Niedriger Blutdruck (Hypotonie) – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte. Bei der Hypotonie (niedriger Blutdruck) dient sie insbesondere der objektiven Bestätigung niedriger Blutdruckwerte, der Beurteilung einer möglichen Orthostase (Blutdruckabfall beim Aufstehen) und der Erfassung von Zeichen einer eingeschränkten Organperfusion (Organdurchblutung) sowie klinischer Hinweise auf die zugrunde liegende Ursache.

Ein niedriger Blutdruckwert ist stets im Zusammenhang mit dem individuellen Ausgangsblutdruck, der klinischen Symptomatik (Beschwerden) und der Organperfusion zu beurteilen:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung
    • Beurteilung von Allgemeinzustand und Ernährungszustand
    • Bewusstseinslage und psychomotorischer Zustand
    • Vitalparameter (lebenswichtige Messwerte)
      • Blutdruckmessung unter standardisierten Bedingungen nach ausreichender Ruhephase mit geeigneter Manschettengröße; bei der Erstuntersuchung Messung an beiden Armen [systolischer Blutdruck (oberer Blutdruckwert) < 90 mmHg]
      • Bei auffälligem Einzelwert Wiederholungsmessungen zur Bestätigung
      • Herzfrequenz (Herzschlagzahl) und Herzrhythmus
      • Atemfrequenz (Atemzüge pro Minute) und periphere Sauerstoffsättigung (Sauerstoffgehalt des Blutes)
      • Körpertemperatur
    • Orthostaseprüfung bei entsprechender Symptomatik beziehungsweise Verdacht auf orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen)
      • Blutdruck und Herzfrequenz nach mindestens 5 Minuten in liegender Position sowie nach 1 und 3 Minuten im Stehen
      • [Abfall des systolischen Blutdrucks um ≥ 20 mmHg und/oder des diastolischen Blutdrucks (unterer Blutdruckwert) um ≥ 10 mmHg innerhalb von 3 Minuten nach dem Aufstehen]
      • Erfassung gleichzeitig auftretender Beschwerden wie Schwindel, Benommenheit, Sehstörungen, Schwäche oder Präsynkope (Beinahe-Ohnmacht)
      • Beurteilung der Herzfrequenzreaktion; ein im Verhältnis zum Blutdruckabfall deutlich abgeschwächter Herzfrequenzanstieg kann auf eine neurogene orthostatische Hypotonie (durch eine Störung der Nervenregulation bedingter Blutdruckabfall beim Aufstehen) hinweisen
    • Beurteilung der peripheren Perfusion (Durchblutung der äußeren Körperbereiche)
      • Hauttemperatur und Hautkolorit (Hautfarbe)
      • Rekapillarisierungszeit (Zeit bis zur Wiederfüllung der Hautgefäße)
      • Qualität und Seitengleichheit der peripheren Pulse (tastbaren Pulsschläge)
      • Hinweise auf Kaltschweißigkeit oder Marmorierung (fleckige Hautverfärbung)
    • Beurteilung des Volumenstatus (Flüssigkeitszustands des Körpers)
      • Hautturgor (Hautspannung) und Feuchtigkeit der Schleimhäute
      • Füllungszustand der Halsvenen (Blutadern am Hals)
      • Periphere Ödeme (Wassereinlagerungen)
      • Suche nach klinischen Hinweisen auf Blut- oder Flüssigkeitsverlust
  • Herz-Kreislauf-System
    • Inspektion und Palpation (Abtasten) des Präkordiums (Brustkorbbereich über dem Herzen)
    • Auskultation (Abhören) des Herzens
      • Herzfrequenz und -rhythmus
      • Herztöne sowie neu aufgetretene oder relevante Herzgeräusche
    • Palpation der zentralen und peripheren Pulse hinsichtlich Frequenz, Rhythmus, Amplitude und Seitengleichheit
    • Beurteilung der Halsvenenfüllung als Hinweis auf verminderten beziehungsweise erhöhten zentralvenösen Füllungsdruck (Blutdruck in den großen herznahen Venen)
    • Suche nach Zeichen einer kardialen Dekompensation (Herzschwäche mit Kreislaufbeeinträchtigung) oder einer peripheren venösen Stauung (Blutstauung in den Venen)
  • Lunge
    • Inspektion von Atemarbeit und Atemmuster
    • Perkussion (Abklopfen) und Auskultation der Lunge
    • Suche nach klinischen Hinweisen auf pulmonale Stauung (Flüssigkeitsstauung in der Lunge), Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lunge und Brustwand), Pneumothorax (Luftansammlung zwischen Lunge und Brustwand) oder andere akut respiratorische Ursachen einer Kreislaufinstabilität
  • Abdomen (Bauch)
    • Inspektion, Auskultation, Perkussion und Palpation des Abdomens
    • Prüfung auf Druckschmerz, Abwehrspannung (unwillkürliche Anspannung der Bauchmuskulatur) und tastbare Resistenzen (Verhärtungen oder Raumforderungen)
    • Palpation der Aorta abdominalis (Bauchschlagader) bei entsprechender klinischer Fragestellung
    • Suche nach Hinweisen auf intraabdominelle Blutung (Blutung im Bauchraum) oder ausgeprägten Flüssigkeitsverlust
  • Neurologische Untersuchung (Untersuchung des Nervensystems)
    • Orientierende Beurteilung von Bewusstseinslage, Orientierung und Kognition (geistiger Leistungsfähigkeit)
    • Prüfung auf fokal-neurologische Defizite (örtlich begrenzte Ausfälle des Nervensystems) bei akuter Symptomatik oder Synkope (Ohnmacht)
    • Bei Verdacht auf neurogene orthostatische Hypotonie Suche nach Hinweisen auf eine autonome Dysfunktion (Störung des unwillkürlichen Nervensystems) sowie nach Parkinson-Symptomen oder anderen neurologischen Begleitbefunden
  • Weitere fokussierte Untersuchung in Abhängigkeit vom klinischen Kontext
    • Inspektion auf sichtbare Blutungsquellen
    • Rektale Untersuchung (Untersuchung des Enddarms) bei Verdacht auf gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt)
    • Gynäkologische Untersuchung (Untersuchung der weiblichen Geschlechtsorgane) bei Verdacht auf relevante genitale beziehungsweise intraabdominelle Blutung
    • Beurteilung der Haut auf Hinweise auf Infektion, allergische Reaktion oder endokrine (hormonelle) beziehungsweise systemische Grunderkrankungen

Die körperliche Untersuchung dient bei Hypotonie der Bestätigung des Blutdruckbefundes, der Beurteilung der Orthostasereaktion und der Organperfusion sowie der raschen klinischen Einordnung möglicher hypovolämischer (durch vermindertes Blut- oder Flüssigkeitsvolumen bedingter), kardialer (vom Herzen ausgehender), distributiver (durch eine krankhafte Erweiterung der Blutgefäße bedingter), obstruktiver (durch eine Behinderung des Blutflusses bedingter), neurogener (durch eine Störung der Nervenregulation bedingter) oder medikamentöser Ursachen; bei Zeichen einer akuten Kreislaufinstabilität ist eine unverzügliche weiterführende Diagnostik und Therapie erforderlich.

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.