Beinschmerzen – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Ursachenbezogene Behandlung: Behandlung der Erkrankung, die den Beinschmerzen zugrunde liegt; Vermeidung einer ausschließlich symptomatischen Dauertherapie ohne gesicherte Diagnose.
- Symptomkontrolle: Verbesserung von Schmerzen, Gehfähigkeit, Schlaf und Alltagsfunktion bei möglichst geringer Arzneimittelbelastung.
- Vermeidung von Komplikationen: Insbesondere Verhinderung thromboembolischer Ereignisse (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel) und ischämischer Gewebeschäden (Gewebeschäden durch mangelnde Blutversorgung) bei vaskulären Ursachen.
Therapieempfehlungen
Beinschmerzen sind ein Symptom unterschiedlicher Erkrankungen. Die Arzneimittelwahl richtet sich nach der Ursache und dem Schmerzmechanismus. Vaskuläre Erkrankungen (Erkrankungen der Blutgefäße), neuropathische Schmerzen (Schmerzen durch eine Nervenschädigung) und nozizeptive Schmerzen (Schmerzen durch Gewebeschädigung oder Entzündung) bei muskuloskelettalen Erkrankungen (Erkrankungen von Muskeln, Knochen und Gelenken) erfordern unterschiedliche Behandlungsstrategien. Die folgenden Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene; Nierenfunktion, Leberfunktion, Begleiterkrankungen, Schwangerschaft und Wechselwirkungen sind vor der Verordnung zu berücksichtigen [LL1, LL2, LL3, LL4, LL5].
Vaskuläre Ursachen
- Periphere arterielle Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung durch verengte oder verschlossene Beinarterien) (pAVK): Bei symptomatischer pAVK gehören eine leitliniengerechte antithrombotische Therapie und eine intensive Lipidsenkung zur medikamentösen Basisbehandlung. Diese Maßnahmen vermindern vaskuläre Ereignisse; sie sind keine unmittelbar wirksamen Schmerzmittel. Bei Claudicatio intermittens (belastungsabhängigen Beinschmerzen mit Gehpausen, auch Schaufensterkrankheit genannt) bleiben strukturiertes Gehtraining und die Behandlung kardiovaskulärer Risikofaktoren zentral. Gehstreckenverlängernde Arzneimittel kommen nur bei ausgewählten Patienten nach unzureichendem Erfolg der Basismaßnahmen infrage; siehe pAVK/Pharmakotherapie [LL1].
- Auswahl der antithrombotischen Behandlung: Eine Monotherapie mit Clopidogrel ist eine geeignete Strategie bei symptomatischer pAVK. Rivaroxaban in vaskulärer Dosierung zusammen mit Acetylsalicylsäure (ASS) kommt insbesondere bei hohem ischämischem Risiko und vertretbarem Blutungsrisiko infrage. Der Nutzen nach Revaskularisation (Wiederherstellung der Blutversorgung) ist durch die VOYAGER-PAD-Studie belegt; gleichzeitig nimmt das Risiko schwerer Blutungen zu. Eine dauerhafte Kombination aus ASS und Clopidogrel ist bei stabiler pAVK ohne besondere Indikation kein Standardschema [3, LL1, FI1, FI3].
- Ischämischer Ruheschmerz (Schmerz in Ruhe durch mangelnde Blutversorgung) oder Gewebedefekt: Dringliche gefäßmedizinische Beurteilung und Prüfung einer Revaskularisation. Zusätzlich ist eine dem Schweregrad entsprechende Analgesie erforderlich; bei starken Schmerzen können unter ärztlicher Überwachung auch Opioide notwendig sein. Schmerzmittel ersetzen die Wiederherstellung der Durchblutung nicht [LL1, LL7].
- Tiefe Venenthrombose (Blutgerinnsel in einer tiefen Vene) (TVT): Die ursächliche Arzneimitteltherapie besteht in einer therapeutischen Antikoagulation. Bei geeigneten Patienten können direkte orale Antikoagulanzien eingesetzt werden. Wirkstoff und Behandlungsdauer richten sich unter anderem nach Blutungsrisiko, Nierenfunktion, auslösenden Faktoren, Tumorerkrankung und Rezidivrisiko. Bei proximaler TVT beträgt die Behandlungsdauer in der Regel mindestens drei Monate; die isolierte distale TVT erfordert eine differenzierte Entscheidung. ASS und lokal angewendete Heparingele ersetzen die therapeutische Antikoagulation nicht [LL2, FI4].
- Oberflächliche Venenthrombose (Blutgerinnsel in einer oberflächlichen Vene): Ausdehnung, Abstand zum tiefen Venensystem und begleitende TVT sind mittels Ultraschall zu beurteilen. Bei erhöhtem Progressionsrisiko ist eine Antikoagulation erforderlich; NSAR können bei ausgewählten Patienten lokale Beschwerden lindern, verhindern aber eine thromboembolische Komplikation nicht zuverlässig. Die Therapie ist von der TVT-Behandlung abzugrenzen [LL2].
- Chronische venöse Erkrankung: Kompression, Bewegung und gegebenenfalls die Behandlung des venösen Refluxes (Rückfluss des Blutes in den Venen) stehen im Vordergrund. Venoaktive Arzneimittel können bei ausgewählten Patienten ergänzend Beschwerden und Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe) vermindern; der Nutzen ist präparatebezogen zu bewerten. Ohne zusätzliche Indikation sind weder Antikoagulanzien noch Thrombozytenaggregationshemmer eine Behandlung der chronischen venösen Beschwerden [LL6].
Neurologische Ursachen
- Schmerzhafte Polyneuropathie (Erkrankung mehrerer peripherer Nerven) und andere gesicherte neuropathische Schmerzen: Geeignete initiale Optionen sind Amitriptylin, Duloxetin, Gabapentin oder Pregabalin. Die Auswahl erfolgt nach Schmerzursache, Zulassung, Begleiterkrankungen und Nebenwirkungsprofil. Duloxetin ist zur Behandlung schmerzhafter diabetischer peripherer Neuropathie (diabetesbedingter Schädigung von Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark) zugelassen; die Anwendung bei anderen neuropathischen Schmerzursachen kann außerhalb der Zulassung liegen [LL3, FI5, FI6, FI7, FI8].
- Therapiesteuerung: Zunächst einen Wirkstoff einsetzen, schrittweise anpassen und Wirkung auf Schmerzen und Funktion sowie Verträglichkeit regelmäßig prüfen. Bei fehlendem Nutzen wechseln oder ausschleichen. Bei diabetischer Polyneuropathie kann nach unzureichender Monotherapie eine ausgewählte Kombination unterschiedlicher Wirkstoffklassen sinnvoll sein; die OPTION-DM-Studie zeigte vergleichbare Ergebnisse der untersuchten Behandlungspfade und einen zusätzlichen Nutzen der Kombination bei unzureichender Monotherapie [2, LL3].
- Radikuläre Beinschmerzen (Beinschmerzen durch Reizung oder Schädigung einer Nervenwurzel)/Ischialgie (vom Rücken in das Bein ausstrahlender Nervenschmerz): Empfehlungen für Polyneuropathien dürfen nicht pauschal übertragen werden. Gabapentinoide, andere Antiepileptika, orale Glucocorticoide und Benzodiazepine sollen bei Ischialgie nicht routinemäßig eingesetzt werden, da ein Gesamtnutzen nicht belegt ist und Schäden auftreten können. Bei chronischer Ischialgie sollen keine Opioide angeboten werden. Ein NSAR kann nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung kurzfristig versucht werden; die Evidenz für einen Nutzen bei Ischialgie ist begrenzt [LL4].
- Behandlung der Grunderkrankung: Bei metabolischer, toxischer, entzündlicher oder kompressionsbedingter Nervenschädigung ist zusätzlich die jeweilige Ursache zu behandeln. Eine analgetische Therapie allein korrigiert die Nervenschädigung nicht.
Muskuloskelettale Ursachen
- Lokalisierte akute Weichteilschmerzen: Bei Zerrungen, Verstauchungen und vergleichbaren Verletzungen können topische NSAR Schmerzen vermindern. Sie ermöglichen eine geringere systemische Arzneimittelexposition als orale NSAR. Arzneimittel ergänzen die verletzungsspezifische Behandlung und die angepasste Mobilisation [1].
- Arthrosebedingte Beinschmerzen (Beinschmerzen durch Gelenkverschleiß): Bei Kniearthrose sind topische NSAR eine bevorzugte medikamentöse Option. Bei unzureichender Wirkung oder ungeeigneter lokaler Anwendung kann ein orales NSAR unter Berücksichtigung gastrointestinaler, renaler und kardiovaskulärer Risiken eingesetzt werden. Bei oralem NSAR ist eine gastroprotektive Begleitbehandlung anzubieten. Paracetamol und schwache Opioide sollen bei Arthrose nicht routinemäßig eingesetzt werden; starke Opioide werden nicht empfohlen [LL5].
- Entzündliche Gelenkerkrankungen: Eine symptomatische NSAR-Behandlung ersetzt bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen nicht die krankheitsmodifizierende Therapie. Akute kristallinduzierte Arthritis (Gelenkentzündung durch abgelagerte Kristalle), entzündlich-rheumatische Arthritis (rheumatisch bedingte Gelenkentzündung) und septische Arthritis (Gelenkinfektion) erfordern jeweils eine eigenständige Behandlung; siehe die entsprechenden Erkrankungen/Pharmakotherapie.
- Glucocorticoide und Injektionen: Keine pauschale systemische Glucocorticoidtherapie bei unspezifischen Beinschmerzen. Intraartikuläre Glucocorticoide können bei geeigneter Arthroseindikation kurzfristig lindern; der erwartbare Nutzen beträgt nach NICE etwa zwei bis zehn Wochen. Vor einer Injektion muss eine Gelenkinfektion ausgeschlossen sein [LL5].
- Opioide: Kein schematisches Eskalationsschema für ungeklärte Beinschmerzen. Eine Anwendung setzt eine konkrete Indikation, überprüfbare Therapieziele, regelmäßige Nutzenbewertung und einen Plan zur Beendigung voraus. Besondere Situationen wie schwerer ischämischer Ruheschmerz sind gesondert zu behandeln [LL4, LL5, LL7].
Wirkstoffe – vaskuläre Ursachen
Thrombozytenaggregationshemmer
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Clopidogrel | Zur vaskulären Ereignisprävention bei symptomatischer pAVK; keine unmittelbar analgetische Wirkung. Keine routinemäßige zusätzliche ASS-Gabe ohne besondere Indikation. Omeprazol und Esomeprazol können die Aktivierung von Clopidogrel vermindern [LL1, FI1]. |
- Wirkweise: Irreversible Hemmung des thrombozytären P2Y12-Rezeptors durch einen aktiven Metaboliten [FI1].
- Indikationen: Prävention atherothrombotischer Ereignisse (Gefäßverschlüsse durch Gerinnselbildung an geschädigten Arterien) bei gesicherter pAVK; keine Indikation allein aufgrund des Symptoms Beinschmerz [LL1, FI1].
- Kontraindikationen: Aktive pathologische Blutung, schwere Leberfunktionsstörung und Überempfindlichkeit [FI1].
- Nebenwirkungen: Blutungen, Hämatome (Blutergüsse) und gastrointestinale Beschwerden; selten schwere hämatologische Komplikationen [FI1].
Statine
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Atorvastatin | Bestandteil der vaskulären Risikoreduktion bei pAVK. LDL-Cholesterin-Zielwert < 55 mg/dl und Senkung um mindestens 50 % gegenüber dem Ausgangswert. Bei Nichterreichen des Ziels zusätzliche Lipidsenkung prüfen. Neu auftretende Muskelschmerzen ursächlich abklären [LL1, FI2]. |
- Wirkweise: Hemmung der HMG-CoA-Reduktase und Senkung des LDL-Cholesterins [FI2].
- Indikationen: Lipidsenkung und kardiovaskuläre Risikoreduktion bei pAVK; kein Akutanalgetikum [LL1].
- Kontraindikationen: Aktive Lebererkrankung, persistierende ungeklärte Transaminasenerhöhung über das Dreifache der Norm, Schwangerschaft und Stillzeit; relevante Wechselwirkungen beachten [FI2].
- Nebenwirkungen: Myalgien (Muskelschmerzen), Transaminasenerhöhung; selten Myopathie (Muskelerkrankung) oder Rhabdomyolyse (Zerfall von Muskelgewebe). Muskelschmerzen unter Statintherapie dürfen weder automatisch dem Arzneimittel zugeschrieben noch ungeprüft ignoriert werden [FI2].
Direkte Faktor-Xa-Inhibitoren
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Rivaroxaban – vaskuläre Ereignisprävention | Für ausgewählte Patienten mit symptomatischer pAVK und hohem ischämischem Risiko bei vertretbarem Blutungsrisiko. Nutzen und Blutungsrisiko gemeinsam bewerten. Diese Dosierung ist keine Behandlung einer akuten TVT [3, LL1, FI3]. |
| Apixaban – Behandlung einer TVT | Beispiel einer oralen Antikoagulation bei geeigneten Erwachsenen. Keine initiale Heparintherapie erforderlich. Die Dosisreduktionskriterien für Vorhofflimmern (Herzrhythmusstörung mit unregelmäßigem Herzschlag) dürfen nicht auf die Akutbehandlung einer TVT übertragen werden. Bei Kreatinin-Clearance 15 bis 29 ml/min nur mit Vorsicht; unter 15 ml/min oder bei Dialyse nicht empfohlen [LL2, FI4]. |
- Wirkweise: Direkte Hemmung des Gerinnungsfaktors Xa und Verminderung der Thrombinbildung [FI3, FI4].
- Indikationen: Rivaroxaban in vaskulärer Dosierung zusammen mit ASS zur Ereignisprävention bei geeigneten pAVK-Patienten; Apixaban in therapeutischer Dosierung zur Behandlung und Rezidivprophylaxe der TVT. Die Regime sind nicht austauschbar [LL1, LL2, FI3, FI4].
- Kontraindikationen: Aktive klinisch relevante Blutung, Läsionen mit erheblichem Blutungsrisiko und Lebererkrankung mit Koagulopathie (Störung der Blutgerinnung). Gleichzeitige andere Antikoagulanzien nur in ausdrücklich vorgesehenen Umstellungssituationen. Schwangerschaft, Stillzeit, schwere Nierenfunktionsstörung und starke Arzneimittelinteraktionen wirkstoffbezogen beachten [FI3, FI4].
- Nebenwirkungen: Blutungen, Anämie (Blutarmut) und Hämatome. NSAR und zusätzliche Thrombozytenaggregationshemmer erhöhen das Blutungsrisiko [FI3, FI4].
Wirkstoffe – neuropathische Schmerzen
Gabapentinoide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Gabapentin | Für periphere neuropathische Schmerzen. Dosisanpassung an die Nierenfunktion erforderlich. Wirkung und weitere Behandlungsnotwendigkeit regelmäßig überprüfen. Keine Routinebehandlung einer Ischialgie [LL3, LL4, FI5]. |
| Pregabalin | Für periphere und zentrale neuropathische Schmerzen. Dosisanpassung an die Nierenfunktion erforderlich. Abhängigkeits- und Missbrauchsrisiko beachten. Keine Routinebehandlung einer Ischialgie [LL3, LL4, FI6]. |
- Wirkweise: Bindung an die α2δ-Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle und Verminderung der Freisetzung erregender Neurotransmitter [FI5, FI6].
- Indikationen: Gesicherte neuropathische Schmerzen entsprechend der jeweiligen Zulassung; keine pauschale Anwendung bei muskulären, arthrosebedingten oder ungeklärten Beinschmerzen [LL3, FI5, FI6].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion) erfordert eine Dosisanpassung und ist nicht grundsätzlich eine Kontraindikation. Bei Atemwegserkrankungen, hohem Alter und gleichzeitiger Anwendung zentral dämpfender Arzneimittel ist besondere Vorsicht erforderlich [FI5, FI6].
- Nebenwirkungen: Schwindel, Somnolenz (ausgeprägte Schläfrigkeit), Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), periphere Ödeme und Gewichtszunahme; Sturzrisiko, Abhängigkeit und Entzugssymptome. Schwere Atemdepression (gefährliche Abschwächung der Atmung) ist insbesondere bei Risikopatienten und in Kombination mit Opioiden möglich. Nicht abrupt absetzen [FI5, FI6].
Antidepressiva mit analgetischer Wirkung
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Amitriptylin | Analgetische Wirkung unabhängig von einer Depression (depressiven Erkrankung). Bei älteren Patienten und kardialen Begleiterkrankungen besonders zurückhaltend einsetzen; kardiale Risiken und gegebenenfalls EKG vor Therapiebeginn berücksichtigen [LL3, FI7]. |
| Duloxetin | Zulassung für schmerzhafte diabetische periphere Neuropathie. Wirkung nach zwei Monaten beurteilen; Nutzen mindestens alle drei Monate überprüfen. Bei anderen neuropathischen Schmerzursachen Zulassungsstatus beachten [LL3, FI8]. |
- Wirkweise: Verstärkung absteigender schmerzhemmender Bahnen durch Hemmung der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin; Amitriptylin besitzt zusätzlich weitere Rezeptorwirkungen [FI7, FI8].
- Indikationen: Amitriptylin bei neuropathischen Schmerzen; Duloxetin insbesondere bei schmerzhafter diabetischer peripherer Neuropathie. Bei unzureichender Monotherapie kann eine ausgewählte Kombination mit einem Gabapentinoid erwogen werden [2, LL3, FI7, FI8].
- Kontraindikationen: Amitriptylin unter anderem bei kürzlich zurückliegendem Myokardinfarkt (Herzinfarkt), bestimmten Herzrhythmus- und Erregungsleitungsstörungen sowie schwerer Lebererkrankung; Duloxetin bei Lebererkrankung mit Funktionseinschränkung, Kreatinin-Clearance < 30 ml/min und unkontrollierter Hypertonie (Bluthochdruck). Gleichzeitige MAO-Hemmer und weitere wirkstoffbezogene Interaktionen beachten [FI7, FI8].
- Nebenwirkungen: Amitriptylin: Mundtrockenheit, Obstipation (Verstopfung), Harnverhalt (Unfähigkeit, die gefüllte Blase zu entleeren), Sedierung, Gewichtszunahme, orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen) und Herzrhythmusstörungen. Duloxetin: Übelkeit, Mundtrockenheit, Schwitzen, Schlafstörungen, Blutdruckanstieg und sexuelle Funktionsstörungen. Bei serotonergen Kombinationen Risiko eines Serotoninsyndroms (gefährliche Überaktivierung des Serotoninsystems); beide Wirkstoffe ausschleichend absetzen [FI7, FI8].
Wirkstoffe – muskuloskelettale Schmerzen
Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR)
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Diclofenac – topisch | Für umschriebene Weichteilschmerzen entsprechend der Präparatezulassung. Nur auf intakte Haut auftragen; keine luftdicht abschließenden Verbände. Ohne ärztliche Rücksprache nicht länger als ein bis drei Wochen; bei fehlender Besserung nach drei bis fünf Tagen ärztliche Abklärung [1, FI9]. |
| Ibuprofen – oral | Niedrigste wirksame Dosis für die kürzest erforderliche Dauer. Höhere verschreibungspflichtige Dosierungen sind keine pauschale Eskalation bei Beinschmerzen. Bei Arthrose gastroprotektive Begleitbehandlung anbieten. Nicht mit einem weiteren systemischen NSAR kombinieren [LL5, FI10]. |
- Wirkweise: Hemmung der Cyclooxygenasen und Verminderung der Prostaglandinsynthese; analgetische und antiphlogistische Wirkung [FI9, FI10].
- Indikationen: Kurzfristige symptomatische Behandlung geeigneter nozizeptiver beziehungsweise entzündlicher muskuloskelettaler Schmerzen. Topische Anwendung bei lokal begrenzten Beschwerden bevorzugen, soweit die Indikation und Präparatezulassung dies erlauben [1, LL5].
- Kontraindikationen: NSAR-Überempfindlichkeit einschließlich entsprechender Asthmareaktionen (Anfälle mit verengten Atemwegen). Orales Ibuprofen zusätzlich unter anderem bei aktiven oder rezidivierenden gastrointestinalen Ulzera (Geschwüren im Magen-Darm-Trakt) beziehungsweise Blutungen, schwerer Nieren-, Leber- oder Herzinsuffizienz (Herzschwäche) und im letzten Schwangerschaftsdrittel. Topisches Diclofenac nicht auf offene oder entzündlich erkrankte Haut und nicht im letzten Schwangerschaftsdrittel anwenden [FI9, FI10].
- Nebenwirkungen: Oral: gastrointestinale Blutungen und Ulzera, Nierenfunktionsverschlechterung, Flüssigkeitsretention, Blutdruckanstieg und kardiovaskuläre Ereignisse. Topisch: vor allem lokale Hautreaktionen; systemische Nebenwirkungen sind insbesondere bei großflächiger oder längerer Anwendung möglich. Unter Antikoagulation ist eine systemische NSAR-Gabe besonders kritisch zu prüfen [FI3, FI4, FI9, FI10].
Nicht-opioide Analgetika ohne relevante antiphlogistische Wirkung
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Paracetamol | Ausgewählte kurzfristige Alternative, wenn andere Analgetika ungeeignet sind. Bei Arthrose kein routinemäßiges Erstlinienmittel; für neuropathische Schmerzen keine gezielte Standardtherapie. Alle paracetamolhaltigen Kombinationspräparate in die Tagesgesamtdosis einrechnen [LL3, LL5, FI11]. |
- Wirkweise: Analgetische und antipyretische Wirkung; keine klinisch relevante periphere antiphlogistische Wirkung [FI11].
- Indikationen: Kurzfristige Behandlung geeigneter leichter bis mäßiger Schmerzen bei individueller Indikation. Die begrenzte Wirksamkeit bei Arthrose berücksichtigen [LL5, FI11].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und schwere hepatozelluläre Insuffizienz (schwere Einschränkung der Leberzellfunktion). Bei Lebererkrankung, chronischem Alkoholkonsum, Untergewicht, Mangelernährung, Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) und Niereninsuffizienz individuelle Dosisanpassung erforderlich [FI11].
- Nebenwirkungen: Insbesondere schwere Hepatotoxizität (Leberschädigung) bei Überdosierung; selten schwere Hautreaktionen und Blutbildveränderungen [FI11].
Beachte
- Akute arterielle Ischämie (plötzlich auftretende Minderdurchblutung durch einen Arterienverschluss): Plötzlicher starker Schmerz mit kaltem oder blassem Bein, fehlenden Pulsen, Sensibilitätsverlust (Verlust des Berührungs- oder Schmerzempfindens) oder Lähmung ist ein gefäßmedizinischer Notfall. Sofortige Krankenhausbehandlung; keine Verzögerung durch einen ambulanten Analgetikaversuch [LL1].
- Verdacht auf TVT beziehungsweise Lungenembolie (Verschluss eines Lungengefäßes durch ein Blutgerinnsel): Neue einseitige Beinschwellung und Schmerzen erfordern zeitnahe Diagnostik. Zusätzliche Atemnot, Thoraxschmerz (Brustschmerz), Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit) oder Kreislaufinstabilität erfordern eine sofortige Notfallabklärung [LL2].
- Neurologische Warnzeichen: Neue oder zunehmende motorische Ausfälle (Muskelschwäche oder Lähmungen), Blasen- oder Mastdarmstörungen und eine Sensibilitätsstörung im Sattelbereich (verändertes Gefühl an Gesäß, Genitalien oder inneren Oberschenkeln) erfordern eine sofortige Abklärung auf ein Cauda-equina-Syndrom (Schädigung des Nervenbündels am unteren Ende des Wirbelkanals) beziehungsweise eine andere relevante Nervenkompression.
- Weitere dringliche Ursachen: Unverhältnismäßig starke Schmerzen nach Verletzung, gespannte Schwellung oder Schmerzen bei passiver Muskeldehnung können auf ein Kompartmentsyndrom (gefährlichen Druckanstieg in einem abgeschlossenen Muskelraum) hinweisen. Fieber mit heißem, geschwollenem Gelenk oder rasch fortschreitender Weichteilentzündung erfordert eine dringliche Infektionsabklärung.
- Arzneimittelsicherheit: Vor einer längerfristigen Verordnung Nieren- und Leberfunktion, Blutungsrisiko, Sturzrisiko und Wechselwirkungen prüfen. Neue Ödeme unter Gabapentinoiden oder neue Muskelschmerzen unter Statinen als mögliche Arzneimittelwirkung mitbedenken [FI2, FI5, FI6].
- Verlaufskontrolle: Schmerzintensität, Gehfähigkeit, Schlaf, Alltagsfunktion und Nebenwirkungen dokumentieren. Eine fehlende Besserung soll zur Überprüfung der Diagnose und Therapie führen, nicht automatisch zur dauerhaften Dosissteigerung.
Abkürzungen
- ASS: Acetylsalicylsäure.
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
- EKG: Elektrokardiogramm.
- EMA: Europäische Arzneimittel-Agentur.
- ESVS: European Society for Vascular Surgery; Europäische Gesellschaft für Gefäßchirurgie.
- HMG-CoA: 3-Hydroxy-3-Methylglutaryl-Coenzym A.
- LDL: Low-Density Lipoprotein.
- MAO: Monoaminoxidase.
- NICE: National Institute for Health and Care Excellence.
- NSAR: Nicht-steroidale Antirheumatika.
- pAVK: Periphere arterielle Verschlusskrankheit.
- TVT: Tiefe Venenthrombose.
Literatur
- Derry S, Moore RA, Gaskell H et al.: Topical NSAIDs for acute musculoskeletal pain in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2015;(6):CD007402. doi: 10.1002/14651858.CD007402.pub3.
- Tesfaye S, Sloan G, Petrie J et al.: Comparison of amitriptyline supplemented with pregabalin, pregabalin supplemented with amitriptyline, and duloxetine supplemented with pregabalin for the treatment of diabetic peripheral neuropathic pain (OPTION-DM): a multicentre, double-blind, randomised crossover trial. Lancet. 2022;400(10353):680 bis 690. doi: 10.1016/S0140-6736(22)01472-6.
- Bonaca MP, Bauersachs RM, Anand SS et al.: Rivaroxaban in Peripheral Artery Disease after Revascularization. N Engl J Med. 2020;382:1994 bis 2004. doi: 10.1056/NEJMoa2000052.
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Diagnostik, Therapie und Nachsorge der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit. (AWMF-Registernummer: 065-003). Version 4.3, November 2024. Langfassung [LL1].
- S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der Venenthrombose und Lungenembolie. (AWMF-Registernummer: 065-002). Februar 2023. Langfassung [LL2].
- NICE-Leitlinie CG173: Neuropathic pain in adults: pharmacological management in non-specialist settings. Aktualisiert September 2020. Leitlinienübersicht; Empfehlungen [LL3].
- NICE-Leitlinie NG59: Low back pain and sciatica in over 16s: assessment and management. Aktualisiert Dezember 2020. Leitlinienübersicht; Empfehlungen [LL4].
- NICE-Leitlinie NG226: Osteoarthritis in over 16s: diagnosis and management. Oktober 2022. Leitlinienübersicht; Empfehlungen [LL5].
- European Society for Vascular Surgery: Clinical Practice Guidelines on the Management of Chronic Venous Disease of the Lower Limbs. 2022. Leitlinienübersicht [LL6].
- NICE-Leitlinie CG147: Peripheral arterial disease: diagnosis and management. Leitlinienübersicht; Empfehlungen zur Analgesie bei kritischer Extremitätenischämie [LL7].
Fachinformationen
- Clopidogrel AbZ 75 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI1].
- Sortis Filmtabletten; Wirkstoff: Atorvastatin. Fachinformation [FI2].
- Xarelto 2,5 mg Filmtabletten; Wirkstoff: Rivaroxaban. Fachinformation [FI3].
- Eliquis 5 mg Filmtabletten; Wirkstoff: Apixaban. Fachinformation [FI4].
- Gabapentin-ratiopharm 100 mg/300 mg/400 mg Hartkapseln. Stand Februar 2026. Fachinformation [FI5].
- Lyrica Hartkapseln; Wirkstoff: Pregabalin. Fachinformation [FI6].
- Amitriptylin-CT Tabletten. Fachinformation [FI7].
- Cymbalta; Wirkstoff: Duloxetin. EMA-Produktinformation einschließlich Fachinformation [FI8].
- Voltaren Schmerzgel forte 23,2 mg/g Gel; Wirkstoff: Diclofenac-N-Ethylethanamin. Fachinformation [FI9].
- IBU-ratiopharm 400 mg akut Schmerztabletten. Fachinformation [FI10].
- Paracetamol-ratiopharm 500 mg Tabletten. Fachinformation [FI11].