Sindbis-Fieber – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Sindbis-Fieber mitbedingt sein können:
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Persistierende Arthralgien (Gelenkschmerzen)/Polyarthralgien (Gelenkschmerzen an mehreren Gelenken) und Myalgien (Muskelschmerzen) – wichtigste Langzeitfolge der Sindbis-Virus-Infektion (Infektion mit dem Sindbis-Virus). In einer prospektiven finnischen Kohorte bestanden bei 50 % der Patienten Gelenksymptome länger als 12 Monate [1]. In einer weiteren finnischen Nachuntersuchung waren 2,5 Jahre nach serologisch gesicherter Infektion nur 50 % von 26 Patienten vollständig beschwerdefrei; sechs Patienten berichteten noch gelegentliche Arthralgien und zwei Patienten hatten eine chronische Arthritis (chronische Gelenkentzündung) [2]. Drei Jahre nach laborbestätigter Infektion bestanden bei 24,5 % einer prospektiv nachuntersuchten Kohorte noch der Infektion zurechenbare Gelenkmanifestationen [3]. In einer schwedischen Kohorte berichteten 39 % der Patienten 6-8 Monate nach Erkrankungsbeginn über persistierende Arthralgien bzw. Myalgien mit Einschränkungen der Alltagsaktivitäten [4]. Das European Centre for Disease Prevention and Control weist ebenfalls darauf hin, dass Gelenkmanifestationen Monate bis Jahre persistieren und in seltenen Fällen in eine chronische Arthritis übergehen können [LL1].
- Chronische Arthritis bzw. Polyarthritis (Entzündung mehrerer Gelenke) – seltenere, aber objektivierbare Langzeitmanifestation. In der Nachuntersuchung von Laine et al. bestanden bei zwei von 26 Patienten 2,5 Jahre nach Erkrankungsbeginn chronische Arthritiden [2]. In einer weiteren prospektiven Kohorte wurde drei Jahre nach Sindbis-Virus-Infektion bei 4,1 % (2/49) eine Arthritis mit Gelenkschwellung und Druckschmerz festgestellt [3].
- Enthesitis (Entzündung eines Sehnen- oder Bandansatzes), Tendinitis (Sehnenentzündung) und Tenosynovitis (Sehnenscheidenentzündung) – periartikuläre entzündliche Manifestationen (entzündliche Veränderungen im Bereich um ein Gelenk) können bei prolongiertem muskuloskelettalem Verlauf auftreten. Bei 10 von 17 rheumatologisch untersuchten Patienten mit persistierenden Beschwerden 6-8 Monate nach Sindbis-Virus-Infektion wurden eine Enthesitis, Tendinitis oder Tenosynovitis festgestellt. Da ausschließlich Patienten mit fortbestehenden Beschwerden rheumatologisch untersucht wurden, stellt dieser Anteil keine populationsbezogene Prävalenz dar [4].
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Neuroinvasive Sindbis-Virus-Infektion (Sindbis-Virus-Infektion mit Befall des Nervensystems) mit Beteiligung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark) – sehr seltene und bislang nur durch eine kleine humane Fallserie belegte Komplikation. 2026 wurde erstmals Sindbis-Virus-RNA direkt im Liquor cerebrospinalis (Nervenwasser) von vier autochthonen Patienten mit akuten neurologischen Symptomen (Beschwerden durch eine Störung des Nervensystems) nachgewiesen und durch metagenomische Next-Generation-Sequenzierung bestätigt. Damit liegt erstmals ein direkter molekularer Nachweis einer humanen Neuroinvasion (Eindringen eines Erregers in das Nervensystem) durch das Sindbis-Virus vor. Bei einem der vier Patienten bestand gleichzeitig eine Toscana-Virus-Infektion (Infektion mit dem Toscana-Virus), sodass die kausale Zuordnung der neurologischen Manifestationen zum Sindbis-Virus in diesem Einzelfall eingeschränkt ist. Aus der bislang sehr kleinen Fallzahl können weder eine belastbare Inzidenz noch das Risiko neurologischer Langzeitfolgen abgeleitet werden [6].
Prognosefaktoren
- Die wesentliche prognostische Belastung des Sindbis-Fiebers besteht in der möglichen Persistenz muskuloskelettaler Beschwerden über Monate bis Jahre [1-5, LL1].
- Die berichteten Persistenzraten unterscheiden sich aufgrund verschiedener Populationen, Einschlusskriterien, Endpunkte und Nachbeobachtungszeiten erheblich: Gelenksymptome länger als 12 Monate bestanden bei 50 % einer prospektiven finnischen Kohorte [1]; 2,5 Jahre nach Erkrankungsbeginn waren in einer weiteren Kohorte 50 % der Patienten vollständig beschwerdefrei [2]; drei Jahre nach Infektion bestanden bei 24,5 % noch der Sindbis-Virus-Infektion zurechenbare Gelenkmanifestationen [3]. Diese Angaben dürfen daher nicht als unmittelbar vergleichbare zeitliche Remissionskurve interpretiert werden.
- Persistierende Sindbis-Virus-spezifische Immunoglobulin-M-Antikörper sind kein hinreichend zuverlässiger Prognosemarker für chronische muskuloskelettale Beschwerden. Sechs bis acht Monate nach Infektion wurden sie sowohl bei weiterhin symptomatischen als auch bei wieder beschwerdefreien Patienten häufig nachgewiesen (65 % versus 61 %) [4]. Drei Jahre nach Infektion waren Immunoglobulin-M-Antikörper noch bei drei von 49 Patienten nachweisbar; beide Patienten mit objektivierbarer Arthritis gehörten zu dieser Gruppe [3].
- Belastbar validierte individuelle klinische oder laborchemische Prädiktoren für einen chronischen muskuloskelettalen Verlauf sind bislang nicht etabliert. Die Evidenz beruht überwiegend auf kleinen prospektiven bzw. longitudinalen Kohorten und Beobachtungsstudien [1-5].
- Für neuroinvasive Verläufe sind Häufigkeit, prädisponierende Faktoren und Langzeitprognose derzeit nicht quantifizierbar. Der direkte humane Nachweis einer Sindbis-Virus-Neuroinvasion basiert bislang auf vier 2025 in Italien diagnostizierten und 2026 publizierten Fällen; neurologische Langzeitfolgen sind damit noch nicht ausreichend charakterisiert [6].
Literatur
- Kurkela S, Manni T, Myllynen J et al.: Clinical and Laboratory Manifestations of Sindbis Virus Infection: Prospective Study, Finland, 2002-2003. J Infect Dis. 2005;191(11):1820-1829. doi: 10.1086/430007
- Laine M, Luukkainen R, Jalava J et al.: Prolonged arthritis associated with Sindbis-related (Pogosta) virus infection. Rheumatology (Oxford). 2000;39(11):1272-1274. doi: 10.1093/rheumatology/39.11.1272
- Kurkela S, Helve T, Vaheri A et al.: Arthritis and arthralgia three years after Sindbis virus infection: clinical follow-up of a cohort of 49 patients. Scand J Infect Dis. 2008;40(2):167-173. doi: 10.1080/00365540701586996
- Gylfe Å, Ribers Å, Forsman O et al.: Mosquitoborne Sindbis Virus Infection and Long-Term Illness. Emerg Infect Dis. 2018;24(6):1141-1142. doi: 10.3201/eid2406.170892
- Adouchief S, Smura T, Sane J et al.: Sindbis virus as a human pathogen-epidemiology, clinical picture and pathogenesis. Rev Med Virol. 2016;26(4):221-241. doi: 10.1002/rmv.1876
- Cusi MG, Gori Savellini G, Cassol C et al.: Molecular evidence of neuroinvasive Sindbis virus infection in humans: detection in cerebrospinal fluid by next generation sequencing. Emerg Microbes Infect. 2026;15(1):2703397. doi: 10.1080/22221751.2026.2703397
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC): Facts about Sindbis fever. 15. Dezember 2023. ECDC-Factsheet. [LL1]