Ulcus molle – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Eliminierung des Erregers Haemophilus ducreyi (Bakterium, das den weichen Schanker verursacht) [LL1] [LL3]
  • Abheilung der schmerzhaften genitalen Ulzera (Geschwüre im Genitalbereich) und ggf. vorhandener inguinaler Bubonen (eitrig geschwollene Lymphknoten in der Leiste) [LL1] [LL3]
  • Vermeidung von Komplikationen wie Narbenbildung, Fisteln (unnatürliche Verbindungsgänge zwischen Organen oder zur Haut) und fortbestehender Erregerübertragung [LL1] [LL3]
  • Partnermanagement: Sexualpartner der letzten 10 Tage vor Symptombeginn müssen unabhängig von Beschwerden untersucht und empirisch behandelt werden. [LL1] [LL2] [LL3] [LL5]

Therapieempfehlungen

  • Antibiotikatherapie (Behandlung mit Antibiotika) der ersten Wahl:
    • Ceftriaxon 250 mg i. m. als Einmaldosis oder [LL1] [LL3]
    • Azithromycin 1.000 mg p. o. als Einmaldosis. [1] [LL1] [LL3]
  • Alternativen:
    • Ciprofloxacin 500 mg p. o. 2-mal täglich für 3 Tage oder [LL1] [LL3]
    • Erythromycin 500 mg als Base-Äquivalent p. o. 4-mal täglich für 7 Tage gemäß europäischer Leitlinie; die CDC-Leitlinie nennt 500 mg Erythromycin-Base p. o. 3-mal täglich für 7 Tage. [LL1] [LL3]
  • Vor beziehungsweise parallel zur Therapie: Material für die Erregerdiagnostik gewinnen, sofern hierdurch der Therapiebeginn nicht verzögert wird. Syphilis (bakterielle Geschlechtskrankheit) und Herpes genitalis (Herpesinfektion im Genitalbereich) müssen ausgeschlossen werden; zusätzlich HIV-Test und risikoadaptierte Untersuchung auf weitere sexuell übertragbare Infektionen. [LL1] [LL3] [LL4]
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Azithromycin oder Ceftriaxon bevorzugen. Ciprofloxacin soll in Schwangerschaft und Stillzeit nicht angewendet werden. [LL1] [LL3]
  • HIV-Infektion (Infektion mit dem Immunschwächevirus HIV): Engmaschige klinische Kontrolle; die Heilung kann verzögert sein, und Therapieversagen ist bei allen Regimen möglich. Aufgrund begrenzter Daten zu den Einmalregimen kann ein mehrtägiges Regime erforderlich sein. [LL1] [LL3]
  • Inguinale Bubonen: Bei Fluktuation (tastbare Flüssigkeitsansammlung) Nadelaspiration (Absaugen mit einer Hohlnadel), bei Bedarf wiederholt; alternativ Inzision und Drainage (operative Eröffnung und Ableitung des Eiters). Die Antibiotikatherapie wird hierdurch nicht ersetzt. [LL1] [LL3]
  • Sexualkontakte: Bis zum Abschluss der Behandlung bei der erkrankten Person und allen behandlungsbedürftigen Partnern sowie bis zur klinischen Abheilung auf Sexualkontakte verzichten. [LL1] [LL2]
  • Verlaufskontrolle (erneute ärztliche Kontrolle): Erneute klinische Untersuchung nach 3 bis 7 Tagen. Bei erfolgreicher Therapie bessern sich die Beschwerden meist innerhalb von 3 Tagen und der Lokalbefund innerhalb von 7 Tagen; große Ulzera können länger als 2 Wochen bis zur vollständigen Abheilung benötigen. Ein mikrobiologischer Test of Cure ist bei regelrechtem klinischem Verlauf nicht erforderlich. [LL1] [LL3]
  • Fehlendes Ansprechen: Diagnose, Adhärenz, Reinfektion (erneute Ansteckung), Koinfektionen (gleichzeitig bestehende weitere Infektionen), HIV-Infektion beziehungsweise andere Immundefizienz (Abwehrschwäche) und eine mögliche Antibiotikaresistenz (Unempfindlichkeit des Erregers gegen Antibiotika) überprüfen; nach Möglichkeit Kultur und Resistenztestung veranlassen. [LL1] [LL3]
  • Nachsorge: Bei initial negativen Befunden HIV- und Syphilisdiagnostik unter Berücksichtigung des diagnostischen Fensters, in der Regel nach 3 Monaten, wiederholen. [LL1]

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Antibiotika

Wirkstoff Besonderheiten
Ceftriaxon Mittel der ersten Wahl; parenterales Einmalregime. Bei schwerer Soforttypreaktion (rasch einsetzende allergische Reaktion) auf Betalaktam-Antibiotika nicht anwenden. [LL1] [LL3] [FI2]
Azithromycin Mittel der ersten Wahl; orales Einmalregime. QT-Zeit-verlängernde Begleitmedikation und schwere Leberfunktionsstörung (eingeschränkte Leberfunktion) beachten. [1] [LL1] [LL3] [FI1]
Ciprofloxacin Alternative: Bei Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) Dosisintervall anpassen. Nicht in Schwangerschaft und Stillzeit sowie nicht zur Behandlung des Ulcus molle (weicher Schanker) bei Kindern und Jugendlichen anwenden. Schwerwiegende und potenziell anhaltende Nebenwirkungen der Fluorchinolone beachten. [LL1] [LL3] [FI3]
Erythromycin Alternative nach europäischer Leitlinie; Darreichungsform und Base-Äquivalent beachten. Hohes Interaktionspotenzial, QT-Zeit-Verlängerung und Leberfunktionsstörung beachten. Weltweit wurden Isolate mit intermediärer Empfindlichkeit beschrieben. [LL1] [LL3] [FI4]
  • Wirkweise: Ceftriaxon hemmt als Cephalosporin die bakterielle Zellwandsynthese und wirkt bakterizid. Azithromycin und Erythromycin hemmen über die 50S-Untereinheit der bakteriellen Ribosomen die Proteinsynthese und wirken überwiegend bakteriostatisch. Ciprofloxacin hemmt DNA-Gyrase und Topoisomerase IV und wirkt bakterizid. [FI1] [FI2] [FI3] [FI4]
  • Indikationen: Gesichertes oder klinisch und epidemiologisch wahrscheinliches Ulcus molle durch Haemophilus ducreyi; Ceftriaxon und Azithromycin sind aufgrund der guten Wirksamkeit und der Einmalgabe Mittel der ersten Wahl, Ciprofloxacin und Erythromycin Alternativen. [1] [LL1]
  • Kontraindikationen: Wirkstoff- beziehungsweise klassenspezifische Überempfindlichkeit (Allergie); bei Makroliden relevante QT-Zeit-Verlängerung und kontraindizierte Interaktionen beachten; Ciprofloxacin ist bei gleichzeitiger Einnahme von Tizanidin kontraindiziert und soll bei früheren schwerwiegenden Chinolon- oder Fluorchinolon-Nebenwirkungen nicht angewendet werden. Präparatespezifische Fachinformationen beachten. [FI1] [FI2] [FI3] [FI4]
  • Nebenwirkungen: Makrolide: vor allem gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden), Transaminasenanstieg, selten Hepatotoxizität (Leberschädigung), Hörstörung (Beeinträchtigung des Hörvermögens) und QT-Zeit-Verlängerung. Ceftriaxon: allergische Reaktionen, gastrointestinale Beschwerden, Clostridioides-difficile-assoziierte Diarrhö (Durchfall durch das Bakterium Clostridioides difficile) und biliäre Präzipitate (Ablagerungen in der Gallenblase oder den Gallenwegen). Ciprofloxacin: gastrointestinale und zentralnervöse Beschwerden (Beschwerden des Gehirns und Nervensystems) sowie selten, aber klinisch bedeutsam Tendinopathie (Sehnenerkrankung) beziehungsweise Sehnenruptur (Sehnenriss), periphere Neuropathie (Schädigung körperferner Nerven), psychische Reaktionen, Dysglykämie (Störung des Blutzuckerspiegels) und QT-Zeit-Verlängerung. [FI1] [FI2] [FI3] [FI4]

Die leitliniengerechte Behandlung des Ulcus molle kann in Deutschland, abhängig vom verwendeten Präparat, einen Off-Label-Use darstellen. Die aktuelle Fachinformation des konkret eingesetzten Arzneimittels ist zu beachten. [FI1] [FI2] [FI3] [FI4]

Abkürzungsverzeichnis

  • 50S = große Untereinheit bakterieller Ribosomen
  • AIDS = Acquired Immune Deficiency Syndrome
  • CDC = Centers for Disease Control and Prevention
  • DNA = Desoxyribonukleinsäure
  • doi = Digital Object Identifier
  • et al. = und andere
  • FI = Fachinformation
  • ggf. = gegebenenfalls
  • HIV = Humanes Immundefizienzvirus
  • i. m. = intramuskulär
  • Int J STD AIDS = International Journal of STD & AIDS
  • J Eur Acad Dermatol Venereol = Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology
  • LL = Leitlinie
  • mg = Milligramm
  • p. o. = per os, durch den Mund
  • QT = Zeitspanne vom Beginn der Q-Zacke bis zum Ende der T-Welle im Elektrokardiogramm
  • Syst Rev = Systematic Review
  • WHO = World Health Organization

Literatur

  1. Romero L et al.: Macrolides for treatment of Haemophilus ducreyi infection in sexually active adults. Cochrane Database Syst Rev. 2017;12:CD012492. doi: 10.1002/14651858.CD012492.pub2

Leitlinien

  1. International Union against Sexually Transmitted Infections Europe: Lautenschlager S et al.: 2017 European guideline for the management of chancroid. Int J STD AIDS. 2017;28(4):324 bis 329. doi: 10.1177/0956462416687913. Volltext [LL1]
  2. International Union against Sexually Transmitted Infections Europe: Partner Management, 2024. Leitlinienübersicht [LL2]
  3. Centers for Disease Control and Prevention: Chancroid. Sexually Transmitted Infections Treatment Guidelines, 2021, 22. Juli 2021. [LL3]
  4. World Health Organization: Guidelines for the management of symptomatic sexually transmitted infections, 15. Juli 2021. [LL4]
  5. International Union against Sexually Transmitted Infections Europe: Tiplica GS et al.: 2015 European guidelines for the management of partners of persons with sexually transmitted infections. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2015;29(7):1251 bis 1257. doi: 10.1111/jdv.13181 [LL5]

Fachinformationen

  1. Fachinformation: Azithromycin-ratiopharm 500 mg Filmtabletten. ratiopharm GmbH, Stand September 2026. [FI1]
  2. Fachinformation: Ceftriaxon Viatris 250 mg, 500 mg und 1 g Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung. Viatris Healthcare GmbH, Stand April 2026. [FI2]
  3. Fachinformation: Ciprobay 500 mg Filmtabletten. Bayer Vital GmbH, Stand Januar 2026. [FI3]
  4. Fachinformation: InfectoMycin 200, 400 und 600 Saft. InfectoPharm Arzneimittel und Consilium GmbH, Stand September 2026. [FI4]