Bakterielle Hirnhautentzündung (bakterielle Meningitis) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Erregerelimination: rascher Beginn einer wirksamen, ausreichend hoch dosierten Antibiotikatherapie.
  • Vermeidung von Komplikationen: Senkung von Mortalität, neurologischen Folgeschäden und Hörverlust.
  • Infektionskontrolle: Sanierung des Infektionsherdes und gegebenenfalls Postexpositionsprophylaxe (vorbeugende Behandlung nach Erregerkontakt) für enge Kontaktpersonen.

Therapieempfehlungen

Die Empfehlungen für die ambulant erworbene bakterielle Meningitis (durch Bakterien verursachte Hirnhautentzündung) im Erwachsenenalter orientieren sich an der S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 030-089, Version 6.0 vom April 2023, gültig bis 27. April 2028. Für Neugeborene, Kinder und nosokomiale Infektionen (im Zusammenhang mit einer medizinischen Versorgung erworbene Infektionen) gelten ergänzende Empfehlungen [LL1 bis LL4].

  • Notfallbehandlung: Bei klinischem Verdacht sofortige stationäre Aufnahme und frühestmöglicher intravenöser Therapiebeginn, möglichst innerhalb einer Stunde nach Eintreffen im Krankenhaus. Erregernachweis und Resistogramm dürfen nicht abgewartet werden [LL1, LL3].
  • Blutkulturen und Liquordiagnostik: Vor der ersten Antibiotikagabe möglichst zwei Blutkultursets entnehmen. Bei fehlenden Kontraindikationen unverzüglich Lumbalpunktion; entsteht dadurch eine Verzögerung, Antibiotika und Dexamethason bereits vorher verabreichen [LL1].
  • Bildgebung vor Lumbalpunktion: Keine routinemäßige kraniale Computertomographie vor jeder Punktion. Bei schwerer Bewusstseinsstörung, neuen fokal-neurologischen Defiziten (umschriebenen Ausfällen von Nervenfunktionen) oder neu aufgetretenen epileptischen Anfällen (Anfällen durch eine vorübergehende Störung der Gehirnaktivität) zuerst Blutkulturen, sofortige Therapie und anschließend Bildgebung. Bei Gerinnungsstörung oder instabiler Atmung beziehungsweise Kreislaufsituation die Punktion zurückstellen [LL1, LL3].
  • Initiales Antibiotikaregime bei Erwachsenen: Bei ambulant erworbener Meningitis ohne Immunsuppression (Unterdrückung der körpereigenen Abwehr) Ceftriaxon plus Ampicillin; die Listerienabdeckung wird nach deutscher Leitlinie nicht auf Patienten über 50 Jahre beschränkt. Bei begründetem Risiko cephalosporinresistenter Pneumokokken zusätzlich Vancomycin oder Rifampicin [LL1].
  • Besondere Konstellationen: Bei relevanter Immunsuppression, nach neurochirurgischem Eingriff, bei penetrierendem Schädel-Hirn-Trauma (offener Kopfverletzung mit Eindringen in den Schädel) oder Shuntinfektion (Infektion einer künstlichen Ableitung von Hirnwasser) das Regime dem erweiterten Erregerspektrum anpassen; häufig Vancomycin plus Meropenem. Bei nosokomialer Meningitis (im Zusammenhang mit einer medizinischen Versorgung erworbener Hirnhautentzündung) ist Vancomycin plus Ceftazidim eine Alternative, abhängig von lokaler Resistenzlage und Vorbefunden [LL1, LL2].
  • Fokusbehandlung: Ein otogener oder sinugener Ursprung (Ursprung im Ohr oder in den Nasennebenhöhlen) bedeutet nicht automatisch eine nosokomiale Infektion. HNO-ärztliche Untersuchung und gegebenenfalls dringliche operative Sanierung; bei Abszess (abgekapselter Eiteransammlung), Empyem (Eiteransammlung in einer vorbestehenden Körperhöhle) oder besonderem Anaerobierrisiko angepasstes Regime [LL1].
  • Deeskalation: Nach Erregeridentifizierung und Empfindlichkeitsprüfung gezielt behandeln. Bei schwerer Sofortreaktion auf Beta-Lactam-Antibiotika unverzüglich infektiologische Rücksprache; eine Penicillinallergie nicht ungeprüft mit einer Kontraindikation gegen sämtliche Cephalosporine gleichsetzen [LL2, LL3, FI1, FI2].

Wirkstoffe der Akuttherapie

Die Erwachsenendosen gelten für normale Organfunktion. Nierenfunktion, Körpergewicht, Erregersensibilität und gegebenenfalls therapeutisches Drug-Monitoring berücksichtigen. Pädiatrische Angaben sind ausdrücklich gekennzeichnet; bei Früh- und Neugeborenen sowie jungen Säuglingen sind Dosierung und Intervalle gesondert festzulegen. Die genannten Antibiotika werden zur Akutbehandlung intravenös angewendet.

Aminopenicilline

Wirkstoff Besonderheiten
Ampicillin Initial zusammen mit Ceftriaxon oder Cefotaxim; entscheidend für die Listerienabdeckung. Bei nachgewiesener Listerienmeningitis (durch Listerien verursachter Hirnhautentzündung) gezielte Therapie nach Antibiogramm. Bei Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) anpassen [LL1, FI1].
  • Wirkweise: bakterizide Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese.
  • Indikationen: kalkulierte Listerienabdeckung und Behandlung empfindlicher Listerien, Enterokokken oder anderer nachgewiesen empfindlicher Erreger [FI1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Penicilline; bei vorausgegangener schwerer Reaktion auf andere Beta-Lactam-Antibiotika individuelle Prüfung. Niereninsuffizienz erfordert eine Dosisanpassung [FI1].
  • Nebenwirkungen: allergische Reaktionen bis zur Anaphylaxie (schwerer allergischer Allgemeinreaktion), Exanthem (Hautausschlag), Diarrhoe (Durchfall) einschließlich Clostridioides-difficile-assoziierter Colitis (durch Clostridioides difficile verursachter Dickdarmentzündung); bei Akkumulation Neurotoxizität (Schädigung des Nervensystems) und Krampfanfälle. Natriumbelastung hoher parenteraler Dosen beachten [FI1].

Cephalosporine der 3. Generation

Wirkstoff Besonderheiten
Ceftriaxon Standard bei ambulant erworbener Meningitis; initial bei Erwachsenen mit Ampicillin. Keine Wirksamkeit gegen Listerien und Pseudomonas aeruginosa. Eine zusätzliche Startdosis von 4 g neben dem regulären Tagesregime ist nicht regelhaft erforderlich [LL1, FI2].
Cefotaxim Alternative zu Ceftriaxon; auch Bestandteil neonataler Regime. Keine Listerien- oder Pseudomonaswirksamkeit. Bei Niereninsuffizienz anpassen [LL1, LL4, FI3].
Ceftazidim Pseudomonaswirksames Cephalosporin; bei nosokomialer Meningitis initial mit Vancomycin. Kein gleichwertiger Ersatz für Ceftriaxon in der kalkulierten ambulant erworbenen Meningitis. Bei Niereninsuffizienz anpassen [LL2, FI4].
  • Wirkweise: bakterizide Hemmung der Zellwandsynthese.
  • Indikationen: Ceftriaxon und Cefotaxim bei empfindlichen Pneumokokken, Meningokokken, Haemophilus influenzae und gramnegativen Erregern; Ceftazidim insbesondere bei empfindlichen Pseudomonaden. Das Wirkspektrum darf nicht pauschal auf alle Cephalosporine übertragen werden [FI2 bis FI4].
  • Kontraindikationen: Cephalosporinallergie und schwere Sofortreaktion auf andere Beta-Lactam-Antibiotika. Für Ceftriaxon gelten zusätzliche Gegenanzeigen bei Frühgeborenen, bestimmten Neugeborenen mit gestörter Bilirubinbindung und Neugeborenen mit erforderlicher intravenöser Calciumgabe; Calcium-Kompatibilität bei allen Patienten beachten [FI2 bis FI4].
  • Nebenwirkungen: Überempfindlichkeitsreaktionen, gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden), Clostridioides-difficile-assoziierte Colitis, Blutbildveränderungen; Neurotoxizität bei Akkumulation. Ceftriaxon kann biliäre Ausfällungen (Ablagerungen in der Gallenflüssigkeit) verursachen [FI2 bis FI4].

Bei Ceftriaxon erfordert eine isolierte Nierenfunktionsstörung nicht generell eine Dosisreduktion. Die Fachinformation begrenzt jedoch bei einer Kreatinin-Clearance unter 10 ml/min die Tagesdosis auf 2 g. Diese Situation sowie eine kombinierte schwere Nieren- und Leberfunktionsstörung verlangen bei Meningitis eine individuelle infektiologisch-pharmakologische Therapieplanung [FI2].

Carbapeneme

Wirkstoff Besonderheiten
Meropenem Reserve bei entsprechender Resistenzlage, nosokomialer Infektion oder Immunsuppression; initial häufig zusammen mit Vancomycin. Nierenfunktion berücksichtigen [LL1, LL2, FI5].
  • Wirkweise: bakterizide Hemmung der Zellwandsynthese mit breitem Wirkspektrum.
  • Indikationen: empfindliche gramnegative Erreger einschließlich Pseudomonas aeruginosa und zahlreicher ESBL-bildender Enterobacterales; situationsabhängig Listerien. Keine verlässliche Abdeckung von Methicillin-resistentem Staphylococcus aureus [FI5].
  • Kontraindikationen: Carbapenemallergie beziehungsweise schwere Überempfindlichkeitsreaktion auf andere Beta-Lactam-Antibiotika. Gleichzeitige Valproattherapie vermeiden, da Meropenem den Valproatspiegel stark senken und dadurch Anfälle begünstigen kann [FI5].
  • Nebenwirkungen: Diarrhoe, Übelkeit, Exanthem, erhöhte Leberenzyme, Clostridioides-difficile-assoziierte Colitis und Krampfanfälle [FI5].

Glykopeptidantibiotika

Wirkstoff Besonderheiten
Vancomycin Keine starre Standarddosis von 1 g zweimal täglich für jeden Patienten. Langsame Infusion. Bei nosokomialer Meningitis unter intermittierender Gabe nennt die IDSA einen Talspiegel von 15 bis 20 mg/l; Expositionskontrolle und Nephrotoxizitätsrisiko gemeinsam bewerten [LL2, FI6].
  • Wirkweise: bakterizide Hemmung der Zellwandsynthese grampositiver Bakterien.
  • Indikationen: nosokomiale beziehungsweise fremdkörperassoziierte Infektionen mit möglicher Beteiligung resistenter Staphylokokken; zusätzliche Abdeckung cephalosporinresistenter Pneumokokken. Keine Monotherapie der kalkulierten nosokomialen Meningitis [LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Bei Niereninsuffizienz Dosis und Intervall anhand des therapeutischen Drug-Monitorings anpassen; andere nephrotoxische Arzneimittel möglichst vermeiden [FI6].
  • Nebenwirkungen: akute Nierenschädigung, infusionsbedingte Reaktionen mit Flush (plötzlicher Hautrötung) und Hypotonie (niedrigem Blutdruck), selten Ototoxizität (Schädigung des Hör- oder Gleichgewichtsorgans) und schwere Hautreaktionen. Zur Meningitistherapie ist orales Vancomycin ungeeignet [FI6].

Aminoglykoside

Wirkstoff Besonderheiten
Gentamicin Nur als gezielt gewählter Kombinationspartner, beispielsweise bei ausgewählten Listerieninfektionen. Begrenzte Liquorpenetration und Toxizität berücksichtigen. Kein routinemäßiger Zusatz zu jeder Meningitistherapie [LL1, FI7].
  • Wirkweise: bakterizide Hemmung der bakteriellen Proteinsynthese an der 30S-Untereinheit.
  • Indikationen: ausgewählte schwere Infektionen mit empfindlichen Erregern in Kombination mit einem geeigneten Basisantibiotikum [FI7].
  • Kontraindikationen: Aminoglykosidallergie; bei Myasthenia gravis (Autoimmunerkrankung mit belastungsabhängiger Muskelschwäche) oder anderen Störungen der neuromuskulären Übertragung (Störungen der Signalweiterleitung vom Nerv auf den Muskel) besondere Vorsicht. Niereninsuffizienz erfordert individuelle Anpassung [FI7].
  • Nebenwirkungen: Nephrotoxizität (Nierenschädigung), teilweise irreversible cochleäre oder vestibuläre Ototoxizität und neuromuskuläre Blockade (Unterbrechung der Signalweiterleitung vom Nerv auf den Muskel) [FI7].

Eine routinemäßige intrathekale Gentamicingabe, insbesondere bei Neugeborenen, ist nicht Bestandteil der Standardtherapie. Eine intraventrikuläre Antibiotikatherapie bleibt ausgewählten, systemisch unzureichend behandelbaren nosokomialen Infektionen unter spezialärztlicher Leitung vorbehalten [LL2].

Rifamycine als Kombinationspartner

Wirkstoff Besonderheiten
Rifampicin Situationsabhängiger Zusatz bei resistenten Pneumokokken oder empfindlichen Staphylokokken mit Fremdmaterial. Behandlung einer manifesten Infektion ausschließlich in geeigneter Kombination; rasche Resistenzentwicklung bei Monotherapie [LL1, LL2].
  • Wirkweise: bakterizide Hemmung der bakteriellen DNA-abhängigen RNA-Polymerase.
  • Indikationen: ausgewählte Kombinationstherapien; bei Shuntinfektion gehört die Entfernung beziehungsweise Sanierung infizierten Fremdmaterials zum Behandlungskonzept [LL2].
  • Kontraindikationen: Rifamycinallergie, schwere Leberfunktionsstörung und bestimmte kontraindizierte Arzneimittelkombinationen. Als starker Enzyminduktor vermindert Rifampicin unter anderem die Wirkung hormoneller Kontrazeptiva, zahlreicher Antikoagulanzien und Immunsuppressiva [FI8].
  • Nebenwirkungen: Hepatotoxizität (Leberschädigung), gastrointestinale Beschwerden, Überempfindlichkeit, Blutbildveränderungen und orange-rote Verfärbung von Körperflüssigkeiten [FI8].

Adjuvante Glucocorticoidtherapie

Wirkstoff Besonderheiten
Dexamethason Erste Gabe unmittelbar vor oder zusammen mit dem ersten Antibiotikum. Antibiotikatherapie nicht für Dexamethason verzögern. Bei Kindern Fortführung insbesondere bei Pneumokokken oder Haemophilus influenzae Typ b; bei jungen Säuglingen individuelle Entscheidung [1, LL1, LL3].
  • Wirkweise: Abschwächung der meningealen Entzündungsreaktion; bei Erwachsenen ist der Nutzen besonders für die Pneumokokkenmeningitis (durch Pneumokokken verursachte Hirnhautentzündung) belegt [1].
  • Indikationen: initial bei Erwachsenen mit Verdacht auf ambulant erworbene bakterielle Meningitis. Nach Erregerklärung Fortführung gezielt prüfen. Bei Meningokokkenmeningitis (durch Meningokokken verursachter Hirnhautentzündung) keine routinemäßige viertägige Fortsetzung; bei Hörstörung kann sie erwogen werden. Für Listerienmeningitis bestehen widersprüchliche Beobachtungsdaten ohne randomisierten Wirksamkeitsnachweis; fachärztliche Einzelfallentscheidung. Bei nosokomialer und neonataler Meningitis keine etablierte routinemäßige Anwendung [2, LL1 bis LL4].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; bei gastrointestinaler Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt), schlecht kontrolliertem Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder zusätzlichen Infektionen individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung. Bei bakterieller Meningitis nur zusammen mit wirksamer Antibiotikatherapie [FI9].
  • Nebenwirkungen: Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker), gastrointestinale Blutung, psychische beziehungsweise delirante Symptome (Zeichen eines akuten Verwirrtheitszustands) und erhöhte Infektionsanfälligkeit. Die verminderte meningeale Entzündung kann die Liquorpenetration von Vancomycin reduzieren; ausreichende Antibiotikaexposition sicherstellen [LL1, FI9].

Erregergerichtete Therapie und Behandlungsdauer

  • Meningokokken: Ceftriaxon oder Cefotaxim; Penicillin G nur bei gesicherter Empfindlichkeit. Bei unkompliziertem Verlauf im Erwachsenenalter nach AWMF 7 bis 10 Tage [LL1].
  • Pneumokokken: Ceftriaxon oder Cefotaxim bei Empfindlichkeit; bei Resistenz gezielte Kombination. Bei unkompliziertem Verlauf 10 bis 14 Tage [LL1].
  • Haemophilus influenzae: Ceftriaxon oder Cefotaxim; Deeskalation nur nach Resistenzbefund. Bei unkompliziertem Verlauf im Erwachsenenalter 7 bis 10 Tage [LL1].
  • Listeria monocytogenes: Ampicillin; Alternativen und eine mögliche Kombinationstherapie infektiologisch festlegen. In der Regel mindestens 21 Tage, bei Komplikationen länger [LL1, LL3].
  • Gramnegative Enterobacterales: resistenzgerechtes liquorgängiges Antibiotikum, beispielsweise Ceftriaxon, Cefotaxim oder Meropenem. Meist mindestens 21 Tage; Verlauf und Komplikationen bestimmen die Dauer [LL1, LL3].
  • Nosokomiale Meningitis und Shuntinfektion: Dauer nach Erreger, Verlauf und Liquorsterilisation; bei Staphylococcus aureus beziehungsweise gramnegativen Stäbchen häufig 10 bis 14 Tage, bei gramnegativen Erregern teilweise 21 Tage. Bei wiederholt positiven Liquorkulturen weitere 10 bis 14 Tage nach der letzten positiven Kultur. Fremdmaterialsanierung berücksichtigen [LL2].
  • Komplizierter Verlauf: Ventrikulitis (Entzündung der Hirnkammern), Abszess, Empyem oder persistierende Infektion können eine längere Therapie verlangen. Eine pauschale Behandlungsdauer von 7 bis 10 Tagen ist nicht für alle Erreger und Altersgruppen geeignet [LL1 bis LL4].

Die tuberkulöse Meningitis (durch Tuberkulosebakterien verursachte Hirnhautentzündung) erfordert eine gesonderte antituberkulöse Kombinationstherapie und wird nicht nach den hier dargestellten Regimen der akuten eitrigen Meningitis behandelt [LL3].

Besonderheiten bei Neugeborenen und Kindern

  • Neugeborene und junge Säuglinge: Kalkuliert ein Aminopenicillin plus Cefotaxim; Streptococcus agalactiae, gramnegative Enterobacterales und Listerien berücksichtigen. Ein Sepsisregime aus Aminopenicillin und Gentamicin darf bei vermuteter Meningitis nicht ohne Prüfung der erforderlichen Liquorwirksamkeit übernommen werden [LL4].
  • Neonatale Dosierung: Gestationsalter, postnatales Alter, Gewicht und Nierenfunktion bestimmen Dosis und Intervall. Keine Übertragung der Erwachsenendosen oder eines einheitlichen Neugeborenenschemas. Ceftriaxon ist wegen der neonatalen Gegenanzeigen häufig ungeeignet [LL4, FI2].
  • Neonatale Therapiedauer: Bei unkomplizierter Gruppe-B-Streptokokkenmeningitis (durch Gruppe-B-Streptokokken verursachter Hirnhautentzündung) normalerweise mindestens 14 Tage. Bei gramnegativen Erregern oder Listerien länger und nach pädiatrisch-infektiologischer Festlegung; Liquorsterilisation und Komplikationen berücksichtigen [LL3, LL4].
  • Ältere Säuglinge und Kinder: Ceftriaxon oder Cefotaxim als Basis; weitere Antibiotika nach Alter, Risikofaktoren und Resistenzlage. Dexamethason alters- und erregerbezogen einsetzen. Die Dexamethasondosis muss dem altersbezogenen Regime entsprechen [LL3, FI2, FI3].

Benzodiazepine bei anhaltenden epileptischen Anfällen

Wirkstoff Besonderheiten
Lorazepam Bei Anfall über 5 Minuten oder rezidivierenden Anfällen ohne zwischenzeitliche Erholung. Atemwegsmanagement und Reanimationsbereitschaft sicherstellen; bei fehlendem Ansprechen unverzüglich nach Status-epilepticus-Schema weiterbehandeln [FI11].
  • Wirkweise: Verstärkung der GABA-vermittelten inhibitorischen Neurotransmission.
  • Indikationen: akute Beendigung eines anhaltenden epileptischen Anfalls beziehungsweise Status epilepticus (anhaltenden epileptischen Anfalls oder wiederholter Anfälle ohne zwischenzeitliche Erholung) [FI11].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; präparatespezifisch unter anderem Schock (lebensbedrohliches Kreislaufversagen) beziehungsweise Kollaps (Kreislaufzusammenbruch), gleichzeitige Scopolamingabe und Anwendung bei Früh- oder Neugeborenen. Schwere Ateminsuffizienz (unzureichende Atemfunktion) und Myasthenia gravis erfordern besondere Vorsicht; bei lebensbedrohlichem Status Nutzen-Risiko-Abwägung und Atemwegssicherung [FI11].
  • Nebenwirkungen: Atemdepression (Dämpfung des Atemantriebs), Sedierung und Hypotonie; additive Wirkung anderer zentral dämpfender Arzneimittel [FI11].

Überwachung und weitere Maßnahmen

  • Intensivmedizin: Initial engmaschige Überwachung, insbesondere bei Bewusstseinsstörung, Sepsis (lebensbedrohlicher Organschädigung durch eine fehlgesteuerte Abwehrreaktion auf eine Infektion), respiratorischer Insuffizienz oder Kreislaufinstabilität; bei schwerem Verlauf Behandlung auf einer entsprechend erfahrenen Intensivstation [LL1].
  • Arzneimittelsicherheit: Nierenfunktion, Blutbild, Elektrolyte und Leberparameter entsprechend dem Regime kontrollieren. Bei Vancomycin und Gentamicin Serumspiegel bestimmen; bei neurologischer Verschlechterung auch eine Antibiotika-Neurotoxizität erwägen [FI1 bis FI8].
  • Flüssigkeitstherapie: Euvolämie anstreben; keine routinemäßige Flüssigkeitsrestriktion. Natriumstörungen und einen erhöhten intrakraniellen Druck gezielt behandeln [LL3, LL4].
  • Fehlende Besserung: Bei anhaltender Verschlechterung oder fehlender klinischer Besserung nach etwa 48 Stunden Resistenz, unzureichende Exposition, nicht sanierten Fokus und intrakranielle Komplikationen prüfen [LL1].
  • Hörvermögen und Nachsorge: Hördiagnostik und neurologische Verlaufskontrolle organisieren; bei Hörverlust frühzeitig HNO-ärztlich weiterbehandeln [LL3].
  • Infektionsschutz: Bei Verdacht auf invasive Meningokokkenerkrankung Tröpfchenschutz bis 24 Stunden nach Beginn wirksamer Antibiotikatherapie. Krankheitsverdacht, Erkrankung und Tod durch Meningokokkenmeningitis oder -sepsis unverzüglich an das Gesundheitsamt melden [LL5].

Postexpositionsprophylaxe bei Meningokokken

  • Indikation: Enge Kontaktpersonen, insbesondere Haushaltsmitglieder, Personen mit direktem Kontakt zu oropharyngealen Sekreten (Absonderungen aus Mund und Rachen) und entsprechende Kontakte in Kindereinrichtungen oder Einrichtungen mit haushaltsähnlichem Charakter. Für Personal entsteht die Indikation insbesondere bei ungeschütztem Sekretkontakt, nicht allein durch Aufenthalt im Patientenzimmer. Ein vorhandener Impfschutz schließt die Chemoprophylaxe nicht aus [LL5, LL6].
  • Zeitfenster: Exposition ab 7 Tagen vor Erkrankungsbeginn bis 24 Stunden nach Beginn wirksamer Behandlung berücksichtigen. Prophylaxe sofort nach Feststellung der Indikation; sinnvoll bis maximal 10 Tage nach dem letzten relevanten Kontakt [LL5].
  • Zusätzliche Impfung: Bei engen Haushaltskontakten serogruppengerechte Impfung nach STIKO prüfen. Die Impfung ersetzt die Chemoprophylaxe nicht. Nach alleiniger Penicillin-G-Therapie benötigt der Indexpatient vor Entlassung eine zusätzliche Eradikationsbehandlung [LL5, LL6].

Postexpositionsprophylaxe bei Haemophilus influenzae Typ b

  • Indikation: Nach engem Kontakt insbesondere exponierte, unzureichend geimpfte Kinder unter 5 Jahren, Personen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko und alle Haushaltsmitglieder, wenn dort ein unzureichend geimpftes Kind unter 5 Jahren oder eine Risikoperson lebt. In Ausbrüchen gelten erweiterte Empfehlungen für betroffene Gruppen und Kontakte zu vulnerablen Personen [LL6, LL7].
  • Zeitfenster und Impfung: Beginn möglichst sofort, spätestens 7 Tage nach Erkrankungsbeginn des Indexfalls; in bestimmten Ausbruchssituationen bis Tag 28 sinnvoll. Fehlende Hib-Impfungen nachholen. Die Empfehlung gilt für Typ b und darf nicht pauschal auf alle Haemophilus-influenzae-Infektionen übertragen werden [LL6, LL7].

Rifamycine zur Postexpositionsprophylaxe

Wirkstoff Besonderheiten
Rifampicin bei Meningokokkenexposition Insgesamt vier Gaben. Altersgeeignete Darreichungsform verwenden; Zulassungsstatus des konkreten Präparats insbesondere bei Neugeborenen prüfen, gegebenenfalls Off-Label-Use [LL6, FI8].
Rifampicin bei Hib-Exposition Erste Wahl nach STIKO. Für Neugeborene individuelle pädiatrisch-infektiologische Festlegung. Das Hib-Schema unterscheidet sich vom Meningokokkenschema [LL6, LL7].
  • Wirkweise: Hemmung der bakteriellen RNA-Synthese und Eradikation der nasopharyngealen Besiedlung.
  • Indikationen: indizierte Chemoprophylaxe nach Meningokokken- beziehungsweise Hib-Exposition [LL5 bis LL7].
  • Kontraindikationen: Rifamycinallergie, schwere Leberfunktionsstörung und kontraindizierte Interaktionen. Hormonelle Kontrazeption und Begleitmedikation prüfen. In der Schwangerschaft die substanz- und indikationsbezogenen Empfehlungen beachten; keine pauschale Übertragung von Regeln zwischen Meningokokken- und Hib-Prophylaxe [LL6, LL7, FI8].
  • Nebenwirkungen: gastrointestinale Beschwerden, Leberwerterhöhungen, Überempfindlichkeitsreaktionen und orange-rote Verfärbung von Urin, Tränen und anderen Sekreten [FI8].

Cephalosporine zur Postexpositionsprophylaxe

Wirkstoff Besonderheiten
Ceftriaxon bei Meningokokkenexposition Wichtige Option in der Schwangerschaft. Alters- und präparatespezifische Gegenanzeigen beachten [LL1, LL6].
Ceftriaxon bei Hib-Exposition Alternative zu Rifampicin nach STIKO. Die einmalige Meningokokken-Prophylaxedosis ist kein ausreichendes Hib-Standardschema. Gegebenenfalls Off-Label-Use [LL6, LL7].
  • Wirkweise: bakterizide Hemmung der Zellwandsynthese.
  • Indikationen: Alternative bei indizierter Meningokokken- oder Hib-Chemoprophylaxe, unter anderem bei relevanten Rifampicininteraktionen [LL6, LL7].
  • Kontraindikationen: Cephalosporinallergie, schwere Beta-Lactam-Sofortreaktion sowie die genannten neonatalen Gegenanzeigen. Bei intramuskulärer Anwendung mit Lidocain dessen zusätzliche Gegenanzeigen berücksichtigen [FI2].
  • Nebenwirkungen: lokale Schmerzen, Überempfindlichkeitsreaktionen und gastrointestinale Beschwerden [FI2].

Fluorchinolone zur Postexpositionsprophylaxe

Wirkstoff Besonderheiten
Ciprofloxacin bei Meningokokkenexposition Nur bei geeigneter Resistenzlage und nach Prüfung von Gegenanzeigen und Interaktionen. Für Schwangerschaft und Kinder bevorzugt geeignete Alternativen wählen [LL5, LL6, FI10].
  • Wirkweise: bakterizide Hemmung der bakteriellen DNA-Gyrase und Topoisomerase IV.
  • Indikationen: alternative Meningokokken-Chemoprophylaxe bei Erwachsenen. Dies ist keine orale Behandlung einer manifesten Meningitis [FI10].
  • Kontraindikationen: Chinolonallergie und gleichzeitige Tizanidingabe. Vorausgegangene schwerwiegende Fluorchinolonreaktionen, Sehnenerkrankungen, QT-Risiko und weitere individuelle Risikofaktoren berücksichtigen [FI10].
  • Nebenwirkungen: gastrointestinale und zentralnervöse Beschwerden; selten schwerwiegende, möglicherweise anhaltende Sehnen- und Nervenschäden, Dysglykämie (Störung der Blutzuckerregulation) und QT-Verlängerung [FI10].

Bei nicht einsetzbaren Standardsubstanzen alternative Chemoprophylaxe mit Infektiologie und Gesundheitsamt abstimmen. Bei bereits symptomatischen Kontaktpersonen ist eine sofortige diagnostische Abklärung und gegebenenfalls therapeutische Behandlung erforderlich [LL5 bis LL7].

Red Flags (Warnzeichen) bei bakterieller Meningitis

  • Fieber mit starken Kopfschmerzen, Meningismus (Nackensteifigkeit durch Reizung der Hirnhäute) oder Bewusstseinsveränderung: sofortige Notfallabklärung; das Fehlen einzelner klassischer Zeichen schließt eine Meningitis nicht aus [LL3].
  • Petechien (punktförmige Hautblutungen) oder Purpura (Einblutungen in die Haut), rasche Kreislaufverschlechterung oder Schock: Verdacht auf invasive Meningokokkenerkrankung; sofortige Notfalltherapie [LL5].
  • Neue fokal-neurologische Defizite, anhaltende Anfälle oder zunehmende Somnolenz (krankhafte Schläfrigkeit): dringlicher Verdacht auf intrakranielle Komplikationen [LL1, LL3].
  • Neugeborene und junge Säuglinge mit Trinkschwäche, Temperaturinstabilität, Apnoen (Atemaussetzern) oder auffälliger Reizbarkeit: Meningitis auch ohne Nackensteifigkeit erwägen [LL4].

Abkürzungsverzeichnis

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • DNA: Desoxyribonukleinsäure
  • ESBL: Extended-Spectrum-Beta-Lactamasen
  • GABA: Gamma-Aminobuttersäure
  • Hib: Haemophilus influenzae Typ b
  • HNO: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde
  • IDSA: Infectious Diseases Society of America
  • i.m.: intramuskulär
  • i.v.: intravenös
  • KG: Körpergewicht
  • p.o.: per os
  • QT: QT-Intervall im Elektrokardiogramm
  • RNA: Ribonukleinsäure
  • STIKO: Ständige Impfkommission

Literatur

  1. de Gans J, van de Beek D; European Dexamethasone in Adulthood Bacterial Meningitis Study Investigators: Dexamethasone in adults with bacterial meningitis. N Engl J Med. 2002;347(20):1549-1556. doi: 10.1056/NEJMoa021334.
  2. Brouwer MC, van de Beek D: Adjunctive dexamethasone treatment in adults with listeria monocytogenes meningitis: a prospective nationwide cohort study. EClinicalMedicine. 2023;58:101922. doi: 10.1016/j.eclinm.2023.101922.

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Ambulant erworbene bakterielle Meningoenzephalitis im Erwachsenenalter. (AWMF-Registernummer: 030-089). Version 6.0, April 2023. Gültig bis 27.04.2028. Langfassung [LL1].
  2. Tunkel AR, Hasbun R, Bhimraj A et al.: 2017 Infectious Diseases Society of America's Clinical Practice Guidelines for Healthcare-Associated Ventriculitis and Meningitis. Clin Infect Dis. 2017;64(6):e34-e65. doi: 10.1093/cid/ciw861; Leitlinie [LL2]
  3. National Institute for Health and Care Excellence: Meningitis (bacterial) and meningococcal disease: recognition, diagnosis and management. NICE guideline NG240. 19.03.2024. Leitlinie; Evidenzbericht zur Corticosteroidtherapie [LL3]
  4. National Institute for Health and Care Excellence: Neonatal infection: antibiotics for prevention and treatment. NICE guideline NG195. 2021; aktuelle Onlinefassung, abgerufen am 29.09.2026. Kapitel zur neonatalen Meningitis [LL4]
  5. Robert Koch-Institut: Meningokokken, invasive Erkrankungen (Neisseria meningitidis). RKI-Ratgeber. Stand 05.02.2026. Empfehlungen zu Therapie, Infektionsschutz und Kontaktmanagement [LL5]
  6. Ständige Impfkommission: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut 2026. Epidemiologisches Bulletin. 2026;4. Tabelle zur postexpositionellen Prophylaxe. Empfehlungen 2026 [LL6]
  7. Ständige Impfkommission: Beschluss und wissenschaftliche Begründung zur Erweiterung der STIKO-Empfehlung zur Indikationsimpfung und postexpositionellen Chemoprophylaxe gegen Haemophilus influenzae Typ b. Epidemiologisches Bulletin. 2025;34:3-18. doi: 10.25646/13361; Beschluss und Begründung [LL7]

Fachinformationen

  1. ratiopharm GmbH: Ampicillin-ratiopharm 0,5 g/1,0 g/2,0 g/5,0 g. Stand Juli 2025. Fachinformation [FI1]
  2. Fresenius Kabi Deutschland GmbH: Ceftriaxon Kabi 2 g, Pulver zur Herstellung einer Infusionslösung. Stand April 2024. Fachinformation [FI2]
  3. Fresenius Kabi Deutschland GmbH: Cefotaxim Fresenius, parenterale Darreichungsformen. Stand April 2024. Fachinformation [FI3]
  4. Fresenius Kabi Deutschland GmbH: Ceftazidim Kabi 2 g. Fachinformation [FI4]
  5. Fresenius Kabi Deutschland GmbH: Meropenem Kabi 500 mg/1 g. Stand Juli 2025. Fachinformation [FI5]
  6. Hikma: Vancomycin CP Hikma. Fachinformation [FI6]
  7. B. Braun: Gentamicin B. Braun 3 mg/ml Infusionslösung. Fachinformation [FI7]
  8. Esteve Pharmaceuticals GmbH: EREMFAT 600 mg. Stand Februar 2026. Fachinformation [FI8]
  9. acis Arzneimittel GmbH: Dexamethason acis Injektionslösung. Fachinformation [FI9]
  10. ratiopharm GmbH: Ciprofloxacin-ratiopharm Filmtabletten. Stand August 2026. Fachinformation [FI10]
  11. Carinopharm GmbH: Lorazepam Xilmac. Fachinformation [FI11]