Tumoren der Wirbelsäule – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Tumoren der Wirbelsäule (Geschwülste an der Wirbelsäule) mitbedingt sein können:

Das Komplikationsspektrum wird wesentlich durch Tumorentität und -biologie, anatomische Lokalisation und Ausdehnung, ossäre Destruktion und Wirbelsäulenstabilität, epidurale Tumorausdehnung bzw. Rückenmarkkompression (Einengung des Rückenmarks) sowie bei Wirbelsäulenmetastasen (Tumorabsiedlungen in der Wirbelsäule) durch die systemische Tumorlast bestimmt [1-5, LL1, LL2].

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Chronische lokale bzw. mechanische Rückenschmerzen (lang anhaltende örtliche bzw. bewegungsabhängige Rückenschmerzen) – durch tumorbedingte Knochen- und Periostreizung, Wirbelkörperdestruktion, Deformierung oder Instabilität; mechanischer, bewegungsabhängiger Schmerz ist insbesondere ein Hinweis auf eine drohende bzw. manifeste neoplastische Instabilität [1, LL1]
  • Neoplastische Wirbelsäuleninstabilität (tumorbedingte Instabilität der Wirbelsäule) – infolge tumorbedingter Destruktion tragender Wirbelsäulenstrukturen; mögliche Folgen sind progrediente Schmerzen, Fehlstellung, pathologische Fraktur und neurologische Gefährdung [1, LL1]
  • Pathologische Wirbelkörperfraktur (krankheitsbedingter Wirbelkörperbruch) bzw. Wirbelkörperkollaps (Zusammenbrechen eines Wirbelkörpers) – insbesondere bei osteolytischer Destruktion; mögliche Folgen sind mechanische Instabilität, segmentale Fehlstellung und sekundäre Einengung neuraler Strukturen [1, LL1]
  • Radikulopathie (Erkrankung einer Nervenwurzel) bzw. radikuläres Schmerzsyndrom (von einer Nervenwurzel ausgehende Schmerzen) – durch Kompression einer Nervenwurzel durch Tumorgewebe, Wirbelkörperkollaps oder pathologische Fraktur [LL1]
  • Wirbelsäulendeformität (Verformung der Wirbelsäule) – insbesondere Kyphosierung (verstärkte nach hinten gerichtete Krümmung) bzw. segmentale Fehlstellung infolge struktureller Destruktion und Wirbelkörperkollaps [1, LL1]

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Lokale Tumorprogression (örtliches Fortschreiten des Tumors) bzw. Lokalrezidiv (örtliches Wiederauftreten des Tumors) bei primären malignen Wirbelsäulentumoren – Risiko und klinische Bedeutung sind von Histologie, lokaler Ausdehnung und onkologischer Resektabilität abhängig; eine lokale Progression kann erneut knöcherne und neurale Strukturen kompromittieren [LL2]
  • Fernmetastasierung (Absiedlung des Tumors in entfernte Körperregionen) bei primären malignen Knochensarkomen (bösartigen Knochentumoren) der Wirbelsäule – histologieabhängig; bei Osteosarkom (bösartigem knochenbildendem Tumor) und Ewing-Sarkom (bösartigem Knochentumor vor allem bei Kindern und Jugendlichen) ist insbesondere eine pulmonale Metastasierung (Tumorabsiedlung in der Lunge) klinisch bedeutsam [LL2]

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Epidurale Rückenmarkkompression (Einengung des Rückenmarks durch Tumorgewebe außerhalb der Rückenmarkshaut) – durch epidurales Tumorwachstum, pathologische Fraktur bzw. Wirbelkörperkollaps; sie kann zu irreversiblen neurologischen Defiziten führen und stellt bei neurologischen Ausfällen einen onkologischen Notfall dar [4, LL1]
  • Myelopathie (Schädigung des Rückenmarks) – durch Kompression des Rückenmarks; möglich sind motorische, sensible und autonome Funktionsstörungen [4, LL1]
  • Paresen (Lähmungserscheinungen) unterschiedlicher Ausprägung – bei fortschreitender Rückenmark- oder Nervenwurzelkompression bis hin zur Para- (Lähmung beider Beine) bzw. Tetraplegie (Lähmung aller vier Gliedmaßen) [4, 6, LL1]
  • Cauda-equina-Syndrom (Schädigung der Nervenwurzeln am unteren Ende des Wirbelkanals) – bei Kompression der lumbosakralen Nervenwurzeln mit motorischen und sensiblen Defiziten sowie Blasen- und Darmfunktionsstörungen [LL1]
  • Sensible neurologische Defizite (Gefühlsstörungen durch eine Schädigung des Nervensystems) – Hypästhesie (verminderte Berührungsempfindung), Parästhesien (Missempfindungen) bis hin zu ausgeprägten Sensibilitätsausfällen unterhalb des betroffenen Rückenmarksegments [4, LL1]

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Neurogene Darmfunktionsstörung (nervenbedingte Störung der Darmfunktion) – bei fortgeschrittener Rückenmark- bzw. Cauda-equina-Kompression mit gestörter Defäkation, Obstipation (Verstopfung) und ggf. Stuhlinkontinenz (unwillkürlichem Stuhlabgang) [LL1]

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Gangstörung (Störung des Gehens) bis zum Verlust der Gehfähigkeit – infolge motorischer Defizite, Myelopathie, Rückenmarkkompression, Schmerzen oder mechanischer Instabilität; der prätherapeutische ambulante Status ist zugleich ein wesentlicher Prognosefaktor für die posttherapeutische Gehfähigkeit [5, 6, LL1]
  • Chronisches Tumorschmerzsyndrom (lang anhaltende tumorbedingte Schmerzen) – nozizeptiv, mechanisch und/oder neuropathisch vermittelt; bei fortgeschrittenen spinalen Tumoren häufig multifaktoriell [LL1]

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Neurogene Blasenfunktionsstörung (nervenbedingte Störung der Blasenfunktion) – bei Rückenmark- bzw. Cauda-equina-Kompression mit Harnverhalt (Unfähigkeit, die Blase vollständig zu entleeren), gestörter Blasenentleerung und/oder Harninkontinenz (unwillkürlichem Harnverlust) [LL1]

Prognosefaktoren

Die Prognose muss bei primären Wirbelsäulentumoren und Wirbelsäulenmetastasen getrennt beurteilt werden. Bei Wirbelsäulenmetastasen sind Art bzw. Biologie des Primärtumors und der funktionelle Allgemeinzustand die am konsistentesten mit dem Gesamtüberleben assoziierten Faktoren [2, 3, 5].

  • Tumorentität und Tumorbiologie
    • Bei Wirbelsäulenmetastasen gehört die Art des Primärtumors zu den am stärksten und konsistentesten mit dem Gesamtüberleben assoziierten Faktoren [2, 5].
    • Bei primären malignen Knochensarkomen bestimmen insbesondere Histologie, Malignitätsgrad, lokale Ausdehnung und Metastasierung die Prognose [LL2].
  • Allgemein- und Funktionszustand
    • Ein eingeschränkter Performance-Status, insbesondere ein niedriger Karnofsky-Performance-Status, ist bei Patienten mit Wirbelsäulenmetastasen mit einer ungünstigeren Überlebensprognose verbunden [2, 5].
  • Systemische Tumorausbreitung
    • Viszerale Metastasen (Tumorabsiedlungen in inneren Organen), multiple ossäre Metastasen (mehrere Knochenmetastasen) und multiple Wirbelsäulenmetastasen waren in der Metaanalyse von Luksanapruksa et al. mit einer ungünstigeren Überlebensprognose assoziiert; die zusätzliche prognostische Aussagekraft einzelner Ausbreitungsparameter ist zwischen systematischen Übersichtsarbeiten jedoch nicht durchgehend konsistent [2, 5].
  • Neurologischer und ambulanter Status
    • Ein prätherapeutisches neurologisches Defizit (vor der Behandlung bestehender neurologischer Funktionsausfall) und fehlende Gehfähigkeit sind mit einer ungünstigeren Prognose bzw. einem schlechteren funktionellen Ergebnis assoziiert [5, 6].
    • Für die posttherapeutische Gehfähigkeit sind insbesondere der ambulante Status vor Behandlung, die Dauer bzw. Dynamik motorischer Defizite und das Intervall zwischen Symptombeginn und Behandlung relevant [6].
  • Grad der epiduralen Rückenmarkkompression
    • Eine hochgradige epidurale Rückenmarkkompression war in einer aktuellen Kohortenstudie unabhängig mit einem erhöhten Risiko einer Rückenmarkschädigung (Schädigung des Rückenmarks) innerhalb eines Jahres sowie mit einem früheren Auftreten neurologischer Komplikationen assoziiert [4].
  • Neoplastische Wirbelsäuleninstabilität
    • Der Spinal Instability Neoplastic Score (SINS) erfasst Lokalisation, Schmerz, Knochenläsion, Wirbelsäulenalignment, Wirbelkörperkollaps und Beteiligung posterolateraler Strukturen. Höhere Werte kennzeichnen eine zunehmende mechanische Instabilität; SINS und Ausmaß der epiduralen Rückenmarkkompression sind miteinander assoziiert [1, LL1].
    • Eine pathologische Wirbelfraktur bzw. ein hoher SINS ist primär ein Morbiditäts- und Therapieentscheidungsfaktor; eine unabhängige Assoziation mit dem Gesamtüberleben ist deutlich weniger konsistent belegt [1, 2].
  • Resektabilität primärer maligner Knochensarkome
    • Bei primären malignen Knochensarkomen beeinflussen lokale Tumorausdehnung, Möglichkeit einer vollständigen onkologischen Resektion (vollständige operative Entfernung des Tumors) und das Vorliegen von Fernmetastasen die langfristige Tumorkontrolle und Prognose [LL2].

Literatur

  1. Bobinski L, Axelsson J, Melhus J et al.: The Spinal Instability Neoplastic Score correlates with epidural spinal cord compression -a retrospective cohort of 256 surgically treated patients with spinal metastases. BMC Musculoskelet Disord. 2024;25:644. doi: 10.1186/s12891-024-07756-9
  2. Bollen L, Jacobs WCH, Van der Linden YM et al.: A systematic review of prognostic factors predicting survival in patients with spinal bone metastases. Eur Spine J. 2018;27:799-805. doi: 10.1007/s00586-017-5320-3
  3. Nater A, Martin AR, Sahgal A et al.: Symptomatic spinal metastasis: A systematic literature review of the preoperative prognostic factors for survival, neurological, functional and quality of life in surgically treated patients and methodological recommendations for prognostic studies. PLoS One. 2017;12:e0171507. doi: 10.1371/journal.pone.0171507
  4. Jung C, Shin HT, Bae CR et al.: Can we predict neurological complications in patients with metastatic spinal tumors? Front Oncol. 2025;15:1625545. doi: 10.3389/fonc.2025.1625545
  5. Luksanapruksa P, Buchowski JM, Hotchkiss W et al.: Prognostic factors in patients with spinal metastasis: a systematic review and meta-analysis. Spine J. 2017;17:689-708. doi: 10.1016/j.spinee.2016.12.003
  6. Liu YH, Hu YC, Yang XG et al.: Prognostic Factors of Ambulatory Status for Patients with Metastatic Spinal Cord Compression: A Systematic Review and Meta-Analysis. World Neurosurg. 2018;116:e278-e290. doi: 10.1016/j.wneu.2018.04.188

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S2k-Leitlinie Wirbelsäulenmetastasen. (AWMF-Registernummer 187-003) Stand Juni 2024, gültig bis Mai 2029. Langfassung. [LL1]
  2. Strauss SJ, Frezza AM, Abecassis N et al.: Bone sarcomas: ESMO-EURACAN-GENTURIS-ERN PaedCan Clinical Practice Guideline for diagnosis, treatment and follow-up. Ann Oncol. 2021;32:1520-1536. doi: 10.1016/j.annonc.2021.08.1995. ESMO-Leitlinienseite. [LL2]