Herpes labialis – Differentialdiagnosen

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Allergische Kontaktcheilitis (allergische Lippenentzündung)/Kontaktdermatitis (Kontakt-Hautentzündung) – erythematöse (gerötete), juckende, brennende oder schuppende Lippenveränderung nach Kontakt mit Lippenpflege, Kosmetika, Zahnpasta, Dentalmaterialien (zahnärztlichen Materialien) oder Nahrungsmittelbestandteilen; keine gruppierten Vesikel (Bläschen) auf erythematösem Grund.
  • Erythema multiforme (akute entzündliche Haut- und Schleimhautreaktion) – akute immunvermittelte mukokutane Reaktion (durch das Abwehrsystem ausgelöste Haut- und Schleimhautreaktion), häufig Herpes-simplex-Virus-assoziiert (mit Herpesviren verbunden); typisch sind targetoide Hautläsionen (schießscheibenartige Hautveränderungen) und schmerzhafte erosiv-krustige Lippen- und Mundschleimhautläsionen (wunde und verkrustete Veränderungen an Lippen und Mundschleimhaut).
  • Impetigo contagiosa (Borkenflechte) – bakterielle, hochkontagiöse (sehr ansteckende) periorale Hautinfektion (Hautinfektion um den Mund), vor allem bei Kindern; honiggelbe Krusten, nässende Erosionen (oberflächliche Hautdefekte) und fehlendes typisches Prodrom (Vorzeichenstadium) sprechen eher gegen Herpes labialis (Lippenherpes).
  • Oraler Lichen planus (Knötchenflechte der Mundschleimhaut), erosive Form (wunde Form) – chronisch-entzündliche mukokutane Erkrankung (Haut- und Schleimhauterkrankung) mit retikulären (netzförmigen) weißlichen Zeichnungen, Erosionen oder Ulzera (Geschwüre); relevant bei persistierenden (anhaltenden) oder rezidivierenden (wiederkehrenden) Schleimhautläsionen.
  • Pemphigus vulgaris (blasenbildende Autoimmunerkrankung)/Schleimhautpemphigoid (blasenbildende Autoimmunerkrankung der Schleimhäute) – autoimmune bullöse Dermatosen (durch das Abwehrsystem verursachte blasenbildende Hauterkrankungen) mit schmerzhaften Erosionen der Mundschleimhaut und Lippen; differenzialdiagnostisch wichtig bei großflächigen, chronischen oder therapierefraktären (schwer behandelbaren) Läsionen.
  • Periorale Dermatitis (Mundrose) – papulopustulöse (mit Knötchen und Eiterbläschen einhergehende), erythematöse Erkrankung perioral (um den Mund), häufig mit Aussparung des Lippenrots; keine gruppierten Vesikel und keine typische Abheilung mit Krustenstadium wie bei Herpes labialis.
  • Reactive infectious mucocutaneous eruption (reaktive infektiöse Haut- und Schleimhautentzündung) – erregergetriggerte mukokutane Entzündungsreaktion (durch Erreger ausgelöste Haut- und Schleimhautentzündung), häufig nach respiratorischer Infektion (Atemwegsinfektion); kann mit ausgeprägter oraler beziehungsweise labialer Erosion (Erosion an Mund oder Lippe) und Krustenbildung einhergehen und klinisch ein schweres Herpes-simplex-Bild imitieren.
  • Stevens-Johnson-Syndrom (schwere Arznei- oder Infektionsreaktion der Haut und Schleimhäute)/toxische epidermale Nekrolyse (schwere Hautablösung) – schwere mukokutane Reaktion mit schmerzhaften Erosionen an Lippen, Mundschleimhaut, Augen und Genitalregion; Notfalldifferenzialdiagnose (Notfall-Abgrenzungsdiagnose) bei systemischen Symptomen (Beschwerden des ganzen Körpers), Fieber, Hautablösung oder Mehrschleimhautbefall (Befall mehrerer Schleimhäute).

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Akute herpetische Gingivostomatitis (akute Zahnfleisch- und Mundschleimhautentzündung durch Herpesviren) – meistens Primärinfektion (Erstinfektion) durch Herpes-simplex-Virus Typ 1 (Herpesvirus Typ 1), seltener durch Herpes-simplex-Virus Typ 2 (Herpesvirus Typ 2) bei oral-genitaler Transmission (Übertragung zwischen Mund und Genitalbereich); diffuse intraorale Vesikel (Bläschen im Mund) und Ulzera, Gingivitis (Zahnfleischentzündung), Fieber, ausgeprägte Schmerzen und Trink-/Essprobleme sprechen eher für eine primäre Gingivostomatitis als für einen lokal begrenzten rezidivierenden Herpes labialis.
  • Candidiasis (Pilzinfektion mit Candida), orale/periorale Form – weißliche abstreifbare Beläge, erythematöse Schleimhaut oder Mundwinkelbeteiligung; begünstigt durch Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems), Antibiotikatherapie, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder Prothesentragen.
  • Hand-Fuß-Mund-Krankheit (Virusinfektion mit Bläschen an Mund, Händen und Füßen) – Enterovirusinfektion (Infektion mit Enteroviren) mit oralen Vesikeln/Ulzera und typischen Exanthemen (Hautausschlägen) an Händen, Füßen oder Gesäß; vor allem bei Kindern relevant.
  • Herpangina (Zahorsky-Krankheit) (fieberhafte Rachenentzündung mit Bläschen) – enterovirale Stomatitis (Mundschleimhautentzündung durch Enteroviren)/Pharyngitis (Rachenentzündung), insbesondere durch Coxsackie-A-Viren, seltener durch Coxsackie-B-Viren oder andere Enteroviren; typisch sind Fieber und kleine Vesikel beziehungsweise Ulzera im hinteren Oropharynx (Mundrachen), am weichen Gaumen, an Tonsillenpfeilern (Gaumenmandelbögen) oder Uvula (Zäpfchen).
  • Herpes zoster trigeminalis (Gürtelrose im Versorgungsgebiet des Drillingsnervs) – unilateraler (einseitiger), dermatomaler (auf ein Hautnervengebiet begrenzter) vesikulärer Ausschlag im Versorgungsgebiet des Nervus trigeminus (Drillingsnerv); stärkere neuralgiforme Schmerzen (nervenartige Schmerzen) und Begrenzung auf ein Dermatom (Hautnervengebiet) sprechen für Zoster (Gürtelrose).
  • Mpox (Affenpocken) – vesikulopustulöse (mit Bläschen und Eiterbläschen einhergehende) oder ulzerierende Läsionen auch oral oder perioral möglich; differenzialdiagnostisch relevant bei passender Exposition (Ansteckungssituation), Lymphadenopathie (Lymphknotenschwellung), genitalen/anorektalen Läsionen (Veränderungen im Genital- oder Afterbereich) oder systemischen Symptomen.
  • Syphilis (Lues), primärer oraler/labialer Primäraffekt (erste Krankheitsstelle im Mund oder an der Lippe) – meistens schmerzloses, induriertes Ulkus (verhärtetes Geschwür) mit regionaler Lymphadenopathie; insbesondere bei persistierender Ulzeration (Geschwürbildung) oder Risikokonstellation abzugrenzen.
  • Varizellen (Windpocken) – generalisiertes (den ganzen Körper betreffendes), polymorphes vesikuläres Exanthem (vielgestaltiger Bläschenausschlag) mit Läsionen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien; labiale oder orale Läsionen können Herpes labialis imitieren.

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Aphthöse Stomatitis (Mundschleimhautentzündung mit Aphthen), rezidivierende Aphthen einschließlich herpetiformer Aphthen (herpesähnlicher Aphthen) – schmerzhafte, rundliche Ulzera mit fibrinösem Belag (weißlich-gelblichem Belag) und erythematösem Hof, typischerweise an nicht keratinisierter Mundschleimhaut (nicht verhornter Mundschleimhaut); keine vorausgehenden gruppierten Vesikel.
  • Cheilitis actinica (lichtbedingte Lippenentzündung) – chronisch UV-induzierte Veränderung des Lippenrots mit Trockenheit, Schuppung, Erosionen oder Verhärtung; wegen Präkanzerosecharakter (Vorstufencharakter für Krebs) bei persistierenden Lippenläsionen wichtig.
  • Cheilitis angularis (Mundwinkelrhagaden) – entzündliche Rhagaden (Einrisse) und Erosionen der Mundwinkel, häufig durch Candida (Hefepilz), Staphylokokken (Bakterien), Speichelmazeration (Aufweichen durch Speichel), Prothesenprobleme oder Mangelzustände begünstigt.
  • Cheilitis exfoliativa/irritativa (schuppende/reizbedingte Lippenentzündung) – chronisch schuppende, fissurierte (rissige) oder brennende Lippenveränderung ohne typische gruppierte Herpesvesikel (Herpesbläschen).
  • Morbus Crohn (chronisch-entzündliche Darmerkrankung) – kann mit aphthoiden oralen Ulzera (aphthenähnlichen Geschwüren im Mund), Lippenschwellung, Pflastersteinrelief (pflastersteinartiger Schleimhautveränderung) oder extraintestinalen Schleimhautveränderungen (Schleimhautveränderungen außerhalb des Darms) einhergehen; relevant bei gastrointestinalen Begleitsymptomen (Beschwerden des Magen-Darm-Trakts).
  • Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) – mögliche Assoziation (Zusammenhang) mit rezidivierenden aphthösen oralen Läsionen; differenzialdiagnostisch bei chronisch-rezidivierenden Ulzera und Malabsorptionshinweisen (Hinweisen auf gestörte Nährstoffaufnahme) zu berücksichtigen.

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Behçet-Syndrom (entzündliche Gefäßerkrankung mit Schleimhautgeschwüren) – systemische Vaskulitis (entzündliche Gefäßerkrankung des ganzen Körpers) mit rezidivierenden oralen Aphthen, genitalen Ulzera, Augenbeteiligung und Hautmanifestationen (Hauterscheinungen); wichtig bei rezidivierenden, multiplen (mehrfachen) oder systemisch begleiteten Ulzerationen.
  • Systemischer Lupus erythematodes (autoimmune Bindegewebserkrankung) – autoimmune Systemerkrankung (das ganze Körpersystem betreffende Autoimmunerkrankung) mit möglichen oralen oder nasalen Ulzera, Photosensitivität (Lichtempfindlichkeit), Exanthem und systemischen Organmanifestationen (Organbeteiligungen); relevant bei chronischen oder rezidivierenden Schleimhautläsionen mit Allgemeinsymptomen.

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Akute Leukämien (akuter Blutkrebs) – können mit aphthoiden, nekrotisierenden (gewebszerstörenden) oder schlecht heilenden oralen Ulzera, Gingivahyperplasie (Zahnfleischvergrößerung), Blutungsneigung, Fieber oder Infektanfälligkeit einhergehen.
  • Lippenkarzinom (Lippenkrebs)/orales Plattenepithelkarzinom (Mundhöhlenkrebs aus Deckgewebe) – nicht abheilendes, induriertes, ulzerierendes oder blutendes Lippen- beziehungsweise Mundschleimhautareal; Red-Flag-Diagnose (Warnzeichen-Diagnose) bei Persistenz über 2-3 Wochen, Verhärtung oder Risikofaktoren.
  • Orale potentiell maligne Erkrankungen (mögliche Krebsvorstufen im Mund), insbesondere Leukoplakie (weiße Schleimhautveränderung) und Erythroplakie (rote Schleimhautveränderung) – persistierende weiße oder rote Schleimhautveränderungen, gegebenenfalls erosiv; differenzialdiagnostisch relevant bei nicht abheilenden oder atypischen Läsionen.

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Chemische Schleimhautläsion (chemische Schleimhautschädigung) – erosive oder ulzerierende Lippen- beziehungsweise Mundschleimhautschädigung nach Kontakt mit ätzenden Substanzen, hochkonzentrierten Lokaltherapeutika (örtlich angewendeten Behandlungsstoffen) oder irritierenden Dental-/Kosmetikprodukten.
  • Mechanisch-traumatische Lippen- oder Mundschleimhautulzera (verletzungsbedingte Lippen- oder Mundschleimhautgeschwüre) – durch Bissverletzung, scharfe Zahnkante, Prothese, kieferorthopädische Apparatur oder Manipulation; meistens solitäre Läsion (einzelne Veränderung) ohne gruppierte Vesikel.
  • Thermische Schleimhautläsion (hitzebedingte Schleimhautschädigung) – Verbrennung durch heiße Speisen, Getränke oder inhalative Hitzeexposition (Einwirkung eingeatmeter Hitze); akute Erosion oder Blasenbildung ohne typische Herpesrezidivanamnese (Vorgeschichte wiederkehrender Herpesausbrüche).

Medikamente

  • Fixes Arzneimittelexanthem (immer wieder an derselben Stelle auftretender Arzneimittelausschlag) – rezidivierende, scharf begrenzte erythematös-violaceöse Plaque (rötlich-violette flache Hautveränderung) oder Erosion an derselben Stelle nach erneuter Medikamentenexposition (Kontakt mit dem auslösenden Medikament); kann labial auftreten und Herpes labialis imitieren.
  • Medikamentös induzierte Lippen- oder Mundschleimhautulzera (durch Medikamente ausgelöste Lippen- oder Mundschleimhautgeschwüre) – möglich unter zytotoxischer Chemotherapie (zellschädigender Krebsbehandlung), Methotrexat, Bisphosphonaten, Nicorandil oder anderen ulzerogenen Substanzen (geschwürfördernden Stoffen); Verdacht bei zeitlichem Zusammenhang zur Medikation.