Polyarthrose – Analgetika (Schmerzmittel), Antiphlogistika (entzündungshemmende Medikamente) und Glukokortikoide

Therapieziel

  • Linderung von Schmerzen und entzündlicher Symptomatik.
  • Erhalt bzw. Verbesserung von Gelenkfunktion, Mobilität und Lebensqualität.
  • Minimierung arzneimittelbedingter Risiken durch eine möglichst niedrig dosierte und zeitlich begrenzte Pharmakotherapie.

Therapieempfehlungen

  • Grundsatz: Die medikamentöse Therapie der Polyarthrose (Arthrose mehrerer Gelenke) ist symptomatisch. Die Auswahl richtet sich nach den betroffenen Gelenken, Schmerzintensität, entzündlicher Aktivierung, Begleiterkrankungen und Begleitmedikation. Eine gesicherte strukturerhaltende oder knorpelregenerierende Arzneimittelwirkung ist für die hier aufgeführten Behandlungen nicht nachgewiesen. Medikamentöse Maßnahmen ergänzen insbesondere Bewegungstherapie, Gelenkschutz und gegebenenfalls Gewichtsreduktion [LL1, LL2, LL3, LL5].
  • Topische nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR): Bei schmerzhaften oberflächlich gelegenen Gelenken, insbesondere Knie- und Fingergelenken, bevorzugt einsetzen. Topisches Diclofenac besitzt eine belegte symptomatische Wirksamkeit; die systemische Exposition ist geringer als bei oraler Anwendung. Bei Hüftarthrose (Verschleißerkrankung des Hüftgelenks) ist aufgrund der tiefen Gelenklage keine ausreichende Wirkung einer lokalen Anwendung zu erwarten [4, LL3, LL5, FI1].
  • Orale NSAR: Bei unzureichender Wirkung oder Ungeeignetheit topischer NSAR zeitlich begrenzt erwägen. Die Substanzwahl erfolgt nach gastrointestinalem, renalem, hepatischem und kardiovaskulärem Risiko. Die niedrigste wirksame Dosis und die kürzeste erforderliche Behandlungsdauer wählen; eine regelmäßige Dauertherapie ist nicht allein aufgrund der Diagnose Polyarthrose gerechtfertigt [3, 4, LL2, FI3, FI4, FI5].
  • Gastroprotektion (Schutz des Magens): Bei oraler NSAR-Therapie eine Begleitbehandlung mit einem Protonenpumpenhemmer (PPI) berücksichtigen; bei erhöhtem Ulkus- oder Blutungsrisiko ist sie besonders wichtig. NICE empfiehlt eine Gastroprotektion während der Einnahme oraler NSAR. Ein PPI vermindert das Risiko oberer gastrointestinaler Ulzera (Geschwüre im oberen Verdauungstrakt), schützt jedoch nicht vor renalen oder kardiovaskulären NSAR-Komplikationen [LL2, FI8].
  • Paracetamol: Keine routinemäßige Arthrosetherapie. Allenfalls gelegentlich und kurzfristig erwägen, wenn andere geeignete Arzneimittel kontraindiziert, unverträglich oder unwirksam sind. Die durchschnittliche Schmerzlinderung ist gering und häufig klinisch nicht relevant [1, 2, 4, LL2].
  • Metamizol: Nur bei starken Schmerzen erwägen, wenn andere analgetische Maßnahmen nicht geeignet, kontraindiziert oder unwirksam sind. Die Diagnose Arthrose (Verschleißerkrankung eines Gelenks) allein begründet keine Anwendung bei leichten oder mittelstarken Schmerzen. Indikation und Sicherheitsaufklärung dokumentieren [LL1, FI10].
  • Intraartikuläre Glucocorticoide: Bei einem schmerzhaften, insbesondere entzündlich aktivierten Einzelgelenk als kurzfristige Behandlung erwägen, wenn andere Maßnahmen unzureichend wirksam oder ungeeignet sind. Sie können die Durchführung einer Bewegungstherapie erleichtern. Die Schmerzlinderung hält üblicherweise nur wenige Wochen, nach NICE etwa 2 bis 10 Wochen, an. Bei Handarthrose (Verschleißerkrankung der Hand- und Fingergelenke) keine routinemäßige Anwendung; bei schmerzhaften Interphalangealgelenken kann eine individuelle Indikation bestehen [LL2, LL5].
  • Systemische Glucocorticoide: Keine routinemäßige Behandlung der Polyarthrose. Eine ausgeprägte oder anhaltende entzündliche Polyarthritis (Entzündung mehrerer Gelenke) erfordert die Überprüfung der Diagnose und gegebenenfalls eine andere krankheitsspezifische Therapie [LL5].
  • Opioide: Kein schematisches WHO-Stufenschema für sämtliche Arthroseschmerzen. Schwach wirksame Opioide allenfalls gelegentlich und kurzfristig bei starken Schmerzen einsetzen, wenn andere geeignete Behandlungen kontraindiziert, unverträglich oder unwirksam sind. Stark wirksame Opioide werden zur Arthrosebehandlung nicht empfohlen. Der durchschnittliche Nutzen ist begrenzt; unerwünschte Wirkungen und Therapieabbrüche sind häufig [4, LL1, LL2].
  • Glucosamin und Chondroitinsulfat: Für ausgewählte, standardisierte Arzneimittelpräparate liegen positive Studien zur Linderung von Schmerzen und Verbesserung der Funktion vor. Diese Ergebnisse rechtfertigen eine differenzierte Beurteilung und dürfen nicht pauschal auf sämtliche Präparate oder auf alle betroffenen Gelenke übertragen werden. Die ESCEO-Empfehlungen bewerten kristallines Glucosaminsulfat und Chondroitinsulfat in Arzneimittelqualität bei Gonarthrose (Verschleißerkrankung des Kniegelenks) positiv. EULAR und ACR/AF berücksichtigen Chondroitinsulfat als symptomatische Option bei Handarthrose. Demgegenüber empfehlen die deutsche S3-Leitlinie und NICE Glucosamin nicht; ACR/AF empfiehlt ebenfalls gegen Glucosamin sowie gegen Chondroitinsulfat bei Knie- und Hüftarthrose. Eine allgemeine leitlinienübergreifende Empfehlung für die Polyarthrose besteht somit nicht [5, 6, LL1, LL2, LL3, LL4, LL5].
  • Individueller Therapieversuch mit langsam wirkenden symptomatischen Arzneimitteln: Bei entsprechendem Patientenwunsch können die positiven präparatespezifischen Daten und die abweichenden Leitlinienbewertungen besprochen werden. Ein Therapieversuch ist auf eine mögliche Symptomlinderung auszurichten und bei fehlendem nachvollziehbarem Nutzen zu beenden. Eine gesicherte Knorpelerhaltung, ein Knorpelaufbau oder die Vermeidung einer späteren Gelenkersatzoperation dürfen nicht zugesichert werden [5, 6, LL1, LL4, FI13].

Beachte

  • Diagnosesicherung: Ein akut stark geschwollenes, gerötetes oder überwärmtes Gelenk, insbesondere bei Fieber, erfordert den Ausschluss einer septischen Arthritis (durch eine Infektion verursachten Gelenkentzündung) oder anderer Ursachen. Vor einer Glucocorticoidinjektion muss eine Gelenkinfektion ausgeschlossen sein [FI12].
  • Keine Kombination mehrerer systemischer NSAR: Dies gilt auch für die Kombination eines nichtselektiven NSAR mit einem selektiven COX-2-Hemmer. Die zusätzliche Anwendung eines topischen NSAR während einer systemischen NSAR-Therapie erfolgt ebenfalls nicht automatisch, sondern nach individueller Prüfung [FI3, FI6, FI7].
  • Kontrollen bei systemischer NSAR-Therapie: Vor Behandlungsbeginn insbesondere Nierenfunktion, Blutdruck, gastrointestinale Anamnese, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Begleitmedikation prüfen. Verlaufskontrollen richten sich nach Risiko, Behandlungsdauer und klinischer Situation. Besonders bei Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) und bei Kombination mit Diuretika sowie ACE-Hemmern oder Angiotensinrezeptorblockern besteht ein erhöhtes Risiko einer akuten Nierenschädigung [FI3, FI5, FI7].
  • Systemisches Diclofenac: Kontraindiziert bei Herzinsuffizienz (Herzschwäche) der NYHA-Klassen II bis IV, ischämischer Herzkrankheit (Herzerkrankung durch verminderte Blutversorgung), peripherer arterieller Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Arme oder Beine) (pAVK) oder zerebrovaskulärer Erkrankung (Erkrankung der Blutgefäße des Gehirns). Bei Hypertonie (Bluthochdruck), Hyperlipidämie (erhöhten Blutfettwerten), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder Rauchen nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung einsetzen [FI4, R1].
  • Ibuprofen: Hohe Tagesdosen von 2.400 mg oder mehr bei relevanten kardiovaskulären Erkrankungen vermeiden. Die mögliche Abschwächung der Wirkung niedrig dosierter Acetylsalicylsäure (ASS) bei wiederholter Einnahme berücksichtigen [FI3, R2].
  • Coxibe: Keine risikofreie Alternative zu nichtselektiven NSAR. Bei etablierter ischämischer Herzkrankheit, pAVK oder zerebrovaskulärer Erkrankung kontraindiziert. Weitere substanzspezifische Gegenanzeigen, insbesondere Herzinsuffizienz und unzureichend kontrollierte Hypertonie, beachten [FI6, FI7, R4].
  • ASS: Niedrig dosierte ASS bei bestehender kardiovaskulärer Indikation nicht eigenständig absetzen. Sie ist keine Therapiekomponente der Arthrose; eine zusätzliche ASS-Gabe zur Arthrosebehandlung ist nicht angezeigt. Die Kombination mit einem NSAR erhöht das gastrointestinale Blutungsrisiko [FI3, FI6, FI7].
  • Gleichzeitig hohes gastrointestinales und kardiovaskuläres Risiko: Keine schematische Standardkombination aus NSAR, ASS und PPI. Die Notwendigkeit eines systemischen NSAR besonders streng prüfen; auch Naproxen ist nicht frei von gastrointestinalen, renalen oder kardiovaskulären Risiken [FI3, FI5, FI6, FI7].
  • Applikationsweg: Intravenöse Analgetika oder NSAR bieten bei chronischen Arthroseschmerzen keinen grundsätzlichen Vorteil gegenüber einer geeigneten oralen bzw. topischen Behandlung und sind keine Routinetherapie. Parenterales Metamizol besitzt insbesondere ein erhöhtes Risiko schwerer Überempfindlichkeitsreaktionen und eines Blutdruckabfalls [FI10].
  • Therapieüberprüfung: Schmerzreduktion, Alltagsfunktion und Nebenwirkungen regelmäßig beurteilen. Bei fehlendem Nutzen die Medikation beenden bzw. wechseln und die Diagnose sowie weiterführende Behandlungsoptionen überprüfen [LL2].

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Die Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene. Die aufgeführten Präparate dienen als Beispiele; Indikation, Darreichungsform, Organfunktion, Begleitmedikation und aktuelle Fachinformation sind zu berücksichtigen. Bei topischer Behandlung mehrerer Gelenke gelten die Tageshöchstmengen für die gesamte Anwendung, nicht für jedes Gelenk einzeln.

Topische nichtsteroidale Antirheumatika

Wirkstoff Besonderheiten
Diclofenac Lokale symptomatische Behandlung, insbesondere gelenknaher Schmerzen bei Knie- und Fingerarthrose. Nur auf intakte Haut auftragen; keine Anwendung an Schleimhäuten [FI1].
Ibuprofen Alternative bei geeigneten oberflächlichen Gelenken; keine gesicherte Überlegenheit gegenüber topischem Diclofenac [FI2].
  • Wirkweise: Hemmung der Cyclooxygenasen und der Prostaglandinsynthese; schmerzlindernd und entzündungshemmend [FI1, FI2].
  • Indikationen: Lokalisierte Arthroseschmerzen entsprechend der präparatespezifischen Zulassung [FI1, FI2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, vorausgegangene durch ASS oder andere NSAR ausgelöste Überempfindlichkeitsreaktionen; keine Anwendung auf verletzter oder erkrankter Haut. Im dritten Schwangerschaftstrimenon kontraindiziert [FI1, FI2].
  • Nebenwirkungen: Hautreizungen, Ekzeme (entzündliche Hautausschläge) und allergische Reaktionen. Systemische Nebenwirkungen sind seltener als bei oraler Anwendung, insbesondere bei großflächiger oder länger dauernder Anwendung jedoch möglich [FI1, FI2].

Orale nichtselektive NSAR

Wirkstoff Besonderheiten
Ibuprofen Hohe Dosen erhöhen das kardiovaskuläre Risiko; mögliche Interaktion mit niedrig dosierter ASS beachten [FI3, R2].
Diclofenac Besondere kardiovaskuläre Gegenanzeigen; bei entsprechenden Vorerkrankungen nicht einsetzen [FI4, R1].
Naproxen Alternative nach individueller Risikoprüfung; gastrointestinale und renale Risiken bleiben bestehen [FI5].
  • Wirkweise: Hemmung von COX-1 und COX-2; analgetisch, antipyretisch und antiphlogistisch [FI3, FI4, FI5].
  • Indikationen: Symptomatische Behandlung schmerzhafter Arthrose, wenn lokale Maßnahmen unzureichend wirksam oder ungeeignet sind [3, 4].
  • Kontraindikationen: Insbesondere NSAR-Überempfindlichkeit, aktive oder wiederholt aufgetretene peptische Ulzera (Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre) bzw. Blutungen, frühere NSAR-bedingte gastrointestinale Blutung oder Perforation (Durchbruch der Magen- oder Darmwand), schwere Nieren- oder Leberfunktionsstörung und schwere Herzinsuffizienz; zusätzlich substanzspezifische Gegenanzeigen. Im dritten Schwangerschaftstrimenon kontraindiziert [FI3, FI4, FI5].
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Ulzera (Geschwüre), Blutungen, akute Nierenschädigung, Flüssigkeitsretention (Wassereinlagerung), Hypertonie, Leberfunktionsstörungen und arterielle thrombotische Ereignisse (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel in Arterien) [FI3, FI4, FI5].

Selektive COX-2-Hemmer

Wirkstoff Besonderheiten
Celecoxib Bekannte Sulfonamidüberempfindlichkeit beachten. Gastrointestinale Komplikationen sind weiterhin möglich [FI6].
Etoricoxib Bei anhaltend über 140/90 mmHg erhöhtem und unzureichend eingestelltem Blutdruck kontraindiziert. Blutdruck vor Beginn und nach Beginn der Behandlung kontrollieren [FI7].
  • Wirkweise: Selektive COX-2-Hemmung; keine klinisch relevante Thrombozytenaggregationshemmung und kein Ersatz für eine indizierte ASS-Therapie [FI6, FI7].
  • Indikationen: Symptomatische Arthrosebehandlung nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung [FI6, FI7].
  • Kontraindikationen: Insbesondere aktive Ulzera oder gastrointestinale Blutungen, ischämische Herzkrankheit, pAVK, zerebrovaskuläre Erkrankung, Herzinsuffizienz NYHA II bis IV und schwere Organfunktionsstörungen; weitere substanzspezifische Gegenanzeigen einschließlich Schwangerschaft beachten [FI6, FI7].
  • Nebenwirkungen: Arterielle thrombotische Ereignisse, Hypertonie, Ödeme (Wassereinlagerungen im Gewebe), Nierenfunktionsstörungen sowie gastrointestinale Ulzera und Blutungen [FI6, FI7].

Protonenpumpenhemmer zur Gastroprotektion

Wirkstoff Besonderheiten
Omeprazol Begleitbehandlung, kein Analgetikum. Interaktionen, insbesondere mit Clopidogrel, prüfen; Fortführung nach Ende der NSAR-Therapie nur bei eigenständiger Indikation [FI8].
  • Wirkweise: Hemmung der gastralen Protonenpumpe und Verminderung der Säuresekretion [FI8].
  • Indikationen: Prophylaxe NSAR-bedingter Magen- und Duodenalulzera (Zwölffingerdarmgeschwüre) bei entsprechendem Risiko [FI8].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; gleichzeitige Anwendung mit Nelfinavir [FI8].
  • Nebenwirkungen: Kopfschmerzen und gastrointestinale Beschwerden; bei längerer Anwendung unter anderem Hypomagnesiämie (Magnesiummangel im Blut) und erhöhtes Risiko bestimmter gastrointestinaler Infektionen [FI8].

Nichtopioidanalgetika: Paracetamol

Wirkstoff Besonderheiten
Paracetamol Geringer Nutzen bei Arthrose. Bei niedrigem Körpergewicht, chronischem Alkoholkonsum, Mangelernährung, Dehydratation oder Organfunktionsstörungen niedrigere Höchstdosis bzw. längere Einnahmeintervalle erforderlich. Paracetamolhaltige Kombinationspräparate mitberücksichtigen [1, 2, FI9].
  • Wirkweise: Analgetisch und antipyretisch; keine klinisch relevante antiphlogistische Wirkung [FI9].
  • Indikationen: Allenfalls gelegentliche kurzfristige Schmerzlinderung bei fehlenden geeigneten Alternativen [LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Leberfunktionsstörungen und weitere Risikofaktoren erfordern eine besonders sorgfältige Prüfung und Anpassung nach Fachinformation [FI9].
  • Nebenwirkungen: Insbesondere Leberschädigung bei Überdosierung; selten schwere Überempfindlichkeits- oder Hautreaktionen. Eine Überdosierung erfordert unverzüglich eine medizinische Behandlung; N-Acetylcystein ist das spezifische Antidot [FI9].

Nichtopioidanalgetika: Metamizol

Wirkstoff Besonderheiten
Metamizol Nur für starke Schmerzen bei fehlender geeigneter Alternative. Agranulozytose (starker Mangel bestimmter weißer Blutkörperchen mit erhöhter Infektionsgefahr) kann unabhängig von der Dosis und auch nach zuvor problemloser Anwendung auftreten [FI10, R3].
  • Wirkweise: Analgetisch, antipyretisch und spasmolytisch; keine für die Arthrosebehandlung ausreichend belegte antiphlogistische Wirkung [FI10].
  • Indikationen: Starke Schmerzen, wenn andere analgetische Maßnahmen nicht geeignet, kontraindiziert oder unwirksam sind [LL1, FI10].
  • Kontraindikationen: Insbesondere frühere durch Metamizol oder verwandte Wirkstoffe verursachte Agranulozytose, gestörte Knochenmarkfunktion, Erkrankungen des blutbildenden Systems, entsprechende Überempfindlichkeit und bestimmte Analgetika-Intoleranzen; im dritten Schwangerschaftstrimenon kontraindiziert [FI10].
  • Nebenwirkungen: Agranulozytose, weitere schwere Blutbildveränderungen, anaphylaktische Reaktionen (schwere allergische Sofortreaktionen), Blutdruckabfall, schwere Hautreaktionen und arzneimittelbedingte Leberschädigung [FI10].

Bei Fieber, Schüttelfrost, Halsschmerzen oder schmerzhaften Schleimhautveränderungen Metamizol sofort absetzen und unverzüglich ärztlich abklären lassen; ein Blutbild einschließlich Differentialblutbild ist sofort zu veranlassen. Mit dem Absetzen nicht auf das Untersuchungsergebnis warten. Diese Warnzeichen können auch kurz nach Behandlungsende auftreten und durch gleichzeitig eingenommene Antibiotika oder die fiebersenkende Wirkung verdeckt werden. Routinemäßige Blutbildkontrollen bei asymptomatischen Patienten werden zur Früherkennung einer Metamizol-induzierten Agranulozytose nicht empfohlen [FI10, R3].

Schwach wirksame Opioide: eng begrenzte Ausnahmebehandlung

Wirkstoff Besonderheiten
Tramadol Kein Routinearzneimittel bei Arthrose. Behandlungsziel und Ende der Anwendung vorab festlegen; niedrigste wirksame Dosis. Serotonerge Wechselwirkungen, Krampfanfallsrisiko und Kombinationen mit sedierenden Arzneimitteln beachten [LL2, FI11].
  • Wirkweise: Wirkung an Opioidrezeptoren und Hemmung der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin [FI11].
  • Indikationen: Allenfalls kurzfristige Ausnahmebehandlung starker Arthroseschmerzen bei fehlenden geeigneten Alternativen [LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Insbesondere akute Intoxikation (Vergiftung) mit Alkohol oder zentral dämpfenden Substanzen, gleichzeitige bzw. innerhalb der letzten 14 Tage erfolgte Anwendung von MAO-Hemmern und nicht ausreichend kontrollierte Epilepsie (Erkrankung mit wiederkehrenden Krampfanfällen) [FI11].
  • Nebenwirkungen: Sedierung, Schwindel, Stürze, Übelkeit, Erbrechen, Obstipation (Verstopfung), Miktionsstörungen (Störungen beim Wasserlassen), Atemdepression (Dämpfung der Atmung), Krampfanfälle, Serotoninsyndrom (gefährliche Überstimulation durch Serotonin), Toleranzentwicklung, Abhängigkeit und opioidinduzierte Hyperalgesie (durch Opioide verstärkte Schmerzempfindlichkeit) [FI11].

Intraartikuläre Glucocorticoide

Wirkstoff Besonderheiten
Triamcinolonacetonid Nur bei gezielter Einzelgelenkindikation und unter streng aseptischen Bedingungen durch entsprechend ausgebildete Ärzte. Für kleine Gelenke geeignete Präparate verwenden. Kein planmäßiges wiederholtes Injektionsschema allein wegen fortbestehender Arthrose [LL5, FI12].
  • Wirkweise: Lokale antiphlogistische und antiödematöse Wirkung [FI12].
  • Indikationen: Entzündlich aktivierte Arthrose eines Einzelgelenks; bei Handarthrose nur ausgewählte Situationen, insbesondere schmerzhafte Interphalangealgelenke [LL5, FI12].
  • Kontraindikationen: Insbesondere Infektion im oder am Gelenk, Infektion der vorgesehenen Injektionsstelle, Überempfindlichkeit und weitere präparatespezifische Gegenanzeigen. Gerinnungsstörungen und antithrombotische Behandlung vor der Intervention prüfen [FI12].
  • Nebenwirkungen: Gelenkinfektion, vorübergehende Schmerzverstärkung, Haut- und Unterhautfettgewebsatrophie (Schwund von Haut und darunterliegendem Fettgewebe), Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker) sowie mögliche systemische Glucocorticoidwirkungen. Wiederholte Anwendungen erfordern eine erneute Nutzen-Risiko-Abwägung [FI12].

Langsam wirkende symptomatische Arzneimittel bei Arthrose

Die Bezeichnung „Chondroprotektiva“ darf nicht als Nachweis einer knorpelschützenden Wirkung verstanden werden. Gemeint sind hier ausgewählte symptomatische langsam wirkende Arzneimittel, international als SYSADOA bezeichnet. Eine gesicherte strukturmodifizierende Wirkung ist nicht belegt [LL1].

Wirkstoff Besonderheiten
Kristallines Glucosaminsulfat Zugelassen zur Symptomlinderung leichter bis mittelschwerer Kniearthrose. In der GUIDE-Studie positive symptomatische Ergebnisse; Wirkungseintritt verzögert. Nach 2 bis 3 Monaten ohne Symptomlinderung Fortsetzung überprüfen. Leitlinienbewertungen widersprüchlich [5, LL1, LL2, LL3, LL4, FI13].
Chondroitinsulfat in Arzneimittelqualität Positive symptomatische Daten für das untersuchte Präparat bei Gonarthrose. EULAR und ACR/AF berücksichtigen Chondroitinsulfat bei Handarthrose. Keine pauschale Übertragung auf Nahrungsergänzungsmittel oder die gesamte Polyarthrose [6, LL3, LL4, LL5].
  • Wirkweise: Glucosamin und Chondroitinsulfat stehen im Zusammenhang mit Bestandteilen der Knorpelmatrix; diskutiert werden unter anderem Effekte auf entzündliche Signalwege. Daraus ergibt sich kein klinischer Nachweis von Knorpelaufbau oder Strukturerhalt. Ein möglicher Nutzen ist symptomatisch und präparatespezifisch zu bewerten [5, 6, LL1, FI13].
  • Indikationen: Glucosamin entsprechend der Arzneimittelzulassung zur Symptomlinderung leichter bis mittelschwerer Gonarthrose; ausgewählte Chondroitinsulfatpräparate als symptomatische Option nach präparatespezifischer Evidenz und Zulassung. Die positiven ESCEO-Empfehlungen und die zurückhaltenden bzw. ablehnenden Empfehlungen anderer Leitlinien müssen transparent berücksichtigt werden [LL1, LL2, LL3, LL4, LL5, FI13].
  • Kontraindikationen: Präparatespezifisch. Bei dona insbesondere Überempfindlichkeit und Schalentierallergie; während Schwangerschaft und Stillzeit nicht anwenden. Bei Glucosamin die mögliche Wirkungsverstärkung von Vitamin-K-Antagonisten berücksichtigen. Bei eingeschränkter Glucosetoleranz (gestörter Verarbeitung von Zucker im Körper) Kontrollen vorsehen. Für Chondroitinsulfat gelten die Gegenanzeigen des konkret verwendeten Arzneimittels [FI13].
  • Nebenwirkungen: Bei Glucosamin insbesondere gastrointestinale Beschwerden, Kopfschmerzen, Müdigkeit und allergische Hautreaktionen; eine Verstärkung bestehender Asthmasymptome (Beschwerden durch anfallsartige Verengung der Atemwege) ist möglich. Chondroitinsulfat war in der CONCEPT-Studie gut verträglich; mögliche unerwünschte Wirkungen sind dennoch präparatespezifisch zu berücksichtigen [6, FI13].

Eine routinemäßige Kombination mit Analgetika oder NSAR ist nicht allein durch die Diagnose Polyarthrose begründet. Für weitere als „Chondroprotektiva“ beworbene Substanzen lässt sich keine positive Gruppenempfehlung ableiten. Der gesonderte Artikel „Supplemente“ bleibt unverändert.

Abkürzungen

  • ACE: Angiotensin-Converting Enzyme; Enzym, das an der Blutdruckregulation beteiligt ist.
  • ACR/AF: American College of Rheumatology/Arthritis Foundation; US-amerikanische rheumatologische Fachgesellschaft und Arthritis-Stiftung.
  • ASS: Acetylsalicylsäure.
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
  • CONCEPT: ChONdroitin versus CElecoxib versus Placebo Trial; Studie zu Chondroitinsulfat, Celecoxib und Placebo.
  • COX: Cyclooxygenase; Enzym, das an der Bildung von Prostaglandinen beteiligt ist.
  • ESCEO: European Society for Clinical and Economic Aspects of Osteoporosis, Osteoarthritis and Musculoskeletal Diseases; europäische Fachgesellschaft für klinische und wirtschaftliche Aspekte von Osteoporose, Arthrose und Erkrankungen des Bewegungsapparats.
  • EULAR: European Alliance of Associations for Rheumatology; europäischer Zusammenschluss rheumatologischer Organisationen.
  • FI: Fachinformation.
  • GUIDE: Glucosamine Unum In Die Efficacy; Studie zur einmal täglichen Anwendung von Glucosaminsulfat.
  • LL: Leitlinie.
  • MAO: Monoaminoxidase; Enzym, das bestimmte Botenstoffe abbaut.
  • NICE: National Institute for Health and Care Excellence; britisches Institut für Empfehlungen zur Gesundheitsversorgung.
  • NSAR: Nichtsteroidale Antirheumatika.
  • NYHA: New York Heart Association; Einteilung der Schwere einer Herzinsuffizienz.
  • pAVK: Periphere arterielle Verschlusskrankheit.
  • PPI: Protonenpumpeninhibitor bzw. Protonenpumpenhemmer.
  • R: Regulatorische Quelle.
  • SYSADOA: Symptomatic Slow-Acting Drugs for Osteoarthritis; langsam wirkende symptomatische Arzneimittel bei Arthrose.
  • WHO: World Health Organization; Weltgesundheitsorganisation.

Literatur

  1. Miceli-Richard C, Le Bars M, Schmidely N, Dougados M: Paracetamol in osteoarthritis of the knee. Ann Rheum Dis 2004;63:923-930. doi:10.1136/ard.2003.017236.
  2. Machado GC et al.: Efficacy and safety of paracetamol for spinal pain and osteoarthritis: systematic review and meta-analysis of randomised placebo controlled trials. BMJ 2015;350:h1225. doi:10.1136/bmj.h1225.
  3. da Costa BR et al.: Effectiveness of non-steroidal anti-inflammatory drugs for the treatment of pain in knee and hip osteoarthritis: a network meta-analysis. Lancet 2017;390:e21-e33. doi:10.1016/S0140-6736(17)31744-0.
  4. da Costa BR et al.: Effectiveness and safety of non-steroidal anti-inflammatory drugs and opioid treatment for knee and hip osteoarthritis: network meta-analysis. BMJ 2021;375:n2321. doi:10.1136/bmj.n2321.
  5. Herrero-Beaumont G et al.: Glucosamine sulfate in the treatment of knee osteoarthritis symptoms: a randomized, double-blind, placebo-controlled study using acetaminophen as a side comparator. Arthritis Rheum 2007;56:555-567. doi:10.1002/art.22371.
  6. Reginster JY, Dudler J, Blicharski T, Pavelka K: Pharmaceutical-grade Chondroitin sulfate is as effective as celecoxib and superior to placebo in symptomatic knee osteoarthritis: the ChONdroitin versus CElecoxib versus Placebo Trial (CONCEPT). Ann Rheum Dis 2017;76:1537-1543. doi:10.1136/annrheumdis-2016-210860.

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Prävention und Therapie der Gonarthrose. (AWMF-Registernummer: 187-050). Version 5.0, Juli 2024. Langfassung [LL1].
  2. National Institute for Health and Care Excellence: Osteoarthritis in over 16s: diagnosis and management. NICE Guideline NG226, Oktober 2022. Leitlinie; Empfehlungen [LL2].
  3. Kolasinski SL et al.: 2019 American College of Rheumatology/Arthritis Foundation Guideline for the Management of Osteoarthritis of the Hand, Hip, and Knee. Arthritis Rheumatol 2020;72:220-233. doi:10.1002/art.41142 [LL3].
  4. Bruyère O et al.: An updated algorithm recommendation for the management of knee osteoarthritis from the European Society for Clinical and Economic Aspects of Osteoporosis, Osteoarthritis and Musculoskeletal Diseases (ESCEO). Semin Arthritis Rheum 2019;49:337-350. doi:10.1016/j.semarthrit.2019.04.008 [LL4].
  5. Kloppenburg M et al.: 2018 update of the EULAR recommendations for the management of hand osteoarthritis. Ann Rheum Dis 2019;78:16-24. doi:10.1136/annrheumdis-2018-213826 [LL5].

Fachinformationen

  1. Voltaren Schmerzgel 11,6 mg/g Gel. Fachinformation [FI1].
  2. Dolgit Creme 50 mg/g. Fachinformation [FI2].
  3. Ibuprofen AbZ 600 mg/800 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI3].
  4. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Diclofenac-Natrium, verschiedene orale Darreichungsformen. Fachinformation: Mustertext [FI4].
  5. Naproxen-CT 500 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI5].
  6. Celebrex Hartkapseln. Fachinformation [FI6].
  7. Arcoxia 30 mg/60 mg/90 mg/120 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI7].
  8. Omeprazol Mylan 10 mg/20 mg/40 mg magensaftresistente Hartkapseln. Fachinformation [FI8].
  9. Paracetamol-ratiopharm 500 mg Tabletten. Fachinformation [FI9].
  10. Novalgin Filmtabletten. Fachinformation [FI10].
  11. Tramal Kapseln 50 mg. Fachinformation [FI11].
  12. Triam 40 mg Lichtenstein Injektionssuspension. Fachinformation [FI12].
  13. dona 1500 mg Pulver. Fachinformation [FI13].

Regulatorische Quellen

  1. European Medicines Agency: Diclofenac-containing medicines. Kardiovaskuläre Sicherheitsbeschränkungen bei systemischer Anwendung. Sicherheitsbewertung [R1].
  2. European Medicines Agency: Ibuprofen- and dexibuprofen-containing medicines. Kardiovaskuläre Risiken hoher Ibuprofendosen und Wechselwirkung mit niedrig dosierter ASS. Sicherheitsbewertung [R2].
  3. European Medicines Agency: Metamizole-containing medicinal products. Maßnahmen zur Verringerung schwerwiegender Folgen einer Agranulozytose; europäisches Risikobewertungsverfahren 2024. Sicherheitsbewertung [R3].
  4. European Medicines Agency: European Medicines Agency concludes action on COX-2 inhibitors. Kardiovaskuläre Gegenanzeigen und Vorsichtsmaßnahmen. Sicherheitsmitteilung [R4].