Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis) – Medikamentöse Therapie
Die folgenden Dosierungsangaben gelten für Erwachsene. Anpassungen an Organfunktion, Körpergewicht, Begleiterkrankungen und die jeweilige Fachinformation sind erforderlich.
Therapieziele
- Akute Pankreatitis: wirksame Schmerzlinderung, Sicherung der Organperfusion (Durchblutung der Organe), Vermeidung von Flüssigkeitsüberlastung und Mangelernährung sowie gezielte Behandlung infektiöser und anderer Komplikationen.
- Chronische Pankreatitis: Schmerzkontrolle, Behandlung der exokrinen und endokrinen Pankreasinsuffizienz (unzureichenden Bildung von Verdauungssäften und Hormonen in der Bauchspeicheldrüse), Erhalt des Ernährungszustands und Vermeidung weiterer Krankheitsschübe.
Therapieempfehlungen bei akuter Pankreatitis
Stationäre Behandlung und Überwachung
- Frühzeitige Klinikeinweisung: Eine akute Pankreatitis erfordert in der Regel eine stationäre Behandlung. Kreislauf, Atmung, Nierenfunktion und klinischer Verlauf werden wiederholt beurteilt; ein einzelner Risikoscore ersetzt diese Verlaufskontrolle nicht [LL1, LL2].
- Intensivmedizinische Betreuung: bei Schock (lebensbedrohlicher Zustand mit unzureichender Organdurchblutung), respiratorischem Versagen (schwere Störung der Atmung), akutem Nierenversagen (plötzliche starke Verschlechterung der Nierenfunktion) oder anderem relevanten Organversagen. Eine schwere akute Pankreatitis ist durch persistierendes Organversagen über mehr als 48 Stunden definiert; bei entsprechender Gefährdung darf eine Verlegung nicht bis zu diesem Zeitpunkt verzögert werden [LL1, LL2].
- Ursachenbehandlung: Auslösende Arzneimittel bei begründetem Verdacht absetzen beziehungsweise ersetzen; bei biliärer (die Gallenwege betreffender) Pankreatitis mit Cholangitis (Entzündung der Gallenwege) dringliche ERCP, in der Regel innerhalb von 24 Stunden. Ohne Cholangitis oder fortbestehende Gallengangsobstruktion (Verschluss eines Gallengangs) ist eine routinemäßige frühe ERCP nicht angezeigt [LL1, LL2].
Flüssigkeits- und Elektrolyttherapie
- Bedarfsgesteuerte Volumentherapie: bevorzugt balancierte kristalloide Lösungen, insbesondere Ringer-Lactat. Keine pauschale aggressive Flüssigkeitszufuhr und keine festen Tagesziele von beispielsweise 8 l. Wiederholte Bolusgaben allein wegen einer erhöhten Lipase oder einer vermuteten Flüssigkeitssequestration (Ansammlung von Flüssigkeit außerhalb des Blutkreislaufs) sind nicht gerechtfertigt [2, LL2].
- Praktischer Ausgangspunkt: Bei fehlendem Schock und ohne Zeichen einer Flüssigkeitsüberlastung kann initial eine Rate von etwa 1,5 ml/kg Körpergewicht pro Stunde gewählt werden. Bei gesicherter Hypovolämie (zu geringe Flüssigkeitsmenge im Blutkreislauf) kann ein Bolus von etwa 10 ml/kg Körpergewicht sinnvoll sein; anschließend unmittelbar das Ansprechen prüfen. Dies ist kein starres Schema für Patienten mit Schock, bereits bestehendem Organversagen, Herzinsuffizienz (eingeschränkter Pumpfunktion des Herzens) oder relevanter Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) [2, LL2].
- Frühzeitige Anpassung: erste strukturierte Neubewertung spätestens innerhalb von 6 Stunden, bei Instabilität wesentlich früher; weitere engmaschige Kontrollen während der ersten 24-48 Stunden. Beurteilt werden Blutdruck, Herzfrequenz, Rekapillarisierung, Bewusstseinslage, Urinausscheidung, Flüssigkeitsbilanz, Gewicht, Oxygenierung sowie Harnstoff, Creatinin und Hämatokrit. Eine Urinausscheidung von mindestens 0,5 ml/kg Körpergewicht pro Stunde ist ein Orientierungswert; isolierte Labor- oder ZVD-Zielwerte dürfen keine weitere Volumengabe erzwingen [2, LL2].
- Überlastung vermeiden: Bei zunehmendem Sauerstoffbedarf, pulmonaler Stauung (Flüssigkeitsstau in der Lunge), Ödemen (Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe) oder fehlender Volumenreagibilität Infusionsrate reduzieren beziehungsweise pausieren und die Ursache der Kreislaufstörung neu bewerten. Nach Stabilisierung und ausreichender oraler Zufuhr intravenöse Flüssigkeit zurücknehmen. Bei Schock gegebenenfalls Vasopressoren unter intensivmedizinischer Überwachung [LL2].
- Elektrolyte: Kalium, Magnesium, Phosphat und Calcium kontrollieren und klinisch relevante Defizite gezielt korrigieren. Eine asymptomatische Hypocalcämie (zu niedriger Calciumspiegel im Blut) begründet keine routinemäßige intravenöse Calciumgabe [LL1].
Ernährung
- Keine routinemäßige Nahrungskarenz: Bei milder Pankreatitis frühe orale Ernährung nach Verträglichkeit, möglichst innerhalb von 24-48 Stunden. Ein Einstieg mit fettarmer weicher oder fester Kost ist möglich; ein obligatorischer Kostaufbau über klare Flüssigkeiten und das Abwarten einer Lipasenormalisierung sind nicht erforderlich [LL2, LL3].
- Enterale Ernährung bevorzugen: Ist die orale Zufuhr nicht ausreichend möglich, frühzeitig Sondenernährung, im Allgemeinen innerhalb von 24-72 Stunden. Eine nasogastrale Sonde ist meist ausreichend; eine nasojejunale Zufuhr kommt insbesondere bei gastraler Unverträglichkeit oder Entleerungsstörung infrage. Eine Standardsondennahrung ist in der Regel geeignet [LL3].
- Parenterale Ernährung: nur bei Kontraindikation, Unverträglichkeit oder unzureichender Bedarfsdeckung durch enterale Ernährung. Eine parenterale Ernährung allein zur vermeintlichen „Ruhigstellung“ der Bauchspeicheldrüse ist nicht angezeigt. Bei unkontrolliertem Schock, Darmischämie (unzureichender Durchblutung des Darms) oder mechanischem Ileus (Darmverschluss) keine unkritische enterale Zufuhr [LL3].
- Magensonde zur Entlastung: bei anhaltendem Erbrechen, relevanter Magenentleerungsstörung oder Ileus, nicht routinemäßig bei allen Patienten. Bei Mangelernährung oder länger deutlich eingeschränkter Nahrungsaufnahme Refeeding-Risiko berücksichtigen; Thiamin vor beziehungsweise mit Beginn der Ernährung sowie Elektrolytkorrektur und stufenweisen Ernährungsaufbau nach individuellem Risiko planen [LL1, LL3].
Analgesie und weitere medikamentöse Maßnahmen
- Analgesie: unverzüglich und nach Schmerzintensität titriert. Bei starken Schmerzen direkt ein starkes Opioid einsetzen; ein schematisches Durchlaufen sämtlicher WHO-Stufen ist bei akutem schwerem Schmerz nicht erforderlich. Eine Kombination mit einem Nichtopioidanalgetikum kann sinnvoll sein. Intravenöse Gabe bei Erbrechen, unzuverlässiger Resorption (Aufnahme von Stoffen in den Körper) oder erforderlicher schneller Titration; ansonsten ist eine orale Behandlung möglich [LL1].
- Regionalanalgesie: Eine Periduralanalgesie ist eine anästhesiologische Einzelfallentscheidung bei schwer behandelbaren Schmerzen. Sie ist keine Standardmaßnahme zur Verhinderung von Organversagen. Keine routinemäßige systemische Behandlung mit Procain oder Bupivacain [LL1].
- Keine Probiotikaprophylaxe: Probiotika zur Vermeidung infektiöser Komplikationen bei akuter Pankreatitis nicht einsetzen [LL1, LL6].
- Keine etablierte spezifische Arzneimitteltherapie: Antiproteasen, Somatostatinanaloga oder intravenöse Antioxidantien werden nicht routinemäßig zur Behandlung der akuten Pankreatitis eingesetzt. Für die untersuchte Kombination aus N-Acetylcystein, Selen und Vitamin C wurde kein klinischer Nutzen gezeigt [1, LL1].
- Begleitmaßnahmen: Antiemetika bei Bedarf; medikamentöse Thromboembolieprophylaxe nach individuellem Thrombose- und Blutungsrisiko. Eine Stressulkusprophylaxe nur bei entsprechender intensivmedizinischer Risikokonstellation, nicht allein aufgrund der Diagnose Pankreatitis [LL1].
- Hypertriglyceridämie (erhöhte Konzentration bestimmter Blutfette): Standardbehandlung der akuten Pankreatitis und Behandlung einer begleitenden diabetischen Entgleisung; Insulin insbesondere bei Hyperglykämie (zu hoher Blutzucker) beziehungsweise Insulinmangel. Keine routinemäßige Heparingabe zur Triglyceridsenkung. Eine Plasmaaustauschbehandlung ist keine allgemeine Standardtherapie; bei ausgewählten schweren oder therapierefraktären Verläufen interdisziplinär erwägen. Ein gesicherter Vorteil hinsichtlich klinischer Endpunkte ist nicht belegt; die kleine randomisierte Vergleichsstudie rechtfertigt keinen universellen Einsatz [3].
Antibiotikatherapie: nur bei Infektion
- Keine prophylaktischen Antibiotika: auch nicht bei schwerer akuter Pankreatitis, ausgedehnten sterilen Nekrosen (abgestorbene Gewebebereiche) oder sterilen Flüssigkeitskollektionen. Eine Nekrose oder Pseudozyste (flüssigkeitsgefüllter Hohlraum ohne typische Zystenauskleidung) allein ist keine Antibiotikaindikation [LL1, LL2, LL4, LL6].
- Behandlungsindikation: nachgewiesene oder klinisch stark vermutete infizierte Nekrose, beispielsweise bei Gasnachweis in einer Kollektion, Bakteriämie (Vorhandensein von Bakterien im Blut), Sepsis (lebensbedrohliche Reaktion des Körpers auf eine Infektion) oder entsprechender klinischer Verschlechterung; außerdem eigenständig behandlungsbedürftige Infektionen wie Cholangitis oder Pneumonie (Lungenentzündung). Fieber und erhöhte Entzündungsparameter allein können Ausdruck der sterilen Entzündung sein [LL2, LL4, LL6].
- Erregerdiagnostik und Auswahl: möglichst Blutkulturen vor Therapiebeginn sowie Material bei Drainage gewinnen; bei Sepsis den Therapiebeginn dadurch nicht verzögern. Eine diagnostische Feinnadelpunktion ist nicht routinemäßig erforderlich. Initiale Therapie nach Schweregrad, Erwerbssituation, Vorantibiotika, Besiedlung, lokaler Resistenzlage und erwarteter Gewebegängigkeit; gramnegative und grampositive Erreger sowie Anaerobier (Bakterien, die ohne Sauerstoff wachsen können) berücksichtigen [LL4].
- Gezielter Reserveeinsatz: Piperacillin/Tazobactam kann bei geeigneter Resistenzlage infrage kommen; Meropenem insbesondere bei kritischer Erkrankung und relevantem ESBL-Risiko. Keine automatische Carbapenemgabe bei jeder Nekrose. Fluorchinolone wegen Resistenzlage und schwerwiegender Nebenwirkungen nicht routinemäßig einsetzen. Keine routinemäßige zusätzliche Gabe von Vancomycin oder Antimykotika [LL1, LL4, FI3, FI4].
- Deeskalation und Therapiedauer: mikrobiologische Befunde und klinisches Ansprechen täglich bewerten, nach Möglichkeit nach 48-72 Stunden gezielt verschmälern oder bei entkräftetem Infektionsverdacht beenden. Für infizierte Pankreasnekrosen existiert keine allgemein gültige Mindestdauer von 7-10 Tagen. Dauer nach klinischem Verlauf, Bakteriämie, verbleibendem infiziertem Gewebe und erfolgreicher Herdkontrolle festlegen; keine automatische Fortführung bis zur vollständigen radiologischen Rückbildung [LL4].
- Herdkontrolle: Antibiotika ersetzen eine notwendige Drainage oder Nekrosebehandlung nicht. Bei stabilen Patienten Intervention möglichst bis zur Abkapselung der Nekrose, meist etwa 4 Wochen, aufschieben; bei unkontrollierter Sepsis oder Verschlechterung früher handeln. Bevorzugt stufenweises Vorgehen im spezialisierten Zentrum [LL2, LL4].
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Balancierte kristalloide Infusionslösungen
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ringer-Lactat | Fortlaufend nach Perfusion, Organfunktion und Überlastungszeichen anpassen; keine feste Tagesmenge. Bei Schock und kardialer oder renaler Einschränkung individuelles Vorgehen [2, LL2]. |
- Wirkweise: Ersatz intravasaler Flüssigkeitsverluste und Verbesserung der Organperfusion.
- Indikationen: Hypovolämie oder unzureichende orale Flüssigkeitsaufnahme bei akuter Pankreatitis.
- Kontraindikationen: weitere ungezielte Volumenzufuhr bei Hypervolämie (zu große Flüssigkeitsmenge im Blutkreislauf); produktabhängige Gegenanzeigen und Elektrolytzusammensetzung beachten.
- Nebenwirkungen: Flüssigkeitsüberlastung, Lungenödem (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge) und Elektrolytverschiebungen.
Nichtopioidanalgetika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Metamizol | Intravenös langsam und unter Kreislaufüberwachung; bei eingeschränkter Organfunktion wiederholte hohe Dosen vermeiden. Arzneiform und aktuelle Fachinformation beachten. Agranulozytoserisiko unabhängig von Dosis und früherer Verträglichkeit [FI1]. |
- Wirkweise: analgetisch, antipyretisch und spasmolytisch.
- Indikationen: starke Schmerzen; gegebenenfalls Bestandteil einer multimodalen Analgesie.
- Kontraindikationen: unter anderem frühere metamizol- beziehungsweise pyrazolonbedingte Agranulozytose (starker Mangel an bestimmten weißen Blutkörperchen), beeinträchtigte Knochenmarkfunktion oder Erkrankungen des blutbildenden Systems; weitere produktbezogene Gegenanzeigen beachten.
- Nebenwirkungen: Agranulozytose, anaphylaktische Reaktionen, Hypotonie (niedriger Blutdruck) und arzneimittelbedingte Leberschädigung. Bei Fieber, Schüttelfrost, Halsschmerzen oder schmerzhaften Schleimhautveränderungen sofort absetzen und unverzüglich Differenzialblutbild veranlassen; Antibiotika können Warnsymptome verschleiern [FI1].
Opioidanalgetika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Morphin | Überwachung von Atmung und Kreislauf; bei älteren Patienten sowie Nieren- oder Leberinsuffizienz Dosis reduzieren beziehungsweise Alternative wählen. Naloxon muss verfügbar sein [FI2]. |
- Wirkweise: vorwiegend Agonismus an μ-Opioidrezeptoren.
- Indikationen: starke Schmerzen bei akuter Pankreatitis; bei chronischer Pankreatitis nur nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung.
- Kontraindikationen: insbesondere relevante ungesicherte Atemdepression (verlangsamte oder abgeschwächte Atmung) und paralytischer Ileus; besondere Vorsicht bei Kreislaufinstabilität und gleichzeitigen sedierenden Arzneimitteln.
- Nebenwirkungen: Atemdepression, Sedierung (medikamentös herbeigeführte Beruhigung), Hypotonie, Übelkeit, Erbrechen, Obstipation (Verstopfung) und Harnverhalt (Unfähigkeit, die Blase vollständig zu entleeren); bei längerer Anwendung Toleranz und Abhängigkeit.
Acylaminopenicilline mit Beta-Lactamase-Inhibitor – ausschließlich bei Infektion
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Piperacillin/Tazobactam | An Nierenfunktion und Erregerempfindlichkeit anpassen; bei kritischer Erkrankung verlängerte Infusion nach lokalem Protokoll erwägen. Nicht als bevorzugte Therapie einer ESBL-Bakteriämie verwenden [FI3]. |
- Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese mit Schutz vor bestimmten Beta-Lactamasen.
- Indikationen: geeignete komplizierte intraabdominelle Infektion einschließlich infizierter Nekrose bei voraussichtlich empfindlichen Erregern.
- Kontraindikationen: Penicillinallergie oder schwere unmittelbare allergische Reaktion auf andere Beta-Lactam-Antibiotika.
- Nebenwirkungen: allergische Reaktionen, Diarrhoe einschließlich Clostridioides-difficile-Infektion, Blutbildveränderungen, Nierenfunktionsstörungen und Hypokaliämie (zu niedriger Kaliumspiegel im Blut).
Carbapeneme – Reserve bei entsprechender Infektion
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Meropenem | Bei Niereninsuffizienz anpassen; verlängerte Infusion gegebenenfalls nach lokalem Protokoll. Wechselwirkung mit Valproat beachten. Keine zusätzliche routinemäßige Anaerobierabdeckung mit Metronidazol erforderlich [FI4]. |
- Wirkweise: bakterizide Hemmung der Zellwandsynthese mit breitem Spektrum einschließlich vieler ESBL-bildender Enterobacterales und Anaerobier.
- Indikationen: schwere infizierte Nekrose beziehungsweise komplizierte intraabdominelle Infektion mit entsprechendem Erreger- oder Resistenzrisiko.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Carbapeneme oder schwere allergische Reaktionen gegen andere Beta-Lactam-Antibiotika.
- Nebenwirkungen: allergische Reaktionen, Diarrhoe, Clostridioides-difficile-Infektion, Blutbild- und Leberwertveränderungen sowie Neurotoxizität (Schädigung des Nervensystems durch einen Stoff) bis zu Krampfanfällen, insbesondere bei Akkumulation.
Therapieempfehlungen bei chronischer Pankreatitis
- Akuter Schub: bei Vorliegen einer akuten Pankreatitis Behandlung nach den oben genannten Prinzipien. Alkohol- und Tabakabstinenz sowie die Behandlung auslösender Faktoren sind wesentliche Bestandteile der Rezidivprävention [LL1].
- Schmerztherapie: individuell und multimodal; bei anhaltenden Schmerzen nach behandelbaren Ursachen wie Gangobstruktion (Verschluss eines Gangs), Pseudozyste oder Malignom (bösartiger Tumor) suchen. Bei deutlich erweitertem Pankreasgang frühzeitig endoskopische beziehungsweise operative Behandlung prüfen. Keine unkritische dauerhafte Opioideskalation; nach der S3-Leitlinie nicht länger als 6 Monate allein mit Opioiden behandeln, bevor eine operative Therapie empfohlen wird [LL1].
- Exokrine Pankreasinsuffizienz: Enzymsubstitution bei gesicherter oder klinisch hinreichend wahrscheinlicher Insuffizienz mit Maldigestion (gestörter Verdauung der Nahrung), Steatorrhoe (Fettausscheidung im Stuhl), Gewichtsverlust oder Mangelernährung. Nicht auf ausgeprägte Steatorrhoe oder einen bestimmten Stuhlfettgrenzwert warten. Enzyme während der Mahlzeit, bei mehreren Kapseln über die Mahlzeit verteilt, einnehmen; Erfolg anhand von Stuhl, Beschwerden, Gewicht und Ernährungszustand beurteilen [LL1, LL3].
- Unzureichendes Enzymansprechen: zuerst Einnahmezeitpunkt, Adhärenz und Dosis prüfen; Dosis gegebenenfalls verdoppeln. Bei weiterhin unzureichendem Ansprechen zeitlich begrenzten zusätzlichen PPI-Versuch erwägen und andere Ursachen der Beschwerden abklären. Enzyme sind keine alleinige Schmerztherapie [LL1].
- Ernährung: ausreichende Energie- und Proteinzufuhr, keine pauschale strenge Fettrestriktion bei wirksamer Enzymsubstitution. Nachgewiesene Mangelzustände gezielt behandeln; keine undifferenzierte medikamentöse Mikronährstoffbehandlung [LL3].
- Diabetes mellitus bei Pankreaserkrankung: individuell diabetologisch behandeln. Bei relevantem Insulinmangel, deutlicher Hyperglykämie oder Mangelernährung häufig Insulin erforderlich. Bei milder Hyperglykämie und Insulinresistenz (verminderter Wirkung von Insulin) kann Metformin bei Verträglichkeit und fehlenden Gegenanzeigen erwogen werden. Erhöhte Hypoglykämiegefahr (Gefahr eines zu niedrigen Blutzuckers) durch gestörte Glucagon-Gegenregulation beachten; Enzymtherapie und Ernährung mit der Diabetestherapie abstimmen [LL1].
- Autoimmunpankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse durch eine fehlgeleitete Abwehrreaktion): Glucocorticoide ausschließlich nach gesicherter Diagnose und fachärztlicher Indikationsstellung, insbesondere nach Ausschluss eines Pankreaskarzinoms. Keine empirische Steroidtherapie einer ungeklärten Pankreatitis. Induktion, Ausschleichen und gegebenenfalls rückfallverhütende Therapie erfolgen im spezialisierten Zentrum [LL1].
- Antibiotika: keine prophylaktische Anwendung bei chronischer Pankreatitis [LL1].
Pankreasenzyme
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Pankreatin, magensaftresistente Zubereitung | Während der Mahlzeit einnehmen; magensaftresistente Partikel nicht zerkauen. Bei hohen Dosen produktbezogene Grenzen beachten. Schweineproteinallergie berücksichtigen [LL1, FI5]. |
- Wirkweise: Ersatz fehlender Verdauungsenzyme im Dünndarm.
- Indikationen: exokrine Pankreasinsuffizienz, auch als Folge einer schweren akuten Pankreatitis; keine routinemäßige Gabe bei jeder akuten Pankreatitis.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Bestandteile des Präparats; Anwendung bei akuter Pankreatitis beziehungsweise akutem Schub nach jeweiliger Fachinformation und klinischer Situation beurteilen.
- Nebenwirkungen: Bauchbeschwerden, Übelkeit, Diarrhoe oder Obstipation und allergische Reaktionen; selten fibrosierende Kolonopathie (vernarbende Erkrankung des Dickdarms) unter sehr hohen Dosen, insbesondere bei Mukoviszidose (erblich bedingter Erkrankung mit Bildung zähen Schleims).
Wirkstoffe (Nebenindikationen)
Protonenpumpeninhibitoren
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Omeprazol | Zusatz bei unzureichender Enzymwirkung trotz optimierter Einnahme und Dosis; Stressulkusprophylaxe nur bei entsprechender Risikokonstellation nach Klinikstandard. Keine routinemäßige Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz; bei Leberinsuffizienz Dosisbegrenzung beachten. Interaktion mit Clopidogrel berücksichtigen [LL1, FI6]. |
- Wirkweise: Hemmung der gastralen H+/K+-ATPase und damit der Säuresekretion.
- Indikationen: ausgewählte Patienten mit unzureichendem Ansprechen auf optimierte Enzymsubstitution; gesonderte säureassoziierte Erkrankungen oder begründete Stressulkusprophylaxe. Keine spezifische Therapie der Pankreatitis.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; gleichzeitige Anwendung von Nelfinavir.
- Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, gastrointestinale Beschwerden; bei längerer Anwendung unter anderem Hypomagnesiämie (zu niedriger Magnesiumspiegel im Blut), enterale Infektionen und mögliche Vitamin-B12-Malabsorption (gestörte Aufnahme von Vitamin B12 aus dem Darm); selten tubulointerstitielle Nephritis (Entzündung bestimmter Bereiche der Niere).
Red Flags (Warnzeichen) bei Pankreatitis
- Sofortige klinische beziehungsweise intensivmedizinische Beurteilung: Kreislaufinstabilität, Atemnot, zunehmender Sauerstoffbedarf, Bewusstseinsstörung, deutlich verminderte Urinausscheidung oder rasch zunehmende Bauchdistension (aufgetriebener oder geblähter Bauch).
- Dringliche Infektionsabklärung: neue klinische Verschlechterung, Sepsiszeichen oder Fieber mit Ikterus (Gelbfärbung von Haut und Augen); an infizierte Nekrose beziehungsweise Cholangitis denken.
- Erneute Ursachenabklärung: neu aufgetretener Ikterus, progredienter Gewichtsverlust oder verändertes Schmerzmuster bei chronischer Pankreatitis; insbesondere ein Malignom ausschließen.
Abkürzungen
- ACG: American College of Gastroenterology.
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
- BfArM: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.
- DGVS: Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.
- ERCP: endoskopisch retrograde Cholangiopankreatikographie.
- ESBL: Extended-Spectrum-Beta-Lactamasen, bakterielle Enzyme, die bestimmte Antibiotika unwirksam machen.
- ESPEN: European Society for Clinical Nutrition and Metabolism.
- FI: Fachinformation beziehungsweise behördliche Sicherheitsinformation.
- LL: Leitlinie beziehungsweise Konsensusempfehlung.
- PPI: Protonenpumpeninhibitor.
- WHO: Weltgesundheitsorganisation.
- ZVD: zentraler Venendruck.
Literatur
- Siriwardena AK et al.: Randomised, double blind, placebo controlled trial of intravenous antioxidant (n-acetylcysteine, selenium, vitamin C) therapy in severe acute pancreatitis. Gut. 2007;56(10):1439-1444. doi:10.1136/gut.2006.115873.
- de-Madaria E et al.: Aggressive or Moderate Fluid Resuscitation in Acute Pancreatitis. N Engl J Med. 2022;387:989-1000. doi:10.1056/NEJMoa2202884.
- Gubensek J et al.: Comparable Triglyceride Reduction With Plasma Exchange and Insulin in Acute Pancreatitis – A Randomized Trial. Front Med (Lausanne). 2022;9:870067. doi:10.3389/fmed.2022.870067.
Leitlinien und Konsensusempfehlungen
- S3-Leitlinie: Pankreatitis. (AWMF-Registernummer: 021-003), September 2021, Version 2.0. Digitale Langfassung. Aktualisierung laut DGVS in Bearbeitung; neuere Empfehlungen zur Flüssigkeitstherapie sind ergänzend berücksichtigt. [LL1]
- Tenner S et al.: American College of Gastroenterology Guidelines: Management of Acute Pancreatitis. Am J Gastroenterol. 2024;119(3):419-437. doi:10.14309/ajg.0000000000002645. [LL2]
- Arvanitakis M et al.: ESPEN practical guideline on clinical nutrition in acute and chronic pancreatitis. Clin Nutr. 2024;43(2):395-412. doi:10.1016/j.clnu.2023.12.019. [LL3]
- Baron TH et al.: American Gastroenterological Association Clinical Practice Update: Management of Pancreatic Necrosis. Gastroenterology. 2020;158(1):67-75.e1. doi:10.1053/j.gastro.2019.07.064. [LL4]
- S3-Leitlinie: Intravasale Volumentherapie beim Erwachsenen. (AWMF-Registernummer: 001-020), Juli 2020. Im Ausgangstext enthaltene ergänzende Leitlinie; für die pankreatitisspezifische Volumentherapie sind die neueren Daten und Empfehlungen [2, LL2] maßgeblich. [LL5]
- Párniczky A et al.: International Association of Pancreatology Revised Guidelines on Acute Pancreatitis 2025: Supported and Endorsed by the American Pancreatic Association, European Pancreatic Club, Indian Pancreas Club, and Japan Pancreas Society. Pancreatology. 2025;25(6):770-814. doi:10.1016/j.pan.2025.04.020. [LL6]
Fachinformationen und behördliche Sicherheitsinformationen
- Novaminsulfon-ratiopharm 500 mg Tabletten: Fachinformation; bei parenteraler Anwendung zusätzlich Fachinformation des verwendeten Injektionspräparats beachten; ergänzend BfArM: Rote-Hand-Brief zu Agranulozytose, 9. Dezember 2024. [FI1]
- Morphine Sulfate 10 mg/ml solution for injection. Summary of Product Characteristics. [FI2]
- Piperacillin/Tazobactam 4 g/0,5 g powder for solution for infusion. Summary of Product Characteristics. [FI3]
- Meropenem 1 g powder for solution for injection or infusion. Summary of Product Characteristics. [FI4]
- Creon 25000 Capsules. Summary of Product Characteristics. [FI5]
- Omeprazole 20 mg Capsules. Summary of Product Characteristics. [FI6]