Leistenschmerzen – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Verbesserung der Symptomatik: symptomatische Schmerzlinderung bis zur endgültigen kausalen Behandlung nach Sicherung der Diagnose.
  • Erhalt und Wiederherstellung der Funktion: Verbesserung von Gehfähigkeit, Belastbarkeit und Beweglichkeit sowie Unterstützung einer ursachenbezogenen Rehabilitation.
  • Vermeidung von Arzneimittelschäden: indikationsgerechte Wirkstoffauswahl, niedrigste wirksame Dosis und kürzest erforderliche Behandlungsdauer.

Therapieempfehlungen

Leistenschmerzen sind ein Symptom unterschiedlicher Erkrankungen. Eine einheitliche medikamentöse Behandlung ist deshalb nicht sinnvoll. Die Arzneitherapie richtet sich nach der Ursache und dem Schmerzmechanismus; sie ersetzt weder die diagnostische Abklärung noch eine gegebenenfalls erforderliche operative oder antiinfektive Behandlung.

  • Akute Warnzeichen: plötzlich einsetzende starke Schmerzen, eine schmerzhafte, nicht reponible Leistenschwellung (nicht zurückschiebbare Schwellung in der Leiste), akute Hodenschmerzen, Fieber mit ausgeprägtem Krankheitsgefühl, fehlende Belastbarkeit nach Trauma (Verletzung) oder Unterbauchschmerzen bei möglicher Schwangerschaft erfordern eine dringliche Abklärung. Insbesondere eine inkarzerierte Hernie (eingeklemmter Bruch), Hodentorsion (Verdrehung des Hodens), septische Arthritis (bakterielle Gelenkentzündung), Fraktur (Knochenbruch) oder Extrauteringravidität (Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter) darf nicht durch eine ausschließlich symptomatische Behandlung verzögert werden.
  • Muskuloskelettale Ursachen: Bei Muskelzerrung, adduktorenbezogenen Beschwerden (Beschwerden der Muskeln, die das Bein zur Körpermitte ziehen), Iliopsoas-Syndrom (Beschwerden des Hüftbeugemuskels) oder nicht infektiöser Osteitis pubis (Entzündung im Bereich des Schambeins ohne Infektion) stehen Belastungsanpassung und aktive Rehabilitation im Vordergrund. Analgetika können zeitlich begrenzt unterstützen. Für länger bestehende adduktorenbezogene Leistenschmerzen ist ein aktives Trainingsprogramm belegt; eine ursächliche Wirksamkeit von Muskelrelaxanzien ist daraus nicht abzuleiten [1].
  • • Hüftgelenkerkrankungen: Bei Coxarthrose (Verschleiß des Hüftgelenks) oder entzündlichen Gelenkerkrankungen erfolgt die Therapie entsprechend der gesicherten Grunderkrankung. Eine bakterielle Gelenkinfektion erfordert eine dringliche stationäre Behandlung mit mikrobiologischer Diagnostik, gezielter Antibiotikatherapie und erforderlicher Herdsanierung (Beseitigung des Infektionsherdes).
  • Viszerale, urologische und gynäkologische Ursachen: Die Behandlung erfolgt diagnosespezifisch, beispielsweise bei Ureterkolik (anfallsartigen Schmerzen durch eine Blockade des Harnleiters), Epididymitis (Nebenhodenentzündung) oder entzündlichen Erkrankungen des kleinen Beckens. Antibiotika werden bei entsprechender infektiöser Ursache eingesetzt; Leistenschmerzen allein sind keine Indikation.
  • Neuropathische und postoperative Schmerzen: Bei nachgewiesener oder wahrscheinlicher Nervenschädigung kommen spezifische Arzneimittel gegen neuropathische Schmerzen (Schmerzen durch eine Schädigung von Nerven) infrage. Anhaltende Schmerzen nach Leistenhernienoperation (Operation eines Leistenbruchs) sollten in einem erfahrenen Zentrum interdisziplinär behandelt werden [LL1, LL2].

Nichtsteroidale Antirheumatika

NSAR können bei entzündlichen oder schmerzhaften muskuloskelettalen Ursachen kurzfristig eingesetzt werden. Mehrere systemische NSAR dürfen nicht gleichzeitig angewendet werden. Vor der Verordnung sind gastrointestinale, renale und kardiovaskuläre Risiken sowie Wechselwirkungen zu prüfen [FI3, FI4, FI5].

Wirkstoff Besonderheiten
Ibuprofen Keine pauschale Einstufung als gut verträglich. Dosisabhängige gastrointestinale, renale und kardiovaskuläre Risiken; eine höhere Dosis ist bei rein analgetischer Anwendung nicht automatisch wirksamer [FI3].
Diclofenac Bei bestehender ischämischer Herzkrankheit (Herzerkrankung durch verminderte Durchblutung), peripherer arterieller Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Gliedmaßen), zerebrovaskulärer Erkrankung (Erkrankung der Blutgefäße des Gehirns) oder Herzinsuffizienz (Herzschwäche) NYHA II bis IV kontraindiziert. Keine generelle Bevorzugung wegen vermeintlich stärkerer Entzündungshemmung [FI4].
Naproxen Das vergleichsweise günstigere kardiovaskuläre Risikoprofil bedeutet keine kardiovaskuläre Unbedenklichkeit. Gastrointestinale und renale Risiken bleiben bestehen [FI5].
  • Wirkweise: Hemmung der Cyclooxygenasen und Verminderung der Prostaglandinsynthese; analgetische und antiphlogistische Wirkung [FI3, FI4, FI5].
  • Indikationen: zeitlich begrenzte symptomatische Behandlung geeigneter muskuloskelettaler oder entzündlicher Ursachen innerhalb der jeweiligen Zulassung [FI3, FI4, FI5].
  • Kontraindikationen: insbesondere aktive oder wiederholt aufgetretene peptische Ulzera (Geschwüre im Magen oder Zwölffingerdarm), gastrointestinale Blutungen (Blutungen im Magen-Darm-Trakt), frühere NSAR-bedingte Blutung oder Perforation (Durchbruch der Magen- oder Darmwand), schwere Nieren- oder Leberinsuffizienz (schwere Einschränkung der Nieren- oder Leberfunktion), schwere Herzinsuffizienz und NSAR-Überempfindlichkeit. Im dritten Schwangerschaftstrimester kontraindiziert; ab der 20. Schwangerschaftswoche nur bei zwingender Indikation unter Beachtung der Fachinformation. Zusätzliche wirkstoffspezifische Gegenanzeigen beachten [FI3, FI4, FI5].
  • Nebenwirkungen: gastrointestinale Beschwerden, Ulzera (Geschwüre) und Blutungen, akute Nierenschädigung, Flüssigkeitsretention (Zurückhalten von Flüssigkeit im Körper), Blutdruckanstieg, kardiovaskuläre Ereignisse und Überempfindlichkeitsreaktionen [FI3, FI4, FI5].

Bei erhöhtem gastrointestinalem Risiko ist eine gastroprotektive Begleittherapie mit einem Protonenpumpenhemmer zu prüfen. Sie verhindert keine renalen oder kardiovaskulären Komplikationen. Besondere Vorsicht gilt bei Antikoagulation (medikamentöser Hemmung der Blutgerinnung) sowie bei Kombination mit Diuretika und ACE-Hemmern oder Angiotensinrezeptorblockern [FI3, FI4, FI5].

Selektive COX-2-Hemmer

Wirkstoff Besonderheiten
Etoricoxib Keine allgemeine Zulassung für unspezifische Leistenschmerzen oder Muskelzerrungen. Eine pauschale Empfehlung von 60 bis 90 mg/d ist daher ungeeignet. Blutdruck vor Beginn und im Verlauf kontrollieren [FI6].
  • Wirkweise: selektive Hemmung der COX-2 mit analgetischer und antiphlogistischer Wirkung [FI6].
  • Indikationen: beispielsweise symptomatische Behandlung einer gesicherten Coxarthrose innerhalb der Zulassung; keine empirische Standardtherapie ungeklärter Leistenschmerzen [FI6].
  • Kontraindikationen: unter anderem ischämische Herzkrankheit, periphere arterielle Verschlusskrankheit, zerebrovaskuläre Erkrankung, Herzinsuffizienz NYHA II bis IV, unzureichend kontrollierte Hypertonie (Bluthochdruck) mit dauerhaftem Blutdruck über 140/90 mmHg, aktive gastrointestinale Ulzera oder Blutungen, schwere Leberfunktionsstörung, Kreatinin-Clearance unter 30 ml/min sowie Schwangerschaft und Stillzeit [FI6].
  • Nebenwirkungen: insbesondere Blutdruckanstieg, Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen), renale Funktionsstörungen und kardiovaskuläre Ereignisse. Gastrointestinale Komplikationen sind trotz COX-2-Selektivität möglich [FI6].

Nichtopioide Analgetika außerhalb der NSAR-Gruppe

Wirkstoff Besonderheiten
Paracetamol Keine relevante antiphlogistische Wirkung. Präparatespezifische Höchstdosis beachten; die Fachinformation des referenzierten Präparats wurde im September 2026 auf maximal 3 g/d aktualisiert. Keine zusätzliche Einnahme paracetamolhaltiger Kombinationspräparate [FI7].
Metamizol Für starke Schmerzen innerhalb der zugelassenen Indikationen, insbesondere wenn andere Maßnahmen nicht angezeigt sind; auch bei Koliken (anfallsartigen, krampfartigen Schmerzen). Die orale Gabe ist bei möglicher Einnahme vorzuziehen. Eine parenterale Anwendung erfordert eine gesonderte Indikation und Überwachung [FI8].
  • Wirkweise: Paracetamol wirkt analgetisch und antipyretisch; Metamizol zusätzlich spasmolytisch [FI7, FI8].
  • Indikationen: Paracetamol bei leichten bis mäßig starken Schmerzen, insbesondere wenn NSAR ungeeignet sind; Metamizol bei entsprechend starken Schmerzen oder Koliken. Beide Wirkstoffe ersetzen die kausale Behandlung nicht [FI7, FI8].
  • Kontraindikationen: wirkstoffbezogene Überempfindlichkeit. Metamizol zusätzlich, insbesondere bei früherer Agranulozytose (starkem Abfall bestimmter weißer Blutkörperchen) durch Metamizol oder verwandte Wirkstoffe, beeinträchtigter Knochenmarkfunktion und Erkrankungen des blutbildenden Systems; weitere Gegenanzeigen der Fachinformation beachten. Paracetamol bei Lebererkrankung, chronischem Alkoholmissbrauch, Mangelernährung oder Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) nur nach individueller Risikoabwägung und Dosisanpassung [FI7, FI8].
  • Nebenwirkungen: Paracetamol kann insbesondere bei Überdosierung schwere Leberschäden verursachen. Metamizol kann eine potenziell tödliche Agranulozytose, anaphylaktische Reaktionen (schwere allergische Reaktionen) und Blutdruckabfälle verursachen; bei parenteraler Gabe ist das Hypotonierisiko (Risiko eines zu niedrigen Blutdrucks) besonders zu beachten [FI7, FI8].

Bei Fieber, Schüttelfrost, Halsschmerzen oder schmerzhaften Schleimhautveränderungen während oder kurz nach einer Metamizolbehandlung muss das Arzneimittel sofort abgesetzt und unverzüglich ein Blutbild einschließlich Differenzialblutbild veranlasst werden. Das Risiko einer Agranulozytose ist nicht dosisabhängig und besteht auch nach früherer komplikationsloser Einnahme. Eine routinemäßige Blutbildüberwachung ohne entsprechende Symptome wird zur Früherkennung nicht empfohlen; maßgeblich sind Aufklärung und sofortige Reaktion auf Warnzeichen. Siehe Rote-Hand-Brief zu Metamizol vom 9. Dezember 2024 [FI8].

Muskelrelaxanzien

Tolperison darf nicht zur Behandlung von Muskelverspannungen, Myalgien (Muskelschmerzen), Adduktorenbeschwerden oder einem Iliopsoas-Syndrom empfohlen werden. Es ist ausschließlich zur symptomatischen Behandlung der Spastizität (krankhaft erhöhten Muskelspannung) nach Schlaganfall bei Erwachsenen zugelassen. Für die Anwendung außerhalb dieser Indikation besteht ein negatives Nutzen-Risiko-Verhältnis. Besonders relevant sind Überempfindlichkeitsreaktionen bis zur Anaphylaxie (schwere allergische Allgemeinreaktion). Siehe Rote-Hand-Brief zu Tolperison vom 2. Juni 2020 [FI1].

Methocarbamol ist ebenfalls keine Standardtherapie von Leistenschmerzen. Ein zeitlich begrenzter Versuch kann bei gesicherter schmerzhafter Muskelverspannung erwogen werden. Die Evidenz aus Studien zum unspezifischen Kreuzschmerz zeigt allenfalls kleine kurzfristige Effekte bei unsicherer Evidenz und vermehrten Nebenwirkungen; die Übertragung auf Leistenschmerzen ist nicht gesichert [2].

Wirkstoff Besonderheiten
Methocarbamol Nur bei gesicherter schmerzhafter Muskelverspannung und erkennbarem Nutzen. Schläfrigkeit, Schwindel und Einschränkung der Fahrtüchtigkeit möglich; kein Alkohol und keine unkritische Kombination mit zentral dämpfenden Arzneimitteln [FI2].
  • Wirkweise: zentral muskelrelaxierend durch Hemmung polysynaptischer Reflexleitung [FI2].
  • Indikationen: symptomatische Behandlung schmerzhafter Muskelverspannungen bei Erwachsenen; keine etablierte ursächliche Therapie von Sehnenansatzbeschwerden oder chronischen adduktorenbezogenen Leistenschmerzen [1, FI2].
  • Kontraindikationen: unter anderem Myasthenia gravis (Erkrankung mit gestörter Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln), komatöse oder präkomatöse Zustände (Bewusstlosigkeit oder Zustände kurz davor), Erkrankungen des ZNS und Neigung zu epileptischen Krampfanfällen. In Schwangerschaft und Stillzeit nicht anwenden [FI2].
  • Nebenwirkungen: insbesondere Schläfrigkeit und Schwindel; außerdem Hypotonie (zu niedriger Blutdruck) und Überempfindlichkeitsreaktionen möglich [FI2].

Topische NSAR

Topische NSAR können bei oberflächlichen, lokalisierten Weichteilbeschwerden eingesetzt werden. Für das tief liegende Hüftgelenk oder viszerale Schmerzursachen ist keine ausreichende Wirkung zu erwarten. In der Leistenregion ist ein Kontakt mit Genitalhaut und Schleimhäuten zu vermeiden [FI9, FI10].

Wirkstoff Besonderheiten
Diclofenac-Gel, entsprechend Diclofenac-Natrium 1 % Nur auf intakter Haut. Konzentration und Anwendungshäufigkeit sind präparatespezifisch; höher konzentrierte Gele haben andere Anwendungsschemata [FI9].
Ibuprofen-Gel 5 % Nur äußerlich und auf intakter Haut; keine Anwendung unter luftdichten Verbänden [FI10].
  • Wirkweise: lokale Hemmung der Prostaglandinsynthese [FI9, FI10].
  • Indikationen: oberflächliche schmerzhafte Weichteilbeschwerden, beispielsweise nach Zerrung oder Prellung, entsprechend der jeweiligen Zulassung [FI9, FI10].
  • Kontraindikationen: NSAR-Überempfindlichkeit, offene oder erkrankte Haut, Schleimhautanwendung und drittes Schwangerschaftstrimester; präparatespezifische Altersgrenzen beachten [FI9, FI10].
  • Nebenwirkungen: lokale Hautreaktionen, Kontaktdermatitis (Hautentzündung durch Kontakt mit einem auslösenden Stoff) und Überempfindlichkeitsreaktionen; systemische Nebenwirkungen sind bei großflächiger oder längerer Anwendung nicht ausgeschlossen [FI9, FI10].

Capsaicin-Creme ist keine Standardtherapie unspezifischer oder myofaszialer Leistenschmerzen (Schmerzen aus Muskeln und umgebendem Bindegewebe). Bei lokalisiertem neuropathischem Schmerz kann ein individueller Versuch erwogen werden, wenn orale Arzneimittel nicht gewünscht oder nicht vertragen werden. Präparatespezifische Zulassung und die empfindliche Lokalisation sind zu berücksichtigen; Genitalhaut und Schleimhäute dürfen nicht behandelt werden. Für Capsaicin-Pflaster bei chronischen Schmerzen nach Leistenhernienoperation ist ein Nutzen nicht belegt [LL1, LL2].

Gabapentinoide bei neuropathischen Schmerzkomponenten

Eine neuropathische Schmerzkomponente muss klinisch begründet sein, beispielsweise durch eine Schädigung des N. ilioinguinalis oder N. genitofemoralis. Gabapentinoide sind keine empirische Behandlung sämtlicher chronischer Leistenschmerzen. Die Auswahl erfolgt nach Begleiterkrankungen, Organfunktion und Nebenwirkungsrisiko [LL2].

Wirkstoff Besonderheiten
Gabapentin Bei Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) Dosis und Einnahmeintervalle anpassen. Niedrigerer Beginn bei gebrechlichen oder älteren Patienten. Missbrauchs- und Abhängigkeitsrisiko beachten; ausschleichend absetzen [FI11].
Pregabalin Nierenfunktionsabhängige Dosierung. Bei erhöhtem Nebenwirkungsrisiko vorsichtiger einschleichen. Abhängigkeit kann auch bei therapeutischen Dosen auftreten; ausschleichend absetzen [FI12].
  • Wirkweise: Bindung an die α2δ-Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle und Verminderung exzitatorischer Neurotransmission [FI11, FI12].
  • Indikationen: neuropathische Schmerzen entsprechend der jeweiligen Zulassung; bei Gabapentin periphere neuropathische Schmerzen, bei Pregabalin periphere und zentrale neuropathische Schmerzen bei Erwachsenen [FI11, FI12].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Niereninsuffizienz erfordert eine Dosisanpassung; bei Atemwegserkrankungen und gleichzeitiger Einnahme zentral dämpfender Arzneimittel ist besondere Vorsicht erforderlich [FI11, FI12].
  • Nebenwirkungen: Schwindel, Schläfrigkeit, Gangunsicherheit, Ödeme und Gewichtszunahme; außerdem Abhängigkeit und Entzugssymptome. Schwere Atemdepression (gefährliche Abschwächung der Atmung) ist möglich, insbesondere bei Risikopatienten oder Kombination mit Opioiden [FI11, FI12].

Trizyklische Antidepressiva bei neuropathischen Schmerzkomponenten

Wirkstoff Besonderheiten
Amitriptylin Keine sofortige Bedarfsmedikation; die analgetische Wirkung entwickelt sich über Wochen. Anticholinerge und kardiale Risiken prüfen; bei kardialem Risiko EKG und Begleitmedikation berücksichtigen [FI13].
  • Wirkweise: Hemmung der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin mit Verstärkung schmerzhemmender Mechanismen [FI13].
  • Indikationen: neuropathische Schmerzen bei Erwachsenen; Auswahl nach individuellem Nutzen-Risiko-Verhältnis [LL2, FI13].
  • Kontraindikationen: unter anderem kürzlich zurückliegender Myokardinfarkt (Herzinfarkt), Herzblock (Störung der elektrischen Erregungsleitung des Herzens), relevante Herzrhythmusstörungen, Koronarinsuffizienz (unzureichende Durchblutung des Herzmuskels) und gleichzeitige Behandlung mit MAO-Hemmern. Weitere Gegenanzeigen und anticholinerge Risiken beachten [FI13].
  • Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Obstipation (Verstopfung), Harnverhalt (Unfähigkeit, die Blase zu entleeren), Sedierung (Dämpfung von Wachheit und Reaktionsfähigkeit), orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen) sowie kardiale Reizleitungsstörungen und QT-Verlängerung [FI13].

Nortriptylin wird nicht als gleichwertige Standardoption mit pauschalem Dosierungsschema aufgeführt. Eine gegebenenfalls erwogene Anwendung bei neuropathischen Schmerzen erfordert die Prüfung von Zulassung, Verfügbarkeit und individuellen Risiken; sie sollte schmerzmedizinisch begründet werden.

Das Ansprechen auf die neuropathische Schmerztherapie wird nach ausreichender Behandlungsdauer beurteilt. Entscheidend sind Schmerzlinderung, Funktionsgewinn und Verträglichkeit. Bei fehlendem Nutzen erfolgt ein geplanter Wechsel oder ein ausschleichendes Absetzen [LL2].

Lokalanästhetika für gezielte Infiltrationen und Nervenblockaden

Bei ausgewählten Neuralgien (Nervenschmerzen) oder chronischen postoperativen Leistenschmerzen können gezielte Nervenblockaden diagnostisch und therapeutisch hilfreich sein. Sie gehören in erfahrene Hände; in der anatomisch komplexen Leistenregion ist eine bildgestützte Durchführung sinnvoll. Die Evidenz rechtfertigt keine routinemäßige Injektion bei ungeklärten Leistenschmerzen [LL1].

Wirkstoff Besonderheiten
Lidocain 1 % Relativ kurze Wirkdauer. Gesamtdosis aller gleichzeitig verwendeten Lokalanästhetika berücksichtigen [FI14].
Bupivacain 0,25 % Längere Wirkdauer; relevante Kardiotoxizität bei systemischer Exposition. Die Höchstdosis ist keine Zieldosis [FI15].
  • Wirkweise: reversible Blockade spannungsabhängiger Natriumkanäle und damit der Nervenleitung [FI14, FI15].
  • Indikationen: gezielte diagnostische oder therapeutische Blockaden bei ausgewählten peripheren Neuralgien und chronischen postoperativen Leistenschmerzen [LL1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen das Lokalanästhetikum und Infektion am Einstichort; weitere substanz- und verfahrensbezogene Gegenanzeigen beachten. Antikoagulation und Gerinnungsstörungen erfordern eine an die Tiefe und Blutungsgefährdung der Blockade angepasste Bewertung [FI14, FI15].
  • Nebenwirkungen: Hämatome (Blutergüsse), Infektionen und Nervenverletzungen; bei systemischer Toxizität neurologische Symptome bis zu Krampfanfällen sowie schwere Herzrhythmusstörungen und Kreislaufstillstand. Überwachung und Notfallausrüstung müssen verfügbar sein [FI14, FI15].

Ein routinemäßiger Zusatz von Triamcinolon zur perineuralen oder myofaszialen Injektion wird nicht empfohlen. Die Indikation muss sich auf eine konkret diagnostizierte entzündliche Zielstruktur beziehen; perineurale Anwendungen sind hinsichtlich Zulassung und Evidenz gesondert zu prüfen. Ein gesicherter Zusatznutzen für sämtliche chronischen Leistenschmerzen besteht nicht. Glukokortikoidinjektionen können lokale Gewebeatrophie (Gewebeschwund), Depigmentierung (Verlust der Hautfärbung), Infektionen und Sehnenschäden verursachen. Nicht intratendinös injizieren und bei möglicher Infektion keine Glukokortikoidinjektion durchführen.

Beachte

  • Keine routinemäßige Opioidtherapie: Leistenschmerzen begründen keinen schematischen Opioidalgorithmus. Bei akuten starken Schmerzen kann eine kurzzeitige, überwachte Anwendung im Rahmen der ursachenbezogenen Behandlung erforderlich sein. Für chronische muskuloskelettale Leistenschmerzen ist eine dauerhafte Opioidtherapie keine Standardmaßnahme.
  • Chronische Schmerzen nach Leistenhernienoperation: eine spezialisierte interdisziplinäre Behandlung ist angezeigt. Vor einer operativen Schmerzbehandlung empfiehlt HerniaSurge einen ausreichend langen konservativen Behandlungsversuch mit pharmakologischen und interventionellen Maßnahmen, in der Regel mindestens 3 Monate und frühestens im Kontext von mindestens 6 Monaten seit der Hernienoperation [LL1].
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Die Arzneimittelauswahl muss gesondert erfolgen. Bei möglicher Schwangerschaft ist vor einer symptomatischen Behandlung insbesondere eine gynäkologische Notfallursache auszuschließen.
  • Therapiekontrolle: bei zunehmenden Beschwerden, neuen Warnzeichen oder ausbleibender Besserung muss die Diagnose überprüft werden; eine wiederholte Verlängerung der Analgetikatherapie ohne erneute Beurteilung ist nicht angemessen.

Ergänzende symptomatische Maßnahmen

  • Belastungsanpassung und Rehabilitation: vorübergehende Reduktion schmerzauslösender Belastungen, anschließend individuell gesteigertes Kraft- und Koordinationstraining. Bei adduktorenbezogenen Beschwerden stehen aktive Übungen im Vordergrund [1].
  • Wärme oder Kühlung: situationsabhängig zur Linderung; Wärme kann bei Muskelverspannung hilfreich sein, Kühlung bei akuter Weichteilverletzung. Nicht bei unklarer Ursache eine notwendige Abklärung ersetzen.
  • Flüssigkeitszufuhr: bedarfsgerecht und unter Berücksichtigung von Herz- und Nierenfunktion. Eine pauschale Trinkvorgabe von mehr als 1,5 l/d ist keine spezifische Behandlung von Leistenschmerzen.
  • Alkohol und Fahrtüchtigkeit: Alkohol während der medikamentösen Schmerzbehandlung vermeiden. Bei Schläfrigkeit, Schwindel oder eingeschränkter Reaktionsfähigkeit nicht fahren und keine Maschinen bedienen [FI2, FI7, FI11, FI12, FI13].

Abkürzungen

  • ACE: Angiotensin-Converting-Enzyme.
  • COX: Cyclooxygenase.
  • d: Tag.
  • EKG: Elektrokardiogramm.
  • FI: Fachinformation.
  • g: Gramm.
  • kg: Kilogramm.
  • l: Liter.
  • LL: Leitlinie.
  • MAO: Monoaminoxidase.
  • mg: Milligramm.
  • min: Minute.
  • ml: Milliliter.
  • mmHg: Millimeter Quecksilbersäule.
  • N.: Nervus.
  • NICE: National Institute for Health and Care Excellence.
  • NSAR: nichtsteroidale Antirheumatika.
  • NYHA: New York Heart Association; Einteilung des Schweregrades einer Herzinsuffizienz.
  • QT: Zeitabschnitt zwischen Q-Zacke und Ende der T-Welle im EKG.
  • ZNS: Zentralnervensystem.

Literatur

  1. Hölmich P et al.: Effectiveness of active physical training as treatment for long-standing adductor-related groin pain in athletes: randomised trial. Lancet. 1999;353(9151):439-443. doi: 10.1016/S0140-6736(98)03340-6.
  2. Cashin AG et al.: Efficacy, acceptability, and safety of muscle relaxants for adults with non-specific low back pain: systematic review and meta-analysis. BMJ. 2021;374:n1446. doi: 10.1136/bmj.n1446.

Leitlinien

  1. Internationale HerniaSurge-Leitlinie: Stabilini C et al.: Update of the international HerniaSurge guidelines for groin hernia management. BJS Open. 2023;7(5):zrad080. September 2023. Leitlinienübersicht der European Hernia Society. Langfassung. doi: 10.1093/bjsopen/zrad080 [LL1].
  2. NICE-Leitlinie CG173: Neuropathic pain in adults: pharmacological management in non-specialist settings. November 2013; aktualisiert September 2020. Leitlinienübersicht. Vollständige Empfehlungen [LL2].

Fachinformationen

  1. Tolperison-HCl neuraxpharm. Fachinformation [FI1].
  2. Methocarbamol-neuraxpharm 1500 mg. Stand Oktober 2023. Fachinformation [FI2].
  3. Ibu-ratiopharm 400 mg/600 mg/800 mg Filmtabletten. Stand Juni 2026. Fachinformation [FI3].
  4. Diclofenac-ratiopharm 25 mg/50 mg magensaftresistente Tabletten. Stand Mai 2026. Fachinformation [FI4].
  5. Naproxen-CT 500 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI5].
  6. ARCOXIA 30 mg/60 mg/90 mg/120 mg. Stand März 2024. Fachinformation [FI6].
  7. Paracetamol-ratiopharm 1000 mg Tabletten. Stand September 2026. Fachinformation [FI7].
  8. Novalgin Filmtabletten. Stand November 2024. Fachinformation [FI8].
  9. Voltaren Schmerzgel 11,6 mg/g Gel. Fachinformation [FI9].
  10. doc Ibuprofen Schmerzgel 5 %. Stand Dezember 2023. Fachinformation, wiedergegeben in der Arzneimitteldatenbank [FI10].
  11. Neurontin 100 mg/300 mg/400 mg Hartkapseln. Fachinformation [FI11].
  12. Lyrica Hartkapseln. Fachinformation [FI12].
  13. Amitriptylin-CT 25 mg/75 mg Tabletten. Fachinformation [FI13].
  14. Lidocain Braun 1 % Injektionslösung. Fachinformation [FI14].
  15. Carbostesin 0,25 % Injektionslösung. Fachinformation [FI15].