Retinol-bindendes Protein (RBP)
Das Retinol-bindende Protein (RBP) ist ein niedermolekulares (kleinmolekulares) Transportprotein (Transporteiweiß) aus der Familie der Lipocaline (Eiweißfamilie). In der klinischen Labordiagnostik (medizinische Laboruntersuchung) ist damit in der Regel Retinol-bindendes Protein 4 (RBP4) gemeint. RBP4 wird überwiegend in der Leber (Stoffwechselorgan) synthetisiert (gebildet), bindet Retinol (Vitamin A) und zirkuliert (kreist) im Serum (Blutflüssigkeit) überwiegend als Retinol-RBP4-Transthyretin-Komplex. Dadurch wird die glomeruläre Filtration (Filterung in den Nierenkörperchen) weitgehend verhindert und der Transport von Retinol zu extrahepatischen (außerhalb der Leber gelegenen) Zielgeweben (Zielkörpergeweben) ermöglicht [1, 2].
Die Bestimmung von RBP im Serum wird vor allem zur orientierenden Beurteilung des Vitamin-A-Status, des Ernährungs- und Proteinsynthesestatus sowie im Kontext von Lebererkrankungen (Erkrankungen der Leber) eingesetzt. Die Bestimmung von RBP im Urin dient als Marker einer proximal-tubulären (den vorderen Nierenkanälchen betreffenden) Schädigung. RBP ist jedoch kein alleiniger Screeningparameter (Suchtestwert), kein krankheitsspezifischer Diagnostikparameter (Untersuchungswert zur Krankheitserkennung) und muss immer im klinischen Kontext (medizinischen Zusammenhang) mit Retinol, Entzündungsparametern, Leberparametern und Nierenparametern interpretiert (gedeutet) werden [1-5].
Synonyme
- Retinol-bindendes Protein
- Retinol-binding protein
- Retinol-binding protein 4 (RBP4)
- RBP4
- Serum-RBP
- Urin-RBP
- Urinary retinol-binding protein 4 (uRBP4)
- RBPurie
Das Verfahren
Benötigtes Material
- Serum oder Plasma (Blutflüssigkeit mit Gerinnungsstoffen)
- Spontanurin, vorzugsweise als RBP/Kreatinin-Ratio
- Alternativ 24-Stunden-Sammelurin bei spezieller Fragestellung
Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Nüchternblutabnahme sinnvoll bei gleichzeitiger Bestimmung von Retinol, Lipidprofil, Glucose oder Insulin
- Bei Verlaufskontrollen möglichst standardisierte Blutentnahmebedingungen einhalten
Störfaktoren
- Akute (plötzlich auftretende) und chronische (lang anhaltende) Entzündung (Abwehrreaktion des Körpers) mit erhöhter CRP-Konzentration oder erhöhter α1-Säureglykoprotein-Konzentration kann Serum-RBP und Retinol erniedrigen, da RBP ein negatives Akut-Phase-Protein (bei Entzündung abfallendes Eiweiß) ist [3]
- Schwere Lebererkrankung kann Serum-RBP durch verminderte Synthese erniedrigen [4]
- Chronische Niereninsuffizienz (dauerhafte Nierenschwäche) kann Serum-RBP durch verminderte renale (die Niere betreffende) Elimination (Ausscheidung) erhöhen [1, 2]
- Proximal-tubuläre Schädigung erhöht Urin-RBP durch verminderte tubuläre (die Nierenkanälchen betreffende) Rückresorption (Wiederaufnahme) [2, 5]
- Stark saurer Urin kann RBP instabil machen; bei Urinanalytik (Urinuntersuchung) sind pH-Wert, Lagerung, Transportzeit und laborseitige Präanalytik (Vorbereitung vor der Laboranalyse) zu beachten
- Retinoide (Vitamin-A-ähnliche Wirkstoffe), Vitamin-A-Supplementierung (Vitamin-A-Ergänzung), Malnutrition (Mangelernährung), Proteinverlust (Eiweißverlust), Schwangerschaft und schwere systemische Erkrankungen (den ganzen Körper betreffende Erkrankungen) können die Interpretation beeinflussen
- Methodenabhängige Unterschiede zwischen Immunoassays (antikörperbasierten Messverfahren), Nephelometrie (Streulichtmessung), Turbidimetrie (Trübungsmessung) und Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA) sind zu berücksichtigen
Methode
- Immunnephelometrie
- Immunturbidimetrie
- Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA)
- Multiplex-Immunoassays in der Spezialdiagnostik (spezielle Diagnostik) oder Forschung
- Urin-RBP sollte bevorzugt auf Kreatinin bezogen angegeben werden, da Einzelkonzentrationen durch Urinverdünnung beeinflusst werden
Normbereiche (je nach Labor)
| Material | Referenzbereich | Hinweis |
|---|---|---|
| Serum/Plasma | ca. 30-60 mg/l | Methoden-, alters-, geschlechts- und laborabhängig; häufig werden auch Bereiche um 20-60 mg/l angegeben |
| Spontanurin | meist < 0,4-0,5 mg/l | Stark abhängig von Urinkonzentration und Präanalytik |
| Spontanurin, RBP/Kreatinin-Ratio | laborabhängig | Bevorzugte Angabeform zur Beurteilung der tubulären Proteinurie |
| 24-Stunden-Sammelurin | laborabhängig | Nur bei spezieller Fragestellung erforderlich |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen
- Orientierende Beurteilung des Vitamin-A-Status, insbesondere bei Verdacht auf Vitamin-A-Mangel
- Beurteilung des Ernährungsstatus und des viszeralen (die inneren Organe betreffenden) Proteinstatus, insbesondere bei Malnutrition, chronischer Lebererkrankung oder schwerer systemischer Erkrankung
- Ergänzende Diagnostik bei chronischen Lebererkrankungen und eingeschränkter hepatischer (die Leber betreffender) Syntheseleistung
- Früherkennung und Verlaufskontrolle proximal-tubulärer Nierenschäden
- Differentialdiagnostik (Abgrenzung ähnlicher Erkrankungen) einer tubulären Proteinurie (Eiweißausscheidung im Urin durch Schädigung der Nierenkanälchen)
- Abklärung bei Verdacht auf Fanconi-Syndrom (Störung der Nierenkanälchen), toxische (giftbedingte) Tubulusschädigung (Schädigung der Nierenkanälchen), tubulointerstitielle Nephritis (Entzündung von Nierenkanälchen und Nierenzwischengewebe) oder akute tubuläre Schädigung
- Ergänzende Risikostratifizierung (Einschätzung des Erkrankungsrisikos) bei chronischer Nierenerkrankung, diabetischer Nephropathie (diabetesbedingte Nierenschädigung) und Nierentransplantatdysfunktion (Funktionsstörung einer transplantierten Niere)
- Wissenschaftliche und spezialdiagnostische Fragestellungen bei metabolischem Syndrom (Stoffwechselsyndrom), Adipositas (Fettleibigkeit), Insulinresistenz (verminderte Insulinwirkung), Typ-2-Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit Typ 2) und Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes); für diese Indikationen besteht derzeit keine ausreichende Standardisierung für die Routinediagnostik [1, 6, 7]
Interpretation (Anwendungsgebiete)
Erhöhte Werte
- Erhöhtes Serum-RBP
- Chronische Niereninsuffizienz
- Akute Nierenschädigung
- Verminderte glomeruläre Filtration
- Diabetische Nephropathie
- Metabolisches Syndrom, Adipositas und Insulinresistenz, jedoch nicht als eigenständiger Routinemarker ausreichend standardisiert
- Typ-2-Diabetes mellitus, insbesondere bei gleichzeitiger Nierenfunktionsstörung
- Erhöhtes Urin-RBP
- Proximale Tubulopathie (Erkrankung der vorderen Nierenkanälchen)
- Fanconi-Syndrom
- Akute tubuläre Schädigung
- Akute tubuläre Nekrose (Absterben von Nierenkanälchengewebe)
- Toxische Nierenschädigung, z. B. durch Schwermetalle, Arzneimittel oder industrielle Nephrotoxine (nierenschädigende Giftstoffe)
- Tubulointerstitielle Nephritis
- Diabetische Nephropathie mit tubulärer Beteiligung
- Nierentransplantatdysfunktion
Erniedrigte Werte
- Vitamin-A-Mangel
- Ausgeprägte Malnutrition
- Proteinmangel
- Schwere Leberinsuffizienz (Leberschwäche)
- Akute systemische Entzündungsreaktion
- Chronische Entzündung mit erhöhter Akut-Phase-Aktivität
- Proteinverlustsyndrome (Erkrankungen mit Eiweißverlust), z. B. nephrotisches Syndrom (Nierenerkrankung mit starkem Eiweißverlust) oder exsudative Enteropathie (Darmerkrankung mit Eiweißverlust)
- Schwere kritische Erkrankung
Spezifische Konstellationen
- Niedriges Serum-RBP bei erhöhtem CRP
- Spricht nicht beweisend für Vitamin-A-Mangel, sondern kann durch die Akut-Phase-Reaktion bedingt sein
- Retinol und Entzündungsparameter sollten parallel beurteilt werden
- Niedriges Serum-RBP bei niedriger Retinolkonzentration
- Vereinbar mit Vitamin-A-Mangel, Malnutrition oder verminderter hepatischer Synthese
- Interpretation nur unter Berücksichtigung von CRP, α1-Säureglykoprotein, Albumin und Leberparametern
- Erhöhtes Serum-RBP bei erniedrigter geschätzter glomerulärer Filtrationsrate
- Vereinbar mit reduzierter renaler Elimination
- Nicht automatisch Ausdruck eines erhöhten Vitamin-A-Status
- Erhöhtes Urin-RBP bei normaler Albuminurie
- Hinweis auf frühe oder isolierte proximal-tubuläre Schädigung
- Besonders relevant bei toxischer, medikamentöser (durch Medikamente bedingter), tubulointerstitieller oder diabetischer Nierenschädigung
- RBP4 bei metabolischem Syndrom und Diabetes
- RBP4 ist als Hepatokine/Adipokine (von Leber/Fettgewebe gebildete Botenstoffe) mit Insulinresistenz und diabetischer Nephropathie assoziiert (verbunden)
- Der Parameter ist hierfür derzeit nicht als standardisierter Einzelmarker für die klinische Routinediagnostik etabliert [1, 6, 7]
Weiterführende Diagnostik
- Vitamin-A-Status
- Retinol im Serum
- Retinylester bei Spezialfragestellungen
- Ernährungsanamnese (Erfassung der Ernährungsvorgeschichte) und Supplementenanamnese (Erfassung eingenommener Nahrungsergänzungsmittel)
- Entzündungsdiagnostik
- CRP (C-reaktives Protein)
- α1-Säureglykoprotein bei ernährungsmedizinischer Spezialdiagnostik
- BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit)
- Leberparameter
- Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
- Albumin
- Cholinesterase
- Quick/INR
- Nierenparameter
- Kreatinin
- Cystatin C
- Geschätzte glomeruläre Filtrationsrate
- Albumin-Kreatinin-Ratio
- Protein-Kreatinin-Ratio
- Urinstatus und Urinsediment
- Tubuläre Proteinurie
- α1-Mikroglobulin
- β2-Mikroglobulin, präanalytisch pH-empfindlich
- N-Acetyl-β-D-Glucosaminidase
- Kidney Injury Molecule-1 (KIM-1) bei Spezialfragestellungen
- Neutrophil gelatinase-associated lipocalin (NGAL) bei Spezialfragestellungen
- Metabolische Parameter
- Nüchternglucose
- HbA1c
- Insulin
- HOMA-IR bei spezieller Fragestellung
- Lipidprofil
- Harnsäure
Klinische Hinweise
- Serum-RBP ist für die Beurteilung des Vitamin-A-Status nur eingeschränkt geeignet, wenn eine Entzündung, schwere Lebererkrankung, Niereninsuffizienz oder Malnutrition vorliegt.
- Urin-RBP ist ein sensitiver (empfindlicher) Marker der proximal-tubulären Dysfunktion (Funktionsstörung), aber kein krankheitsspezifischer Marker; Ursache und Lokalisation (Ort der Schädigung) müssen mit Urinstatus, Albuminurie, Proteinurie, Nierenfunktion und klinischem Kontext abgeglichen werden.
- Ein erhöhtes Serum-RBP bei chronischer Nierenerkrankung darf nicht als Vitamin-A-Überschuss interpretiert werden.
- Bei Verdacht auf Vitamin-A-Mangel ist die alleinige RBP-Bestimmung nicht ausreichend; Retinol, Entzündungsstatus, Leberfunktion und Ernährungsstatus müssen berücksichtigt werden.
- RBP4 wird intensiv als metabolischer Biomarker (Stoffwechsel-Messwert) untersucht. Wegen Heterogenität (Uneinheitlichkeit) der Studien, methodischer Unterschiede und fehlender standardisierter Grenzwerte ist RBP4 derzeit kein etablierter Routinemarker zur Diagnostik von Insulinresistenz, Typ-2-Diabetes mellitus oder Gestationsdiabetes.
Literatur
- Steinhoff JS, Lass A, Schupp M. Retinoid Homeostasis and Beyond: How Retinol Binding Protein 4 Contributes to Health and Disease. Nutrients. 2022;14(6):1236. https://doi.org/10.3390/nu14061236
- Ratajczyk K, Konieczny A, Czekaj A, Piotrów P, Fiutowski M, Krakowska K, Kowal P, Witkiewicz W, Marek-Bukowiec K. The Clinical Significance of Urinary Retinol-Binding Protein 4: A Review. Int J Environ Res Public Health. 2022;19(16):9878. https://doi.org/10.3390/ijerph19169878
- Victor CP, Leon JS, Williams AM. Vitamin A biomarkers were associated with α1-acid glycoprotein and C-reactive protein over the course of a human norovirus challenge infection. Br J Nutr. 2024;131(3):482-488. https://doi.org/10.1017/S0007114523002076
- Utakata Y, Miwa T, Hanai T, Nishimura K et al.: Usefulness of Retinol-Binding Protein in Predicting Mortality in Patients With Chronic Liver Disease. JGH Open. 2025;9:e70087. https://doi.org/10.1002/jgh3.70087
- Szymańska A, Bagińska-Chyży J, Korzeniecka-Kozerska A. Is Retinol Binding Protein 4 a Good Biomarker of Renal Function in Children with Neurogenic Bladder After Myelomeningocele? J Clin Med. 2025;14(7):2520. https://doi.org/10.3390/jcm14072520
- Cao X, Zhong G, Jin T, Hu W, Wang J, Shi B, Wei R. Diagnostic value of retinol-binding protein 4 in diabetic nephropathy: a systematic review and meta-analysis. Front Endocrinol (Lausanne). 2024;15:1356131. https://doi.org/10.3389/fendo.2024.1356131
- Leca BM, Kite C, Lagojda L, Davasgaium A, Dallaway A, Chatha KK, Randeva HS, Kyrou I. Retinol-binding protein 4 (RBP4) circulating levels and gestational diabetes mellitus: a systematic review and meta-analysis. Front Public Health. 2024;12:1348970. https://doi.org/10.3389/fpubh.2024.1348970