Stress – Differentialdiagnosen

Klinischer Hinweis: Stress ist keine eigenständige ICD-10-Krankheitsdiagnose (Krankheitsdiagnose nach internationaler Klassifikation der Krankheiten), sondern ein Belastungszustand beziehungsweise Symptomkomplex (Beschwerdebild). Differenzialdiagnostisch sind vor allem stressorbezogene Störungen (durch belastende Ereignisse ausgelöste psychische Störungen), Angststörungen (krankhafte Angstzustände), depressive Störungen (Erkrankungen mit krankhaft gedrückter Stimmung), Schlafstörungen (Störungen des Schlafs), substanzbedingte Zustände (durch Alkohol, Drogen oder andere Stoffe ausgelöste Beschwerden), medikamentöse Auslöser (durch Arzneimittel ausgelöste Ursachen) und wenige relevante somatische Mimics (körperliche Erkrankungen mit ähnlichem Beschwerdebild) abzugrenzen.

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) – organische Differenzialdiagnose (körperliche Unterscheidungsdiagnose) bei innerer Unruhe, Nervosität, Gewichtsverlust, Tremor (Zittern), Schlafstörung, Tachykardie (Herzrasen) und Belastungsintoleranz (verminderter Belastbarkeit).
  • Phäochromozytom/Paragangliom (hormonbildender Tumor des Nebennierenmarks oder Nervengewebes) – seltene, aber wichtige Differenzialdiagnose bei anfallsartiger adrenerger Symptomatik (durch Stresshormone ausgelöstes Beschwerdebild) mit Blutdruckkrisen, Palpitationen (Herzklopfen), Schwitzen, Kopfschmerz, Tremor und Angstgefühl.

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Herzrhythmusstörungen (Störungen des Herzschlags) – insbesondere supraventrikuläre Tachykardien (anfallsartiges Herzrasen aus den Herzvorhöfen), Vorhofflimmern (VHF; unregelmäßiger Herzrhythmus aus den Herzvorhöfen) oder Vorhofflattern (schneller regelmäßiger Herzrhythmus aus den Herzvorhöfen) können Palpitationen, Angstgefühl, Schwindel, Leistungsminderung und vegetative Symptome (Beschwerden des unwillkürlichen Nervensystems) verursachen.

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Akute Belastungsreaktion (kurzzeitige seelische Reaktion auf extreme Belastung) – vorübergehende psychische Reaktion nach außergewöhnlicher physischer oder psychischer Belastung; Leitsymptome (Hauptbeschwerden) sind Angst, vegetative Übererregung (Überaktivierung des unwillkürlichen Nervensystems), dissoziative Symptome (Abspaltungserscheinungen von Wahrnehmung, Erinnerung oder Bewusstsein), Schlafstörung und intrusive Erinnerungen (sich aufdrängende Erinnerungen).
  • Anpassungsstörung (seelische Reaktion auf belastende Lebensereignisse) – emotionale oder verhaltensbezogene Symptomatik (Beschwerdebild) nach identifizierbarem psychosozialem Stressor (seelisch-sozialem Belastungsfaktor), ohne dass die Kriterien einer Posttraumatischen Belastungsstörung, depressiven Episode oder Angststörung vollständig erfüllt sein müssen.
  • Depressive Episode/rezidivierende depressive Störung (depressive Phase/wiederkehrende depressive Erkrankung) – Antriebsminderung, Erschöpfung, Schlafstörung, Konzentrationsstörung, Grübeln und reduzierte Belastbarkeit können primär als Stress präsentiert werden.
  • Generalisierte Angststörung (anhaltende übermäßige Sorgen und Ängste) – anhaltende, exzessive Sorgen mit Muskelspannung, Schlafstörung, innerer Unruhe, Reizbarkeit, Konzentrationsstörung und vegetativer Aktivierung (Aktivierung des unwillkürlichen Nervensystems).
  • Nichtorganische Insomnie (Schlaflosigkeit ohne körperliche Ursache) – Ein- und Durchschlafstörungen mit Tagesmüdigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsstörung und reduzierter Belastbarkeit; häufig komorbid (begleitend auftretend) mit Angst, Depression oder Belastungsstörungen.
  • Panikstörung/Agoraphobie (wiederkehrende Panikattacken/Angst vor bestimmten Orten oder Situationen) – wiederkehrende Panikattacken (plötzliche starke Angstattacken) mit Palpitationen, Luftnot, Schwindel, Schwitzen, Thoraxdruck (Druckgefühl im Brustkorb) und Todesangst; organische Ursachen müssen ausgeschlossen werden.
  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, seelische Folgestörung nach Trauma) – Traumafolgestörung (seelische Folgestörung nach schwerem belastendem Ereignis) mit Intrusionen (sich aufdrängenden Erinnerungen), Vermeidung, negativer Veränderung von Kognition (Denken) und Stimmung sowie Hyperarousal (Übererregbarkeit) nach tatsächlicher oder drohender schwerer Verletzung, Tod oder sexueller Gewalt.
  • Somatoforme autonome Funktionsstörung/somatische Belastungsstörung (körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung) – körperliche Beschwerden und vegetative Symptome ohne hinreichende organische Erklärung, häufig mit starker Krankheitsangst und hoher psychosozialer Belastung.
  • Substanzinduzierte Angst-, Schlaf- oder affektive Störung (durch Substanzen ausgelöste Angst-, Schlaf- oder Stimmungsstörung) – psychische Symptomatik durch Intoxikation (Vergiftung), Entzug oder längerfristige Substanzwirkung, insbesondere bei Alkohol, Cannabis, Stimulanzien (anregenden Substanzen), Sedativa (Beruhigungsmitteln) oder Hypnotika (Schlafmitteln).

Medikamente

  • Glukokortikoide (Kortisonpräparate) – dosisabhängig möglich sind Schlafstörung, Reizbarkeit, depressive Symptome, Angst, Hypomanie (krankhaft gehobene Stimmung) oder psychotische Symptome (Realitätsverlustsymptome).
  • Schilddrüsenhormone in Überdosierung – Hyperthyreose-ähnliche Symptomatik mit Nervosität, Tremor, Palpitationen, Schlafstörung und Gewichtsverlust.
  • Stimulanzien/Sympathomimetika (anregende Substanzen/Arzneimittel mit Stresshormon-ähnlicher Wirkung) – können Unruhe, Tremor, Tachykardie, Schlafstörung und Angstgefühl auslösen oder verstärken.

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Alkoholentzug (Beschwerden nach Weglassen von Alkohol) – vegetative Übererregung, Tremor, Schlafstörung, Angst, Schwitzen, Tachykardie und Blutdruckanstieg; schwere Verläufe mit Delir (akuter Verwirrtheitszustand) oder Krampfanfällen möglich.
  • Amphetamine/Kokain (aufputschende Drogen) – Intoxikation mit innerer Unruhe, Tachykardie, Hypertonie (Bluthochdruck), Schlaflosigkeit, Angst, Agitiertheit (starke innere und äußere Unruhe) und gegebenenfalls paranoider Symptomatik (wahnhaftes Misstrauen).

Weiteres

  • Burnout-Syndrom (arbeitsbezogenes Erschöpfungssyndrom) – arbeitsbezogenes Erschöpfungssyndrom infolge chronischer, nicht erfolgreich bewältigter Arbeitsplatzbelastung; nicht als eigenständige medizinische Erkrankung klassifiziert und abzugrenzen von depressiver Episode, Angststörung, Anpassungsstörung, Schlafstörung und substanzbedingten Ursachen.
  • Psychosoziale Belastung ohne Krankheitswert (seelisch-soziale Belastung ohne Erkrankung) – nachvollziehbare, zeitlich begrenzte Stressreaktion mit erhaltener Realitätsprüfung und ohne syndromale Kriterien (Kriterien eines Krankheitsbildes) einer psychischen Störung.