Sterilität der Frau – Differentialdiagnosen
Differentialdiagnostisch sind bei weiblicher Sterilität bzw. Infertilität (ungewollter Kinderlosigkeit) insbesondere ovulatorische, ovarielle, tuboperitoneale, uterine, zervikale, genetische, infektiöse und iatrogene Ursachen abzugrenzen; die Abklärung des männlichen Partners sollte parallel erfolgen [LL1-LL3].
Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)
- Gonadendysgenesien (Fehlentwicklungen der Keimdrüsen), einschließlich Turner-Syndrom (angeborener Chromosomenstörung) – chromosomal bzw. genetisch bedingte Störung der Ovarialentwicklung (Eierstockentwicklung) mit eingeschränkter Follikelreserve (Eizellreserve) bis zur prämaturen Ovarialinsuffizienz (vorzeitigen Einschränkung der Eierstockfunktion) [LL4]
- Uterusseptum (Gebärmuttertrennwand) und andere Müller-Gang-Anomalien (angeborene Fehlbildungen der inneren weiblichen Geschlechtsorgane) – angeborene Fehlbildungen des Uterus (Gebärmutter) können reproduktive Ergebnisse beeinträchtigen; beim Uterusseptum ist der Zusammenhang mit Fehlgeburten deutlicher belegt als derjenige mit isolierter Infertilität [LL2, LL6]
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Funktionelle hypothalamische Amenorrhoe (Ausbleiben der Monatsblutung durch eine Funktionsstörung im Zwischenhirn) – hypogonadotroper Zustand insbesondere bei Energiedefizit, niedrigem Körpergewicht, intensiver körperlicher Belastung oder erheblicher psychischer Belastung mit Oligo-/Anovulation (seltenem oder ausbleibendem Eisprung) [LL2, LL9]
- Hyperprolaktinämie (erhöhter Prolaktinspiegel) – Störung der hypothalamisch-hypophysär-ovariellen Achse (hormonellen Steuerung zwischen Gehirn, Hirnanhangsdrüse und Eierstöcken) mit Oligo-/Amenorrhoe (seltener oder ausbleibender Monatsblutung) und Anovulation; insbesondere bei Galaktorrhoe (Milchfluss außerhalb der Stillzeit), Oligomenorrhoe (zu seltenen Monatsblutungen) oder Amenorrhoe abzuklären [LL2, LL12]
- Hypogonadotroper Hypogonadismus (Unterfunktion der Keimdrüsen durch mangelnde hormonelle Stimulation) – hypothalamische oder hypophysäre Funktionsstörung mit unzureichender Gonadotropinsekretion (Ausschüttung von Steuerhormonen der Keimdrüsen) und Anovulation [LL2, LL9]
- Nichtklassische kongenitale adrenale Hyperplasie durch 21-Hydroxylase-Mangel (milde angeborene Störung der Nebennierenrinde) – seltene Ursache von Hyperandrogenismus (Überschuss männlicher Hormone), Oligo-/Anovulation und Infertilität; insbesondere bei klinischem oder biochemischem Androgenexzess zu berücksichtigen [LL2]
- Polyendokrines metabolisches Ovarialsyndrom (PMOS; ehemals polyzystisches Ovarialsyndrom, PCOS) (hormonell-stoffwechselbedingte Eierstockfunktionsstörung) – häufige Ursache einer oligo-/anovulatorischen Infertilität; die internationale Umbenennung von PCOS in PMOS erfolgte 2026 [1, LL10]
- Prämature Ovarialinsuffizienz (POI) – Verlust bzw. erhebliche Einschränkung der Ovarialfunktion (Eierstockfunktion) vor dem 40. Lebensjahr mit verminderter Fertilität; genetische, autoimmune und iatrogene Ursachen sind zu berücksichtigen [LL4]
- Schilddrüsenfunktionsstörungen – insbesondere manifeste Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) und Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) können Zyklusstörungen und ovulatorische Dysfunktion (Störung des Eisprungs) verursachen [LL2]
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Chlamydia-trachomatis-Infektion (Chlamydieninfektion) – insbesondere nach aufsteigender oder klinisch inapparent verlaufener Infektion Risiko einer Salpingitis (Eileiterentzündung) mit tubarer Schädigung, Obstruktion (Verschluss) oder Hydrosalpinx (flüssigkeitsgefülltem Eileiter) [2, LL1, LL2]
- Genitaltuberkulose (Tuberkulose der Geschlechtsorgane) – insbesondere bei entsprechender Herkunfts-, Expositions- oder Tuberkuloseanamnese zu berücksichtigende Ursache tubarer Obstruktionen, intrauteriner Adhäsionen (Verwachsungen in der Gebärmutterhöhle) und endometrialer Schädigungen (Schädigungen der Gebärmutterschleimhaut) [3]
- Gonorrhoe (Tripper) – aufsteigende Infektion mit möglicher Pelvic inflammatory disease (Entzündung der inneren weiblichen Geschlechtsorgane) und nachfolgender tubarer Schädigung [LL1, LL2]
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Hypophysenadenom (gutartiger Tumor der Hirnanhangsdrüse), insbesondere Prolaktinom (prolaktinbildender Tumor der Hirnanhangsdrüse) – mögliche Ursache einer Hyperprolaktinämie mit hypogonadotroper Ovarialfunktionsstörung (Eierstockfunktionsstörung durch unzureichende hormonelle Stimulation) und Anovulation [LL2, LL12]
- Uterusmyome (gutartige Muskelknoten der Gebärmutter) – fertilitätsrelevant insbesondere bei submuköser Lage (Lage unter der Gebärmutterschleimhaut) oder Deformierung des Cavum uteri (Gebärmutterhöhle) durch intramurale Myome (Myome in der Gebärmutterwand); für nicht kavumdeformierende Myome ist ein kausaler Einfluss auf die Fertilität weniger gut belegt [LL2, LL7]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Anorexia nervosa (Magersucht) – kann über ausgeprägtes Energiedefizit und hypothalamische Suppression (Hemmung der hormonellen Steuerung im Zwischenhirn) zu Oligo-/Amenorrhoe, Anovulation und Infertilität führen [LL9]
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Adenomyose (Einwachsen von Gebärmutterschleimhautgewebe in die Gebärmuttermuskulatur) – mit ungünstigeren reproduktiven Ergebnissen, insbesondere bei assistierter Reproduktion (medizinisch unterstützter Fortpflanzung), assoziiert; der individuelle kausale Beitrag zur Infertilität ist variabel [4, LL2, LL11]
- Endometriose (Gebärmutterschleimhaut-ähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter) – wichtiger tuboperitonealer und ovarialer Fertilitätsfaktor durch entzündliche, anatomische und ovarielle Mechanismen; insbesondere bei Endometriomen (Endometriosezysten am Eierstock), Adhäsionen (Verwachsungen) oder tubarer Beteiligung [LL5, LL11]
- Endometriumpolyp (Schleimhautpolyp der Gebärmutter) – intrauterine Raumforderung (Gewebeveränderung in der Gebärmutterhöhle) mit möglicher Beeinträchtigung der reproduktiven Funktion; insbesondere bei sonographisch oder hysteroskopisch (mittels Gebärmutterspiegelung) nachgewiesener Cavumveränderung zu berücksichtigen [LL2]
- Intrauterine Adhäsionen (Asherman-Syndrom) (Verwachsungen in der Gebärmutterhöhle) – partielle bis vollständige Synechiebildung (Verwachsungsbildung) im Cavum uteri, insbesondere nach intrauterinen Eingriffen oder Infektionen; mögliche Ursache von Hypomenorrhoe (zu schwacher Monatsblutung)/Amenorrhoe und Infertilität [LL2]
- Pelvine Adhäsionen (Verwachsungen im Becken) – postoperative, postinfektiöse oder endometrioseassoziierte Verwachsungen mit Beeinträchtigung der Tuben-Ovar-Beziehung (räumlichen Beziehung zwischen Eileiter und Eierstock) und des Oozytentransports (Transports der Eizelle) [LL2, LL5]
- Pelvic inflammatory disease (PID)/chronische Salpingitis (chronische Eileiterentzündung) – entzündliche Schädigung der Tuben (Eileiter) mit peritubaren Adhäsionen (Verwachsungen um die Eileiter), distaler Okklusion (Verschluss des äußeren Eileiterabschnitts) oder Hydrosalpinx, insbesondere nach sexuell übertragbaren Infektionen [2, LL1, LL2]
- Tubare Obstruktion/Hydrosalpinx (Eileiterverschluss/flüssigkeitsgefüllter Eileiter) – proximale oder distale Einschränkung der Tubenpassage (Durchgängigkeit der Eileiter), insbesondere nach Infektion, Endometriose oder pelviner Operation; wesentlicher tubarer Fertilitätsfaktor [LL1, LL2]
- Ungeklärte Infertilität (ungeklärte ungewollte Kinderlosigkeit) – Diagnose nach Ausschluss relevanter weiblicher und männlicher Faktoren bei nachgewiesener bzw. anzunehmender Ovulation (Eisprung), ausreichender Tubenpassage und unauffälliger männlicher Basisdiagnostik [LL3]
- Zervixstenose (Verengung des Gebärmutterhalskanals) – anatomische Verengung des Zervikalkanals (Gebärmutterhalskanals), insbesondere kongenital oder nach Konisation (kegelförmiger Gewebeentfernung am Gebärmutterhals) bzw. anderen zervikalen Eingriffen; selten eigenständige Ursache einer Infertilität [LL2]
Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)
- Iatrogene Schädigung der Ovarialreserve (durch medizinische Maßnahmen verursachte Verminderung der Eizellreserve) – insbesondere nach ausgedehnten Ovarialoperationen (Operationen am Eierstock) oder wiederholten operativen Eingriffen am Ovar (Eierstock) mit Verlust funktionellen Ovarialgewebes (Eierstockgewebes) [LL4, LL8]
- Therapiebedingte Strahlenexposition (Strahlenbelastung durch eine medizinische Behandlung) – Becken- oder Ganzkörperbestrahlung kann abhängig von Dosis, Alter und Bestrahlungsfeld zu Follikelverlust (Verlust von Eibläschen), prämaturer Ovarialinsuffizienz und gegebenenfalls uteriner Schädigung (Schädigung der Gebärmutter) führen [LL4, LL8]
Medikamente
- Antipsychotika und andere Dopaminantagonisten – können über eine medikamenteninduzierte Hyperprolaktinämie zu Oligo-/Amenorrhoe, Anovulation und Infertilität führen [5, LL12]
- Gonadotoxische Chemotherapeutika – insbesondere alkylierende Substanzen können die ovarielle Follikelreserve vermindern und eine prämature Ovarialinsuffizienz verursachen [LL4, LL8]
Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)
- Nikotinkonsum – modifizierbarer Fertilitätsfaktor mit ungünstigem Einfluss auf die weibliche reproduktive Funktion; Tabakverzicht wird bei bestehendem Kinderwunsch empfohlen [LL1]
Weiteres
- Reproduktives Altern (altersbedingte Abnahme der Fruchtbarkeit) – altersabhängige Abnahme von Oozytenzahl (Eizellzahl) und Oozytenqualität (Eizellqualität); das Alter der Frau ist der wichtigste Einzelprädiktor der natürlichen Fekundität (natürlichen Fruchtbarkeit), während Tests der ovariellen Reserve vor allem das ovarielle Ansprechen auf eine Stimulation und nicht zuverlässig die spontane Konzeptionswahrscheinlichkeit (Wahrscheinlichkeit einer natürlichen Empfängnis) vorhersagen [LL1, LL2]
Literatur
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- Tang W, Mao J, Li KT et al.: Pregnancy and fertility-related adverse outcomes associated with Chlamydia trachomatis infection: a global systematic review and meta-analysis. Sex Transm Infect. 2020;96:322-329. doi:10.1136/sextrans-2019-053999 [2]
- Ahmed MAE, Mohammed AAA, Ilesanmi AO et al.: Female Genital Tuberculosis Among Infertile Women and Its Contributions to Primary and Secondary Infertility: A systematic review and meta-analysis. Sultan Qaboos Univ Med J. 2022;22:314-324. doi:10.18295/squmj.1.2022.003 [3]
- Ge L, Li Y, Zhou J et al.: Effect of different treatment protocols on in vitro fertilisation/intracytoplasmic sperm injection (IVF/ICSI) outcomes in adenomyosis women: a systematic review and meta-analysis. BMJ Open. 2024;14:e077025. doi:10.1136/bmjopen-2023-077025 [4]
- Edinoff AN, Silverblatt NS, Vervaeke HE et al.: Hyperprolactinemia, Clinical Considerations, and Infertility in Women on Antipsychotic Medications. Psychopharmacol Bull. 2021;51:131-148. doi:10.64719/pb.4396 [5]
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- World Health Organization: Guideline for the prevention, diagnosis and treatment of infertility. 28. November 2025. Volltext. [LL1]
- Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine: Fertility evaluation of infertile women: a committee opinion. Fertil Steril. 2021;116:1255-1265. doi:10.1016/j.fertnstert.2021.08.038. [LL2]
- European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE): Evidence-based guideline: unexplained infertility. 2023. doi:10.1093/humrep/dead150. [LL3]
- European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE), American Society for Reproductive Medicine (ASRM), CRE-WHiRL und International Menopause Society: Evidence-based guideline: premature ovarian insufficiency. 2024. doi:10.1093/hropen/hoae065. [LL4]
- European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE): ESHRE guideline: endometriosis. 2022. doi:10.1093/hropen/hoac009. [LL5]
- Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine: Evidence-based diagnosis and treatment for uterine septum: a guideline. Fertil Steril. 2024;122:251-265. doi:10.1016/j.fertnstert.2024.02.033. [LL6]
- Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine: Removal of myomas in asymptomatic patients to improve fertility and/or reduce miscarriage rate: a guideline. Fertil Steril. 2017;108:416-425. doi:10.1016/j.fertnstert.2017.06.034. [LL7]
- European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE): ESHRE guideline: female fertility preservation. 2020. doi:10.1093/hropen/hoaa052. [LL8]
- Endocrine Society: Functional Hypothalamic Amenorrhea: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2017;102:1413-1439. doi:10.1210/jc.2017-00131. [LL9]
- S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie des polyzystischen Ovarsyndroms (PCOS). (AWMF-Registernummer 089-004) Juli 2025 Langfassung. [LL10]
- S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Endometriose. (AWMF-Registernummer 015-045) März 2025 Langfassung. [LL11]
- Endocrine Society: Diagnosis and treatment of hyperprolactinemia: an Endocrine Society clinical practice guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2011;96:273-288. doi:10.1210/jc.2010-1692. [LL12]
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): ICD-10-GM Version 2026 – Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification. Seit 1. Januar 2026 verbindliche Fassung. [LL13]