Krämpfe und Spasmen der Muskulatur – Folgeerkrankungen

Muskelkrämpfe (schmerzhafte unwillkürliche Muskelanspannungen)

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Muskelkrämpfe mitbedingt sein können:

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Schlafstörungen (Störungen des Schlafes) – insbesondere rezidivierende nächtliche Muskelkrämpfe können zu wiederholten Schlafunterbrechungen und einer verminderten Schlafqualität führen. In kontrollierten Untersuchungen waren nächtliche Wadenkrämpfe mit einer deutlich schlechteren Schlafqualität assoziiert; die Schlafbeeinträchtigung stellt zudem eine wesentliche Dimension der patientenberichteten Krampfbelastung dar [1-3].

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Tagesmüdigkeit (Müdigkeit während des Tages) – kann insbesondere bei rezidivierenden nächtlichen Muskelkrämpfen infolge der krampfbedingten Schlafunterbrechungen auftreten; eine Beeinträchtigung der Tagesfunktion und Tagesschläfrigkeit (verstärkte Schläfrigkeit am Tag) sind als relevante Auswirkungen der Krampfbelastung beschrieben [2, 3].

Weiteres

  • Einschränkung von Alltagsaktivitäten – rezidivierende bzw. ausgeprägte Muskelkrämpfe können Mobilität, körperliche Aktivität, berufliche Tätigkeit, sportliche Aktivität und weitere Aktivitäten des täglichen Lebens beeinträchtigen [2, 3].
  • Verminderte gesundheitsbezogene Lebensqualität – insbesondere häufige und nächtliche Muskelkrämpfe sind mit einer verminderten gesundheitsbezogenen Lebensqualität verbunden; bei nächtlichen Wadenkrämpfen betrifft dies insbesondere körperliche Dimensionen und steht in engem Zusammenhang mit der beeinträchtigten Schlafqualität [1-3].

Spastik (krankhaft erhöhte Muskelspannung)

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Spastik mitbedingt sein können:

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Dekubitus (Druckgeschwür) – bei einer schweren spastischen Bewegungsstörung (Bewegungsstörung durch krankhaft erhöhte Muskelspannung) können persistierende Fehlhaltungen, eingeschränkte Positionswechsel und erschwerte Lagerung die Entstehung von Druckulzera (Druckgeschwüren) mitbegünstigen. Die Genese ist multifaktoriell; die aktuelle S2k-Leitlinie führt Dekubitus als mögliche Sekundärkomplikation einer klinisch relevanten spastischen Bewegungsstörung auf [LL1].

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Fixierte Fehlstellungen und Deformitäten (dauerhafte Fehlstellungen und Formveränderungen) – persistierende pathologische Muskelaktivität kann zusammen mit muskulärer Dysbalance (Ungleichgewicht der Muskelkräfte), eingeschränkter passiver Beweglichkeit sowie sekundären Muskel- und Weichteilveränderungen zur strukturellen Fixierung abnormer Gelenkstellungen beitragen [LL1].
  • Gelenkkontrakturen (dauerhafte Gelenkversteifungen) – chronische spastische Bewegungsstörungen können zusammen mit eingeschränkter Mobilität und sekundären strukturellen Veränderungen von Muskulatur und periartikulären Weichteilen (gelenkumgebenden Weichteilen) zur zunehmenden Einschränkung des passiven Bewegungsausmaßes bis hin zu fixierten Kontrakturen beitragen [4, LL1]. Die Kontrakturgenese ist multifaktoriell; funktionelle Einschränkung, Muskelschwäche, reduzierte Mobilität und Bettlägerigkeit weisen in der systematischen Evidenz besonders konsistente Zusammenhänge mit der Kontrakturentwicklung auf [4].
  • Muskel- und Weichteilverkürzungen – im Verlauf einer chronischen spastischen Bewegungsstörung können zunehmend nichtneurale strukturelle Veränderungen von Muskulatur und Weichteilen entstehen, die das passive Bewegungsausmaß zusätzlich vermindern und die Entstehung fixierter Fehlstellungen begünstigen [LL1].

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Schlafstörungen – insbesondere schmerzhafte Spasmen (unwillkürliche Muskelverkrampfungen), nächtliche Muskelhyperaktivität (übermäßige Muskelaktivität) und erschwerte Lagerung können den Schlaf beeinträchtigen [LL1].

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Gang- und Mobilitätsstörungen (Störungen des Gehens und der Beweglichkeit) – eine klinisch relevante Spastik der unteren Extremitäten kann Gang, Transfers und Mobilität zusätzlich beeinträchtigen. Der funktionelle Anteil der Spastik ist dabei von Parese (Muskellähmung), Sensibilitätsstörungen (Störungen der Empfindungswahrnehmung) und weiteren Folgen der zugrunde liegenden Schädigung des zentralen Nervensystems abzugrenzen [LL1].
  • Spastikassoziierte Schmerzen (durch Spastik mitbedingte Schmerzen) – spastische Muskelhyperaktivität kann Schmerzen unmittelbar oder über Fehlstellungen, eingeschränkte passive Beweglichkeit sowie sekundäre Muskel-, Weichteil- und Gelenkveränderungen mitbedingen. Die Reduktion spastikassoziierter Schmerzen ist ein leitliniengestütztes Therapieziel [LL1].

Weiteres

  • Einschränkung aktiver und passiver Funktionen – eine alltagsrelevante spastische Bewegungsstörung kann sowohl die aktive Nutzung einer Extremität als auch passive Funktionen wie Lagerung, Pflege und Beweglichkeit erheblich beeinträchtigen [LL1].
  • Hygienische Probleme – schwere spastisch bedingte Fehlhaltungen können die Körper- und Intimpflege erschweren und dadurch hygienische Probleme verursachen [LL1].
  • Pflegehemmnisse – ausgeprägte spastische Fehlhaltungen können Körperpflege, An- und Auskleiden, Lagerung und andere pflegerische Maßnahmen erheblich erschweren [LL1].

Prognosefaktoren

Muskelkrämpfe

  • Ätiologieübergreifend validierte Prognosefaktoren, mit denen sich der längerfristige Verlauf rezidivierender Muskelkrämpfe zuverlässig vorhersagen lässt, sind bislang nicht etabliert. Krampffrequenz, Schmerzintensität und -verteilung sowie Schlaf- und Alltagsbeeinträchtigung sind relevante Dimensionen der aktuellen Krankheitslast, jedoch keine prospektiv validierten Prognosefaktoren [2, 3].

Spastik

  • Funktionelle Einschränkung, Muskelschwäche, reduzierte Mobilität und Bettlägerigkeit – weisen in der systematischen Evidenz die konsistentesten Assoziationen mit der Entwicklung von Gelenkkontrakturen bei Erwachsenen auf; diese Faktoren sind jedoch nicht spezifisch für Spastik [4].
  • Zunehmende Einschränkung des passiven Bewegungsausmaßes sowie Muskel- und Weichteilverkürzungen – weisen auf eine zunehmende strukturelle, nichtneurale Komponente der spastischen Bewegungsstörung hin und sind klinisch für das Risiko fixierter Fehlstellungen und Kontrakturen relevant [LL1].

Literatur

  1. Hawke F, Chuter V, Burns J: Impact of nocturnal calf cramping on quality of sleep and health-related quality of life. Qual Life Res. 2013;22(6):1281-1286. doi:10.1007/s11136-012-0274-8.
  2. Katzberg HD, Bril V, Riaz S et al.: Qualitative, Patient-Centered Assessment of Muscle Cramp Impact and Severity. Can J Neurol Sci. 2019;46(6):735-741. doi:10.1017/cjn.2019.286.
  3. Katzberg HD, Bril V, Zinman L et al.: The Muscle Cramp Impact Index: A Patient-Centered Scale for the Assessment of Muscle Cramps. Neurology. 2026;106(9):e214835. doi:10.1212/WNL.0000000000214835.
  4. Tariq H, Collins K, Tait D et al.: Factors associated with joint contractures in adults: a systematic review with narrative synthesis. Disabil Rehabil. 2023;45(11):1755-1772. doi:10.1080/09638288.2022.2071480.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S2k-Leitlinie: Therapie des spastischen Syndroms. (AWMF-Registernummer 030-078) Dezember 2024. Langfassung. [LL1]