Reine LDL-Erhöhung (Hypercholesterinämie) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Hypercholesterinämie (erhöhter Cholesterinspiegel) (reine LDL-Erhöhung) mitbedingt sein können:

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Abdominales Aortenaneurysma (Aussackung der Bauchschlagader) – erhöhte LDL-Cholesterin-Konzentrationen sind mit einem dosisabhängig erhöhten Risiko assoziiert; eine aktuelle Metaanalyse prospektiver Kohortenstudien ergab pro Anstieg des LDL-Cholesterins um 1 mmol/l (38,7 mg/dl) ein um 11 % erhöhtes Risiko (RR 1,11; 95-%-KI 1,04-1,19) [4]
  • Atherosklerose (Arterienverkalkung) – erhöhte Konzentrationen LDL-haltiger ApoB-Lipoproteine sind kausal an Initiation und Progression der Atherosklerose beteiligt; das Risiko wird wesentlich durch Höhe und Dauer der LDL-Exposition bestimmt [1]
  • Aortenklappenstenose (Verengung der Aortenklappe), kalzifizierende – eine lebenslang erhöhte LDL-Cholesterin-Exposition ist kausal mit einem erhöhten Risiko einer Aortenklappenstenose verbunden; besonders ausgeprägt ist die vorzeitige Aortenklappenerkrankung (Erkrankung der Herzklappe zwischen linker Herzkammer und Hauptschlagader) bei schwerer familiärer, insbesondere homozygoter familiärer Hypercholesterinämie (erblich bedingte schwere Erhöhung des LDL-Cholesterins) [5, LL5]
  • Carotisatherosklerose (Arterienverkalkung der Halsschlagader) bzw. Carotisstenose (Verengung der Halsschlagader) – Manifestation der LDL-getriebenen systemischen Atherosklerose mit erhöhtem Risiko zerebraler Ischämien (Durchblutungsstörungen des Gehirns) [1]
  • Ischämischer Apoplex (Schlaganfall durch Gefäßverschluss) – erhöhtes Risiko infolge atherothrombotischer Gefäßerkrankung (Gefäßerkrankung durch Arterienverkalkung und Blutgerinnsel); die Senkung des LDL-Cholesterins reduziert das Risiko ischämischer Schlaganfälle [1-3, LL1]
  • Koronare Herzkrankheit (KHK) (Erkrankung der Herzkranzgefäße) – einschließlich stabiler bzw. instabiler Angina pectoris (Brustenge), akutem Koronarsyndrom (akute Durchblutungsstörung des Herzens) und Myokardinfarkt (Herzinfarkt); die koronare Atherosklerose gehört zu den am stärksten kausal mit einer erhöhten LDL-Exposition verbundenen Folgeerkrankungen [1-3]
  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) (Durchblutungsstörung der Gliedmaßenarterien) – einschließlich chronisch extremitätengefährdender Ischämie (schwere anhaltende Durchblutungsstörung einer Gliedmaße); LDL-Senkung reduziert vaskuläre Ereignisse auch in peripheren arteriellen Stromgebieten [1-3, LL1]

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Mesenterialarterienatherosklerose (Arterienverkalkung der Darmarterien) – kann zu einer chronischen mesenterialen Ischämie (anhaltende Minderdurchblutung des Darms) und bei thrombotischem Gefäßverschluss auf dem Boden fortgeschrittener Atherosklerose zu einer akuten mesenterialen Ischämie (plötzliche Minderdurchblutung des Darms) führen [1]

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Transitorische ischämische Attacke (TIA) (vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns) – insbesondere bei atherosklerotischer Erkrankung der hirnversorgenden Arterien [1]

Prognosefaktoren

  • Ausmaß und Dauer der LDL-Cholesterin-Exposition
    • Das atherosklerotische Risiko wird nicht allein durch einen einzelnen LDL-Cholesterin-Messwert, sondern wesentlich durch die kumulative lebenslange Exposition gegenüber LDL-haltigen Lipoproteinen bestimmt [1, LL1].
    • Eine bereits in jungen Lebensjahren bestehende ausgeprägte LDL-Erhöhung führt deshalb zu einem erheblich höheren Lebenszeitrisiko als eine vergleichbare LDL-Erhöhung, die erst im höheren Lebensalter auftritt [1, LL1].
  • Familiäre Hypercholesterinämie (FH)
    • Bei heterozygoter familiärer Hypercholesterinämie (erblich bedingte LDL-Erhöhung durch Veränderung eines von zwei Genexemplaren) besteht durch die lebenslang erhöhte LDL-Exposition ein deutlich erhöhtes Risiko für vorzeitige atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankungen (frühzeitige Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch Arterienverkalkung) [1, LL1].
    • Bei homozygoter familiärer Hypercholesterinämie (HoFH) (erblich bedingte sehr schwere LDL-Erhöhung durch Veränderung beider Genexemplare) liegen extrem hohe LDL-Cholesterin-Konzentrationen bereits seit der Geburt vor; ohne effektive LDL-Senkung können koronare Atherosklerose und Aortenklappenerkrankungen bereits im Kindes- oder Jugendalter manifest werden [LL5].
  • Ausmaß der LDL-Cholesterin-Senkung
    • Eine Senkung des LDL-Cholesterins um 1 mmol/l (38,7 mg/dl) reduziert das relative Risiko schwerer vaskulärer Ereignisse im Mittel um etwa 20-22 % [2, 3].
    • Die aktuelle Metaanalyse von 60 randomisierten kontrollierten Studien mit 408.959 Teilnehmern und 51.425 schweren vaskulären Ereignissen ergab pro LDL-Cholesterin-Senkung um 1 mmol/l eine Hazard Ratio von 0,78 (95-%-KI 0,75-0,81) [2].
    • In der Metaanalyse der Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration war eine LDL-Cholesterin-Senkung um 1 mmol/l zudem mit einer Reduktion der Gesamtmortalität um etwa 10 % verbunden (RR 0,90; 95-%-KI 0,87-0,93) [3].
    • Innerhalb des in randomisierten Studien untersuchten LDL-Cholesterin-Bereichs fand sich kein Schwellenwert, unterhalb dessen eine weitere LDL-Senkung keinen zusätzlichen Schutz vor schweren vaskulären Ereignissen vermittelte [3].
  • Zeitpunkt der LDL-Cholesterin-Senkung
    • Eine frühe und langfristige Reduktion der LDL-Exposition vermindert die kumulative atherosklerotische Belastung; insbesondere bei ausgeprägter primärer bzw. familiärer Hypercholesterinämie ist deshalb ein früher Therapiebeginn prognostisch bedeutsam [1, LL1, LL5].
  • Kardiovaskuläres Ausgangsrisiko
    • Der relative Nutzen einer LDL-Senkung ist weitgehend proportional zum Ausmaß der absoluten LDL-Cholesterin-Senkung; der absolute klinische Nutzen ist dagegen umso größer, je höher das individuelle Ausgangsrisiko für atherosklerotische kardiovaskuläre Ereignisse ist [2, 3, LL1, LL2].
    • Ein universeller LDL-Cholesterin-Ausgangswert, oberhalb dessen erstmals eine Reduktion der Gesamt- oder kardiovaskulären Mortalität zu erwarten wäre, ist nicht etabliert. Aktuelle Leitlinien kombinieren deshalb die unbehandelte LDL-Cholesterin-Konzentration mit dem individuellen kardiovaskulären Gesamtrisiko [LL1, LL2, LL3].
  • Bereits manifeste atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung
    • Eine bestehende koronare, zerebrovaskuläre oder periphere arterielle Erkrankung kennzeichnet ein deutlich erhöhtes Risiko weiterer vaskulärer Ereignisse und entsprechend einen besonders hohen absoluten Nutzen einer konsequenten LDL-Cholesterin-Senkung [LL1, LL2].

Literatur

  1. Ference BA, Ginsberg HN, Graham I et al.: Low-density lipoproteins cause atherosclerotic cardiovascular disease. 1. Evidence from genetic, epidemiologic, and clinical studies. A consensus statement from the European Atherosclerosis Society Consensus Panel. Eur Heart J. 2017;38(32):2459-2472. doi: 10.1093/eurheartj/ehx144.
  2. Burger PM, Dorresteijn JAN, Koudstaal S et al.: Course of the effects of LDL-cholesterol reduction on cardiovascular risk over time: A meta-analysis of 60 randomized controlled trials. Atherosclerosis. 2024;396:118540. doi: 10.1016/j.atherosclerosis.2024.118540.
  3. Baigent C, Blackwell L, Emberson J et al.; Cholesterol Treatment Trialists’ (CTT) Collaboration: Efficacy and safety of more intensive lowering of LDL cholesterol: a meta-analysis of data from 170,000 participants in 26 randomised trials. Lancet. 2010;376(9753):1670-1681. doi: 10.1016/S0140-6736(10)61350-5.
  4. Ioannidou E, Aune D, Theodosopoulos I et al.: Blood lipids and the risk of aortic aneurysm: results from the UK Biobank study and a systematic review and meta-analysis of cohort studies. Eur J Epidemiol. 2026;41:405-417. doi: 10.1007/s10654-025-01344-4.
  5. Nazarzadeh M, Pinho-Gomes AC, Bidel Z et al.: Plasma lipids and risk of aortic valve stenosis: a Mendelian randomization study. Eur Heart J. 2020;41(40):3913-3920. doi: 10.1093/eurheartj/ehaa070.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. ESC/EAS: 2025 Focused Update of the 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. European Society of Cardiology, August 2025. Langfassung [LL1].
  2. ACC/AHA/AACVPR/ABC/ACPM/ADA/AGS/APhA/ASPC/NLA/PCNA: 2026 Guideline on the Management of Dyslipidemia. American Heart Association, März 2026. Langfassung [LL2].
  3. S3-Leitlinie: Hausärztliche Risikoberatung zur kardiovaskulären Prävention. (Registernummer 053-024) November 2024, Version 2.3. Langfassung [LL3].
  4. EAS-Konsensusstatement: 2023 Update on European Atherosclerosis Society Consensus Statement on Homozygous Familial Hypercholesterolaemia: new treatments and clinical guidance. Mai 2023. Langfassung [LL5].