Karpaltunnelsyndrom – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Verbesserung der sensiblen Reizsymptome (Empfindungsstörungen) und Schmerzen
  • Erhalt der Handfunktion
  • Vermeidung irreversibler sensibler und motorischer Ausfallserscheinungen (dauerhafter Gefühls- und Bewegungsstörungen)
  • Rechtzeitige operative Dekompression (operative Druckentlastung) bei entsprechender Indikation

Therapieempfehlungen

  • Konservativer Behandlungsversuch: Im Frühstadium mit vorwiegend nächtlichen Parästhesien (Kribbel- und Taubheitsgefühlen) und ohne anhaltende sensible oder motorische Ausfallserscheinungen ist zunächst eine nächtliche Schienung des Handgelenks in Neutralstellung (gerader Mittelstellung) indiziert [LL1].
  • Lokale Glucocorticoidinjektion: Bei leichtem bis mittelschwerem Karpaltunnelsyndrom (Einengung des Mittelnervs am Handgelenk) kann eine einmalige lokale Injektion eines Glucocorticoids in den Karpaltunnel eine rasche, zeitlich begrenzte Symptomlinderung bewirken. Der Nutzen kann bis zu 6 Monate anhalten; ein langfristiger krankheitsmodifizierender Effekt (den Krankheitsverlauf verändernde Wirkung) ist nicht belegt [1-4, LL1, LL2].
    • Die Injektion sollte durch einen in der Technik erfahrenen Arzt und vorzugsweise ultraschallgesteuert erfolgen. Die S3-Leitlinie spricht aufgrund der geringeren Komplikationsrate eine schwache Empfehlung für die ultraschallgesteuerte Injektion aus [LL1].
    • Mehrfach- oder Serieninjektionen sind nicht zu empfehlen. Eine fehlerhafte oder wiederholte Injektion erhöht das Risiko einer Schädigung des Nervus medianus (Mittelnerv) oder der Beugesehnen (Sehnen der Fingerbeugemuskeln) [LL1].
    • Die intrakarpale Anwendung erfolgt abhängig vom verwendeten Präparat im Off-Label-Use. Die jeweilige Fachinformation ist zu beachten.
  • Orale Glucocorticoide: Eine auf höchstens 2 Wochen begrenzte orale Therapie kann ausnahmsweise erwogen werden, wenn eine lokale Injektion nicht möglich oder nicht gewünscht ist. Sie ist der lokalen Injektion hinsichtlich der Wirksamkeit unterlegen und besitzt keinen belegten Langzeitnutzen [5, LL1, LL2].
  • Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR): NSAR sind keine spezifische Therapie des Karpaltunnelsyndroms. Für Parästhesien, Nervenfunktion und Krankheitsverlauf besteht kein anhaltender signifikanter Nutzen gegenüber Placebo. Eine kurzzeitige Anwendung kommt allenfalls bei einer zusätzlichen eigenständigen nozizeptiven (durch Gewebereizung oder -schädigung bedingten) oder entzündlichen Schmerzursache im Bereich der Hand oder des Handgelenks infrage [5, LL1].
  • Nicht empfohlen: Diuretika und Vitamin-B6-Präparate besitzen keinen belegten anhaltenden therapeutischen Nutzen beim Karpaltunnelsyndrom [LL1].
  • Operationsindikation (Gründe für eine Operation): Bei anhaltenden sensiblen und/oder motorischen Ausfallserscheinungen, Beeinträchtigung der Stereoästhesie (Erkennen von Formen durch Betasten), nachlassender Abduktions- oder Oppositionskraft des Daumens (Kraft zum Abspreizen bzw. Gegenüberstellen des Daumens), Thenaratrophie (Schwund der Daumenballenmuskulatur) sowie bei relevanten, durch konservative Behandlung nicht gebesserten Parästhesien soll eine operative Dekompression erfolgen [LL1].
  • Dringliche Vorstellung: Ein akut aufgetretenes oder rasch progredientes (fortschreitendes) Karpaltunnelsyndrom mit neurologischen (das Nervensystem betreffenden) Ausfallserscheinungen erfordert eine umgehende handchirurgische beziehungsweise neurochirurgische Beurteilung.

Weitere Hinweise

  • In der INSTinCTS-Studie mit 234 randomisierten Patienten mit leichtem bis mittelschwerem Karpaltunnelsyndrom führte eine einmalige Injektion von 20 mg Methylprednisolonacetat nach 6 Wochen zu einer stärkeren Symptom- und Funktionsverbesserung als eine nächtliche Handgelenksschiene. Der Unterschied war nach 6 Monaten nicht mehr nachweisbar [1].
  • Im 24-Monats-Follow-up bestanden zwischen Glucocorticoidinjektion und nächtlicher Schienung keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich Beschwerden oder Funktion. Eine Operation war nach initialer Schienenbehandlung numerisch seltener erforderlich als nach Glucocorticoidinjektion [3].
  • Ein Cochrane-Review zeigt, dass lokale Glucocorticoidinjektionen bei leichtem bis mittelschwerem Karpaltunnelsyndrom wahrscheinlich Beschwerden und Funktion für bis zu 6 Monate verbessern und die Notwendigkeit einer Operation über bis zu 12 Monate reduzieren können. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse waren selten [2].
  • Eine randomisierte Studie mit 5-jähriger Nachbeobachtung zeigte nach lokaler Methylprednisolonacetat-Injektion eine Verzögerung, jedoch keine dauerhafte Vermeidung der operativen Behandlung [4].

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Lokale Glucocorticoide

Wirkstoffgruppe/Wirkstoff(e) Besonderheiten
Glucocorticoide/Methylprednisolonacetat Dosierung des INSTinCTS-Trial; vorzugsweise ultraschallgesteuerte Applikation durch einen erfahrenen Arzt; keine Serieninjektionen; in der Regel Off-Label-Use [1, LL1]
Glucocorticoide/Triamcinolonacetonid Alternative aus klinischen Studien und der klinischen Praxis; eine optimale substanzübergreifende Dosierung ist nicht verbindlich festgelegt; in der Regel Off-Label-Use [2, FI1]
  • Wirkweise: Antiphlogistisch (entzündungshemmend) und antiedematös (abschwellend); Verminderung der Schwellung und des Drucks im Karpaltunnel.
  • Indikation: Kurzfristige Symptomkontrolle bei leichtem bis mittelschwerem Karpaltunnelsyndrom ohne anhaltende sensible oder motorische Ausfallserscheinungen.
  • Kontraindikationen (Gegenanzeigen): Infektion im Injektionsgebiet, unbehandelte systemische Infektion (den gesamten Körper betreffende Infektion), Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder Bestandteile des Präparats; strenge Nutzen-Risiko-Abwägung bei relevant erhöhtem Blutungsrisiko oder schlecht eingestelltem Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit).
  • Nebenwirkungen: Vorübergehender Injektionsschmerz, lokale Schwellung, Hautatrophie (Rückbildung der Haut), subkutane Fettgewebsatrophie (Schwund des Unterhautfettgewebes), Depigmentierung (Verlust der Hautfärbung), Infektion und passagere Hyperglykämie (vorübergehend erhöhter Blutzuckerspiegel); selten Nervenverletzung, intraneurale Injektion sowie Sehnenschädigung oder Sehnenruptur.
  • Cave: Keine intraneurale (in den Nerv hinein erfolgende) oder intratendinöse (in die Sehne hinein erfolgende) Injektion. Eine unzulängliche Injektionstechnik und wiederholte Injektionen erhöhen das Risiko einer Nerven- oder Sehnenschädigung [LL1, FI1].

Wirkstoffe (Nebenindikation)

Systemische Glucocorticoide

Wirkstoffgruppe/Wirkstoff(e) Besonderheiten
Glucocorticoide/Prednisolon Nur als zeitlich begrenzte Ausnahmeoption; keine Langzeit- oder Wiederholungstherapie; lokale Injektion ist wirksamer [5, LL1]
  • Wirkweise: Systemisch antiphlogistisch und antiedematös.
  • Indikation: Zeitlich begrenzter konservativer Therapieversuch bei leichtem bis mittelschwerem Karpaltunnelsyndrom, wenn eine lokale Injektion nicht möglich oder nicht gewünscht ist.
  • Kontraindikationen: Abhängig von Dosis und Behandlungsdauer insbesondere unbehandelte systemische Infektionen; strenge Nutzen-Risiko-Abwägung bei schlecht eingestelltem Diabetes mellitus, schwerer arterieller Hypertonie (Bluthochdruck), Ulkuserkrankung (Geschwürerkrankung), Osteoporose (Knochenschwund) und psychiatrischen Vorerkrankungen.
  • Nebenwirkungen: Hyperglykämie, Blutdruckanstieg, Flüssigkeitsretention (Wassereinlagerung), Schlafstörungen, psychische Veränderungen, Dyspepsie (Verdauungsbeschwerden) und erhöhte Infektanfälligkeit.

Nichtsteroidale Antirheumatika bei eigenständiger Begleitindikation

Wirkstoffgruppe/Wirkstoff(e) Besonderheiten
Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR)/Diclofenac Keine spezifische Wirksamkeit beim Karpaltunnelsyndrom; nur kurzzeitig bei zusätzlicher nozizeptiver oder entzündlicher Schmerzursache; kontraindiziert bei schwerer Herz-, Leber- oder Niereninsuffizienz sowie bei bestehender ischämischer Herzkrankheit, peripherer arterieller oder zerebrovaskulärer Erkrankung
Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR)/Ibuprofen Keine spezifische Wirksamkeit beim Karpaltunnelsyndrom; niedrigste wirksame Dosis für die kürzest mögliche Dauer; bei 2.400 mg/d oder mehr erhöhtes kardiovaskuläres Risiko [B1]
  • Wirkweise: Hemmung der Cyclooxygenasen (Enzyme der Entzündungsreaktion) und der Prostaglandinsynthese (Bildung entzündungsvermittelnder Botenstoffe); analgetisch (schmerzlindernd), antiphlogistisch und antipyretisch (fiebersenkend).
  • Indikation: Ausschließlich kurzzeitige Analgesie (Schmerzlinderung) bei einer zusätzlichen nozizeptiven oder entzündlichen Begleiterkrankung; keine Indikation zur Behandlung der medianusbedingten Parästhesien oder Funktionsstörungen.
  • Kontraindikationen: Aktive gastrointestinale (Magen und Darm betreffende) Ulzera (Geschwüre) oder Blutungen, schwere Herz-, Leber- oder Niereninsuffizienz, NSAR-induzierte Überempfindlichkeitsreaktionen sowie drittes Schwangerschaftstrimenon; substanzspezifische Kontraindikationen beachten.
  • Nebenwirkungen: Dyspepsie, Übelkeit, gastrointestinale Ulzera und Blutungen, Nierenfunktionsstörung, Flüssigkeitsretention, Ödeme (Wassereinlagerungen), Blutdruckanstieg, kardiovaskuläre Ereignisse (Herz-Kreislauf-Komplikationen), Kopfschmerzen, Schwindel und Überempfindlichkeitsreaktionen.

Resümee

  • Die einmalige lokale Glucocorticoidinjektion ist die pharmakologische Hauptoption zur kurzfristigen Symptomlinderung bei leichtem bis mittelschwerem Karpaltunnelsyndrom, ersetzt jedoch keine erforderliche operative Dekompression.
  • NSAR sind keine spezifisch wirksame Therapie des Karpaltunnelsyndroms und dürfen nur bei einer eigenständigen nozizeptiven oder entzündlichen Begleitindikation eingesetzt werden.

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Gesundheit von Nerven und Psyche sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Mineralstoffe (Magnesium)
  • Spurenelemente (Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Grüntee-Polyphenole, Epigallocatechingallate)
  • Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10 (CoQ10), Phosphatidylserin)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungsverzeichnis

  • AAOS: American Academy of Orthopaedic Surgeons
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • d: Tag
  • EMA: European Medicines Agency
  • FI: Fachinformation
  • INSTinCTS: INjection versus SplinTing in Carpal Tunnel Syndrome
  • LL: Leitlinie
  • mg: Milligramm
  • NSAR: Nichtsteroidale Antirheumatika
  • PRAC: Pharmacovigilance Risk Assessment Committee
  • S3: Leitlinie der höchsten methodischen Entwicklungsstufe

Literatur

  1. Chesterton LS, Blagojevic-Bucknall M, Burton C et al.: The clinical and cost-effectiveness of corticosteroid injection versus night splints for carpal tunnel syndrome (INSTINCTS trial): an open-label, parallel group, randomised controlled trial. Lancet. 2018;392(10156):1423-1433. doi: 10.1016/S0140-6736(18)31572-1 [1]
  2. Ashworth NL, Bland JDP, Chapman KM et al.: Local corticosteroid injection versus placebo for carpal tunnel syndrome. Cochrane Database Syst Rev. 2023;2:CD015148. doi: 10.1002/14651858.CD015148 [2]
  3. Burton C, Rathod-Mistry T, Blackburn S et al.: The effectiveness of corticosteroid injection versus night splints for carpal tunnel syndrome: 24-month follow-up of a randomized trial. Rheumatology (Oxford). 2023;62(2):546-554. doi: 10.1093/rheumatology/keac219 [3]
  4. Hofer M, Ranstam J, Atroshi I: Extended Follow-up of Local Steroid Injection for Carpal Tunnel Syndrome: A Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2021;4(10):e2130753. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2021.30753 [4]
  5. Chang MH, Chiang HT, Lee SS et al.: Oral drug of choice in carpal tunnel syndrome. Neurology. 1998;51(2):390-393. doi: 10.1212/WNL.51.2.390 [5]

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Karpaltunnelsyndroms. (AWMF-Registernummer 005-003) [Januar 2022] Langfassung [LL1]
  2. American Academy of Orthopaedic Surgeons: Management of Carpal Tunnel Syndrome. Evidence-Based Clinical Practice Guideline. May 2024. Full Clinical Practice Guideline [LL2]

Behördliche und regulatorische Quellen

  1. European Medicines Agency (EMA): PRAC recommends updating advice on use of high-dose ibuprofen. 13 April 2015. EMA/217862/2015 [B1]

Fachinformationen

  1. Dermapharm AG: Fachinformation Volon A 10/Volon A 10-5 ml, Kristallsuspension. Stand Januar 2025. Fachinformation [FI1]