Schlafkrankheit (Afrikanische Trypanosomiasis) – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpertemperatur, Atemfrequenz, Körpergewicht und Körpergröße; des Weiteren Beurteilung von Allgemein-, Ernährungs- und Hydratationszustand (Versorgung des Körpers mit Flüssigkeit):
- Inspektion
- Haut, Schleimhäute und Skleren (weiße Augenhäute): Prüfung auf Blässe, Ikterus (Gelbsucht), Ödeme (Wassereinlagerungen) und Kratzspuren; Suche nach einem flüchtigen, gegebenenfalls ringförmigen Exanthem (Hautausschlag), vor allem am Stamm. [Trypanosomenschanker (örtliche Hautveränderung durch den Erreger der Schlafkrankheit): entzündliche, häufig druckschmerzhafte Hautverhärtung an der Stichstelle einer infizierten Tsetsefliege, gegebenenfalls mit zentraler Ulzeration (Geschwürbildung); häufiger bei der ostafrikanischen Form, insbesondere bei Reisenden; kann nach wenigen Wochen spontan abheilen.]
- Abdomen (Bauch): Beurteilung von Form, Umfang, Hautbeschaffenheit und sichtbaren Vorwölbungen; Beachtung einer abdominellen Distension (Aufblähung des Bauches).
- Palpation der Lymphknoten – insbesondere zervikal (am Hals), supraklavikulär (oberhalb des Schlüsselbeins), axillär (in der Achselhöhle) und inguinal (in der Leiste); Dokumentation von Größe, Konsistenz, Verschieblichkeit und Druckschmerz. [Winterbottom-Zeichen (Schwellung der Lymphknoten am hinteren Hals): Vergrößerung der hinteren zervikalen Lymphknoten, besonders bei der west- und zentralafrikanischen Form; häufig weich, verschieblich und wenig schmerzhaft.]
- Untersuchung von Herz und Kreislauf – Auskultation des Herzens sowie Beurteilung von Pulsfrequenz und -rhythmus, peripherer Perfusion (Durchblutung der äußeren Körperregionen), Halsvenenfüllung und peripheren Ödemen; Beachtung von Tachykardie (beschleunigtem Herzschlag), Rhythmusunregelmäßigkeiten, Hypotonie (niedrigem Blutdruck) oder Zeichen einer Herzinsuffizienz (Herzschwäche) bei möglicher kardialer Beteiligung (Mitbetroffenheit des Herzens).
- Untersuchung der Lunge – Beurteilung von Atemfrequenz und Atemarbeit sowie Auskultation; bei schwerem Verlauf Beachtung von Tachypnoe (beschleunigter Atmung), Rasselgeräuschen und Zeichen respiratorischer Beeinträchtigung (Beeinträchtigung der Atmung).
- Untersuchung des Abdomens
- Perkussion und Palpation zur Beurteilung der Leber- und Milzgröße; mögliche Hepatomegalie (Lebervergrößerung), Splenomegalie (Milzvergrößerung) oder Hepatosplenomegalie (gleichzeitige Vergrößerung von Leber und Milz).
- Palpation auf Druckschmerz und Abwehrspannung (unwillkürliches Anspannen der Bauchmuskeln); bei entsprechendem klinischem Befund Prüfung auf Aszites (Flüssigkeitsansammlung in der Bauchhöhle).
- Inspektion
- Neurologische Untersuchung – bei jedem Verdacht auf Schlafkrankheit, auch ohne erkennbare Schlafstörung:
- Bewusstsein und psychischer Befund – Prüfung von Vigilanz (Wachheit), Orientierung, Aufmerksamkeit, Sprache und Verhalten; Beachtung von Apathie (Teilnahmslosigkeit), psychomotorischer Verlangsamung (Verlangsamung von Bewegungen und geistigen Reaktionen), Verwirrtheit, auffälligem Verhalten sowie Somnolenz (krankhafter Schläfrigkeit mit erhaltener Weckbarkeit) bis zum Koma (tiefer Bewusstlosigkeit).
- Schlaf-Wach-Verhalten – Beobachtung einer ausgeprägten Tagesschläfrigkeit oder wiederholter Einschlafepisoden; nächtliche Schlaflosigkeit und Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus ergänzend gezielt erfragen.
- Hirnnerven und Motorik (Bewegungsfähigkeit) – Prüfung von Augenbewegungen, Gesichtsmotorik (Bewegungen der Gesichtsmuskeln), Sprechen, Schlucken, Muskelkraft und Muskeltonus (Grundspannung der Muskeln); Beachtung von Dysarthrie (Störung der Sprechbewegungen), Tremor (Zittern) und unwillkürlichen Bewegungen.
- Reflexe und Sensibilität (Empfindungsfähigkeit) – Prüfung der Muskeleigenreflexe, Pyramidenbahnzeichen, Oberflächen- und Tiefensensibilität (Empfindung an der Körperoberfläche sowie Wahrnehmung von Körperstellung und Bewegung); Dokumentation auffälliger Reflexantworten und Sensibilitätsstörungen (Empfindungsstörungen).
- Koordination, Stand und Gang – Prüfung auf Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), Standunsicherheit und Gangstörungen; Durchführung entsprechend dem Allgemeinzustand und unter Sicherung gegen Stürze.
- Meningeale Zeichen (Hinweise auf eine Reizung der Hirnhäute) und Krampfanfälle – Prüfung auf Nackensteifigkeit und Beobachtung möglicher Anfallszeichen; fehlende meningeale Zeichen schließen eine Beteiligung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark) nicht aus.
Klinische Einordnung: Die ostafrikanische Form durch Trypanosoma brucei rhodesiense kann innerhalb weniger Wochen fortschreiten; die west- und zentralafrikanische Form durch Trypanosoma brucei gambiense verläuft meist über Monate bis Jahre. Schlafstörungen können bereits im frühen Krankheitsstadium auftreten. Ein unauffälliger neurologischer Untersuchungsbefund schließt eine Beteiligung des zentralen Nervensystems nicht sicher aus. Körperliche Untersuchungsbefunde allein erlauben weder die Diagnosesicherung noch eine verlässliche Stadienzuordnung.
Warnzeichen: Bewusstseinsstörung, Krampfanfälle, rasch zunehmende neurologische Ausfälle (Störungen von Funktionen des Nervensystems), Kreislaufinstabilität oder Atemnot erfordern eine sofortige stationäre, gegebenenfalls intensivmedizinische Abklärung.
In eckigen Klammern stehen krankheitstypische körperliche Befunde. Auch diese sind für sich allein nicht beweisend für eine Schlafkrankheit.
Abkürzungsverzeichnis
- WHO – Weltgesundheitsorganisation
Leitlinien
- World Health Organization: WHO guidelines for the treatment of human African trypanosomiasis. Juni 2024.