Ulcus molle – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Ulcus molle (weicher Schanker) mitbedingt sein können:
Haut und Unterhaut (L00-L99)
- Autoinokulationsulzera (durch Selbstübertragung entstandene Geschwüre) bzw. kissing ulcers (gegenüberliegende Geschwüre) – durch Übertragung erregerhaltigen Exsudats (Wundsekrets) auf benachbarte oder gegenüberliegende Hautareale (Hautbereiche); insbesondere bei stark exsudativen (nässenden), unbehandelten Ulzera beschrieben [2, 3, LL2]
- Genitale Narbenbildung – bei fortgeschrittenen Ulzera oder nach suppurativen Bubonen (eitrigen Leistenschwellungen) auch trotz erfolgreicher antimikrobieller Therapie (Behandlung gegen Krankheitserreger) möglich [LL1-2]
- Persistierende (anhaltende) bzw. großflächige genitale Ulzeration (Geschwürbildung) – vor allem bei verzögerter Therapie, großen Ausgangsläsionen (Ausgangsverletzungen), HIV-Infektion (Infektion mit dem humanen Immundefizienz-Virus) oder ausgedehnter lokaler Entzündung; große Ulzera können mehr als 2 Wochen bis zur vollständigen Abheilung benötigen [2, 3, LL1-2]
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- HIV-Infektion – Ulcus molle bzw. anogenitale Ulzera (Geschwüre im After- und Genitalbereich) erhöhen das Risiko der HIV-Akquisition (Ansteckung mit HIV) und HIV-Transmission (Weitergabe von HIV); dies ist als Risikoerhöhung bzw. Kofaktor (mitwirkender Faktor) zu werten, nicht als obligate (zwingende) direkte Folge [1-3, LL1-3]
- Suppurative inguinale Lymphadenitis (eitrige Leistenlymphknotenentzündung)/Bubo inguinalis/Lymphknotenabszess (Eiteransammlung im Lymphknoten) – typische lokale Komplikation; eine regionale inguinale Lymphadenitis tritt bei einem relevanten Anteil der Patienten auf und kann in fluktuierende (verschiebliche), eitrige Bubonen übergehen [2, 3, LL1-2]
- Spontane Bubo-Ruptur (Aufbrechen einer eitrigen Leistenschwellung) mit drainierendem Sinus (ableitendem Gang) – Folge fluktuierender, suppurativer inguinaler Lymphadenitis; kann lokale Ulzeration, Sekundärinfektion (zusätzliche Infektion) und Narbenbildung begünstigen [3, LL1-2]
- Sekundäre bakterielle Superinfektion (zusätzliche bakterielle Infektion) der Ulcus-molle-Läsion (weicher-Schanker-Läsion) oder des Buboareals (Bereichs der eitrigen Leistenschwellung) – kann bei fortgeschrittenen, unbehandelten oder rupturierten Läsionen auftreten und die Heilung verzögern [2, 3, LL2]
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Rektale Fistel (krankhafte Verbindung zum Enddarm) – seltene fortgeschrittene Komplikation aus suppurativen Bubonen; leitlinienbasiert als mögliche Folge fortgeschrittener Fälle beschrieben [LL1]
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Urogenitale Fistel (krankhafte Verbindung im Harn- und Geschlechtsbereich)/Harnröhrenfistel (krankhafte Verbindung zur Harnröhre) – seltene fortgeschrittene Komplikation aus suppurativen Bubonen bzw. destruktiver (gewebezerstörender) lokaler Entzündung; leitlinienbasiert auch nach erfolgreicher Therapie beschrieben [LL1]
Prognosefaktoren
- Verzögerte oder fehlende antibiotische Therapie: erhöht das Risiko für persistierende Ulzera, suppurative Bubonen, Ruptur (Aufbrechen), Fistelbildung (Bildung einer krankhaften Verbindung) und Narbenbildung [LL1-2]
- Große Ausgangsulzera: verlängern die Abheilungszeit; große Ulzera können mehr als 2 Wochen bis zur kompletten Abheilung benötigen [LL1]
- Fluktuierende inguinale Lymphadenopathie (Leistenlymphknotenschwellung)/Bubonen: heilen langsamer als die Ulzera und können eine Nadelaspiration (Absaugen mit einer Nadel) oder Inzision/Drainage (Einschnitt/Ableitung) erforderlich machen [LL1-2]
- HIV-Infektion: ist mit verzögerter Ulkusheilung (Geschwürheilung) und erhöhtem Risiko für Therapieversagen assoziiert; engmaschige klinische Kontrolle und ggf. erneute Therapie sind erforderlich [LL1-2]
- Unbeschnittener Status: ist mit schlechterem Therapieansprechen bzw. verzögerter Heilung assoziiert, insbesondere bei präputialer Ulzeration (Geschwürbildung an der Vorhaut) [LL1]
- Diagnostische Verzögerung: relevant wegen der Seltenheit in Europa, der klinischen Überlappung mit Herpes genitalis (Genitalherpes), Syphilis (Lues), Lymphogranuloma venereum (venerische Lymphknotenentzündung) und Donovanose (Granuloma inguinale) sowie der eingeschränkten Verfügbarkeit spezifischer Haemophilus-ducreyi-Diagnostik (Diagnostik zum Nachweis von Haemophilus ducreyi) [1, 2, LL2-3]
- Koinfektionen (gleichzeitige Infektionen) mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen: können Morphologie (Erscheinungsbild), Verlauf und Management (Behandlungssteuerung) beeinflussen; Testung auf HIV, Syphilis und Herpes-simplex-Virus (Herpesvirus) ist leitliniengerecht erforderlich [LL1-3]
Literatur
- González-Beiras C, Marks M, Chen CY et al.: Epidemiology of Haemophilus ducreyi Infections. Emerging Infectious Diseases. 2016;22(1):1-8. https://doi.org/10.3201/eid2201.150425
- Gravett RM, Marrazzo J: An Ulcer by Any Other Name: Non-herpes and Non-syphilis Ulcerative Sexually Transmitted Infections. Infectious Disease Clinics of North America. 2023;37(2):369-380. https://doi.org/10.1016/j.idc.2023.02.005
- Lewis DA: Chancroid: clinical manifestations, diagnosis, and management. Sexually Transmitted Infections. 2003;79(1):68-71. https://doi.org/10.1136/sti.79.1.68
- American Academy of Pediatrics Committee on Infectious Diseases: Chancroid and Cutaneous Ulcers. Red Book: 2024-2027 Report of the Committee on Infectious Diseases. 2024. https://doi.org/10.1542/9781610027373-S3_003_003
Leitlinien
- Centers for Disease Control and Prevention: Sexually Transmitted Infections Treatment Guidelines, 2021 – Chancroid. Centers for Disease Control and Prevention. 2021. https://www.cdc.gov/std/treatment-guidelines/chancroid.htm
- Lautenschlager S, Kemp M, Christensen JJ et al.: 2017 European guideline for the management of chancroid. International Journal of STD & AIDS. 2017;28(4):324-329. https://doi.org/10.1177/0956462416687913
- Public Health Agency of Canada: STI-associated syndromes guide: Anogenital ulcers. Government of Canada. 2024. https://www.canada.ca/en/public-health/services/infectious-diseases/sexual-health-sexually-transmitted-infections/canadian-guidelines/sti-associated-syndromes/anogenital-ulcers.html