Tularämie (Hasenpest) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Eliminierung der Erreger (Francisella tularensis).
  • Rasche klinische Besserung der Symptomatik.
  • Vermeidung von Komplikationen (z. B. suppurative Lymphadenitis (eitrige Lymphknotenentzündung), Pneumonie (Lungenentzündung), Sepsis (lebensbedrohliche Organschädigung durch eine fehlgesteuerte Reaktion auf eine Infektion)).
  • Verhinderung von Rezidiven (erneutem Auftreten der Erkrankung) durch ausreichend lange antibiotische Therapie.

Therapieempfehlungen

Die nachstehenden Empfehlungen berücksichtigen die CDC-Empfehlung vom Oktober 2025 und die aktualisierte CDC-Behandlungsübersicht vom 16. Januar 2026. Die Dosierungen in den Tabellen gelten für Erwachsene mit normaler Nierenfunktion; bei Organfunktionsstörungen sind individuelle Anpassungen erforderlich [LL1, LL2, FI1, FI2, FI3].

  • Milde bis moderate Erkrankung: Bei klinisch stabilen Patienten und zuverlässiger oraler Aufnahme ist eine orale Behandlung mit Ciprofloxacin oder Levofloxacin möglich. Doxycyclin ist ebenfalls eine Erstlinienoption, insbesondere bei frühzeitigem Therapiebeginn [LL1, LL2].
  • Schwere Erkrankung: Bei hämodynamischer Instabilität (instabilem Blutkreislauf), Organfunktionsstörungen, notwendiger Atemunterstützung oder anderen Zeichen einer Sepsis stationäre Behandlung und initial möglichst Gentamicin. Eine Kombination mit Ciprofloxacin oder Levofloxacin kann erwogen werden; ein zusätzlicher Nutzen der Kombination ist für natürlich erworbene Infektionen nur unzureichend belegt [LL1, LL2].
  • Verzögerter Therapiebeginn: Bei einem Behandlungsbeginn mehr als zwei Wochen nach Erkrankungsbeginn sowie bei schwerer Erkrankung keine Doxycyclin-Monotherapie; Ciprofloxacin, Levofloxacin oder Gentamicin bevorzugen [LL1, LL2].
  • Therapiedauer: Ciprofloxacin, Levofloxacin und Gentamicin regelhaft 10 Tage; Doxycyclin 14 bis 21 Tage. Bei persistierendem Fieber, Abszessen (abgekapselten Eiteransammlungen) oder anderen Hinweisen auf fortbestehende Infektion Verlängerung nach klinischem Verlauf [LL1, LL2].
  • Orale Weiterbehandlung: Nach Entfieberung und klinischer Besserung kann eine parenterale Behandlung auf ein geeignetes orales Regime umgestellt werden [LL1].
  • Supportive Behandlung: Bedarfsorientierte Analgesie und Antipyrese sowie Ausgleich von Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten.

β-Lactam-Antibiotika, insbesondere Penicilline und Cephalosporine, sind zur gezielten Behandlung der Tularämie (Hasenpest) ungeeignet [LL1].

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Aminoglykoside

Wirkstoff Besonderheiten
Gentamicin Erstlinienoption; bei schwerer Erkrankung initial bevorzugt. Therapeutisches Drug-Monitoring und Kontrolle der Nierenfunktion; bei Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) Dosis beziehungsweise Dosierungsintervall anpassen. Bei Adipositas (starkem Übergewicht) geeignetes Dosierungsgewicht verwenden [LL1, LL2, FI1].
Tobramycin Reservealternative, wenn Gentamicin ungeeignet ist und Erstlinienoptionen nicht verfügbar sind. Deutlich begrenztere klinische Evidenz. Therapeutisches Drug-Monitoring und Anpassung an die Nierenfunktion erforderlich [LL1].
Streptomycin Historisch wirksam, nach CDC 2025 jedoch erst einsetzen, wenn Erstlinienmittel und geeignete Alternativen ausgeschöpft sind. Eingeschränkte Verfügbarkeit; wegen fetaler Ototoxizität (Schädigung des Hör- oder Gleichgewichtsorgans beim ungeborenen Kind) in der Schwangerschaft vermeiden [LL1].
  • Wirkweise: Bakterizide Wirkung durch Bindung an die bakterielle 30S-Ribosomenuntereinheit und Störung der Proteinsynthese [FI1].
  • Indikationen: Tularämie, insbesondere schwere systemische Verläufe; Reserveaminoglykoside nur nach infektiologischer Bewertung [LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Aminoglykoside; für Gentamicin zusätzlich Myasthenia gravis (Autoimmunerkrankung mit belastungsabhängiger Muskelschwäche). Niereninsuffizienz und vorbestehende Innenohrschädigung erfordern eine besonders strenge Nutzen-Risiko-Abwägung [FI1].
  • Nebenwirkungen: Nephrotoxizität (nierenschädigende Wirkung), teilweise irreversible cochleäre oder vestibuläre Ototoxizität (bleibende Schädigung des Hör- oder Gleichgewichtsorgans), neuromuskuläre Blockade (Hemmung der Signalübertragung vom Nerv auf den Muskel) und Überempfindlichkeitsreaktionen. Zusätzliche nephrotoxische oder ototoxische Arzneimittel möglichst vermeiden [FI1].

Fluorchinolone

Wirkstoff Besonderheiten
Ciprofloxacin Erstlinienoption. Orale Behandlung bei klinisch stabilen Patienten; parenterale Anwendung bei entsprechender Erkrankungsschwere oder unzureichender oraler Aufnahme. Anpassung bei Niereninsuffizienz [LL1, LL2, FI2].
Levofloxacin Erstlinienoption nach CDC. Das CDC-Regime kann von deutschen zugelassenen Dosierungsschemata abweichen; Zulassungsstatus und verfügbares Präparat prüfen. Anpassung bei Niereninsuffizienz [LL1, LL2, FI3].
  • Wirkweise: Bakterizid durch Hemmung der bakteriellen DNA-Gyrase und Topoisomerase IV [FI2, FI3].
  • Indikationen: Tularämie; geeignete orale Optionen bei milden bis moderaten Verläufen sowie mögliche Kombinationspartner bei schwerer Erkrankung. Die verfügbare klinische Evidenz unterstützt die Wirksamkeit auch bei pneumonischer Tularämie (Tularämie mit Lungenentzündung) [1, LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Chinolone; Ciprofloxacin nicht gleichzeitig mit Tizanidin. Levofloxacin ist unter anderem bei Epilepsie (Erkrankung mit wiederkehrenden Krampfanfällen), früheren durch Fluorchinolone verursachten Sehnenschäden, Schwangerschaft, Stillzeit sowie bei Kindern und Jugendlichen in der Wachstumsphase gemäß deutscher Fachinformation kontraindiziert. Abweichende CDC-Empfehlungen für besondere Patientengruppen erfordern eine dokumentierte fachärztliche Nutzen-Risiko-Abwägung [LL1, FI2, FI3].
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden), Tendinitis (Sehnenentzündung) und Sehnenruptur (Sehnenriss), periphere Neuropathie (Schädigung der Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark), neuropsychiatrische Reaktionen (Beschwerden des Nervensystems und der Psyche), Dysglykämien (Störungen des Blutzuckerspiegels) und QT-Verlängerung. Selten schwerwiegende, lang anhaltende oder irreversible Nebenwirkungen; Warnhinweise zu Aortenaneurysma (Aussackung der Hauptschlagader) beziehungsweise Aortendissektion (Aufspaltung der Wand der Hauptschlagader) beachten. Gleichzeitige systemische Glukocorticoide erhöhen das Risiko einer Sehnenschädigung [FI2, FI3].

Tetracycline

Wirkstoff Besonderheiten
Doxycyclin Erstlinienoption bei geeigneten Patienten. Keine Monotherapie bei schwerer Erkrankung oder mehr als zwei Wochen verzögertem Therapiebeginn. Orale Einnahme mit ausreichend Wasser in aufrechter Position; Abstand zu polyvalenten Kationen beachten [LL1, LL2, FI4].
  • Wirkweise: Bakteriostatisch durch Hemmung der bakteriellen Proteinsynthese an der 30S-Ribosomenuntereinheit [FI4].
  • Indikationen: Frühzeitig behandelte Tularämie ohne schwere Erkrankung; gegebenenfalls Kombinationstherapie nach infektiologischer Beurteilung [LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Tetracycline und schwere Leberfunktionsstörungen. Einschränkungen beziehungsweise Gegenanzeigen für Schwangerschaft, Stillzeit und Kinder gemäß konkreter Fachinformation berücksichtigen; CDC-Empfehlungen können hiervon abweichen [LL1, FI4].
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö (Durchfall), Ösophagitis (Speiseröhrenentzündung) und Ösophagusulzerationen (Geschwüre der Speiseröhre), Photosensibilität (erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut), Überempfindlichkeitsreaktionen sowie selten Hepatotoxizität (leberschädigende Wirkung) oder intrakranielle Drucksteigerung (erhöhter Druck im Schädelinneren) [FI4].

Besondere Behandlungssituationen

  • Schwangerschaft: Nach CDC Ciprofloxacin, Levofloxacin oder Gentamicin bevorzugen; bei schwerer Erkrankung Gentamicin mit einem dieser Fluorchinolone kombinieren. Deutsche Fachinformationen und mögliche Off-Label-Anwendung ausdrücklich berücksichtigen [LL1, FI1, FI2, FI3].
  • Kinder: Keine Übertragung der Erwachsenendosen; alters- und gewichtsbezogene CDC-Regime sowie präparatespezifische Zulassungsgrenzen beachten [LL1, LL2].
  • Neuroinvasive Tularämie (Tularämie mit Beteiligung des Nervensystems): Gentamicin plus Ciprofloxacin oder Levofloxacin; Aminoglykosid mindestens 10 Tage, Gesamttherapie 21 Tage [LL1].
  • Suppurative Lymphadenitis: Zusätzlich zur Antibiotikatherapie kann eine Punktion, Drainage oder operative Sanierung erforderlich sein [LL1].
  • Verdacht auf absichtliche Erregerfreisetzung: Initial zwei wirksame Antibiotikaklassen einsetzen, da eine künstlich erzeugte Resistenz möglich ist [LL1].

Postexpositionsprophylaxe

Nach relevanter beruflicher beziehungsweise Labor-Exposition oder vermuteter absichtlicher Erregerfreisetzung erfolgt eine individuelle Risikobewertung. Eine Prophylaxe ist keine Behandlung einer bereits symptomatischen Erkrankung. Alternativ kommt bei ausgewählten Expositionen eine strukturierte Temperatur- und Symptomüberwachung über 14 Tage infrage [LL1, LL3].

Wirkstoff Besonderheiten
Ciprofloxacin Erstlinienoption für Erwachsene; gegenüber der Behandlung geringere Dosis und kürzere Dauer [LL1, LL3, FI2].
Levofloxacin Erstlinienoption für Erwachsene [LL1, LL3, FI3].
Doxycyclin Erstlinienoption für nicht schwangere Erwachsene; in der Schwangerschaft nach CDC bevorzugt Ciprofloxacin oder Levofloxacin [LL1, LL3, FI4].
  • Wirkweise: Wirkstoffabhängig bakterizid beziehungsweise bakteriostatisch; siehe die jeweiligen Wirkstoffgruppen [FI2, FI3, FI4].
  • Indikationen: Relevante Exposition gegenüber Francisella tularensis nach individueller Risikobewertung; keine routinemäßige Prophylaxe bei gewöhnlichem Kontakt mit Erkrankten [LL1, LL3].
  • Kontraindikationen: Wirkstoffspezifische Gegenanzeigen, Wechselwirkungen und Besonderheiten bei Schwangerschaft beziehungsweise Kindern beachten [FI2, FI3, FI4].
  • Nebenwirkungen: Entsprechend den jeweiligen Wirkstoffgruppen. Bei Fieber oder anderen verdächtigen Symptomen während oder nach der Prophylaxe umgehend diagnostische Abklärung und gegebenenfalls vollständige therapeutische Behandlung [LL3, FI2, FI3, FI4].

Weitere Hinweise

Die Evidenz zur vergleichenden Wirksamkeit beruht überwiegend auf Beobachtungsdaten und Fallserien. Unterschiedliche Erkrankungsschwere und Verzögerungen bis zur wirksamen Behandlung erschweren den direkten Vergleich der Antibiotika [1].

Bei ausbleibender Besserung oder Rezidiv sind insbesondere ein unzureichend sanierter Fokus (nicht ausreichend behandelter Infektionsherd), Dosierung, Therapiedauer und Einnahmetreue zu überprüfen. Unter Aminoglykosiden sind Nierenfunktion und Arzneimittelspiegel zu kontrollieren [LL1, FI1].

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
  • Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungen

  • CDC: Centers for Disease Control and Prevention (US-amerikanische Behörde für Krankheitskontrolle und Prävention).
  • DNA: Desoxyribonukleinsäure (Träger der Erbinformation).
  • EPA: Eicosapentaensäure.
  • DHA: Docosahexaensäure.
  • FI: Fachinformation.
  • LL: Leitlinie beziehungsweise Behandlungsempfehlung.
  • QT: Zeitabschnitt im Elektrokardiogramm zwischen dem Beginn der elektrischen Erregung der Herzkammern und dem Ende ihrer elektrischen Erholung.
  • 30S: Bezeichnung der kleinen Untereinheit des bakteriellen Ribosoms.

Literatur

  1. Nelson CA, Winberg J, Bostic TD et al.: Systematic Review: Clinical Features, Antimicrobial Treatment, and Outcomes of Human Tularemia, 1993-2023. Clin Infect Dis. 2024;78(Suppl 1):S15 bis S28. doi: 10.1093/cid/ciad736.

Leitlinien

  1. CDC-Empfehlung: Nelson CA, Meaney-Delman D, Fleck-Derderian S et al.: Tularemia Antimicrobial Treatment and Prophylaxis: CDC Recommendations for Naturally Acquired Infections and Bioterrorism Response — United States, 2025. MMWR Recomm Rep. 2025;74(2):1 bis 33. 2. Oktober 2025. doi: 10.15585/mmwr.rr7402a1. Volltext; PDF-Langfassung [LL1].
  2. Centers for Disease Control and Prevention: Clinical Care of Tularemia. Aktualisierte Behandlungsübersicht, 16. Januar 2026. Behandlungsempfehlungen [LL2].
  3. Centers for Disease Control and Prevention: Managing Occupational Exposures to Francisella tularensis. 16. September 2026. Expositionsmanagement [LL3].

Fachinformationen

  1. B. Braun Melsungen AG: Gentamicin B. Braun 3 mg/ml Infusionslösung. Fachinformation [FI1].
  2. ratiopharm GmbH: Ciprofloxacin-ratiopharm 250/500/750 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI2].
  3. ratiopharm GmbH: Levofloxacin-ratiopharm 250 mg/500 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI3].
  4. ratiopharm GmbH: Doxy-M-ratiopharm 100 mg/200 mg Tabletten. Fachinformation [FI4].