Herpes labialis – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Verbesserung der Symptomatik (Beschwerden)
- Verkürzung der Erkrankungsdauer
- Beherrschung von Komplikationen (Folgeproblemen)
- Reduktion klinisch belastender Rezidive (erneuter Krankheitsausbrüche)
Therapieempfehlungen
- Unkomplizierter Herpes labialis (Lippenherpes): Bei immunkompetenten Patienten (Patienten mit regelrecht funktionierendem Immunsystem) ist die Erkrankung selbstlimitierend (von selbst abheilend); eine antivirale Behandlung ist nicht zwingend erforderlich. Lokale oder systemische Virostatika verkürzen die Symptom- und Heilungsdauer im Regelfall lediglich um weniger als einen bis etwa zwei Tage [1].
- Lokale Virostase:
- Aciclovir, Penciclovir oder Foscarnet sollten möglichst bereits im Prodromalstadium (Frühphase vor sichtbaren Krankheitszeichen) mit Kribbeln, Juckreiz oder Brennen angewendet werden [FI1, FI2, FI3].
- Eine Behandlung kann bei Aciclovir und Penciclovir auch noch im Bläschenstadium (Phase mit sichtbaren Bläschen) begonnen werden. Die Aussage, lokale Virostatika seien nach Auftreten von Bläschen grundsätzlich unwirksam, ist nicht zutreffend. Nach Erreichen des Krustenstadiums (Phase der Krustenbildung) ist dagegen kein relevanter Nutzen mehr zu erwarten [4, 5, FI1, FI2].
- Die lokale Behandlung bietet nur einen moderaten klinischen Nutzen und ist vor allem bei leichten, umschriebenen Rezidiven geeignet [1, 4, 5].
- Systemische Virostase:
- Indiziert beziehungsweise zu erwägen bei ausgeprägten oder ausgedehnten Läsionen (krankhaft veränderten Hautstellen), starken Schmerzen, häufigen beziehungsweise erheblich belastenden Rezidiven, Immunsuppression (Schwächung des Immunsystems) oder erhöhtem Komplikationsrisiko.
- Bevorzugtes Kurzzeitregime bei immunkompetenten Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren: Valaciclovir 2-mal 2.000 mg an einem Tag. Die zweite Dosis wird etwa 12 Stunden, jedoch frühestens 6 Stunden nach der ersten Dosis eingenommen. Die Behandlung muss im Prodromalstadium begonnen werden [2, FI4].
- Aciclovir ist eine zugelassene Alternative zur systemischen Behandlung von Herpes-simplex-Infektionen der Haut (Infektionen der Haut durch Herpes-simplex-Viren). Famciclovir als Einzeldosis ist durch eine randomisierte Studie belegt, für Herpes labialis in Deutschland jedoch nicht zugelassen [3, FI5, FI6].
- Suppressionsbehandlung (vorbeugende Dauerbehandlung): Bei häufigen, schweren oder die Lebensqualität erheblich beeinträchtigenden Rezidiven kann nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung eine zeitlich begrenzte orale Suppressionsbehandlung erwogen werden. Eine starre Mindestzahl von Rezidiven besteht nicht; in Studien wurden überwiegend Patienten mit mindestens vier Rezidiven pro Jahr untersucht. Die Notwendigkeit ist nach 6 bis 12 Monaten erneut zu beurteilen [6, 7, FI4].
Weitere Empfehlungen
- Bei zuverlässig erkennbaren Prodromalsymptomen (Frühzeichen vor dem sichtbaren Krankheitsausbruch) kann das systemische Virostatikum zur selbst eingeleiteten Episodentherapie (Behandlung eines einzelnen Krankheitsausbruchs) vorab verordnet werden, damit die Einnahme ohne Verzögerung erfolgen kann [LL2].
- Vor und nach jeder lokalen Behandlung sind die Hände gründlich zu waschen. Die Creme sollte möglichst mit einem Wattestäbchen oder einem sauberen Finger aufgetragen werden.
- Während eines aktiven Herpes labialis sind Küssen, Oralverkehr sowie das gemeinsame Benutzen von Gläsern, Besteck, Handtüchern oder Lippenpflegeprodukten zu vermeiden.
- Insbesondere zu Neugeborenen, schwer immunsupprimierten Personen und Menschen mit ausgeprägter atopischer Dermatitis (Neurodermitis) ist bei aktiven Läsionen enger Kontakt zu vermeiden.
- Cave! Eine unverzügliche ärztliche Abklärung ist erforderlich bei Augenbeteiligung oder augennahen Läsionen, ausgedehntem beziehungsweise nekrotischem Befund, Eczema herpeticatum (großflächiger Herpesinfektion bei vorgeschädigter Haut), Immunsuppression, fehlender Abheilung innerhalb von 10 Tagen oder neurologischen Symptomen (Beschwerden des Nervensystems).
- Cave! Bei Verdacht auf eine Herpes-simplex-Enzephalitis (durch Herpes-simplex-Viren verursachte Gehirnentzündung) ist die sofortige stationäre Behandlung mit Aciclovir intravenös, in der Regel 10 mg/kg Körpergewicht alle 8 Stunden für mindestens 14 Tage, erforderlich. Auf ausreichende Hydrierung und eine Anpassung an die Nierenfunktion ist zu achten [LL1].
Wirkstoffe: Lokaltherapie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Aciclovir 5 % Creme | Möglichst im Prodromalstadium beginnen; ein Behandlungsbeginn ist auch noch im Bläschenstadium möglich. Nicht auf Schleimhäute oder am Auge auftragen [4, FI1]. |
| Penciclovir 1 % Creme | Für Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren. Auch ein Beginn im Bläschenstadium kann den Heilungsverlauf und die Schmerzdauer verkürzen [5, FI2]. |
| Foscarnet 2 % Creme | Möglichst im Prodromalstadium beginnen. Für Kinder und Jugendliche liegen keine ausreichenden Daten vor [FI3]. |
| Zinksulfat 1 % Gel | Zur Frühbehandlung; die klinische Evidenz ist schwächer als für nukleosidische Virostatika. Keine bevorzugte antivirale Standardtherapie [FI7]. |
- Wirkweise: Aciclovir und Penciclovir werden in virusinfizierten Zellen phosphoryliert und hemmen die virale DNA-Polymerase; Aciclovir führt zusätzlich zum Abbruch der viralen DNA-Synthese. Foscarnet hemmt die virale DNA-Polymerase unmittelbar. Zinkionen reduzieren in vitro die Infektiosität freier Herpesviren. Gegen latent in den Nervenganglien persistierende Viren sind diese Wirkstoffe nicht wirksam.
- Indikationen: Leichte, umschriebene, rezidivierende Episoden eines Herpes labialis bei immunkompetenten Patienten; größter Nutzen bei sehr frühem Behandlungsbeginn.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den jeweiligen Wirkstoff oder sonstige Bestandteile; keine Anwendung am Auge oder auf Schleimhäuten. Bei schwerer Immunsuppression ist eine alleinige Lokaltherapie nicht ausreichend.
- Nebenwirkungen: Vorübergehendes Brennen oder Stechen, Schmerzen, Trockenheit, Juckreiz, Erythem (Hautrötung), Abschuppung, Taubheitsgefühl, Kontaktdermatitis (Kontaktentzündung der Haut) und selten Überempfindlichkeitsreaktionen (allergische Reaktionen). Systemische nephrotoxische oder neurotoxische Wirkungen sind bei bestimmungsgemäßer topischer Anwendung nicht zu erwarten.
Systemische Therapie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Valaciclovir: Episodentherapie | Bevorzugtes, zugelassenes Kurzzeitregime für immunkompetente Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren; im Prodromalstadium beginnen. Eine Verlängerung über einen Tag bietet keinen zusätzlichen klinischen Nutzen. Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) [2, FI4]. |
| Aciclovir: Episodentherapie | Zugelassen zur Behandlung von Herpes-simplex-Infektionen der Haut. Möglichst bei den ersten Symptomen beginnen; Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz und ausreichende Flüssigkeitszufuhr beachten [FI5]. |
| Famciclovir: Episodentherapie | Wirksam bei Einnahme während der ersten Prodromalsymptome; in Deutschland für Herpes labialis nicht zugelassen, daher Off-Label-Use. Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz [3, FI6]. |
| Valaciclovir: Suppressionsbehandlung | Bei häufigen oder erheblich belastenden Rezidiven; individuelle Therapiedauer, erneute Beurteilung nach 6 bis 12 Monaten. Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz [7, FI4]. |
| Aciclovir: Suppressionsbehandlung | Für die Suppression eines rezidivierenden Herpes labialis durch randomisierte Studie belegt; bezüglich Herpes labialis in Deutschland Off-Label-Use. Verlauf und Fortbestehen der Indikation regelmäßig überprüfen [6, 7]. |
- Wirkweise: Aciclovir und sein Prodrug Valaciclovir sowie Famciclovir als Prodrug von Penciclovir hemmen nach Aktivierung in infizierten Zellen die virale DNA-Polymerase und damit die Virusreplikation.
- Indikationen: Schwere, ausgedehnte, schmerzhafte oder häufig rezidivierende Verläufe, erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität, Immunsuppression oder erhöhtes Komplikationsrisiko. Eine zusätzliche lokale antivirale Therapie ist unter einer wirksamen systemischen Behandlung in der Regel nicht erforderlich.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den jeweiligen Wirkstoff. Bei Niereninsuffizienz, höherem Lebensalter oder gleichzeitiger Behandlung mit nephrotoxischen Arzneimitteln sind Dosisanpassung, ausreichende Hydrierung und gegebenenfalls eine Kontrolle der Nierenfunktion erforderlich.
- Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe (Durchfall), Bauchschmerzen und Hautreaktionen. Selten treten akute Nierenschädigung, Kristallnephropathie (Nierenschädigung durch Kristallablagerungen) oder neuropsychiatrische Reaktionen (Störungen von Nervensystem und Psyche) wie Verwirrtheit, Halluzinationen (Sinneswahrnehmungen ohne äußeren Reiz), Somnolenz (krankhafte Schläfrigkeit) und Krampfanfälle (Anfälle mit unwillkürlichen Muskelzuckungen und möglicher Bewusstseinsstörung) auf, insbesondere bei Niereninsuffizienz, Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) oder nicht angepasster Dosierung.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- DHA – Docosahexaensäure
- DNA – Desoxyribonukleinsäure
- doi – Digital Object Identifier
- EPA – Eicosapentaensäure
- et al. – et alii
- FI – Fachinformation
- J Am Acad Dermatol – Journal of the American Academy of Dermatology
- J Evid Based Dent Pract – Journal of Evidence-Based Dental Practice
- JAMA – Journal of the American Medical Association
- kg – Kilogramm
- LL – Leitlinie
- mg – Milligramm
- NICE – National Institute for Health and Care Excellence
- S1 – erste Stufe der AWMF-Leitlinienklassifikation
Literatur
- Koe KH, Veettil SK, Maharajan MK et al.: Comparative efficacy of antiviral agents for prevention and management of herpes labialis: A systematic review and network meta-analysis. J Evid Based Dent Pract. 2023;23(1):101778. doi: 10.1016/j.jebdp.2022.101778
- Spruance SL, Jones TM, Blatter MM et al.: High-dose, short-duration, early valacyclovir therapy for episodic treatment of cold sores: Results of two randomized, placebo-controlled, multicenter studies. Antimicrob Agents Chemother. 2003;47(3):1072-1080. doi: 10.1128/AAC.47.3.1072-1080.2003
- Spruance SL, Bodsworth N, Resnick H et al.: Single-dose, patient-initiated famciclovir: A randomized, double-blind, placebo-controlled trial for episodic treatment of herpes labialis. J Am Acad Dermatol. 2006;55(1):47-53. doi: 10.1016/j.jaad.2006.02.031
- Spruance SL, Nett R, Marbury T et al.: Acyclovir cream for treatment of herpes simplex labialis: Results of two randomized, double-blind, vehicle-controlled, multicenter clinical trials. Antimicrob Agents Chemother. 2002;46(7):2238-2243. doi: 10.1128/AAC.46.7.2238-2243.2002
- Spruance SL, Rea TL, Thoming C et al.: Penciclovir cream for the treatment of herpes simplex labialis. A randomized, multicenter, double-blind, placebo-controlled trial. JAMA. 1997;277(17):1374-1379. doi: 10.1001/jama.1997.03540410052030
- Rooney JF, Straus SE, Mannix ML et al.: Oral acyclovir to suppress frequently recurrent herpes labialis. A double-blind, placebo-controlled trial. Ann Intern Med. 1993;118(4):268-272. doi: 10.7326/0003-4819-118-4-199302150-00004
- Chi CC, Wang SH, Delamere FM et al.: Interventions for prevention of herpes simplex labialis (cold sores on the lips). Cochrane Database Syst Rev. 2015;2015(8):CD010095. doi: 10.1002/14651858.CD010095.pub2
Leitlinien
- S1-Leitlinie: Virale Meningoenzephalitis. (AWMF-Registernummer: 030-100), Februar 2025 Langfassung
- National Institute for Health and Care Excellence: Herpes simplex – oral. Clinical Knowledge Summary, zuletzt überarbeitet Mai 2024. Management
Fachinformationen
- Fachinformation Zovirax Lippenherpescreme 5 % Aciclovir, Stand Mai 2019
- Fachinformation Pencivir bei Lippenherpes 10 mg/g Creme, Stand Juni 2023
- Fachinformation Triapten Antiviralcreme 2 %, Stand Januar 2024
- Fachinformation Valtrex 500 mg Filmtabletten, Stand April 2026
- Fachinformation Aciclovir-ratiopharm 200 mg/400 mg/800 mg Tabletten, Stand Mai 2026
- Fachinformation Famvir 125 mg/250 mg/500 mg Filmtabletten, Stand Mai 2019
- Fachinformation Virudermin Gel, Stand Oktober 2025