Milzbrand (Anthrax) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Anthrax (Milzbrand) mitbedingt sein können:
Atmungssystem (J00-J99)
- Akutes Atemnotsyndrom (schweres akutes Lungenversagen) (Acute Respiratory Distress Syndrome; ARDS) bzw. akutes hypoxämisches respiratorisches Versagen (akutes Lungenversagen mit Sauerstoffmangel) – mögliche schwere Komplikation insbesondere des Inhalationsanthrax (Milzbrand durch Einatmen) bzw. eines fulminanten systemischen Anthrax (schwer verlaufender Milzbrand mit Ausbreitung im Körper); eine invasive Beatmung kann erforderlich werden [2, LL1]
- Pleuraergüsse (Flüssigkeitsansammlungen zwischen Lunge und Brustwand), häufig hämorrhagisch (blutig) – charakteristische und prognostisch relevante Komplikation des Inhalationsanthrax; häufig bilateral (beidseitig) und rezidivierend (wiederkehrend). In einer 2026 publizierten Auswertung entwickelten 72 % der hospitalisierten Patienten mit Inhalationsanthrax Pleuraergüsse; eine frühzeitige und vollständige Drainage klinisch relevanter Ergüsse war mit einem besseren Überleben assoziiert [1, LL1]
Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)
- Koagulopathie (Störung der Blutgerinnung) bis hin zur disseminierten intravasalen Koagulopathie (schwere Gerinnungsstörung mit Verbrauch von Gerinnungsfaktoren) (DIC) – insbesondere bei fulminantem systemischem bzw. Injektionsanthrax (Milzbrand nach Einbringen des Erregers durch Injektion) beschrieben; kann mit Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen), Hypofibrinogenämie (verminderte Konzentration des Gerinnungseiweißes Fibrinogen) und Blutungen einhergehen und ist ein Marker schwerer Erkrankung [3, 4]
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Herz-Kreislaufversagen (Versagen von Herz und Kreislauf) – im Rahmen der ausgeprägten Toxinämie (Giftstoffbelastung des Blutes), des Kapillarlecksyndroms (Austritt von Flüssigkeit aus kleinsten Blutgefäßen) und eines septischen bzw. toxämischen Schocks (lebensbedrohlichen Kreislaufversagens durch Infektion bzw. Giftstoffe) bei systemischem Anthrax [2, 4, LL1]
- Perikarderguss (Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel) – seltene Flüssigkeitskomplikation des systemischen Anthrax; in einer großen historischen Fallauswertung bei etwa 1,7 % der auswertbaren hospitalisierten Patienten nachgewiesen [1]
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Milzbrandmeningitis (Hirnhautentzündung durch Milzbrand) bzw. Milzbrandmeningoenzephalitis (Entzündung von Hirnhäuten und Gehirn durch Milzbrand) – kann sekundär bei jeder klinischen Form des Anthrax auftreten; bei systemischem Injektions-, Ingestions-, kutanem oder inhalativem Anthrax entwickelten je nach Infektionsweg etwa 14-37 % der Patienten eine Meningitis (Hirnhautentzündung). Sie ist meist hämorrhagisch und mit einer extrem hohen Letalität (Sterblichkeit) verbunden [2, 3, LL1]
- Milzbrandsepsis (Blutvergiftung durch Milzbrand) – Folge der hämatogenen Dissemination (Ausbreitung über die Blutbahn) von Bacillus anthracis; Bakteriämie (Bakterien im Blut) ist eng mit systemischer Erkrankung, Meningitis und erhöhter Mortalität (Sterblichkeit) assoziiert [2, 3]
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Peritonitis (Bauchfellentzündung) – schwere Komplikation insbesondere des gastrointestinalen Anthrax (Milzbrand des Magen-Darm-Trakts); häufig mit ausgeprägtem Aszites (Flüssigkeitsansammlung in der Bauchhöhle) bzw. peritonealen Flüssigkeitsansammlungen verbunden. In einer aktuellen Fallauswertung entwickelten 55 % der Patienten mit Ingestionsanthrax (Milzbrand durch Aufnahme über den Verdauungstrakt) peritoneale Flüssigkeitsansammlungen; bei Anthrax-assoziierter Peritonitis war die operative Herdsanierung mit einem deutlich besseren Überleben assoziiert [1, LL1]
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Kompartmentsyndrom (Drucksteigerung in einem abgeschlossenen Muskelraum) – seltene, jedoch potenziell extremitätenerhaltend relevante Komplikation eines ausgeprägten lokalen Ödems (Flüssigkeitseinlagerung im Gewebe) und einer tiefen Weichteilbeteiligung; insbesondere beim Injektionsanthrax beschrieben [4, 5]
- Nekrotisierende Fasziitis (schwere, rasch fortschreitende Weichteilinfektion) – seltene schwere Weichteilkomplikation, vor allem beim Injektionsanthrax; kann ein ausgedehntes chirurgisches Débridement erforderlich machen [4, 5]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Hirnödem (Hirnschwellung) mit intrakranieller Hypertension (erhöhtem Druck im Schädel) und Gefahr der zerebralen Herniation (Einklemmung von Hirngewebe) – besonders bei hämorrhagischer Milzbrandmeningitis bzw. -meningoenzephalitis; Infektion und intrakranielle Blutungen (Blutungen innerhalb des Schädels) können gemeinsam zu einem rasch progredienten malignen Hirnödem (rasch fortschreitender lebensbedrohlicher Hirnschwellung) führen [LL1]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Multiorgandysfunktionssyndrom (Funktionsstörung mehrerer Organe) (MODS) bis Multiorganversagen (Versagen mehrerer Organe) – mögliche Endstrecke eines fulminanten systemischen Anthrax mit Toxinämie, Kapillarleck, Schock und Koagulopathie [2, 4, LL1]
- Septischer bzw. toxämischer Schock – hochgradig prognoserelevante Komplikation der systemischen Erkrankung; Hypotonie (zu niedriger Blutdruck) bzw. Kreislaufversagen kennzeichnen insbesondere fulminante Verläufe [2, 3, LL1]
Prognosefaktoren
- Ungünstige Prognosefaktoren
- Systemischer Anthrax gegenüber einer lokalisierten kutanen Erkrankung (auf die Haut begrenzten Erkrankung) [2]
- Milzbrandmeningitis bzw. -meningoenzephalitis – einer der stärksten negativen Prognosefaktoren; die Letalität nähert sich trotz Therapie 100 % [2, LL1]
- Bakteriämie – bei hospitalisierten Erwachsenen mit kutanem Anthrax (Hautmilzbrand) stark mit Mortalität und Auftreten einer Meningitis assoziiert [3]
- Koagulopathie – bei hospitalisiertem kutanem Anthrax mit deutlich erhöhtem Risiko für Tod und Meningitis assoziiert; auch beim schweren Injektionsanthrax Ausdruck einer systemischen Erkrankung [3, 4]
- Hypotonie bzw. Schock und Zeichen eines Multiorganversagens [2-4]
- Neurologische Symptome (Beschwerden durch Beteiligung des Nervensystems), insbesondere starke Kopfschmerzen, Bewusstseinsstörung, Meningismus (schmerzhafte Nackensteifigkeit), Krampfanfälle oder fokal-neurologische Defizite (örtlich begrenzte Ausfälle des Nervensystems) – Hinweis auf eine mögliche Milzbrandmeningitis und damit auf eine besonders ungünstige Prognose [3, LL1]
- Ausgedehnte thorakale bzw. perilesionale Ödeme (ausgedehnte Flüssigkeitseinlagerungen im Brustbereich bzw. um die Hautveränderung) bei kutanem Anthrax – mit schwerem Verlauf, Meningitis und/oder erhöhter Mortalität assoziiert [3]
- Alter ab etwa 45 Jahren – in der systematischen Auswertung hospitalisierter Erwachsener mit kutanem Anthrax mit höherer Mortalität bzw. höherem Meningitisrisiko assoziiert; die Übertragbarkeit auf sämtliche Anthraxformen ist eingeschränkt [3]
- Klinisch relevante Pleuraergüsse mit unvollständiger Drainage, ausschließlich einseitiger Drainage bei bilateralen Ergüssen oder Ergussrezidiv (erneuter Flüssigkeitsansammlung) – mit ungünstigerem Verlauf assoziiert [1]
- Günstige Prognosefaktoren
- Lokalisierter kutaner Anthrax ohne Zeichen systemischer Erkrankung – bei adäquater frühzeitiger antimikrobieller Therapie sehr hohe Überlebenswahrscheinlichkeit [2]
- Frühzeitige Erkennung und konsequente Therapie einer systemischen Erkrankung einschließlich gezielter Behandlung einer möglichen Meningitis [LL1]
- Frühzeitige und vollständige Drainage klinisch relevanter Pleuraergüsse; die beobachtete Überlebensassoziation beruht allerdings auf retrospektiven Daten und beweist keinen kausalen Effekt [1]
- Operative Herdsanierung bei Anthrax-assoziierter Peritonitis – in retrospektiven Daten deutlich mit dem Überleben assoziiert [1]
Literatur
- Holty JEC, Person MK, Binney S et al.: Clinical Characteristics and Survival of Hospitalized Anthrax Patients with Pleural, Pericardial, or Peritoneal Fluid Collections. Clin Infect Dis. 2026;82(6):e1184-e1193. doi:10.1093/cid/ciag113.
- Hendricks K, Person MK, Bradley JS et al.: Clinical Features of Patients Hospitalized for All Routes of Anthrax, 1880-2018: A Systematic Review. Clin Infect Dis. 2022;75(Suppl 3):S341-S353. doi:10.1093/cid/ciac534.
- Thompson JM, Cook R, Person MK et al.: Risk Factors for Death or Meningitis in Adults Hospitalized for Cutaneous Anthrax, 1950-2018: A Systematic Review. Clin Infect Dis. 2022;75(Suppl 3):S459-S467. doi:10.1093/cid/ciac533.
- Inverarity DJ, Forrester VM, Cumming JGR et al.: Injectional anthrax at a Scottish district general hospital. Epidemiol Infect. 2015;143(6):1311-1321. doi:10.1017/S0950268814001885.
- Parcell BJ, Wilmshurst AD, France AJ et al.: Injection anthrax causing compartment syndrome and necrotising fasciitis. J Clin Pathol. 2011;64(1):95-96. doi:10.1136/jcp.2010.082586.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- Bower WA, Yu Y, Person MK et al.: CDC Guidelines for the Prevention and Treatment of Anthrax, 2023. MMWR Recomm Rep. 2023;72(6):1-47. Volltext. doi:10.15585/mmwr.rr7206a1. [LL1]