Krampfaderbruch (Varikozele) – Differentialdiagnosen

Differentialdiagnostisch sind bei einer Varikozele (Krampfaderbruch am Hoden) einerseits andere skrotale Raumforderungen (Gewebeveränderungen im Hodensack) und andererseits Ursachen einer sekundären Varikozele (durch eine andere Erkrankung verursachte Krampfaderbildung am Hoden) abzugrenzen. Bei einer akut schmerzhaften Skrotalschwellung (plötzlich schmerzhaften Schwellung des Hodensacks) sind zusätzlich die Differentialdiagnosen des akuten Skrotums (plötzlich schmerzhaften Hodensacks) zu berücksichtigen.

Bei präpubertären Jungen mit Varikozele sowie bei einer isolierten rechtsseitigen Varikozele im Kindes- und Jugendalter ist eine abdominale bzw. renale Sonographie zum Ausschluss einer retroperitonealen Raumforderung (Gewebeveränderung im hinteren Bauchraum) erforderlich. Bei Erwachsenen ist eine sekundäre Ursache insbesondere bei einer neu aufgetretenen, großen oder im Liegen nicht kollabierenden Varikozele abzuklären. Eine routinemäßige abdominale Bildgebung allein aufgrund einer rechtsseitigen Varikozele ist bei Erwachsenen nicht generell erforderlich.

Skrotale Differentialdiagnosen

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Inguinoskrotalhernie (Leistenbruch bis in den Hodensack) – Verlagerung von Darm oder präperitonealem Gewebe durch den Leistenkanal bis in das Skrotum; häufig reponibel und bei Husten oder Pressen zunehmend; bei akuten Schmerzen ist eine Inkarzeration (Einklemmung) oder Strangulation (Abschnürung der Blutversorgung) auszuschließen

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Hoden und paratestikuläre Tumoren (Tumoren des Hodens und seiner Umgebung) – meist umschriebene solide Raumforderung des Hodens, Nebenhodens oder Samenstrangs; klinisch und sonographisch von den dilatierten Venen des Plexus pampiniformis (erweiterten Venen des Hodengeflechts) abzugrenzen

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Epididymitis (Nebenhodenentzündung) und Orchitis (Hodenentzündung) – bei einer schmerzhaften oder akut aufgetretenen Skrotalschwellung zu berücksichtigen; typischerweise Druckschmerz, Schwellung und Hyperämie (verstärkte Durchblutung) in der Dopplersonographie sowie gegebenenfalls Fieber oder Harnwegsbeschwerden
  • Epididymiszyste (Nebenhodenzyste) – glatt begrenzte, seröse Flüssigkeit enthaltende zystische Raumforderung des Nebenhodens ohne venösen Reflux (Rückfluss von Venenblut) oder Valsalva-abhängige Größenzunahme
  • Hämatozele (Blutansammlung im Hodensack) – Blutansammlung innerhalb der Tunica vaginalis (Hodenhülle), meist nach Trauma, Operation oder spontaner Blutung; sonographisch häufig komplexe Flüssigkeitsansammlung
  • Hydrozele (Wasserbruch) – Flüssigkeitsansammlung zwischen den Blättern der Tunica vaginalis mit meist prall-elastischer und durchleuchtbarer Skrotalschwellung ohne venösen Reflux
  • Spermatozele (Samenzyste) – meist am Nebenhodenkopf gelegene Retentionszyste (durch Sekretstau entstandene Zyste) mit spermienhaltiger Flüssigkeit; im Unterschied zur einfachen Epididymiszyste häufig größer und mit dem Nebenhodengangsystem verbunden
  • Torsio testis (Hodendrehung) – bei plötzlich einsetzenden starken Skrotalschmerzen unverzüglich auszuschließender urologischer Notfall; verminderte oder fehlende testikuläre Perfusion (Durchblutung des Hodens) in der Dopplersonographie

Ursachen einer sekundären Varikozele

Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)

  • Angeborene Anomalien der Nierenvenen oder der Vena cava inferior (unteren Hohlvene) – abweichender Verlauf, Agenesie (angeborenes Fehlen), Duplikation (Verdopplung) oder andere Gefäßanomalien können den gonadalen venösen Abfluss (venösen Blutabfluss aus dem Hoden) behindern und eine atypische, rechtsseitige oder bilaterale Varikozele verursachen

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Nierenvenenthrombose (Blutgerinnsel in der Nierenvene) – Behinderung des gonadalen venösen Abflusses mit möglicher Ausbildung einer sekundären, insbesondere linksseitigen Varikozele
  • Nutcracker-Syndrom (Einklemmung der linken Nierenvene) – Kompression der linken Nierenvene, meist zwischen Aorta und Arteria mesenterica superior; insbesondere bei begleitender Hämaturie (Blut im Urin), Proteinurie (Eiweiß im Urin), Flanken- oder Abdominalschmerzen zu berücksichtigen
  • Obstruktion oder Thrombose der Vena cava inferior (Verschluss oder Blutgerinnsel der unteren Hohlvene) – mögliche Ursache einer neu aufgetretenen rechtsseitigen oder bilateralen Varikozele; häufig verbunden mit weiteren Zeichen einer venösen Abflussbehinderung

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Nephroblastom (bösartiger Nierentumor im Kindesalter) – renaler Tumor des Kindesalters, der durch Kompression oder Einwachsen in die Nierenvene bzw. Vena cava inferior eine sekundäre Varikozele verursachen kann
  • Nierenzellkarzinom (Nierenkrebs) – kann durch direkte Kompression, Nierenveneninfiltration (Einwachsen in die Nierenvene) oder einen Tumorthrombus (Tumorgewebe in einem Blutgefäß) in der Nierenvene bzw. Vena cava inferior eine neu aufgetretene und im Liegen nicht kollabierende Varikozele verursachen
  • Retroperitoneale Tumoren einschließlich Lymphome (Lymphdrüsenkrebs) – mögliche Kompression oder Infiltration der Gonadalvene, Nierenvene oder Vena cava inferior mit Ausbildung einer sekundären Varikozele