Akute lymphatische Leukämie (ALL) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Kurative Behandlung mit Erreichen einer kompletten hämatologischen Remission (vollständigem Zurückgehen der Erkrankung mit Erholung der Blutbildung), möglichst einer tiefen, dauerhaft MRD-negativen Remission, und Verhinderung von Knochenmark-, ZNS- und extramedullären Rezidiven (Rückfällen im Knochenmark, im Nervensystem oder in anderen Geweben).
  • Begrenzung von therapiebedingter Mortalität, Spätfolgen und Beeinträchtigungen der Lebensqualität; Erhalt der Transplantationsoption bei entsprechender Risikokonstellation. [LL1, LL2]

Therapieempfehlungen

Die akute lymphatische Leukämie (ALL) (rasch verlaufender Blutkrebs aus unreifen lymphatischen Zellen) ist ein hämatologischer Notfall. Die Behandlung erfolgt in einem erfahrenen Zentrum nach alters- und subgruppenspezifischem Studien- beziehungsweise GMALL-Protokoll. Vor Therapiebeginn sind insbesondere B- oder T-Zell-Linie, CD19, CD20 und CD22, BCR::ABL1-Status, weitere genetische Risikomerkmale, ZNS-Befall (Beteiligung von Gehirn oder Rückenmark), Organfunktion sowie ein geeigneter MRD-Marker zu bestimmen. Die nachstehenden Dosierungen sind Referenzangaben für einzelne Wirkstoffe und ersetzen kein vollständiges Therapieprotokoll. [LL1, LL2]

  • Vorphase und Induktion: Bei Erwachsenen in der Regel eine kurze Dexamethason-basierte Vorphase, gegebenenfalls mit Cyclophosphamid, zur kontrollierten Zellreduktion und Tumorlyseprophylaxe (Vorbeugung gegen gefährliche Stoffwechselveränderungen beim Zerfall vieler Krebszellen). Bei jüngeren Erwachsenen mit Ph-negativer ALL folgen Vincristin, Dexamethason, Daunorubicin und pegyliertes Asparaginasepräparat; in der zweiten Induktionsphase zusätzlich Cyclophosphamid, Cytarabin und Mercaptopurin. CD20-positive B-ALL: Rituximab in das Protokoll integrieren. Die Behandlung von Kindern und älteren oder gebrechlichen Erwachsenen folgt eigenständigen, angepassten Protokollen. [LL1, LL2]
  • Konsolidierung und Erhaltung: Mehrere intensive, risikoadaptierte Blöcke mit unter anderem Methotrexat, Cytarabin, Asparaginase und weiteren Protokollwirkstoffen. Bei erwachsenen Patienten mit neu diagnostizierter Ph-negativer, CD19-positiver B-Vorläufer-ALL ist Blinatumomab als Monotherapie innerhalb der Konsolidierung in der EU zugelassen, auch bei MRD-Negativität. Ohne allogene Stammzelltransplantation (Übertragung blutbildender Stammzellen eines Spenders) folgt in der Regel eine tägliche Mercaptopurin- und wöchentliche Methotrexat-Erhaltung; nach GMALL bis zu einer Gesamttherapiedauer von etwa zweieinhalb Jahren. [LL1, FI1, 7]
  • Ph-positive ALL: BCR::ABL1-Tyrosinkinasehemmer ab Ersttherapie zusammen mit geeigneter Chemotherapie (Behandlung mit zellschädigenden Arzneimitteln) und ZNS-Prophylaxe. Imatinib ist ein etabliertes GMALL-Referenzpräparat; seit Juli 2026 ist auch Ponatinib in Kombination mit dosisreduzierter Chemotherapie für Erwachsene mit neu diagnostizierter Ph-positiver ALL in der EU zugelassen. Auswahl nach Zulassung, vaskulärem Risiko, molekularem Ansprechen und Mutationsstatus. Dasatinib in der Erstlinie und TKI-Blinatumomab-Konzepte sind durch Studien gestützt, ihre jeweilige Kombination beziehungsweise Anwendung muss am aktuellen Zulassungsstatus und Protokoll geprüft werden. [LL1, 5, 8, FI6, FI7]
  • ZNS-Prophylaxe: Für alle Risikogruppen protokollgebundene intrathekale Therapie (Gabe von Arzneimitteln in die Flüssigkeit um Gehirn und Rückenmark), meist Methotrexat, gegebenenfalls Dreifachtherapie, und systemische ZNS-wirksame Therapie. Bei nachgewiesenem ZNS-Befall engmaschige intrathekale Behandlung bis zur Liquor-Clearance. Eine Schädelbestrahlung (Bestrahlung des Kopfes) ist keine pauschale Maßnahme: Indikation und Dosis hängen von Alter, ZNS-Befall und Studienprotokoll ab. In aktuellen GMALL-Protokollen für Ph-negative Erwachsene bleibt sie für definierte Gruppen vorgesehen; bei Ph-positiver ALL entfällt sie im beschriebenen reduzierten GMALL-Induktionskonzept. [LL1, LL2]
  • MRD-gesteuerte Therapie und Transplantation: Knochenmark-MRD zu protokolldefinierten Zeitpunkten verfolgen, bei Ph-positiver ALL zusätzlich BCR::ABL1 und nach Möglichkeit einen unabhängigen IG/TR-Marker. Persistierende oder erneut positive MRD verlangt zeitnahe therapeutische Neubewertung. Blinatumomab ist bei erwachsener Ph-negativer, CD19-positiver B-Vorläufer-ALL in erster oder zweiter kompletter Remission mit MRD mindestens 0,1 % zugelassen; die GMALL empfiehlt in bestimmten Situationen einen früheren Einsatz bereits ab 0,01 %, der von dieser MRD-Zulassung abweichen kann. Allogene Stammzelltransplantation nach Risiko, MRD, Alter und Fitness individuell planen. [LL1, LL2, FI1]
  • Rezidiv oder refraktäre Erkrankung (nicht auf die Behandlung ansprechende Krankheit): Unverzügliche Zentrumsanbindung, erneute Antigen- und Mutationsdiagnostik; bei CD19-positiver B-ALL Blinatumomab, bei CD22-positiver B-ALL Inotuzumab-Ozogamicin und bei entsprechender Eignung CD19-CAR-T-Zellen. Die Sequenz berücksichtigt Vorbehandlungen, Antigenverlust, Leukämielast, ZNS-Befall und eine mögliche allogene Stammzelltransplantation. Bei T-ALL Nelarabin als zugelassene Rezidivoption nach den entsprechenden Vortherapien; ein pauschales Schema aus Hochdosischemotherapie und Transplantation wird dem heutigen Spektrum nicht gerecht. [LL1, FI1, FI2, FI9, FI10, FI11, FI12]
  • Supportivtherapie: Tumorlyseprophylaxe, konsequente Infektionsdiagnostik und antimikrobielle Prophylaxe gemäß Protokoll, Transfusions- und Fertilitätsberatung, Hepatitis-B-Screening vor anti-CD20-Therapie, Überwachung der Asparaginaseaktivität und der Pankreas-, Leber-, Gerinnungs- und Stoffwechseltoxizität. Fieber oder klinische Verschlechterung während Neutropenie (Mangel an bestimmten weißen Blutkörperchen) beziehungsweise unter Glukokortikoiden sofort beurteilen; Fieber kann durch Steroide maskiert sein. [LL1, LL2]

Pädiatrische Evidenz: Zwei Blinatumomab-Zyklen zusätzlich zur Chemotherapie verbesserten bei neu diagnostizierter Standardrisiko-B-ALL das krankheitsfreie Überleben [6]. In der im September 2026 publizierten AIEOP-BFM-Studie erreichte der Ersatz zweier Chemotherapieblöcke durch Blinatumomab bei Kindern mit Hochrisiko-B-ALL ein geschätztes ereignisfreies Vierjahresüberleben von 83,0 % gegenüber 70,3 %; die mediane Nachbeobachtung betrug 2,9 Jahre [9]. Diese Daten sind protokollgebunden; eine allgemeine EU-Zulassung von Blinatumomab für die pädiatrische Erstlinienkonsolidierung besteht daraus nicht. [FI1]

Wirkstoffe nach Wirkstoffgruppen

Die Angaben betreffen die ALL. Bei den konventionellen Zytostatika legt das jeweilige, altersangepasste Protokoll Dosis, Kombination, Tage, Wiederholungsintervall und Anpassungen verbindlich fest. Es werden keine isolierten Schemata aus verschiedenen Studien kombiniert. [LL1, LL2]

Glukokortikoide, Vincaalkaloide, Anthrazykline und Alkylanzien

Wirkstoff Besonderheiten
Dexamethason; Prednison oder Prednisolon Dexamethason in aktuellen GMALL-Vorphasen und Induktionen; Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker), Infektionen und Osteonekrose (Absterben von Knochengewebe) beachten.
Vincristin Ausschließlich intravenös; intrathekale Gabe tödlich. Neurotoxizität und Interaktionen, besonders mit Azolantimykotika, beachten.
Daunorubicin; Doxorubicin Anthrazyklin in Induktion beziehungsweise Reinduktion; kardiale Ausgangs- und Verlaufskontrolle.
Cyclophosphamid Je nach Dosis Hydratation und Uroprotektion; Gonadotoxizität beachten.
Etoposid; Teniposid Keine allgemeine Standardkomponente sämtlicher ALL-Induktionen; Teniposid aus dem Ausgangstext nicht als Routinemittel fortführen.
  • Wirkweise: Glukokortikoide induzieren lymphoblastäre Apoptose; Vincristin hemmt Mikrotubuli; Anthrazykline schädigen DNA über Topoisomerase II und weitere Mechanismen; Cyclophosphamid vernetzt DNA.
  • Indikationen: Protokollgebundene Zytoreduktion, Induktion, Reinduktion und einzelne Konsolidierungsblöcke bei B- und T-ALL. [LL1]
  • Kontraindikationen: Wirkstoffspezifische Überempfindlichkeit und produktbezogene Ausschlussgründe; bei schwerer Infektion, ausgeprägter Organdysfunktion oder vorbestehender Neuropathie (Nervenschädigung) beziehungsweise Kardiomyopathie (Erkrankung des Herzmuskels) individuelle Anpassung. Vincristin ist intrathekal absolut kontraindiziert.
  • Nebenwirkungen: Infektionen, Hyperglykämie und Osteonekrose unter Steroiden; periphere und autonome Neuropathie unter Vincristin; Myelosuppression (Unterdrückung der Blutbildung im Knochenmark) und Kardiotoxizität (Schädigung des Herzens) unter Anthrazyklinen; Myelosuppression, hämorrhagische Zystitis (blutige Harnblasenentzündung) und Infertilität (Unfruchtbarkeit) unter Cyclophosphamid.

Antimetabolite und ZNS-wirksame Zytostatika

Wirkstoff Besonderheiten
Methotrexat Bei Hochdosisgabe Hydratation, Spiegelkontrollen und zeitgerechte Folinsäure-Rescue; intrathekale Dosis altersabhängig.
Mercaptopurin (6-MP) TPMT- und NUDT15-Status sowie Interaktion mit Xanthinoxidasehemmern berücksichtigen.
Cytarabin Bei Hochdosisgabe neurologische und okuläre Toxizität überwachen.
Thioguanin Kein genereller Ersatz für Mercaptopurin in der Erhaltung; Risiko einer sinusoidalen Leberschädigung.
Nelarabin EU-Zulassung bei rezidivierter/refraktärer T-ALL beziehungsweise T-LBL nach mindestens zwei Chemotherapieregimen; engmaschig auf Neurotoxizität prüfen. [FI9]
  • Wirkweise: Methotrexat hemmt den Folatstoffwechsel, Mercaptopurin und Thioguanin den Purinstoffwechsel; Cytarabin stört die DNA-Synthese; Nelarabin wird zu einem T-Zell-toxischen Nukleosidanalogon aktiviert.
  • Indikationen: Induktion II, Konsolidierung, ZNS-Prophylaxe und Erhaltung nach Protokoll; Nelarabin für vorbehandelte T-ALL und T-LBL gemäß Zulassung. [LL1, FI9]
  • Kontraindikationen: Wirkstoffspezifische Überempfindlichkeit; bei Methotrexat relevante Nierenfunktionsstörung oder Third-Space-Ergüsse (Flüssigkeitsansammlungen in Körperhöhlen) vor Hochdosisgabe abklären; bei Nelarabin schwere vorbestehende neurologische Erkrankung besonders sorgfältig bewerten.
  • Nebenwirkungen: Zytopenien (Mangel an Blutzellen), Mukositis (Entzündung der Schleimhäute), Hepatotoxizität (Leberschädigung) und Infektionen; Methotrexat zusätzlich Nephro- und Neurotoxizität (Schädigung der Nieren und Nerven), Cytarabin bei hoher Dosis Kleinhirntoxizität und Keratokonjunktivitis (Entzündung der Horn- und Bindehaut des Auges), Nelarabin teils schwere und irreversible neurologische Ereignisse.

Asparaginasepräparate

Wirkstoff Besonderheiten
Pegaspargase In GMALL-Induktionen bevorzugt; Asparaginaseaktivität nach Protokoll messen und Dosis individuell anpassen. [LL1, FI3]
Rekombinante Erwinia-Asparaginase (Crisantaspase) Ersatz bei Überempfindlichkeit oder stummer Inaktivierung von E.-coli-Asparaginase; keine einfache 1:1-Dosisumrechnung; Aktivitätsmessung. [LL1, FI4]
  • Wirkweise: Enzymatischer Abbau von Asparagin mit Entzug einer für Lymphoblasten wichtigen Aminosäure.
  • Indikationen: Bestandteil alters- und risikoadaptierter ALL-Kombinationstherapie; Erwinia-Produkt bei Hypersensitivität oder stummer Inaktivierung der E.-coli-basierten Behandlung. [LL1, FI3, FI4]
  • Kontraindikationen: Schwere Überempfindlichkeit, aktive oder vorausgegangene schwere asparaginaseassoziierte Pankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse) sowie schwere asparaginaseassoziierte Blutung oder Thrombose (Blutgerinnsel in einem Gefäß) nach jeweiliger Fachinformation. [FI3, FI4]
  • Nebenwirkungen: Anaphylaxie (schwere allergische Sofortreaktion), Pankreatitis, Hepatotoxizität, Hypertriglyzeridämie (erhöhte Blutfettwerte), Hyperglykämie, Gerinnungsstörung (Störung der Blutgerinnung) und Thromboembolie (Gefäßverschluss durch ein Blutgerinnsel); Überwachung von Aktivität, Leberwerten, Pankreasenzymen, Glukose, Lipiden und Gerinnung. [LL1]

BCR::ABL1-Tyrosinkinasehemmer bei Ph-positiver ALL

Wirkstoff Besonderheiten
Imatinib Etablierte GMALL-Referenz in der Erstlinie; MRD- und Interaktionskontrolle. [LL1, FI5]
Ponatinib Erstlinienindikation seit Juli 2026 EU-zugelassen; bei T315I wirksam. Arterielle und venöse Verschlussereignisse, Blutdruck, Pankreasenzyme und kardiovaskuläre Risiken überwachen. [8, FI6]
Dasatinib Erstlinienanwendung und Kombination mit Blinatumomab indikationsbezogen auf Off-Label-Use prüfen; Pleuraergüsse (Flüssigkeitsansammlungen zwischen Lunge und Brustwand) und Interaktionen beachten. [5, FI7]
  • Wirkweise: Hemmung der BCR::ABL1-Kinase; Ponatinib wirkt auch bei der T315I-Mutation.
  • Indikationen: Ph-positive ALL in Erstlinie beziehungsweise Resistenzsituation gemäß Wirkstoffzulassung, molekularem Ansprechen und individueller Risikobewertung. [LL1, FI5, FI6, FI7]
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; vor Ponatinib Therapieentscheidung bei schwerer kardiovaskulärer Vorerkrankung besonders sorgfältig treffen, starke CYP3A4-Interaktionen und wirkstoffspezifische Warnhinweise berücksichtigen.
  • Nebenwirkungen: Zytopenien, Hepatotoxizität, Ödeme und gastrointestinale Beschwerden; Ponatinib insbesondere Gefäßverschlüsse, Hypertonie (Bluthochdruck) und Pankreatitis; Dasatinib insbesondere Pleuraerguss und Blutungsneigung.

Monoklonale und bispezifische Antikörper

Wirkstoff Besonderheiten
Rituximab CD20-positive B-ALL, in GMALL bei CD20-Expression über 20 %; Gabe im ALL-Regime je nach Land/Präparat auf Off-Label-Use prüfen. [LL1, 10]
Blinatumomab CD19-positiv; EU-Indikationen unterscheiden sich zwischen Erwachsenen und Kindern sowie MRD-, Rezidiv- und Konsolidierungssituation. Vorbehandlung, Überwachung und ZNS-Prophylaxe nach Fachinformation. [FI1]
Inotuzumab-Ozogamicin CD22-positive rezidivierte/refraktäre B-Vorläufer-ALL; in der EU auch bei definierten pädiatrischen Rezidivsituationen ab einem Jahr. Risiko eines sinusoidalen Obstruktionssyndroms (schwere Störung des Blutabflusses in der Leber), besonders vor und nach Transplantation. [FI2]
  • Wirkweise: Rituximab bindet CD20; Blinatumomab verbindet CD19-positive Zellen mit CD3-positiven T-Zellen; Inotuzumab transportiert Calicheamicin gezielt in CD22-positive Zellen.
  • Indikationen: Rituximab bei CD20-positiver B-ALL im Chemotherapieprotokoll; Blinatumomab für zugelassene CD19-positive B-ALL-Situationen einschließlich erwachsener Erstlinienkonsolidierung; Inotuzumab für zugelassene CD22-positive Rezidive. [LL1, FI1, FI2]
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und produktbezogene Ausschlussgründe; aktive schwere Infektion vor Rituximab beziehungsweise Blinatumomab behandeln. Inotuzumab ist bei bestehendem oder vorausgegangenem schwerem sinusoidalem Obstruktionssyndrom sowie schwerer Lebererkrankung kontraindiziert; Transplantationsplanung und SOS-Risiko prüfen. [FI2]
  • Nebenwirkungen: Rituximab: Infusionsreaktionen und Hepatitis-B-Reaktivierung (Wiederaufflammen einer Hepatitis-B-Infektion); Blinatumomab: Zytokinfreisetzungssyndrom (überschießende Entzündungsreaktion des Immunsystems), Enzephalopathie (Funktionsstörung des Gehirns) beziehungsweise ICANS, Infektionen und B-Zell-Aplasie (Fehlen bestimmter Abwehrzellen); Inotuzumab: Zytopenien, Infektionen, Hepatotoxizität und sinusoidales Obstruktionssyndrom. [FI1, FI2, FI8]

CD19-gerichtete CAR-T-Zell-Therapie (Behandlung mit gezielt veränderten körpereigenen Abwehrzellen)

Wirkstoff Besonderheiten
Tisagenlecleucel EU-zugelassen bis einschließlich 25 Jahre bei refraktärer B-ALL, Rezidiv nach Transplantation oder zweitem beziehungsweise späterem Rezidiv. [FI10]
Brexucabtagene autoleucel EU-zugelassen ab 26 Jahren bei rezidivierter/refraktärer B-Vorläufer-ALL. [FI11]
Obecabtagene autoleucel Bedingte EU-Zulassung ab 26 Jahren bei rezidivierter/refraktärer B-Vorläufer-ALL; laut Onkopedia März 2026 in Deutschland und Österreich nicht vermarktet. Verfügbarkeit aktuell prüfen. [LL1, FI12]
  • Wirkweise: Patienteneigene, ex vivo modifizierte T-Zellen erkennen CD19-positive Leukämiezellen über einen chimären Antigenrezeptor und töten sie ab.
  • Indikationen: Rezidivierte oder refraktäre B-ALL in den jeweiligen alters- und produktbezogenen EU-Zulassungen; frühe Planung bei geeigneten Patienten. [LL1, FI10, FI11, FI12]
  • Kontraindikationen: Produktbezogene Ausschlussgründe sowie Unverträglichkeit der Lymphodepletion (vorbereitende Verringerung bestimmter Abwehrzellen) prüfen; bei unkontrollierter schwerer Infektion keine Infusion bis zur Stabilisierung. Eignung und Bridging-Therapie im CAR-T-Zentrum beurteilen.
  • Nebenwirkungen: Zytokinfreisetzungssyndrom, ICANS und andere neurologische Ereignisse, prolongierte Zytopenien, Hypogammaglobulinämie (Mangel an Abwehrstoffen im Blut), B-Zell-Aplasie und schwere Infektionen. [LL1, FI10, FI11, FI12]

Weitere Hinweise

  • Die historische BLAST-Studie zeigte bei erwachsener MRD-positiver B-Vorläufer-ALL ein vollständiges MRD-Ansprechen bei 78 % der auswertbaren Patienten nach einem Zyklus Blinatumomab [2, 11]. Der heutige Einsatz umfasst zusätzlich die zugelassene Erstlinienkonsolidierung bei Erwachsenen mit Ph-negativer CD19-positiver B-Vorläufer-ALL unabhängig vom MRD-Status. [7, FI1]
  • Die frühere unselektierte Aussage, bei T-ALL und Induktionsversagen sei stets eine allogene Transplantation erforderlich, ist durch individuelle Salvagetherapie, MRD-Verlauf und Transplantationseignung zu ersetzen. Die ältere Studie zum Induktionsversagen bleibt als historische prognostische Evidenz erhalten. [1, LL1]
  • Die Vergleichsanalyse Ponatinib versus Dasatinib war nicht randomisiert [3]; randomisierte Ponatinib-Daten und die neue EU-Erstlinienzulassung haben für die gegenwärtige Einordnung höheres Gewicht. Die sequenzielle CD19/CD22-CAR-T-Studie ist eine kleine explorative Studie und begründet keinen allgemeinen Therapiestandard [4, 8].
  • Die bisherige pädiatrische S1-Leitlinie 025-014 lief am 30. Mai 2026 ab und wird überarbeitet. Bis zur Aktualisierung sind laufende Studienprotokolle, aktuelle pädiatrische Originalarbeiten und die jeweilige EU-Fachinformation maßgeblich. [LL3, 6, 9]

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
  • Weitere Vitalstoffe (Probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungsverzeichnis

  • ALL: Akute lymphatische Leukämie
  • AIEOP-BFM: Associazione Italiana Ematologia Oncologia Pediatrica und Berlin-Frankfurt-Münster-Studiengruppe
  • BCR::ABL1: Fusionsgen aus BCR und ABL1
  • BLAST: Studie zu Blinatumomab bei messbarer Resterkrankung
  • CAR-T: T-Zellen mit chimärem Antigenrezeptor
  • CD: Cluster of Differentiation, Kennzeichnung von Zelloberflächenmerkmalen
  • CYP3A4: Cytochrom-P450-Enzym 3A4
  • DHA: Docosahexaensäure
  • DNA: Desoxyribonukleinsäure
  • E. coli: Escherichia coli
  • EPA: Eicosapentaensäure
  • EU: Europäische Union
  • FI: Fachinformation
  • GMALL: German Multicenter Study Group for Adult Acute Lymphoblastic Leukemia
  • ICANS: Immuneffektorzell-assoziiertes Neurotoxizitätssyndrom
  • IG/TR: Immunglobulin- und T-Zell-Rezeptor-Gene
  • LL: Leitlinie
  • MRD: Messbare Resterkrankung
  • NUDT15: Nudix-Hydrolase 15
  • Ph: Philadelphia-Chromosom
  • SOS: Sinusoidales Obstruktionssyndrom
  • T-LBL: T-lymphoblastisches Lymphom
  • TKI: Tyrosinkinaseinhibitor
  • TPMT: Thiopurin-S-Methyltransferase
  • ZNS: Zentrales Nervensystem

Literatur

  1. Schrappe M, Hunger SP, Pui CH et al.: Outcomes after induction failure in childhood acute lymphoblastic leukemia. N Engl J Med. 2012;366:1371 bis 1381. doi: 10.1056/NEJMoa1110169.
  2. Gökbuget N et al.: BLAST: A confirmatory, single-arm, phase 2 study of blinatumomab in patients with minimal residual disease B-precursor acute lymphoblastic leukemia. Abstract 379, 56th ASH Annual Meeting, San Francisco, 2014. Historischer Kongressabstract; endgültige Publikation siehe [11].
  3. Sasaki K, Jabbour E, Ravandi F et al.: Hyper-CVAD plus ponatinib versus hyper-CVAD plus dasatinib as frontline therapy for patients with Philadelphia chromosome-positive acute lymphoblastic leukemia: A propensity score analysis. Cancer. 2016;122:3650 bis 3656. doi: 10.1002/cncr.30231.
  4. Pan J et al.: Sequential CD19-22 CAR T therapy induces sustained remission in children with r/r B-ALL. Blood. 2020;135:387 bis 391. doi: 10.1182/blood.2019003293.
  5. Foà R et al.: Dasatinib-Blinatumomab for Ph-Positive Acute Lymphoblastic Leukemia in Adults. N Engl J Med. 2020;383:1613 bis 1623. doi: 10.1056/NEJMoa2016272.
  6. Gupta S et al.: Blinatumomab in Standard-Risk B-Cell Acute Lymphoblastic Leukemia in Children. N Engl J Med. 2025;392:875 bis 891, online 2024. doi: 10.1056/NEJMoa2411680.
  7. Litzow MR et al.: Blinatumomab for MRD-Negative Acute Lymphoblastic Leukemia in Adults. N Engl J Med. 2024;391:320 bis 333. doi: 10.1056/NEJMoa2312948.
  8. Jabbour E et al.: Ponatinib vs Imatinib in Frontline Philadelphia Chromosome-Positive Acute Lymphoblastic Leukemia: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 2024;331:1814 bis 1823. doi: 10.1001/jama.2024.4783.
  9. Schrappe M, Locatelli F, Valsecchi MG et al.: Blinatumomab for Replacing Chemotherapy in Pediatric Acute Lymphoblastic Leukemia. N Engl J Med. 2026;395:1075 bis 1089. doi: 10.1056/NEJMoa2604166.
  10. Maury S et al.: Rituximab in B-Lineage Adult Acute Lymphoblastic Leukemia. N Engl J Med. 2016;375:1044 bis 1053. doi: 10.1056/NEJMoa1605085.
  11. Gökbuget N et al.: Blinatumomab for minimal residual disease in adults with B-cell precursor acute lymphoblastic leukemia. Blood. 2018;131:1522 bis 1531. doi: 10.1182/blood-2017-08-798322.
  12. Kantarjian HM et al.: Inotuzumab Ozogamicin versus Standard Therapy for Acute Lymphoblastic Leukemia. N Engl J Med. 2016;375:740 bis 753. doi: 10.1056/NEJMoa1509277.
  13. Kantarjian H et al.: Blinatumomab versus Chemotherapy for Advanced Acute Lymphoblastic Leukemia. N Engl J Med. 2017;376:836 bis 847. doi: 10.1056/NEJMoa1609783.

Leitlinien

  1. Gökbuget N et al.: Akute Lymphatische Leukämie (ALL). Onkopedia, Stand März 2026. Leitlinie [LL1].
  2. Gökbuget N, Boissel N, Chiaretti S et al.: Management of ALL in adults: 2024 ELN recommendations from a European expert panel. Blood. 2024;143:1903 bis 1930. doi: 10.1182/blood.2023023568 [LL2].
  3. S1-Leitlinie: Akute lymphoblastische Leukämie – ALL – im Kindesalter. (AWMF-Registernummer: 025-014), Version 7.0, Mai 2021. Langfassung; am 30. Mai 2026 abgelaufen, in Überarbeitung [LL3].

Fachinformationen

  1. European Medicines Agency: Blincyto (Blinatumomab), aktuelle EU-Produktinformation. Fachinformation [FI1].
  2. European Medicines Agency: Besponsa (Inotuzumab-Ozogamicin), aktuelle EU-Produktinformation. Fachinformation [FI2].
  3. European Medicines Agency: Oncaspar (Pegaspargase), aktuelle EU-Produktinformation. Fachinformation [FI3].
  4. European Medicines Agency: Enrylaze (Crisantaspase), aktuelle EU-Produktinformation. Fachinformation [FI4].
  5. European Medicines Agency: Glivec (Imatinib), aktuelle EU-Produktinformation. Fachinformation [FI5].
  6. European Medicines Agency: Iclusig (Ponatinib), aktuelle EU-Produktinformation; Erstlinienindikation bei Ph-positiver ALL seit Juli 2026. Fachinformation [FI6].
  7. European Medicines Agency: Sprycel (Dasatinib), aktuelle EU-Produktinformation. Fachinformation [FI7].
  8. European Medicines Agency: MabThera (Rituximab), aktuelle EU-Produktinformation. Fachinformation [FI8].
  9. European Medicines Agency: Atriance (Nelarabin), aktuelle EU-Produktinformation. Fachinformation [FI9].
  10. European Medicines Agency: Kymriah (Tisagenlecleucel), aktuelle EU-Produktinformation. Fachinformation [FI10].
  11. European Medicines Agency: Tecartus (Brexucabtagene autoleucel), aktuelle EU-Produktinformation. Fachinformation [FI11].
  12. European Medicines Agency: Aucatzyl (Obecabtagene autoleucel), bedingte EU-Zulassung, aktuelle EU-Produktinformation. Fachinformation [FI12].