Schambeinentzündung (Symphysitis) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Schmerzlinderung und Verbesserung der Gehfähigkeit und Alltagsfunktion.
- Bei nicht infektiöser Osteitis pubis (nicht durch Krankheitserreger verursachte Entzündung im Bereich der Schambeinfuge): Verminderung der belastungsbedingten Beschwerden und Wiederherstellung der Belastbarkeit durch eine angepasste Rehabilitation.
- Bei bakterieller Symphyseninfektion (durch Bakterien verursachte Infektion der Schambeinfuge): Eradikation der Erreger und Verhinderung einer fortschreitenden Knochenzerstörung, Abszessbildung (Bildung einer abgekapselten Eiteransammlung) und Ausbreitung der Infektion.
Therapieempfehlungen
- Diagnostische Abgrenzung vor Festlegung der Pharmakotherapie
- Der Begriff „Symphysitis“ (Entzündung der Schambeinfuge) bezeichnet nicht eindeutig die Ursache. Die nichtinfektiöse Osteitis pubis ist von einer bakteriellen Infektion der Symphyse (Schambeinfuge) mit möglicher begleitender Osteomyelitis (Knocheninfektion) zu unterscheiden. Beide Erkrankungen können Schambein- und Leistenschmerzen sowie Gangstörungen verursachen [1, 2].
- Eine bakterielle Infektion muss insbesondere bei Beschwerden nach urologischen, gynäkologischen oder anderen Beckenoperationen, bei vorausgegangener Beckenbestrahlung sowie bei einem benachbarten Infektionsherd berücksichtigt werden. Fehlendes Fieber schließt eine Infektion nicht aus [2].
- Bei Infektionsverdacht sind Entzündungsparameter, Blutkulturen bei entsprechender klinischer Konstellation und eine geeignete Bildgebung erforderlich. Die MRT dient insbesondere der Beurteilung einer Knochenbeteiligung sowie von Abszessen und Fisteln (krankhaften Verbindungsgängen). Ein Knochenmarködem (Flüssigkeitseinlagerung im Knochenmark) allein beweist keine bakterielle Infektion [2, 3, LL1].
- Bei klinisch stabilem Zustand sollen mikrobiologische Proben aus dem betroffenen Bereich möglichst vor Beginn der Antibiotikatherapie gewonnen werden. Bei Sepsis (lebensbedrohlicher Organschädigung durch eine fehlregulierte Reaktion auf eine Infektion) darf die Behandlung durch die Probengewinnung nicht relevant verzögert werden. Normale Entzündungsparameter oder eine negative Einzelkultur schließen eine Infektion nicht zuverlässig aus [LL1].
- Nicht infektiöse Osteitis pubis
- Die Basistherapie besteht aus vorübergehender Reduktion schmerzauslösender Belastungen und einer individuell aufgebauten Rehabilitation. Arzneimittel ergänzen diese Maßnahmen zur Symptomkontrolle [1, 3].
- Bei relevanten Schmerzen kann ein nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAR), beispielsweise Ibuprofen, zeitlich begrenzt eingesetzt werden. Es gelten die niedrigste wirksame Dosis und die kürzest erforderliche Behandlungsdauer. Mehrere NSAR sollen nicht kombiniert werden [1, FI1].
- Paracetamol kommt bei leichten bis mäßig starken Schmerzen als Alternative infrage, beispielsweise wenn NSAR ungeeignet sind. Es besitzt keine relevante periphere antiphlogistische Wirkung [FI2].
- Antibiotika sind bei gesicherter nicht infektiöser Osteitis pubis nicht indiziert. Eine Behandlung mit systemischen Glukokortikoiden ist keine etablierte Routinetherapie [1].
- Bei anhaltenden Beschwerden sollen Diagnose, Belastungssteuerung und mögliche Begleitläsionen erneut geprüft werden. Insbesondere Adduktorenläsionen (Schädigungen der Muskeln oder Sehnen an der Oberschenkelinnenseite) können das Beschwerdebild und den Therapieerfolg beeinflussen [3].
- Lokale Glukokortikoidinjektionen: begrenzte Einzelfalloption
- Eine bildgesteuerte lokale Glukokortikoidinjektion kann bei ausgewählten Patienten mit gesicherter nicht infektiöser Osteitis pubis und fortbestehenden Beschwerden trotz angemessener konservativer Behandlung erwogen werden. Sie ist keine obligate Erstlinientherapie [1, 4].
- Die Evidenz beruht überwiegend auf kleinen Fallserien und retrospektiven Untersuchungen. Ein verlässlicher langfristiger Nutzen oder eine Überlegenheit gegenüber einer strukturierten Rehabilitation ist nicht belegt [1, 3, 4].
- Die Untersuchung von 2025 zu Osteitis pubis mit begleitenden Adduktorenläsionen zeigte keine statistisch signifikanten Unterschiede der funktionellen Ergebnisse zwischen den untersuchten Injektionsgruppen und der Gruppe ohne Injektion. Aufgrund des retrospektiven Designs und der unterschiedlichen Behandlungsauswahl lässt sich daraus kein gesicherter Wirksamkeitsnachweis für Symphyseninjektionen ableiten [3].
- Vor einer Injektion muss eine bakterielle Infektion ausreichend ausgeschlossen sein. Bei vermuteter oder gesicherter Symphyseninfektion, einem lokalen Abszess oder einer Infektion im vorgesehenen Zugangsbereich darf keine lokale Glukokortikoidinjektion erfolgen [LL1, FI3].
- Die Injektion erfordert eine fachärztliche Indikationsstellung, aseptisches Vorgehen und eine präzise Lokalisation. Eine intratendinöse Injektion ist zu vermeiden. Wiederholte Injektionen ohne dokumentierten klinischen Nutzen sollen unterbleiben [FI3].
- Die Anwendung an der Symphyse ist hinsichtlich des konkreten Präparates und Applikationsortes auf den Zulassungsstatus zu prüfen; eine ausdrücklich zugelassene Indikation „Osteitis pubis“ besteht für das hier aufgeführte Präparat nicht. Ein möglicher Off-Label-Use erfordert eine entsprechende Aufklärung [FI3].
- Bakterielle Symphyseninfektion beziehungsweise pubische Osteomyelitis
- Die Behandlung erfolgt interdisziplinär unter Einbeziehung von Orthopädie beziehungsweise Unfallchirurgie und Infektiologie; bei einem urologischen oder gynäkologischen Infektionsursprung sind die entsprechenden Fachdisziplinen einzubeziehen [2].
- Die initiale Antibiotikatherapie richtet sich nach vermutetem Infektionsursprung, bisherigen mikrobiologischen Befunden, lokaler Resistenzlage und individuellen Risikofaktoren. Nach Erregernachweis ist auf eine gezielte Behandlung umzustellen [LL1].
- Cefazolin ist eine mögliche gezielte Therapie bei nachgewiesenen methicillinsensiblen Staphylococcus-aureus-Isolaten (MSSA). Ceftriaxon kann bei geeigneten empfindlichen Erregern eingesetzt werden. Beide Wirkstoffe decken MRSA nicht ab; Ceftriaxon ist zudem gegen Enterokokken und Pseudomonas aeruginosa nicht geeignet [FI4, FI5].
- Bei unbekanntem Erreger, fehlenden besonderen Resistenzrisiken und passender klinischer Konstellation nennt die SANJO-Leitlinie unter anderem die Kombination eines antistaphylokokkenwirksamen Betalaktams mit Ceftriaxon. Diese Empfehlung für native Gelenkinfektionen muss an den Infektionsursprung und eine mögliche Knochenbeteiligung der Symphyse angepasst werden [LL1].
- Bei MRSA-Risiko, vorausgegangener Antibiotikatherapie, postoperativer Infektion oder möglicher polymikrobieller Infektion kann eine andere oder erweiterte Behandlung erforderlich sein. Ein einheitliches empirisches Antibiotikaregime für alle Symphyseninfektionen ist nicht sachgerecht [LL1].
- Bei Osteomyelitis ist häufig eine Gesamtbehandlungsdauer von mindestens sechs Wochen erforderlich. Die konkrete Dauer und ein möglicher Wechsel von intravenöser auf orale Therapie richten sich nach Erreger, Herdsanierung (Beseitigung des Infektionsherdes), klinischem Verlauf und verfügbaren wirksamen oralen Optionen [2, LL1].
- Abszesse, nekrotischer Knochen (abgestorbener Knochen), Fisteln oder ein unzureichendes Ansprechen können eine Drainage (Ableitung von Flüssigkeit oder Eiter) beziehungsweise ein operatives Debridement (Entfernung von infiziertem oder abgestorbenem Gewebe) erfordern. Antibiotika ersetzen eine notwendige Herdsanierung nicht [2].
- Glukokortikoidinjektionen in den infizierten Bereich sind keine Behandlungsoption. Analgetika dienen ausschließlich der begleitenden Symptomkontrolle [FI3, LL1].
Wirkstoffe
Die folgenden Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene. Organfunktion, Körpergewicht, Begleiterkrankungen, Wechselwirkungen und die Fachinformation des konkret verwendeten Präparates sind zu berücksichtigen.
Nichtsteroidale Antirheumatika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ibuprofen | Kurzzeitige symptomatische Behandlung. Gastrointestinale, renale und kardiovaskuläre Risiken berücksichtigen; keine Kombination mit anderen NSAR. In der Schwangerschaft ab der 20. Schwangerschaftswoche nur bei zwingender Indikation und möglichst kurz; im dritten Trimenon kontraindiziert [FI1]. |
- Wirkweise: Hemmung der Cyclooxygenasen und dadurch Verminderung der Prostaglandinsynthese; analgetische, antipyretische und antiphlogistische Wirkung.
- Indikationen: Zeitlich begrenzte Schmerzbehandlung bei nicht infektiöser Osteitis pubis [1].
- Kontraindikationen: Unter anderem NSAR-Überempfindlichkeit, aktive oder wiederholte peptische Ulzera (Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre) beziehungsweise Blutungen, schwere Nieren-, Leber- oder Herzinsuffizienz (schwere Funktionsschwäche von Nieren, Leber oder Herz) und drittes Schwangerschaftstrimenon [FI1].
- Nebenwirkungen: Unter anderem gastrointestinale Beschwerden, Ulzera und Blutungen, Nierenfunktionsverschlechterung, Flüssigkeitsretention, Blutdruckanstieg und Überempfindlichkeitsreaktionen; bei höheren Dosen erhöhtes Risiko arterieller thrombotischer Ereignisse (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel in Schlagadern) [FI1].
Nichtopioide Analgetika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Paracetamol | Keine relevante periphere antiphlogistische Wirkung. Bei Leber- oder Nierenfunktionsstörung Dosis beziehungsweise Einnahmeintervall anpassen. Gleichzeitige Einnahme weiterer paracetamolhaltiger Präparate vermeiden [FI2]. |
- Wirkweise: Analgetische und antipyretische Wirkung.
- Indikationen: Leichte bis mäßig starke Schmerzen; mögliche Alternative bei ungeeigneter NSAR-Therapie [FI2].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; bei relevanter Lebererkrankung oder weiteren Risikofaktoren für eine Hepatotoxizität (Leberschädigung) besondere Vorsicht und individuelle ärztliche Prüfung [FI2].
- Nebenwirkungen: Vor allem Leberschädigung bei Überdosierung; selten beziehungsweise sehr selten unter anderem Überempfindlichkeitsreaktionen, schwere Hautreaktionen und Blutbildveränderungen [FI2].
Lokal applizierte Glukokortikoide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Triamcinolonacetonid | Allenfalls ausgewählter Therapieversuch nach erfolgloser konservativer Behandlung und ausreichendem Infektionsausschluss. Zulassungsstatus beachten. Keine Injektion in infiziertes Gewebe oder in Sehnen [FI3]. |
- Wirkweise: Lokale Hemmung entzündlicher Prozesse durch Aktivierung von Glukokortikoidrezeptoren.
- Indikationen: Mögliche Einzelfalloption bei persistierender, gesicherter nichtinfektiöser Osteitis pubis; begrenzte Evidenz und keine etablierte Routineanwendung [1, 3, FI3].
- Kontraindikationen: Insbesondere Infektion im vorgesehenen Behandlungs- oder Zugangsbereich und Überempfindlichkeit; zusätzliche präparatspezifische Gegenanzeigen beachten [FI3].
- Nebenwirkungen: Lokale Infektion, Haut- und Fettgewebsatrophie (Schwund von Haut und Unterhautfettgewebe), Pigmentveränderungen, vorübergehende Schmerzverstärkung sowie mögliche Sehnenschädigung; auch systemische Effekte wie Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker) sind möglich [FI3].
Betalaktam-Antibiotika: Cephalosporine
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Cefazolin | Gezielte Option bei empfindlichen Erregern, insbesondere MSSA. Keine MRSA-Abdeckung. Erregerspektrum und Antibiogramm beachten [FI4]. |
| Ceftriaxon | Bei passenden empfindlichen Erregern beziehungsweise als Bestandteil einer geeigneten empirischen Kombination. Keine zuverlässige Abdeckung von MRSA, Enterokokken oder Pseudomonas aeruginosa. Nicht gleichzeitig mit calciumhaltigen Infusionslösungen über dieselbe Leitung verabreichen [LL1, FI5]. |
- Wirkweise: Bakterizide Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese.
- Indikationen: Bakterielle Symphyseninfektion beziehungsweise Osteomyelitis durch empfindliche Erreger; keine Indikation bei nicht infektiöser Osteitis pubis [FI4, FI5].
- Kontraindikationen: Cephalosporinüberempfindlichkeit beziehungsweise vorausgegangene schwere Überempfindlichkeitsreaktion gegen andere Betalaktam-Antibiotika; weitere substanzspezifische Gegenanzeigen beachten [FI4, FI5].
- Nebenwirkungen: Unter anderem allergische Reaktionen, Diarrhoe (Durchfall) einschließlich Clostridioides-difficile-assoziierter Kolitis (durch das Bakterium Clostridioides difficile verursachte Dickdarmentzündung) und Blutbildveränderungen; bei Ceftriaxon zusätzlich biliäre Ausfällungen (Ablagerungen in der Gallenblase). Bei längerer Behandlung sind klinische und laborchemische Verlaufskontrollen erforderlich [FI4, FI5].
Beachte
- Keine Glukokortikoidinjektion bei ungeklärtem Infektionsverdacht: Eine vorübergehende Schmerzlinderung darf die Diagnostik einer bakteriellen Symphyseninfektion nicht verzögern [LL1, FI3].
- Therapieansprechen kontrollieren: Zunehmende Schmerzen, neue Allgemeinsymptome oder ausbleibende Besserung erfordern eine erneute Beurteilung. Bei Infektion sind auch die mikrobiologischen Befunde und der Verlauf der Entzündungsparameter zu berücksichtigen [LL1].
- Evidenzgrenzen berücksichtigen: Für die nicht infektiöse Osteitis pubis fehlen robuste Daten zu einer spezifischen krankheitsmodifizierenden Arzneimitteltherapie. Für Injektionen mit plättchenreichem Plasma oder eine Prolotherapie besteht keine ausreichende Grundlage für eine routinemäßige Empfehlung [1, 3].
Abkürzungen
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
- EBJIS: European Bone and Joint Infection Society; Europäische Gesellschaft für Knochen- und Gelenkinfektionen.
- FI: Fachinformation.
- i.v.: intravenös; in eine Vene.
- LL: Leitlinie.
- MRT: Magnetresonanztomographie.
- MRSA: methicillinresistenter Staphylococcus aureus.
- MSSA: methicillinsensibler Staphylococcus aureus.
- NSAR: nichtsteroidale Antirheumatika.
- p.o.: per os; Einnahme über den Mund.
- SANJO: septic arthritis in native joints; bakterielle Infektion eines natürlichen Gelenks.
Literatur
- Choi H, McCartney M, Best TM: Treatment of osteitis pubis and osteomyelitis of the pubic symphysis in athletes: a systematic review. Br J Sports Med. 2011;45(1):57-64. doi: 10.1136/bjsm.2008.050989.
- Hansen RL et al.: Septic arthritis and osteomyelitis of the pubic symphysis – a retrospective study of 26 patients. J Bone Jt Infect. 2022;7:35-42. doi: 10.5194/jbji-7-35-2022.
- Eraslan A, Kose O: Prevalence and patterns of adductor lesions on MRI in athletes with osteitis pubis. J Orthop Traumatol. 2025;26:65. doi: 10.1186/s10195-025-00875-6.
- Holt MA et al.: Treatment of osteitis pubis in athletes. Results of corticosteroid injections. Am J Sports Med. 1995;23(5):601-606. doi: 10.1177/036354659502300515.
Leitlinien
- European Bone and Joint Infection Society (EBJIS): Guideline for management of septic arthritis in native joints (SANJO). Ravn C et al.: J Bone Jt Infect. 2023;8:29-37. Januar 2023. Internationale Leitlinie ohne AWMF-Registernummer; ergänzende Orientierung bei bakterieller Symphyseninfektion, keine spezifische Leitlinie zur Osteitis pubis. doi: 10.5194/jbji-8-29-2023. Langfassung [LL1]
Fachinformationen
- ratiopharm GmbH: Ibu-ratiopharm 400 mg akut Schmerztabletten. Fachinformation [FI1]
- Berlin-Chemie AG: Paracetamol BC 500 mg Tabletten. Stand Januar 2025. Fachinformation [FI2]
- Dermapharm AG: Volon A 10/A 10-5 ml, Triamcinolonacetonid. Fachinformation [FI3]
- Fresenius Kabi Deutschland GmbH: Cephazolin Fresenius 2 g Pulver zur Herstellung einer Injektions- oder Infusionslösung. Fachinformation [FI4]
- ratiopharm GmbH: Ceftriaxon-ratiopharm 1,0 g/2,0 g. Stand Oktober 2024, Version 8. Fachinformation [FI5]