Alpha-1-Mikroglobulin im Urin

Alpha-1-Mikroglobulin im Urin ist ein niedermolekulares Glykoprotein (Eiweiß mit Zuckeranteil), das glomerulär (in den Nierenkörperchen) frei filtriert und im proximalen Tubulus (erster Abschnitt der Nierenkanälchen) nahezu vollständig rückresorbiert wird.

In der klinischen Labordiagnostik dient es als Marker der tubulären Resorptionsfunktion (Funktion der Rückaufnahme in den Nierenkanälchen) und damit insbesondere dem Nachweis einer tubulären Proteinurie (Eiweißausscheidung über die Nierenkanälchen) bzw. eines proximal-tubulären Schadens (Schädigung des ersten Abschnitts der Nierenkanälchen).

Synonyme

  • α-1-Mikroglobulin
  • Protein HC
  • A1M
  • Urin-Alpha-1-Mikroglobulin

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Spontanurin (Urinprobe ohne spezielle Sammlung), bevorzugt Erstmorgenurin oder 2. Morgenurin
    • Bei Spot-Urin (Einzelurinprobe) nach Möglichkeit gleichzeitige Kreatininbestimmung zur Quotientenbildung
    • 24-Stunden-Urin (Urin über 24 Stunden gesammelt) nur in speziellen Fragestellungen
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
    • Nach intensiver körperlicher Belastung sollte die Uringewinnung nach Möglichkeit nicht unmittelbar erfolgen
  • Störfaktoren
    • Ausgeprägte Urinverdünnung oder -konzentrierung bei fehlender Kreatininbezogung
    • Diurnale Variation (Schwankungen im Tagesverlauf) bei unstandardisierten Spontanurinproben
    • Akute Harnwegsinfektionen (Infektionen der Harnwege), Fieber, akute interkurrente Erkrankungen (gleichzeitig bestehende Erkrankungen) und postrenale Beimengungen (Beimengungen aus den ableitenden Harnwegen) können die Interpretation erschweren
    • Methoden- und laborabhängige Unterschiede der Referenzbereiche (Normalwerte)
  • Methode
    • Quantitative Immunoassays (Antikörper-basierte Messverfahren), in der Routinediagnostik vor allem Immunnephelometrie oder Immunturbidimetrie
    • Angabe entweder als Konzentration im Urin oder bevorzugt kreatininbezogen als Alpha-1-Mikroglobulin/Kreatinin-Quotient

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe/Material Referenzbereich
Erwachsene, 2. Morgenurin < 12 mg/l
Erwachsene, Erstmorgenurin, kreatininbezogen < 7,08 mg/g Kreatinin
Erwachsene, 24-Stunden-Urin < 12,9 mg/24 h

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Verdacht auf proximale tubuläre Dysfunktion (Funktionsstörung der Nierenkanälchen) bzw. tubuläre Proteinurie (Eiweißausscheidung über die Nierenkanälchen)
  • Früherkennung und Verlaufskontrolle tubulointerstitieller Nierenschäden (Schädigungen des Nierengewebes und Zwischengewebes)
  • Ergänzende Differenzierung einer Proteinurie (Eiweißausscheidung im Urin) in glomeruläre (aus den Nierenkörperchen stammend), tubuläre (aus den Nierenkanälchen stammend) oder postrenale Muster (aus den ableitenden Harnwegen stammend)
  • Abklärung nephrotoxischer Nierenschäden (durch nierenschädigende Substanzen verursachte Nierenschäden), z. B. medikamentös (durch Medikamente), toxisch (durch Gifte) oder im Rahmen systemischer Erkrankungen (den ganzen Körper betreffender Erkrankungen)
  • Ergänzende Beurteilung bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), arterieller Hypertonie (Bluthochdruck) oder chronischer Nierenerkrankung (dauerhafte Nierenerkrankung) mit Verdacht auf tubulointerstitiellen Beteiligungsanteil

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Hinweis auf eingeschränkte tubuläre Rückresorption (verminderte Rückaufnahme in den Nierenkanälchen) mit tubulärer Proteinurie (Eiweißausscheidung über die Nierenkanälchen)
    • Typisch bei tubulointerstitiellen Nephropathien (Erkrankungen des Nierengewebes und Zwischengewebes), toxischen (durch Gifte verursachten) oder medikamentösen (durch Medikamente verursachten) Tubulusschäden (Schädigungen der Nierenkanälchen) sowie ischämischen (durch Durchblutungsstörung verursachten) oder entzündlichen Tubulusschäden
    • Erhöhte Werte können auch bei diabetischer Nierenschädigung (Nierenschädigung bei Zuckerkrankheit) und anderen chronischen Nierenerkrankungen (dauerhaften Nierenerkrankungen) mit tubulointerstitieller Beteiligung auftreten
    • Die Interpretation sollte immer gemeinsam mit Albumin, Gesamtprotein, Kreatinin im Urin und dem klinischen Kontext erfolgen
  • Erniedrigte Werte
    • In der Regel nicht krankheitsrelevant
  • Spezifische Konstellationen
    • Erhöhtes Alpha-1-Mikroglobulin bei normaler oder nur gering erhöhter Albuminurie (geringe Eiweißausscheidung) spricht eher für eine tubuläre als für eine primär glomeruläre Schädigung (Schädigung der Nierenkörperchen)
    • Bei Spot-Urin (Einzelurinprobe) ist die kreatininbezogene Angabe der reinen Konzentrationsangabe diagnostisch überlegen
    • Erstmorgenurin ist für die standardisierte Verlaufskontrolle besonders geeignet

Weiterführende Diagnostik

  • Albumin im Urin bzw. Albumin/Kreatinin-Quotient
  • Gesamtprotein im Urin bzw. Protein/Kreatinin-Quotient
  • Weitere Markerproteine im Urin, z. B. IgG, Transferrin, Alpha-2-Makroglobulin, Retinol-bindendes Protein, Beta-2-Mikroglobulin
  • Serum-Kreatinin, Cystatin C, geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (Berechnung der Nierenfunktion)
  • Urinstatus (Basisuntersuchung des Urins), Urinsediment (mikroskopische Untersuchung des Urins), Urinkultur (Anzucht von Keimen im Urin) bei Verdacht auf Harnwegsinfektion
  • Bei persistierender Konstellation je nach Klinik nephrologische Abklärung (Abklärung durch einen Nierenspezialisten) einschließlich Sonographie (Ultraschalluntersuchung) und ggf. weiterführender Ätiologiediagnostik (Ursachenabklärung)

Weitere Hinweise

  • Markerproteine im Urin sind:
    • Albumin – Marker für glomeruläre Proteinurie
    • Transferrin – Marker für glomeruläre Proteinurie
    • Immunglobulin G (IgG) – Marker für unselektive glomeruläre Proteinurie und schweren glomerulären Schaden
    • Alpha-1-Mikroglobulin – Marker für tubuläre Proteinurie
    • Alpha-2-Makroglobulin – Marker für postrenale, blutungsbedingte Proteinurie

Literatur

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