Stridor – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

Rasche Verminderung einer behandelbaren Atemwegsschwellung und gezielte Behandlung der zugrunde liegenden Ursache. Stridor ist ein Symptom; eine ursachenunabhängige medikamentöse Standardtherapie besteht nicht.

Therapieempfehlungen

Akuter Stridor mit Atemnot, ausgeprägten Einziehungen (sichtbares Einziehen der Haut zwischen den Rippen oder am Hals beim Atmen), Zyanose (bläuliche Verfärbung von Haut oder Lippen durch Sauerstoffmangel) oder Bewusstseinsstörung ist ein Notfall: Notruf 112, frühzeitige anästhesiologische und HNO-ärztliche Unterstützung sowie erforderlichenfalls unverzügliche Atemwegssicherung. Medikamente dürfen diese nicht verzögern. Ein leiser werdender Stridor bei zunehmender Erschöpfung kann eine Verschlechterung anzeigen. Sauerstoff behandelt eine Hypoxämie (zu niedrigen Sauerstoffgehalt im Blut), beseitigt aber die Atemwegsverengung nicht [LL1, LL2].

  • Pseudokrupp (meist virusbedingte Entzündung mit Schwellung unterhalb der Stimmlippen): Dexamethason; bei relevantem Stridor in Ruhe beziehungsweise mittelschwerem bis schwerem Verlauf zusätzlich vernebeltes Adrenalin. Wegen der vorübergehenden Adrenalinwirkung mindestens 3 Stunden nach der letzten Inhalation beobachten; Entlassung erst bei stabilem Verlauf ohne Stridor in Ruhe. Bei wiederholtem Adrenalinbedarf oder unzureichendem Ansprechen stationäre Weiterbehandlung. Keine routinemäßigen Antibiotika oder Antitussiva; siehe Pseudokrupp/Pharmakotherapie [1, LL1, LL3].
  • Anaphylaxie (schwere allergische Allgemeinreaktion) mit Kehlkopfbeteiligung: Adrenalin sofort intramuskulär. Vernebeltes Adrenalin kann bei ausgeprägter oberer Atemwegsschwellung ergänzen, ersetzt die intramuskuläre Gabe jedoch nicht. Antihistaminika behandeln vor allem Hautsymptome. Glucocorticoide wirken nicht ausreichend rasch und verhindern biphasische Reaktionen (erneutes Auftreten von Beschwerden nach vorübergehender Besserung) nicht zuverlässig; sie sind keine routinemäßige Erstlinientherapie. Beide Wirkstoffgruppen dürfen die Adrenalingabe nicht verzögern; siehe Anaphylaxie/Pharmakotherapie [LL4, LL5].
  • Bradykininvermitteltes Angioödem (durch den Botenstoff Bradykinin ausgelöste Schwellung tieferer Haut- oder Schleimhautschichten): Bei hereditärem Angioödem (erblich bedingter Erkrankung mit wiederkehrenden Schwellungsattacken) frühzeitig eine spezifische Akuttherapie, insbesondere intravenösen C1-Esterase-Inhibitor oder subkutanes Icatibant, einsetzen. Kehlkopfbeteiligung erfordert unabhängig vom initialen Ansprechen eine Notfallbehandlung. Bei ACE-Hemmer-assoziiertem Angioödem den Auslöser dauerhaft absetzen; eine Übertragung der HAE-Therapie ist wegen abweichender Zulassung und uneinheitlicher Evidenz keine pauschale Standardempfehlung. Antihistaminika und Glucocorticoide sind bei rein bradykininvermitteltem Mechanismus nicht wirksam. Bei unklarem Mechanismus und möglicher Anaphylaxie deren Notfalltherapie nicht vorenthalten; siehe Angioödem/Pharmakotherapie [LL4, LL6, LL7, FI1, FI2].
  • Epiglottitis (Entzündung des Kehldeckels), bakterielle Tracheitis (bakterielle Entzündung der Luftröhre) oder tiefer Halsabszess (Eiteransammlung im tiefen Halsgewebe): Stationäre Notfalltherapie mit frühzeitiger Atemwegsbeurteilung und intravenösen Antibiotika entsprechend Infektionsherd, Erregerspektrum und lokaler Resistenzlage; gegebenenfalls Abszessdrainage. Medikamente zur Abschwellung ersetzen weder die antiinfektive Behandlung noch die erforderliche Atemwegssicherung; siehe die jeweiligen Erkrankungskapitel [LL2].
  • Fremdkörper, strukturelle Stenose (durch Gewebeveränderungen bedingte Verengung) oder Stimmlippenlähmung (eingeschränkte oder fehlende Beweglichkeit einer oder beider Stimmlippen): Vorrangig ursachenbezogene interventionelle beziehungsweise operative Behandlung. Bei induzierbarer laryngealer Obstruktion (durch bestimmte Auslöser hervorgerufener vorübergehender Verengung des Kehlkopfs) gezielte Atem- und logopädische Therapie; keine pauschale Asthmamedikation ohne entsprechende Begleiterkrankung. Siehe Fremdkörperaspiration (Einatmen eines Fremdkörpers in die Atemwege) und die jeweiligen Grunderkrankungen [LL2, LL8].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Die Auswahl richtet sich nach der gesicherten oder im Notfall wahrscheinlichsten Ursache. Dosierungen gelten ausschließlich für die jeweils angegebene Indikation; Zulassung, Altersgrenzen und Applikationsweg des verwendeten Präparats beachten.

Sympathomimetika

Wirkstoff Besonderheiten
Adrenalin, intramuskulär Erstlinientherapie der Anaphylaxie. Intravenöse Anwendung bei erhaltenem Kreislauf ausschließlich durch entsprechend erfahrene Spezialisten unter geeigneter Überwachung; keine routinemäßige intravenöse Bolusgabe [LL4, LL5].
Adrenalin, vernebelt Rasche, zeitlich begrenzte Wirkung. Weitere Behandlung und Beobachtung erforderlich. Zulassungsstatus des Präparats prüfen. Bei Anaphylaxie lediglich ergänzend zur intramuskulären Gabe [LL1, LL3, LL4].
  • Wirkweise: Vasokonstriktion (Verengung der Blutgefäße) vermindert die Schleimhautschwellung; bei systemischer Anwendung zusätzlich Kreislaufstabilisierung und Bronchodilatation (Erweiterung der Bronchien).
  • Indikation: Anaphylaxie intramuskulär; Pseudokrupp mit relevanter Atemwegsobstruktion (Verengung oder Verlegung der Atemwege) vernebelt. Bei anderen bedrohlichen oberen Atemwegsschwellungen gegebenenfalls überbrückende Anwendung unter fachärztlicher Verantwortung.
  • Kontraindikationen: Bei lebensbedrohlicher Anaphylaxie besteht keine absolute Kontraindikation gegen intramuskuläres Adrenalin. Kardiovaskuläre Begleiterkrankungen (zusätzliche Erkrankungen des Herzens oder der Blutgefäße) erfordern Überwachung, rechtfertigen aber kein Vorenthalten der Notfallbehandlung.
  • Nebenwirkungen: Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Tremor (Zittern) und Blutdruckanstieg; insbesondere bei Überdosierung oder ungeeigneter intravenöser Anwendung Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen) und Myokardischämie (Minderdurchblutung des Herzmuskels).

Glucocorticoide

Wirkstoff Besonderheiten
Dexamethason Dosierung nach RCH-Leitlinie; international wird auch 0,6 mg/kg Körpergewicht über alle Schweregrade verwendet. Keine routinemäßigen Wiederholungsdosen. Zulassungsstatus und Darreichungsform beachten [1, LL1, LL3].
  • Wirkweise: Entzündungshemmung und Rückgang der Schleimhautschwellung; verzögerter Wirkungseintritt.
  • Indikation: Pseudokrupp; weitere entzündliche Atemwegsschwellungen nur nach ursachenspezifischer Beurteilung. Kein Ersatz für Adrenalin bei Anaphylaxie.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Wirkstoff oder Bestandteile; weitere Gegenanzeigen und Infektionsrisiken präparatebezogen berücksichtigen. Bei vital bedrohlicher Situation Nutzen und Risiken der kurzfristigen Gabe individuell abwägen.
  • Nebenwirkungen: Unter anderem vorübergehende Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker), Unruhe und gastrointestinale Beschwerden (Beschwerden des Magen-Darm-Trakts); bei wiederholter oder längerer Anwendung zusätzliche systemische Risiken.

Spezifische Arzneimittel beim hereditären Angioödem

Wirkstoff Besonderheiten
Humaner C1-Esterase-Inhibitor, z. B. Berinert zur intravenösen Akuttherapie Dosierung präparatespezifisch. Subkutane Prophylaxepräparate sind kein Ersatz für die Akuttherapie. Bei Kehlkopfbeteiligung unverzügliche medizinische Überwachung und Bereitschaft zur Atemwegssicherung [LL6, LL7, FI1].
Icatibant Bei Kehlkopfbeteiligung stets medizinische Überwachung. Pädiatrische Wiederholungsbehandlung nicht aus dem Erwachsenenschema ableiten; die Fachinformation enthält hierfür keine entsprechende Dosierungsempfehlung [FI2].
  • Wirkweise: C1-Esterase-Inhibitor begrenzt die Bradykininbildung; Icatibant blockiert den Bradykinin-B2-Rezeptor.
  • Indikation: Akute Attacken eines hereditären Angioödems entsprechend der jeweiligen Zulassung.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den jeweiligen Wirkstoff oder Bestandteile.
  • Nebenwirkungen: C1-Esterase-Inhibitor: Überempfindlichkeitsreaktionen; thromboembolische Ereignisse (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel) insbesondere bei entsprechender Risikokonstellation berücksichtigen. Icatibant: sehr häufig lokale Injektionsreaktionen [FI1, FI2].

Beachte

Keine empirische Sedierung bei ungesichertem verengtem Atemweg. Bronchodilatatoren behandeln einen begleitenden Bronchospasmus (krampfartige Verengung der Bronchien), nicht die obere Atemwegsobstruktion. Bei fehlendem Ansprechen Diagnose und Notwendigkeit der Atemwegssicherung unverzüglich erneut beurteilen [LL2, LL4].

Abkürzungsverzeichnis

  • ACE: Angiotensin-Converting-Enzym; ACE-Hemmer werden unter anderem bei Bluthochdruck und Herzschwäche eingesetzt.
  • EAACI: European Academy of Allergy and Clinical Immunology.
  • FI: Fachinformation.
  • HAE: hereditäres Angioödem.
  • HNO: Hals-Nasen-Ohren.
  • IU: International Units; Internationale Einheiten.
  • LL: Leitlinie oder Handlungsempfehlung.
  • RCH: Royal Children's Hospital Melbourne.
  • WAO: World Allergy Organization.

Literatur

  1. Aregbesola A, Tam CM, Kothari A et al.: Glucocorticoids for croup in children. Cochrane Database Syst Rev. 2023;1:CD001955. doi: 10.1002/14651858.cd001955.pub5.

Leitlinien und Handlungsempfehlungen

  1. Royal Children's Hospital Melbourne: Croup (Laryngotracheobronchitis). September 2024. Volltext [LL1]
  2. Royal Children's Hospital Melbourne: Acute upper airway obstruction. März 2021. Volltext [LL2]
  3. Canadian Paediatric Society: Acute management of croup in the emergency department. Aktualisiert März 2026. Volltext [LL3]
  4. Resuscitation Council UK: Emergency treatment of anaphylaxis. Guidelines for healthcare providers. Mai 2021. Langfassung [LL4]
  5. Resuscitation Council UK: Special circumstances Guidelines. 2025. Volltext [LL5]
  6. Maurer M, Magerl M, Betschel S et al.: The international WAO/EAACI guideline for the management of hereditary angioedema - The 2021 revision and update. Allergy. 2022;77:1961-1990. doi: 10.1111/all.15214 [LL6]
  7. World Allergy Organization: The 2025 WAO Guidelines for the classification, diagnosis, and treatment of hereditary angioedema, with consideration of worldwide disparities. World Allergy Organ J. 2026;19:101335. doi: 10.1016/j.waojou.2026.101335 [LL7]
  8. European Respiratory Society und European Laryngological Society: Inducible laryngeal obstruction: an official joint statement. Eur Respir J. 2017;50:1602221. doi: 10.1183/13993003.02221-2016 [LL8]

Fachinformationen

  1. CSL Behring: Berinert 1500 IU. Summary of Product Characteristics. Fachinformation [FI1]
  2. European Medicines Agency: Firazyr. Produktinformation. Produktinformation und Sprachfassungen [FI2]