Gebärmutterhalskrebs (Cervixkarzinom) – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht und Körpergröße; des Weiteren:
- Beurteilung des Allgemein- und Ernährungszustands sowie der körperlichen Leistungsfähigkeit.
- Inspektion der Haut und Schleimhäute auf Blässe sowie der Bauchdecke und Inguinalregion (Leistengegend) auf sichtbare Veränderungen.
- Palpation der Lymphknotenregionen inguinal (in der Leiste), zervikal (am Hals) und supraklavikulär (oberhalb des Schlüsselbeins) beidseits; Dokumentation von Größe, Konsistenz, Verschieblichkeit und Druckschmerz auffälliger Lymphknoten (kleiner Filterstationen der Lymphflüssigkeit). Eine Lymphknotenvergrößerung allein beweist keine Metastasierung (Bildung von Tochtergeschwülsten).
- Untersuchung des Abdomens (Bauchraums) durch Inspektion, Auskultation, Perkussion und Palpation; Beurteilung von Druckschmerz, Resistenzen (tastbaren Verhärtungen), Organvergrößerungen und klinischen Asziteszeichen (Hinweisen auf Flüssigkeitsansammlung im Bauchraum).
- Inspektion und Palpation der Beine auf ein- oder beidseitige Ödeme (Wassereinlagerungen). Bei schmerzhafter einseitiger Schwellung ist eine Thrombose (Gefäßverschluss durch ein Blutgerinnsel) differenzialdiagnostisch zu berücksichtigen.
- Bei entsprechenden Beschwerden ergänzende Untersuchung von Herz, Lunge und Nierenlagern sowie orientierende neurologische Untersuchung.
- Gynäkologische Untersuchung
- Inspektion
- Vulva (äußere weibliche Geschlechtsorgane) und Perineum (Damm): Beurteilung sichtbarer Läsionen (Gewebeveränderungen) und möglicher Blutungsquellen.
- Vagina (Scheide): vollständige Inspektion der Scheidenwände und Fornices (Scheidengewölbe) bei Spekulumeinstellung; Dokumentation von Lokalisation und Ausdehnung auffälliger Befunde [sichtbare Tumorausbreitung auf die Vaginalwand]. Ein Befall der oberen zwei Drittel ohne Parametrieninfiltration (Einwachsen in das seitliche Haltegewebe der Gebärmutter) entspricht T2a; ein Befall des unteren Vaginaldrittels entspricht T3a, sofern keine Ausbreitung bis zur Beckenwand vorliegt.
- Cervix uteri (Gebärmutterhals) beziehungsweise Portio (in die Scheide hineinragender Teil des Gebärmutterhalses): Beurteilung von Oberfläche, Kontur, maximaler sichtbarer Tumorausdehnung, Blutungsquelle und Sekret [exophytischer (nach außen wachsender), ulzerierender (geschwürbildender) oder nekrotischer (abgestorbenes Gewebe enthaltender) Zervixtumor; leicht verletzliches Tumorgewebe mit Kontaktblutung (Blutung bei Berührung); blutig-wässriger, gegebenenfalls übelriechender Fluor genitalis (Ausfluss aus den Geschlechtsorganen)]. Ein überwiegend endozervikal (im Gebärmutterhalskanal) wachsender Tumor kann bei der Inspektion unauffällig bleiben.
- Bimanuelle Palpation der inneren Genitalorgane (Geschlechtsorgane)
- Cervix uteri: Beurteilung von Größe, Form, Konsistenz, Beweglichkeit und tastbarer Tumorausdehnung [vergrößerte, derbe oder tonnenförmig aufgetriebene Zervix; knotige Tumorformation; eingeschränkte Beweglichkeit bei lokaler Tumorausbreitung].
- Uterus (Gebärmutter): Beurteilung von Größe, Lage, Konsistenz, Beweglichkeit und Druckschmerz. Eine Ausbreitung in das Corpus uteri (Gebärmutterkörper) allein führt beim Cervixkarzinom nicht zu einer höheren T-Kategorie.
- Adnexe (Eierstöcke und Eileiter): Beurteilung auf tastbare Raumforderungen und Druckschmerz.
- Ergänzende rektovaginale Palpation
- Parametrien (seitliches Haltegewebe der Gebärmutter): beidseitige Beurteilung von Konsistenz, Verkürzung, Verdickung und Verschieblichkeit [derbe, knotige oder strangförmige parametrane Infiltration (Einwachsen in das seitliche Haltegewebe der Gebärmutter)]. Eine tumorbedingte Parametrieninfiltration ohne Erreichen der Beckenwand entspricht T2b, sofern keine weitergehende lokale Ausbreitung vorliegt.
- Beckenwände: Prüfung der seitlichen Tumorausdehnung und des verbleibenden freien Raums zwischen Tumor und Beckenwand [Tumorfixierung bis zur Beckenwand; kein tumorfreier Zwischenraum tastbar]. Eine Ausbreitung bis zur Beckenwand entspricht T3b. Eine Hydronephrose (Erweiterung des Nierenhohlsystems durch Harnstau) oder funktionslose Niere lässt sich durch die Tastuntersuchung nicht zuverlässig feststellen.
- Douglas-Raum (Vertiefung zwischen Gebärmutter und Enddarm) und Rektovaginalseptum (Gewebeschicht zwischen Enddarm und Scheide): Beurteilung auf Raumforderungen, Verhärtungen und eingeschränkte Verschieblichkeit [tumoröse Infiltration des Rektovaginalseptums]. Der Verdacht auf eine Infiltration benachbarter Organe ist zu dokumentieren; ein Befall der Blasen- oder Rektumschleimhaut (Schleimhaut des Enddarms) lässt sich durch Palpation allein nicht sichern.
- Inspektion
- Einordnung und Dokumentation des klinischen Befunds
- Dokumentation von Tumorlokalisation, maximalem klinisch abschätzbarem Durchmesser in Zentimetern, vaginaler Ausdehnung, Parametrienbefund und Beziehung zur Beckenwand; zusätzlich Blutungsaktivität und Beurteilbarkeit festhalten.
- Für auf die Zervix begrenzte Tumoren der Kategorie T1b gilt die Größenunterteilung: T1b1 bis einschließlich 2 cm, T1b2 über 2 cm bis einschließlich 4 cm, T1b3 über 4 cm. Die körperliche Untersuchung allein erlaubt keine vollständige Stadieneinteilung.
- Ein unauffälliger Inspektions- oder Tastbefund schließt insbesondere ein mikroinvasives (nur mikroskopisch erkennbar in das darunterliegende Gewebe eingewachsenes) oder endozervikal gelegenes Cervixkarzinom nicht aus. Bei sichtbarem karzinomverdächtigem Befund ist eine gezielte Biopsie zur histologischen Sicherung erforderlich; ein Pap-Abstrich ersetzt diese nicht.
- Bei schmerzbedingt oder anatomisch unzureichender Beurteilbarkeit kann eine Untersuchung in Anästhesie zur verlässlicheren Einschätzung der lokalen Ausdehnung erforderlich sein.
- Körperliche Untersuchung in der Nachsorge
- Spekulumeinstellung sowie bimanuelle und rektovaginale Untersuchung; nach Hysterektomie (operativer Entfernung der Gebärmutter) gezielte Inspektion und Palpation des Scheidenabschlusses [neu aufgetretener knotiger oder ulzerierender Befund am Scheidenabschluss als Hinweis auf ein Lokalrezidiv (örtliches Wiederauftreten des Tumors)].
- Erneute Beurteilung der zugänglichen Lymphknotenregionen und der Beine sowie gezielte Untersuchung bei neuen Beschwerden; zusätzlich Erfassung klinisch erkennbarer Therapiefolgen.
- Ein allgemeiner Gesundheitscheck kann ergänzend erfolgen, ersetzt jedoch nicht die tumorspezifische Nachsorgeuntersuchung.
In eckigen Klammern stehen mögliche krankheitsbezogene pathologische (krankhafte) körperliche Befunde. Diese sind nicht beweisend für ein Cervixkarzinom und können insbesondere in frühen Stadien fehlen.
Abkürzungen
- Pap = Papanicolaou
- T = Kategorie zur Beschreibung der örtlichen Tumorausdehnung
- cm = Zentimeter