1897-e1907. doi: 10.1542/peds.2013-0072.
  2. Chua ME, Mendoza JS, Gaston MJV, Luna SL, Morales ML: Hormonal therapy using gonadotropin releasing hormone for improvement of fertility index among children with cryptorchidism: a meta-analysis and systematic review. J Pediatr Surg. 2014;49(11):1659-1667. doi: 10.1016/j.jpedsurg.2014.06.013.
  3. Allin BSR et al.: Systematic review and meta-analysis comparing outcomes following orchidopexy for cryptorchidism before or after 1 year of age. BJS Open. 2018;2(1):1-12. doi: 10.1002/bjs5.36.
  4. Dunkel L et al.: Germ cell apoptosis after treatment of cryptorchidism with human chorionic gonadotropin is associated with impaired reproductive function in the adult. J Clin Invest. 1997;100(9):2341-2346. doi: 10.1172/JCI119773.
  5. Rajagukguk F et al.: Impact of hormonal and surgical interventions versus surgery alone on fertility potential in undescended testes: a systematic review and meta-analysis. J Pediatr Urol. 2025; online ahead of print. doi: 10.1016/j.jpurol.2025.09.009.
  6. Pakkasjärvi N, Taskinen S: Surgical treatment of cryptorchidism: current insights and future directions. Front Endocrinol (Lausanne). 2024;15:1327957. doi: 10.3389/fendo.2024.1327957.

Leitlinien

  1. European Association of Urology: EAU Guidelines on Paediatric Urology. Limited Update March 2026. Langfassung [LL1]
  2. American Urological Association: Evaluation and Treatment of Cryptorchidism. Aktualisierung 2025. Leitlinie [LL2]
  3. S2k-Leitlinie: Hodenhochstand – Maldescensus testis. (AWMF-Registernummer: 006 - 022), August 2016; gültig bis Juli 2021, abgelaufen Langfassung [LL3]

Fachinformation

  1. Kryptocur® Nasenspray (Gonadorelin): CHEPLAPHARM Arzneimittel GmbH; aktuelle Fachinformation.
  2. BREVACTID® 1500 I.E. (Choriongonadotropin): Ferring GmbH; Fachinformation, Stand Januar 2017. Verfügbarkeit und Aktualität der Produktinformation sind vor einer Verordnung zu prüfen.