Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis) – Labordiagnostik

Akute Pankreatitis (akute Bauchspeicheldrüsenentzündung)

Die Labordiagnostik dient der Diagnosesicherung, der Ursachenklärung sowie der Erfassung von Organdysfunktionen (Funktionsstörungen von Organen) und Komplikationen. Einzelne Laborwerte können einen komplizierten Verlauf anzeigen, ersetzen jedoch weder die wiederholte klinische Beurteilung noch die Überwachung von Kreislauf, Atmung, Bewusstseinslage und Urinausscheidung [LL1, LL2].

Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen bei einer akuten Pankreatitis

  • Lipase im Serum – bevorzugter biochemischer Parameter zur Diagnosesicherung; eine Erhöhung auf mindestens das Dreifache der oberen Referenzgrenze erfüllt das laborchemische Diagnosekriterium. Die Höhe der Lipase erlaubt keine zuverlässige Aussage über Schweregrad oder Nekroseausmaß (Ausmaß des abgestorbenen Gewebes) [LL1, LL2].
  • Entzündungsparameter – C-reaktives Protein (CRP) als Ausgangswert und zur zeitgerechten Verlaufskontrolle. Wegen des verzögerten Anstiegs ist ein niedriger CRP-Wert bei Aufnahme kein zuverlässiger Ausschluss eines später schweren Verlaufs. Die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) bietet für die akute Schweregradbeurteilung keinen etablierten Zusatznutzen [1, LL2, LL3].
  • Blutbild einschließlich Leukozyten, Hämoglobin, Hämatokrit und Thrombozyten – zur Erfassung der systemischen Entzündungsreaktion (Entzündungsreaktion des gesamten Körpers), einer Hämokonzentration (Bluteindickung), einer Anämie (Blutarmut) und einer Thrombozytopenie (verminderten Zahl der Blutplättchen). Ein hoher oder steigender Hämatokrit ist ein Risikosignal; die Interpretation muss Ausgangswert, Flüssigkeitstherapie und mögliche Blutverluste berücksichtigen [2, LL2].
  • Nierenparameter – Harnstoff und Kreatinin einschließlich geschätzter glomerulärer Filtrationsrate; frühe Verlaufskontrollen sind besonders bei erhöhten Ausgangswerten, Kreislaufinstabilität oder verminderter Urinausscheidung erforderlich. Ein erhöhter oder innerhalb der ersten 24 Stunden steigender Harnstoff-Stickstoff ist mit einer ungünstigeren Prognose assoziiert [2, 3, LL2].
  • Elektrolyte – Natrium, Kalium und Calcium; Magnesium insbesondere bei schwerem Verlauf, Alkoholassoziation, Mangelernährung oder relevanten Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts). Calcium dient sowohl der Ursachenklärung einer möglichen Hypercalcämie (erhöhten Calciumkonzentration im Blut) als auch der Erkennung einer im Verlauf auftretenden Hypocalcämie (erniedrigten Calciumkonzentration im Blut). Bei Hypoalbuminämie (verminderter Albuminkonzentration im Blut), kritischer Erkrankung oder Säure-Basen-Störungen ist die Bestimmung des ionisierten Calciums besonders aussagekräftig [LL1, LL3, LL4].
  • Glucose – initial unabhängig vom Nüchternstatus; zur Erkennung einer Stresshyperglykämie (durch körperliche Belastung ausgelösten Blutzuckererhöhung) oder eines vorbestehenden beziehungsweise neu manifestierten Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit). Bei Hyperglykämie (erhöhtem Blutzucker) kann HbA1c zur Einordnung ergänzt werden. Die Akutdiagnostik darf nicht durch das Abwarten einer Nüchternphase verzögert werden [LL2, LL7].
  • Leber- und Cholestaseparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), alkalische Phosphatase (AP), Gamma-Glutamyltransferase (γ-GT) und Bilirubin zur Beurteilung einer biliären Ursache (Ursache im Bereich der Gallenwege) oder einer Gallengangsobstruktion (Verlegung eines Gallengangs). Eine ALT > 150 U/l innerhalb von 48 Stunden nach Symptombeginn unterstützt eine biliäre Genese; normale Transaminasen schließen diese nicht aus [LL1].
  • Triglyceride – möglichst frühzeitig bestimmen, insbesondere bei fehlendem eindeutigen biliären oder alkoholassoziierten Auslöser. Werte > 1.000 mg/dl, entsprechend etwa 11,3 mmol/l, sprechen im passenden klinischen Kontext für eine hypertriglyceridämische Pankreatitis (durch stark erhöhte Blutfette ausgelöste Bauchspeicheldrüsenentzündung); Nüchternheit und bereits eingeleitete Behandlung können den Messwert deutlich senken [LL1-3].
  • Albumin – zur ergänzenden Beurteilung von Entzündungsreaktion, Flüssigkeitsverschiebungen und Ernährungsrisiko. Ein erniedrigter Wert ist unspezifisch und darf nicht isoliert als Nachweis einer Mangelernährung oder eines schweren Verlaufs interpretiert werden [LL3, LL4].

Diagnosesicherung: Die Diagnose einer akuten Pankreatitis erfordert mindestens zwei der folgenden drei Kriterien [LL1, LL2, LL4].

  1. Typische, akut einsetzende und anhaltende Oberbauchschmerzen, häufig mit Ausstrahlung in den Rücken.
  2. Lipase oder Amylase im Serum mindestens dreifach über der oberen Referenzgrenze; bevorzugt wird die Lipase.
  3. Charakteristische Befunde in der Bildgebung.

Sind typische Schmerzen und eine entsprechende Lipaseerhöhung vorhanden, ist eine Computertomographie zur alleinigen Diagnosesicherung regelmäßig nicht erforderlich. Bei unklarer Diagnose oder ausbleibender klinischer Besserung nach 48-72 Stunden ist eine weiterführende Bildgebung zu prüfen. Eine Sonographie dient insbesondere der Suche nach Gallensteinen und Gallengangserweiterungen [LL1, LL2].

Einordnung der Pankreasenzyme: Eine normale Lipase schließt eine akute Pankreatitis bei verzögerter Vorstellung, ausgeprägter Hypertriglyceridämie (starker Erhöhung bestimmter Blutfette) oder vorgeschädigtem Pankreas (Bauchspeicheldrüse) nicht sicher aus. Umgekehrt können auch nichtpankreatische Erkrankungen eine Lipaseerhöhung verursachen. Eine zusätzliche Amylasebestimmung bietet bei verfügbarer Lipase meist keinen relevanten diagnostischen Mehrwert. Trypsin und Elastase im Serum gehören nicht zur empfohlenen Routinediagnostik [LL2, LL4].

Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese (Krankengeschichte), der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung sowie zur Verlaufskontrolle und Komplikationserkennung

  • Harnstoff beziehungsweise Harnstoff-Stickstoff, Kreatinin und Hämatokrit – frühe Wiederholungsmessungen zur Beurteilung der Dynamik; bei Risikopatienten bereits innerhalb der ersten Stunden und erneut innerhalb von 24 Stunden. Die Kontrollen sind mit Blutdruck, Herzfrequenz, Urinausscheidung und Zeichen einer Flüssigkeitsüberladung zu verknüpfen [2, 3, LL2].
  • CRP – erneute Bestimmung insbesondere nach 48-72 Stunden zur ergänzenden Schweregradbeurteilung. Ein Wert ≥ 150 mg/l, entsprechend ≥ 15 mg/dl, ist mit einem erhöhten Risiko für einen komplizierten Verlauf assoziiert; der Grenzwert ist kein alleiniger Nachweis einer schweren Pankreatitis [1, LL3].
  • Procalcitonin (PCT) – ergänzend bei Verdacht auf eine bakterielle Infektion oder infizierte Nekrose (bakteriell besiedeltes abgestorbenes Gewebe). Weder ein erhöhter noch ein niedriger Einzelwert beweist beziehungsweise widerlegt eine Infektion. CRP, Leukozyten und PCT allein begründen keine Antibiotikatherapie [LL1].
  • Gerinnungsparameter – International Normalized Ratio (INR) beziehungsweise Quick und aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT), bei entsprechendem Verdacht zusätzlich Fibrinogen; insbesondere bei schwerem Verlauf, Blutung, Leberfunktionsstörung, möglicher Verbrauchskoagulopathie (Gerinnungsstörung durch übermäßigen Verbrauch von Gerinnungsbestandteilen) oder vor invasiven Maßnahmen (Eingriffen in den Körper) [LL3, LL4].
  • Blutgasanalyse und Lactat – bei Kreislaufinstabilität, schwerem Verlauf oder Verdacht auf eine metabolische Entgleisung (schwere Störung des Stoffwechsels). Eine venöse Blutgasanalyse kann zur orientierenden Beurteilung des Säure-Basen-Status dienen; eine arterielle Blutgasanalyse ist erforderlich, wenn die arterielle Oxygenierung (Sauerstoffversorgung des arteriellen Blutes) beziehungsweise der Quotient aus arteriellem Sauerstoffpartialdruck und inspiratorischer Sauerstofffraktion beurteilt werden muss. Venöse Sauerstoffpartialdruckwerte dürfen hierfür nicht verwendet werden [LL3, LL4].
  • Ionisiertes Calcium, Magnesium, Kalium und Glucose – engmaschiger bei ausgeprägten Abweichungen, Organversagen oder laufender Korrekturbehandlung [LL3].
  • Lactatdehydrogenase (LDH) – gegebenenfalls zur Berechnung eines etablierten Prognosescores; als isolierter Routineparameter zur Verlaufssteuerung nur begrenzt geeignet [1, 4].
  • Blutkulturen und weitere mikrobiologische Untersuchungen – bei klinischem Verdacht auf Sepsis (lebensbedrohliche Organschädigung durch eine fehlgesteuerte Reaktion auf eine Infektion), Cholangitis (Gallengangsentzündung) oder eine andere bakterielle Infektion; möglichst vor Antibiotikagabe, sofern dadurch eine dringliche Behandlung nicht verzögert wird. Eine routinemäßige mikrobiologische Untersuchung von Duodenalsekret oder Stuhl ist zur Diagnostik der Pankreatitis nicht angezeigt [LL1, LL4].
  • Hochsensitives kardiales Troponin T oder I – bei klinischem Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom (akute Durchblutungsstörung des Herzmuskels) oder eine relevante kardiale Beteiligung (Mitbetroffenheit des Herzens); kein obligater Laborparameter der Pankreatitisdiagnostik.
  • Immunglobulin G4 (IgG4) – bei begründetem Verdacht auf eine autoimmune Pankreatitis (durch eine Fehlsteuerung des Immunsystems verursachte Bauchspeicheldrüsenentzündung), insbesondere bei passender Bildgebung oder weiteren Organmanifestationen (Krankheitszeichen an anderen Organen); keine ungezielte Routinebestimmung [LL4, LL6].

Verlaufskontrolle der Pankreasenzyme: Nach gesicherter Diagnose sind serielle Lipase- oder Amylasebestimmungen zur Beurteilung von Schweregrad, Therapieansprechen oder Entlassungsfähigkeit nicht sinnvoll. Eine persistierende Enzymerhöhung allein ist kein Grund, den Kostaufbau oder die Entlassung zu verzögern [LL2].

Prognostische Parameter

Die Schweregradbeurteilung ist dynamisch. Für die frühe Risikoeinschätzung sind klinische Befunde und Laborverläufe gemeinsam auszuwerten. Persistierendes Organversagen (anhaltender Ausfall der Funktion eines oder mehrerer Organe) über mehr als 48 Stunden ist der entscheidende klinische Determinant einer schweren akuten Pankreatitis; ein bestimmter CRP-, Hämatokrit- oder Lipasewert definiert den Schweregrad nicht [LL1, LL2].

Wichtige Laborbefunde und Richtung ihrer prognostischen Aussage

Parameter Befund beziehungsweise Zeitpunkt Fachliche Interpretation
CRP ≥ 150 mg/l = ≥ 15 mg/dl nach etwa 48-72 Stunden Erhöhtes Risiko für einen komplizierten beziehungsweise schweren Verlauf. Wegen verzögerter Kinetik ist ein niedriger Aufnahmewert zur Entwarnung ungeeignet; auch ein später niedriger Wert schließt Komplikationen nicht sicher aus [1, LL3].
Hämatokrit ≥ 44 % bei Aufnahme; zusätzlich hoher beziehungsweise steigender Wert im Verlauf Hinweis auf Hämokonzentration und erhöhtes Risiko für persistierendes Organversagen und Pankreasnekrosen (abgestorbene Gewebebereiche der Bauchspeicheldrüse). Ein erhöhter Hämatokrit ist kein Befund mit hohem negativem prädiktivem Wert für einen schweren Verlauf [2, LL2].
Hämatokrit im Verlauf Fehlende Hämokonzentration beziehungsweise rückläufiger Wert bei klinischer Stabilisierung Kann mit einem günstigeren Verlauf vereinbar sein, schließt einen schweren Verlauf aber nicht aus. Ein deutlicher Abfall ist bei möglicher Blutung oder ausgeprägter Hämodilution (Blutverdünnung durch Flüssigkeitszufuhr) gesondert abzuklären. Eine forcierte Flüssigkeitsgabe zur isolierten Normalisierung des Hämatokrits ist nicht angezeigt [LL2, LL3].
Harnstoff-Stickstoff, englisch Blood Urea Nitrogen (BUN) Erhöht bei Aufnahme oder Anstieg innerhalb der ersten 24 Stunden Mit erhöhtem Risiko für Organversagen und Tod assoziiert. Der Verlauf ist aussagekräftiger als eine isolierte Messung; Nierenfunktion, Volumenstatus und Katabolismus (Abbau körpereigener Stoffe) sind mitzubeurteilen [2, 3].
Kreatinin Erhöhung beziehungsweise Anstieg im Verlauf Hinweis auf eingeschränkte Nierenfunktion oder akute Nierenschädigung; prognostisch ungünstig, jedoch kein spezifischer Nachweis von Pankreasnekrosen [LL2, LL3].
Calcium Gesamtcalcium < 2,0 mmol/l als Bestandteil älterer Prognosescores Mit ungünstigerem Verlauf assoziiert. Bei niedrigem Albumin kann das Gesamtcalcium vermindert sein, ohne dass das ionisierte Calcium entsprechend erniedrigt ist. Ein normaler Calciumwert erlaubt keinen sicheren Ausschluss eines schweren Verlaufs [4, LL3].
Glucose, Albumin und LDH Hyperglykämie, Hypoalbuminämie beziehungsweise erhöhte LDH Unspezifische Risikobefunde und Bestandteile etablierter Scores. Einzelne Grenzwerte dürfen nicht als eigenständige Schweregraddefinition verwendet werden [1, 4].
PCT Erhöhung im klinischen Kontext einer möglichen Infektion Kann den Verdacht auf eine bakterielle Infektion beziehungsweise infizierte Nekrose unterstützen. Keine sichere Unterscheidung zwischen steriler Entzündung (Entzündung ohne Krankheitserreger) und Infektion durch einen Einzelwert [LL1].
Lipase und Amylase Höhe der Enzymerhöhung oder Geschwindigkeit der Normalisierung Keine verlässlichen Prognoseparameter; keine geeigneten Zielwerte für die Verlaufssteuerung [LL2].

Prädiktive Werte: Ein negativer prädiktiver Wert beschreibt die Wahrscheinlichkeit, dass das untersuchte Ereignis bei negativem Testergebnis ausbleibt. Er hängt von Untersuchungszeitpunkt, Grenzwert, Patientenkollektiv und Ereignishäufigkeit ab. Ein für eine einzelne Studie berichteter negativer prädiktiver Wert, beispielsweise für eine niedrige Aufnahmeglucose, darf nicht als allgemeine Ausschlussregel für Nekrosen übernommen werden [1].

Einheiten von Harnstoff und BUN: Harnstoff und Harnstoff-Stickstoff sind bei Angaben in mg/dl nicht gleichzusetzen. Für die Umrechnung gilt näherungsweise: Harnstoff in mg/dl = BUN in mg/dl × 2,14; Harnstoff in mmol/l = BUN in mg/dl × 0,357. Somit entsprechen BUN 25 mg/dl etwa Harnstoff 53,5 mg/dl beziehungsweise 8,9 mmol/l. Score-Grenzwerte müssen dem tatsächlich gemessenen Analyten zugeordnet werden [3, 5].

Modifizierte Glasgow-Kriterien (Imrie-Score)

In der hier dargestellten Acht-Kriterien-Fassung wird jedes erfüllte Kriterium innerhalb der ersten 48 Stunden nach Aufnahme mit einem Punkt bewertet. Ab 3 Punkten besteht ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf. Der Score dient der Risikovorhersage und ersetzt nicht die Schweregradklassifikation anhand des tatsächlichen Organversagens [4, LL1].

Parameter Kriterium innerhalb der ersten 48 Stunden Bewertung
Alter > 55 Jahre 1 Punkt
Leukozyten > 15.000/µl beziehungsweise > 15 × 109/l 1 Punkt
Arterieller Sauerstoffpartialdruck PaO2 < 8 kPa, entsprechend etwa < 60 mmHg 1 Punkt
Glucose > 10 mmol/l, entsprechend > 180 mg/dl 1 Punkt
Harnstoff > 16 mmol/l, entsprechend etwa > 96 mg/dl Harnstoff beziehungsweise > 45 mg/dl BUN 1 Punkt
Gesamtcalcium < 2,0 mmol/l 1 Punkt
Albumin < 32 g/l 1 Punkt
LDH > 600 U/l 1 Punkt

Abgrenzung zu anderen Scores: CRP, Body-Mass-Index, Temperatur, Urinausscheidung und geschätztes Flüssigkeitsdefizit gehören nicht zu dieser Glasgow-Fassung. Der Hämatokritabfall ist ein historisches Ranson-Kriterium und darf nicht mit der prognostischen Bedeutung einer Hämokonzentration bei Aufnahme verwechselt werden [4, LL2].

BISAP-Score (Bedside Index of Severity in Acute Pancreatitis)

Der BISAP-Score wird anhand der innerhalb der ersten 24 Stunden nach Aufnahme erhobenen Befunde berechnet. Für jedes erfüllte Kriterium wird ein Punkt vergeben; maximal sind 5 Punkte möglich [5].

Parameter Kriterium Bewertung
BUN > 25 mg/dl; entsprechend Harnstoff > 8,9 mmol/l beziehungsweise etwa > 53,5 mg/dl 1 Punkt
Bewusstseinslage Glasgow Coma Scale < 15 Punkte 1 Punkt
Systemisches inflammatorisches Response-Syndrom (SIRS) Mindestens 2 SIRS-Kriterien erfüllt 1 Punkt
Alter > 60 Jahre 1 Punkt
Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lunge und Brustwand) Bildgebend nachweisbar 1 Punkt

SIRS-Kriterien: Körpertemperatur < 36 °C oder > 38 °C; Herzfrequenz > 90/min; Atemfrequenz > 20/min oder arterieller Kohlendioxidpartialdruck < 32 mmHg; Leukozyten < 4.000/µl oder > 12.000/µl oder > 10 % unreife neutrophile Granulozyten. Mindestens zwei erfüllte Kriterien entsprechen einem SIRS [LL3, LL4].

Interpretation: Mit steigendem BISAP-Score steigt das Risiko für einen ungünstigen Verlauf; insbesondere Werte ≥ 3 kennzeichnen eine Risikokonstellation. Auch bei 0-2 Punkten sind spätere Komplikationen möglich. Feste Mortalitätsangaben lassen sich wegen unterschiedlicher Patientenkollektive nicht unverändert auf den Einzelpatienten übertragen [5, LL2].

Chronische Pankreatitis (chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung)

Die chronische Pankreatitis wird anhand der Krankengeschichte und charakteristischer struktureller Veränderungen des Pankreas diagnostiziert. Laboruntersuchungen erfassen vor allem eine exokrine oder endokrine Funktionsstörung (Störung der Abgabe von Verdauungsenzymen oder Hormonen), Ernährungsdefizite und mögliche Ursachen. Normale Pankreasenzyme schließen die Erkrankung nicht aus; ein verminderter Elastasewert im Stuhl beweist für sich allein keine chronische Pankreatitis [LL5, LL6].

Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen bei einer chronischen Pankreatitis

  • Pankreaselastase-1 im Stuhl – gebräuchlicher nichtinvasiver Ersttest zur Beurteilung einer exokrinen Pankreasinsuffizienz (unzureichenden Bereitstellung von Verdauungsenzymen durch die Bauchspeicheldrüse). Die Untersuchung soll an geformtem oder zumindest halbfestem Stuhl erfolgen. Eine routinemäßige Sammlung von drei Proben an drei aufeinanderfolgenden Tagen ist nicht erforderlich [6, LL5].
  • Nüchternplasmaglucose und HbA1c – zur Erkennung einer endokrinen Pankreasinsuffizienz (unzureichenden Hormonbildung der Bauchspeicheldrüse) beziehungsweise eines pankreatogenen Diabetes mellitus (durch eine Erkrankung der Bauchspeicheldrüse verursachten Diabetes). Bei chronischer Pankreatitis mindestens jährliche Kontrolle, bei klinischem Verdacht früher [LL4, LL6].
  • Laborchemische Beurteilung des Ernährungsstatus – insbesondere bei nachgewiesener oder vermuteter exokriner Insuffizienz, Gewichtsverlust oder eingeschränkter Nahrungsaufnahme. Hierzu gehören je nach Ausgangsbefund Blutbild, Albumin, Elektrolyte und ausgewählte Mikronährstoffparameter; Albumin ist im Zusammenhang mit der Entzündungsaktivität zu interpretieren [6, LL5, LL6].

Entzündungsparameter: CRP beziehungsweise BSG sind keine geeigneten Tests zur Diagnosesicherung einer stabilen chronischen Pankreatitis. Bei neu aufgetretenen Beschwerden, Fieber oder Verdacht auf einen akuten Schub ist insbesondere CRP im Rahmen der Akutdiagnostik sinnvoll [LL4, LL6].

Im akuten Schub: Die Labordiagnostik orientiert sich an der akuten Pankreatitis. Bei fortgeschrittener Parenchymschädigung (Schädigung des funktionstüchtigen Organgewebes) können Amylase und Lipase nur gering erhöht oder normal sein. Bei passender Klinik muss die weitere Abklärung deshalb unabhängig von einem unauffälligen Enzymbefund erfolgen [LL4].

Diagnostik der exokrinen und endokrinen Pankreasinsuffizienz

Funktionsbereich Parameter beziehungsweise Test Grenzwerte und Interpretation
Exokrine Funktion Pankreaselastase-1 im geformten Stuhl < 100 µg/g spricht deutlich für eine exokrine Pankreasinsuffizienz; 100-200 µg/g ist ein diagnostischer Graubereich. Werte > 200 µg/g machen eine ausgeprägte Insuffizienz weniger wahrscheinlich, schließen eine milde Funktionsstörung jedoch nicht sicher aus [6, LL5].
Exokrine Funktion Kontrolle eines auffälligen Elastasebefunds Bei wässrigem Stuhl kann eine Verdünnung zu falsch niedrigen Werten führen. Bei grenzwertigem oder klinisch unplausiblem Ergebnis Wiederholung an geeignetem Probenmaterial. Die Messung ist auch unter Pankreasenzymersatztherapie möglich [6, LL5].
Exokrine Funktion 13C-Mischtriglycerid-Atemtest Bei unklarer Konstellation eine mögliche ergänzende Untersuchung in spezialisierten Einrichtungen; eingeschränkte Verfügbarkeit und mögliche Beeinflussung durch nichtpankreatische Ursachen einer Fettmalabsorption (unzureichende Aufnahme von Fetten aus dem Darm) beachten [LL5].
Exokrine Funktion Quantitative Stuhlfettbestimmung Nur in ausgewählten Fragestellungen; aufwendig und nicht spezifisch für eine pankreatische Ursache der Fettmalabsorption [6, LL5].
Endokrine Funktion Nüchternplasmaglucose Diabetesgrenzwert ≥ 126 mg/dl, entsprechend ≥ 7,0 mmol/l. Nüchtern bedeutet mindestens 8 Stunden ohne Kalorienzufuhr [LL7].
Endokrine Funktion HbA1c Diabetesgrenzwert ≥ 6,5 %, entsprechend ≥ 48 mmol/mol. Bei veränderter Erythrozytenlebensdauer, Blutverlust oder Transfusion (Blutübertragung) können irreführende Ergebnisse auftreten [LL7].
Endokrine Funktion Oraler Glucosetoleranztest mit 75 g Glucose Bei grenzwertigen oder widersprüchlichen Befunden; ein 2-Stunden-Plasmaglucosewert ≥ 200 mg/dl, entsprechend ≥ 11,1 mmol/l, erfüllt ein Diabeteskriterium [LL6, LL7].
Endokrine Funktion Bestätigung eines Diabetesbefunds Ohne eindeutige symptomatische Hyperglykämie sind zwei pathologische Ergebnisse erforderlich, entweder desselben Tests zu unterschiedlichen Zeitpunkten oder verschiedener Tests. Eine alleinige Hyperglykämie beweist keine Pankreatitis [LL7].

Grenzen der Funktionsdiagnostik: Die Diagnose einer exokrinen Pankreasinsuffizienz beruht auf der gemeinsamen Bewertung von Beschwerden, Ernährungsstatus, pankreatischer Grunderkrankung und Funktionstest. Pankreolauryltest und Elastasebestimmung im Serum gehören nicht zur zeitgemäßen Routinediagnostik. Ein bloßes Ansprechen auf Pankreasenzyme ist kein zuverlässiger diagnostischer Bestätigungstest [6, LL5].

Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • IgG4 – bei Verdacht auf autoimmune Pankreatitis Typ 1. Eine Erhöhung ist nicht beweisend und kann auch bei anderen Erkrankungen einschließlich eines Pankreaskarzinoms (Bauchspeicheldrüsenkrebses) auftreten. Normale Werte schließen eine Typ-1-Erkrankung nicht sicher aus; bei Typ 2 besteht in der Regel keine IgG4-Erhöhung [LL4, LL6].
  • Calcium und bei bestätigter Hypercalcämie Parathormon – zur Abklärung einer möglichen hyperparathyreoidismusassoziierten Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung im Zusammenhang mit einer Überfunktion der Nebenschilddrüsen). Parathormon ist ohne entsprechende Calciumkonstellation kein genereller Routinetest [LL4, LL6].
  • Triglyceride – zur Erfassung einer metabolischen Ursache, insbesondere bei rezidivierenden akuten Episoden oder bislang ungeklärter Ätiologie [LL6].
  • Vitamin- und Mikronährstoffdiagnostik – insbesondere fettlösliche Vitamine A, D und E sowie bei Verdacht auf Vitamin-K-Mangel eine geeignete Gerinnungsbeurteilung; weitere Parameter wie Eisenstatus, Vitamin B12, Folat, Magnesium oder Zink abhängig von Ernährung, Symptomen und klinischem Befund. Die Diagnostik ist gezielt an Mangelrisiko und Verlauf auszurichten [6, LL5, LL6].
  • Alkoholbezogene Laborparameter – γ-GT und gegebenenfalls Carbohydrate-deficient Transferrin (CDT) bei konkreter Fragestellung. Diese Werte ergänzen die strukturierte Alkoholanamnese; sie beweisen weder allein einen schädlichen Konsum noch schließen Normalwerte ihn aus [LL6].
  • Molekulargenetische Diagnostik – bei frühem Erkrankungsbeginn, positiver Familienanamnese oder ungeklärter rezidivierender beziehungsweise chronischer Pankreatitis nach spezialisierter Beratung. Je nach Konstellation kommen insbesondere PRSS1, SPINK1, CFTR, CTRC und CPA1 infrage. Eine pauschale Beschränkung auf einzelne historische Varianten ist nicht ausreichend [LL6].
  • Schweißchloridtest und gegebenenfalls weiterführende CFTR-Diagnostik – bei Verdacht auf Mukoviszidose (erbliche Erkrankung mit zähen Körpersekreten) oder eine CFTR-assoziierte Erkrankung, insbesondere bei jungen Patienten und passender Begleitsymptomatik [LL6].
  • Infektionsdiagnostik – ausschließlich bei konkretem klinischem Verdacht auf eine zusätzliche Infektion. Eine routinemäßige Serologie auf Hepatitisviren oder Mumps (ansteckende Virusinfektion mit typischer Speicheldrüsenschwellung) sowie Stuhlkulturen auf enteropathogene Bakterien gehören nicht zur Standardabklärung einer chronischen Pankreatitis [LL4, LL6].

Red Flags (Warnzeichen) bei Pankreatitis

  • Hypotonie (niedriger Blutdruck), zunehmende Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Oligurie (verminderte Urinausscheidung), steigendes Kreatinin oder steigender Harnstoff-Stickstoff – Verdacht auf relevante Kreislauf- beziehungsweise Nierenfunktionsstörung; unverzügliche klinische Neubewertung und Überwachung [LL1, LL2].
  • Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut), Atemnot oder Bewusstseinsstörung – mögliche Organdysfunktion; die Eskalation der Versorgung darf nicht vom Erreichen eines bestimmten CRP- oder Score-Grenzwerts abhängig gemacht werden [LL1, LL2].
  • Fieber oder erneute klinische Verschlechterung mit steigenden Entzündungsparametern – Abklärung einer infizierten Nekrose, Cholangitis oder anderen Infektion; Laborwerte allein sichern die Diagnose nicht [LL1].
  • Deutlicher Hämoglobin- oder Hämatokritabfall mit Kreislaufveränderungen – mögliche Blutung; zeitnahe Abklärung [LL3, LL4].
  • Neu auftretender Ikterus (Gelbsucht), unbeabsichtigter Gewichtsverlust oder neue beziehungsweise rasch zunehmende Hyperglykämie bei chronischer Pankreatitis – Abklärung einer Obstruktion (Verlegung eines Hohlorgans oder Ausführungsgangs), fortschreitenden Funktionsstörung oder malignen Erkrankung (Krebserkrankung). Unauffällige Pankreasenzyme bieten keine ausreichende Entwarnung [LL4, LL6].

Abkürzungsverzeichnis

  • ALT – Alanin-Aminotransferase
  • AP – alkalische Phosphatase
  • aPTT – aktivierte partielle Thromboplastinzeit
  • AST – Aspartat-Aminotransferase
  • BISAP – Bedside Index of Severity in Acute Pancreatitis
  • BSG – Blutsenkungsgeschwindigkeit
  • BUN – Blood Urea Nitrogen; Harnstoff-Stickstoff
  • CDT – Carbohydrate-deficient Transferrin
  • CFTR – Cystic Fibrosis Transmembrane Conductance Regulator
  • CPA1 – Carboxypeptidase A1
  • CRP – C-reaktives Protein
  • CTRC – Chymotrypsin C
  • GOT – Glutamat-Oxalacetat-Transaminase; ältere Bezeichnung für AST
  • GPT – Glutamat-Pyruvat-Transaminase; ältere Bezeichnung für ALT
  • HbA1c – glykiertes Hämoglobin A1c
  • IgG4 – Immunglobulin G4
  • INR – International Normalized Ratio
  • LDH – Lactatdehydrogenase
  • PaO2 – arterieller Sauerstoffpartialdruck
  • PCT – Procalcitonin
  • PRSS1 – Serine Protease 1; Gen für kationisches Trypsinogen
  • SIRS – Systemic Inflammatory Response Syndrome; systemisches inflammatorisches Response-Syndrom
  • SPINK1 – Serine Peptidase Inhibitor Kazal Type 1
  • γ-GT – Gamma-Glutamyltransferase

Literatur

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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

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  5. Dominguez-Muñoz JE et al.: European guidelines for the diagnosis and treatment of pancreatic exocrine insufficiency: UEG, EPC, EDS, ESPEN, ESPGHAN, ESDO, and ESPCG evidence-based recommendations. United European Gastroenterol J. 2025;13(1):125-172. doi: 10.1002/ueg2.12674. [LL5]
  6. Löhr JM et al.: United European Gastroenterology evidence-based guidelines for the diagnosis and therapy of chronic pancreatitis (HaPanEU). United European Gastroenterol J. 2017;5(2):153-199. doi: 10.1177/2050640616684695. [LL6]
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