Herzschmerzen (Kardialgie) – Medikamentöse Therapie

Kardialgie bezeichnet Schmerzen in der Herzregion und ist zunächst ein Symptom. Die Behandlung richtet sich nach der Ursache, der Kreislaufstabilität und der Dringlichkeit. Bei akutem oder neu aufgetretenem Thoraxschmerz (Brustschmerz) haben die Erkennung lebensbedrohlicher Erkrankungen und deren spezifische Akuttherapie Vorrang; die Analgesie (Schmerzlinderung) erfolgt parallel und darf die Diagnostik oder definitive Behandlung nicht verzögern [LL1-LL6].

Therapieziele

  • Lebensbedrohliche Ursachen unverzüglich erkennen und behandeln: insbesondere akutes Koronarsyndrom (plötzliche Durchblutungsstörung des Herzens), akutes Aortensyndrom (akute schwere Schädigung der Hauptschlagader), Lungenembolie (Verschluss einer Lungenarterie durch ein Blutgerinnsel), Spannungspneumothorax (Luftansammlung im Brustkorb mit gefährlichem Überdruck) und Herzbeuteltamponade (Einengung des Herzens durch Flüssigkeit im Herzbeutel).
  • Kreislauf und Atmung stabilisieren: Organperfusion (Durchblutung der Organe) sichern und eine bestehende Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut) behandeln.
  • Schmerzen wirksam und sicher lindern: Auswahl und Applikation des Analgetikums (Schmerzmittels) nach Verdachtsdiagnose, Schmerzintensität und Begleiterkrankungen.
  • Ursachenspezifische Behandlung einleiten: nach gesicherter Diagnose die erforderliche medikamentöse, interventionelle oder operative Therapie durchführen [LL1-LL6].

Therapieempfehlungen

Akutmaßnahmen bei unklarer Kardialgie

  • Bei Verdacht auf eine zeitkritische Erkrankung: sofortige notfallmedizinische Versorgung und überwachte Einweisung; außerhalb einer medizinischen Einrichtung den Rettungsdienst über 112 alarmieren.
  • Diagnostik und Stabilisierung parallel durchführen: Vitalparameter, Sauerstoffsättigung, kontinuierliche Rhythmusüberwachung und venösen Zugang etablieren; bei Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom ein 12-Kanal-Elektrokardiogramm (EKG) innerhalb von 10 Minuten ableiten und hochsensitives kardiales Troponin nach einem validierten seriellen Algorithmus bestimmen [LL1].
  • Analgesie nach klinischer Situation: bei starken Schmerzen ein rasch titrierbares intravenöses Opioid unter Überwachung erwägen. Bei Kreislaufinstabilität besonders vorsichtig dosieren. Die Schmerzreduktion allein erlaubt keinen Ausschluss einer gefährlichen Ursache [LL1, LL2].
  • Antithrombotische Behandlung: nach Verdachtsdiagnose: bei begründetem Verdacht auf eine Aortendissektion (Einriss mit Aufspaltung der Wand der Hauptschlagader) zunächst deren dringliche Abklärung veranlassen; Thrombozytenaggregationshemmer, Antikoagulanzien und Fibrinolytika können bei dieser Ursache schwere Blutungen verursachen [LL2].

Akutes Koronarsyndrom

  • Reperfusion bzw. invasive Abklärung priorisieren: bei einem Myokardinfarkt (Herzinfarkt) mit ST-Strecken-Hebung unverzüglich die Reperfusionsstrategie organisieren; bei hämodynamischer Instabilität (instabilen Kreislaufverhältnissen) oder anhaltender therapierefraktärer Ischämie (trotz Behandlung fortbestehender Minderdurchblutung) ebenfalls eine sofortige invasive Strategie verfolgen [LL1].
  • Antithrombotische Therapie: Acetylsalicylsäure und eine zur Behandlungsstrategie passende parenterale Antikoagulation einsetzen. Auswahl und Zeitpunkt eines zusätzlichen P2Y12-Rezeptorhemmers richten sich nach Koronarbefund, Blutungsrisiko und Reperfusionsstrategie; bei einem akuten Koronarsyndrom ohne ST-Strecken-Hebung ist eine routinemäßige Vorbehandlung vor Kenntnis der Koronaranatomie bei geplanter früher invasiver Abklärung nicht empfohlen [LL1].
  • Antiischämische Behandlung: Glyceroltrinitrat kann bei ausreichendem Blutdruck Schmerzen lindern. Sauerstoff bei einer Sauerstoffsättigung unter 90 % geben; bei ausreichender Oxygenierung besteht keine Indikation zur routinemäßigen Sauerstoffgabe [LL1].
  • Persistierende starke Schmerzen: Morphin intravenös vorsichtig titrieren. Morphin kann die Aufnahme und den Wirkungseintritt oraler P2Y12-Rezeptorhemmer verzögern; deshalb gezielt und unter Überwachung einsetzen [1, LL1].

Akutes Aortensyndrom

  • Sofortige Behandlung in einem erfahrenen Zentrum: bei einer Aortendissektion vom Stanford-Typ A ist die dringliche operative Versorgung erforderlich; bei komplizierter Typ-B-Dissektion eine dringliche endovaskuläre bzw. operative Behandlung prüfen [LL2].
  • Schmerzen und aortale Wandbelastung reduzieren: intravenöse Analgesie und bei ausreichender Organperfusion eine titrierbare intravenöse Betablockade einsetzen. Ziel sind ein systolischer Blutdruck unter 120 mmHg und eine Herzfrequenz von höchstens 60/min, sofern die Organperfusion erhalten bleibt. Bei Hypotonie (zu niedrigem Blutdruck) oder Schock (lebensbedrohlichem Kreislaufversagen) keine schematische Blutdrucksenkung durchführen [LL2].
  • Zusätzliche Blutdrucksenkung: falls erforderlich einen intravenösen Vasodilatator erst nach bzw. zusammen mit ausreichender Frequenzkontrolle einsetzen, um eine reflektorische Tachykardie (beschleunigten Herzschlag als Gegenreaktion) zu vermeiden [LL2].

Akute Lungenembolie

  • Antikoagulation und Risikostratifizierung: bei gesicherter Diagnose unverzüglich eine therapeutische Antikoagulation beginnen, sofern keine Kontraindikation besteht. Bei hoher oder intermediärer klinischer Wahrscheinlichkeit kann sie bereits während der Diagnostik erforderlich sein; Blutungsrisiko und mögliche konkurrierende Diagnosen berücksichtigen [LL3, LL4].
  • Hämodynamisch stabile Patienten: bei erforderlicher parenteraler Behandlung in der Regel ein niedermolekulares Heparin bevorzugen. Unfraktioniertes Heparin ist insbesondere bei Instabilität, bevorstehender Reperfusionsbehandlung oder schwerer Nierenfunktionsstörung geeignet [LL3, LL4].
  • Hochrisiko-Lungenembolie mit Schock oder persistierender Hypotonie: eine sofortige Reperfusionsbehandlung veranlassen; bei geeigneter Indikation und vertretbarem Blutungsrisiko systemische Fibrinolyse, bei Kontraindikation oder Versagen eine kathetergestützte bzw. chirurgische Behandlung. Eine routinemäßige systemische Fibrinolyse hämodynamisch stabiler Patienten ist nicht angezeigt [LL3, LL4].

Weitere zeitkritische Ursachen

  • Spannungspneumothorax: bei klinischem Verdacht und schwerer Kreislauf- oder Atembeeinträchtigung sofortige Thoraxentlastung durch entsprechend qualifiziertes Personal; anschließend definitive Drainageversorgung. Eine alleinige medikamentöse Schmerzbehandlung reicht nicht aus [LL6].
  • Herzbeuteltamponade: dringliche Perikarddrainage bzw. operative Versorgung; die Behandlung des mechanischen Hindernisses hat Vorrang vor einer Analgesie [LL5, LL6].
  • Myokarditis (Herzmuskelentzündung): bei Herzinsuffizienz (Herzschwäche), relevanten Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen) oder Kreislaufinstabilität stationäre Behandlung und ursachenspezifisches Vorgehen. Eine isolierte Myokarditis nicht automatisch nach dem Behandlungsschema einer Perikarditis (Herzbeutelentzündung) behandeln [LL5].

Akute Perikarditis

  • Entzündungshemmende Behandlung: bei geeigneter Diagnose Acetylsalicylsäure oder ein nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAR), z. B. Ibuprofen, zusammen mit Colchicin einsetzen. Unter der entzündungshemmenden Behandlung eine Gastroprotektion mit einem Protonenpumpenhemmer vorsehen [2, LL5].
  • Behandlungsdauer und Kontrollen: die initiale antiphlogistische Behandlung anhand von Beschwerden und Entzündungsaktivität steuern und anschließend ausschleichen; Colchicin bei einer ersten Episode mindestens 3 Monate einsetzen. Bei Hochrisikomerkmalen oder Verdacht auf eine spezifische Ursache stationäre Abklärung veranlassen [LL5].

Symptomatische Behandlung nach Abklärung gefährlicher Ursachen

  • Gesicherte nicht bedrohliche Schmerzursache: eine kurzzeitige, ursachenbezogene Analgesie in der niedrigsten wirksamen Dosis wählen. Paracetamol kann bei leichten bis mäßigen Schmerzen geeignet sein; Metamizol kommt bei starken Schmerzen innerhalb seiner zugelassenen Indikationen infrage [FI6, FI7].
  • Opioide nur bei entsprechender Indikation: bei mäßig starken bis starken bzw. sehr starken Schmerzen individuell einsetzen und Behandlungsdauer sowie Absetzen festlegen. Eine starre Abfolge nach dem Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist kein Akutalgorithmus für unklaren Thoraxschmerz [FI8, FI9].
  • Wiederkehrende Beschwerden: die Therapie an der gesicherten kardialen bzw. nicht kardialen Ursache ausrichten; siehe die Pharmakotherapie der jeweiligen Erkrankung.

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Die folgenden Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene. Die Arzneimittel werden entsprechend der jeweiligen Ursache ausgewählt und sind nicht als gemeinsame Standardmedikation bei Kardialgie anzuwenden. Nieren- und Leberfunktion, Körpergewicht, Alter, Begleitmedikation und präparatespezifische Fachinformation berücksichtigen.

Thrombozytenaggregationshemmer – akutes Koronarsyndrom

Wirkstoff Besonderheiten
Acetylsalicylsäure (ASS) Bei begründetem Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom, sofern keine Kontraindikation besteht. Weitere antithrombotische Behandlung nach Reperfusionsstrategie und Blutungsrisiko [LL1].
  • Wirkweise: irreversible Hemmung der thrombozytären Cyclooxygenase-1 mit verminderter Thromboxanbildung.
  • Indikationen: akutes Koronarsyndrom; keine generelle Behandlung jedes unklaren Thoraxschmerzes.
  • Kontraindikationen: aktive relevante Blutung und schwere Überempfindlichkeit; bei Verdacht auf eine Aortendissektion keine empirische Gabe ohne entsprechende Abklärung.
  • Nebenwirkungen: gastrointestinale und andere Blutungen, Schleimhautschädigung, Überempfindlichkeitsreaktionen und Bronchospasmus (Verkrampfung der Bronchien) [LL1, LL2].

Organische Nitrate – ischämischer Thoraxschmerz

Wirkstoff Besonderheiten
Glyceroltrinitrat Vor jeder Gabe Blutdruck prüfen. Eine Schmerzlinderung beweist keine koronare Ursache. Keine Gabe bei Hypotonie, vermutetem rechtsventrikulärem Infarkt (Infarkt der rechten Herzkammer) oder relevanter Vorlastabhängigkeit [LL1, FI1].
  • Wirkweise: Freisetzung von Stickstoffmonoxid mit Vasodilatation, insbesondere venös; Verminderung der Vorlast und des myokardialen Sauerstoffbedarfs.
  • Indikationen: ischämische Beschwerden bei ausreichender Kreislaufstabilität.
  • Kontraindikationen: systolischer Blutdruck unter 90 mmHg, Schock, gleichzeitige Anwendung von Riociguat oder kürzlich eingenommenen Phosphodiesterase-5-Hemmern; insbesondere Sildenafil oder Vardenafil innerhalb von 24 Stunden bzw. Tadalafil innerhalb von 48 Stunden. Weitere präparatespezifische Gegenanzeigen beachten.
  • Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Flush (plötzliche Hautrötung), Hypotonie, Schwindel, Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit) und reflektorische Tachykardie [LL1, FI1].

Betablocker – akutes Aortensyndrom

Wirkstoff Besonderheiten
Esmolol Sehr kurze Wirkdauer; kontinuierliche EKG- und Blutdrucküberwachung. Einsatz beim akuten Aortensyndrom nach fachärztlichem Protokoll; präparatespezifischen Zulassungsstatus bzw. Off-Label-Use beachten [LL2, FI2].
  • Wirkweise: überwiegende Blockade von Beta1-Adrenozeptoren; Reduktion von Herzfrequenz, Kontraktilität und aortaler Wandbelastung.
  • Indikationen: Frequenz- und Blutdruckkontrolle beim akuten Aortensyndrom mit ausreichender Organperfusion.
  • Kontraindikationen: ausgeprägte Bradykardie (zu langsamer Herzschlag), höhergradiger atrioventrikulärer Block (Störung der elektrischen Überleitung von den Herzvorhöfen zu den Herzkammern) ohne Schrittmacherversorgung, kardiogener Schock (durch Pumpversagen des Herzens verursachtes Kreislaufversagen) und dekompensierte Herzinsuffizienz (akut verschlechterte Herzschwäche); bei Bronchospasmus besondere Vorsicht.
  • Nebenwirkungen: Hypotonie, Bradykardie, Überleitungsstörungen, Verschlechterung einer Herzinsuffizienz und Bronchospasmus [LL2, FI2].

Antikoagulanzien – ursachenspezifische Akutbehandlung

Wirkstoff Besonderheiten
Unfraktioniertes Heparin (UFH) Die Dosierung unterscheidet sich nach Indikation und Vorbehandlung. Bei Lungenembolie besonders geeignet bei Instabilität, geplanter Reperfusion oder schwerer Nierenfunktionsstörung; bei stabilen Patienten in der Regel niedermolekulares Heparin bevorzugen [LL1, LL3, LL4, FI3].
  • Wirkweise: Verstärkung der Antithrombinwirkung mit Hemmung von Thrombin und Faktor Xa.
  • Indikationen: akute Lungenembolie und akutes Koronarsyndrom nach der jeweiligen Behandlungsstrategie.
  • Kontraindikationen: aktive relevante Blutung und aktuelle bzw. frühere immunvermittelte heparininduzierte Thrombozytopenie (durch eine Immunreaktion auf Heparin ausgelöster Blutplättchenabfall); bei Verdacht auf Aortendissektion keine empirische Behandlung ohne entsprechende Abklärung.
  • Nebenwirkungen: Blutungen, heparininduzierte Thrombozytopenie und Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumgehalt im Blut); Gerinnung und Thrombozyten überwachen [LL1-LL4, FI3].

Fibrinolytika – Hochrisiko-Lungenembolie

Wirkstoff Besonderheiten
Alteplase Nur bei entsprechender Reperfusionsindikation und unter intensivmedizinischer Überwachung. Heparin nach Fachinformation beginnen bzw. wieder aufnehmen, sobald die aPTT unter dem Zweifachen der oberen Normalwertgrenze liegt. Das Schema gilt für die Lungenembolie [LL3, LL4, FI4].
  • Wirkweise: Aktivierung von Plasminogen zu Plasmin mit Auflösung fibrinhaltiger Thromben (Blutgerinnsel).
  • Indikationen: akute Lungenembolie mit hämodynamischer Instabilität nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung.
  • Kontraindikationen: insbesondere aktive Blutung, frühere intrakranielle Blutung (Blutung innerhalb des Schädels), kürzlich erlittener ischämischer Schlaganfall (Schlaganfall durch Gefäßverschluss), relevante intrakranielle Erkrankung sowie kürzlich erfolgte große Operation oder schwere Verletzung. Bei unmittelbar lebensbedrohlicher Situation fachärztliche Einzelfallentscheidung; bei Kontraindikation alternative Reperfusionsverfahren prüfen.
  • Nebenwirkungen: schwere Blutungen einschließlich intrakranieller Blutung und Überempfindlichkeitsreaktionen [LL3, LL4, FI4].

Hochpotente Opioidanalgetika – starke akute Schmerzen

Wirkstoff Besonderheiten
Morphin Nur unter Überwachung von Bewusstsein, Atmung, Sauerstoffsättigung und Blutdruck; Beatmungsmöglichkeit und Naloxon verfügbar halten. Bei Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) Akkumulation aktiver Metaboliten beachten. Verzögerter Wirkungseintritt oraler P2Y12-Rezeptorhemmer möglich [1, LL1, LL2, FI5].
  • Wirkweise: vorwiegender Agonismus an µ-Opioidrezeptoren mit zentraler Analgesie.
  • Indikationen: starke anhaltende Schmerzen, insbesondere bei akutem Koronarsyndrom oder akutem Aortensyndrom, parallel zur spezifischen Behandlung.
  • Kontraindikationen: relevante unbehandelte Atemdepression (gefährliche Abschwächung der Atmung) und paralytischer Ileus (Darmverschluss durch Darmlähmung); bei Hypotonie oder Schock besonders restriktiv einsetzen.
  • Nebenwirkungen: Atemdepression, Sedierung, Hypotonie, Übelkeit, Erbrechen, Obstipation (Verstopfung), Harnverhalt und Abhängigkeit; eine Intoxikation (Vergiftung) kann mit Atemdepression, Miosis (stark verengten Pupillen) und Koma (tiefer Bewusstlosigkeit) einhergehen [1, FI5].

Nichtsteroidale Antirheumatika – akute Perikarditis

Wirkstoff Besonderheiten
Ibuprofen Zusammen mit Colchicin und Gastroprotektion. Bei Perikarditis nach Myokardinfarkt Acetylsalicylsäure bevorzugen. Nierenfunktion, Blutdruck, Blutungsrisiko und Begleitmedikation berücksichtigen [LL5].
Acetylsalicylsäure Antiphlogistische Dosierung; von der niedrig dosierten antithrombotischen Anwendung unterscheiden. Alternative zu Ibuprofen, insbesondere bei bestehender Indikation zur Thrombozytenhemmung [LL5].
  • Wirkweise: Hemmung der Cyclooxygenase mit verminderter Prostaglandinbildung; analgetische und antiphlogistische Wirkung.
  • Indikationen: diagnostizierte akute Perikarditis bei geeigneter Ursache und fehlenden Kontraindikationen.
  • Kontraindikationen: aktive gastrointestinale Blutung bzw. Ulzeration (Geschwürbildung), schwere Nierenfunktionsstörung, ausgeprägte Herzinsuffizienz und relevante Überempfindlichkeit; Schwangerschaft und Begleitantikoagulation gesondert berücksichtigen.
  • Nebenwirkungen: gastrointestinale Blutungen, Nierenfunktionsverschlechterung, Flüssigkeitsretention, Blutdruckanstieg und Überempfindlichkeitsreaktionen [LL5].

Entzündungshemmende Begleittherapie – Colchicin bei Perikarditis

Wirkstoff Besonderheiten
Colchicin Zusatz zu Acetylsalicylsäure oder einem NSAR; reduziert das Rezidivrisiko. Organfunktion und Interaktionen prüfen. Bei dem hier aufgeführten Präparat ist die Perikarditisbehandlung Off-Label-Use [2, LL5, FI10].
  • Wirkweise: Hemmung der Mikrotubulusbildung und entzündlicher Zellfunktionen.
  • Indikationen: akute und rezidivierende Perikarditis als Bestandteil der entzündungshemmenden Behandlung.
  • Kontraindikationen: schwere Nieren- oder Leberfunktionsstörung und relevante Blutbildveränderungen gemäß Fachinformation. Gefährliche Interaktionen mit starken Hemmern von Cytochrom P450 3A4 bzw. P-Glykoprotein, z. B. Clarithromycin oder Ciclosporin, beachten.
  • Nebenwirkungen: vor allem Diarrhoe (Durchfall), Übelkeit und Bauchschmerzen; bei Akkumulation bzw. Interaktionen Myopathie (Muskelschädigung), Knochenmarkschädigung und schwere systemische Toxizität [FI10].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Die folgenden Analgetika dienen der symptomatischen Behandlung einer abgeklärten Schmerzursache. Sie ersetzen keine spezifische Akuttherapie.

Nichtopioidanalgetika

Wirkstoff Besonderheiten
Paracetamol Keine relevante antiphlogistische Wirkung. Bei Leber- oder Nierenfunktionsstörung Dosis bzw. Einnahmeintervall anpassen; Alkoholmissbrauch, Mangelernährung und weitere paracetamolhaltige Präparate berücksichtigen [FI6].
Metamizol Bei starken Schmerzen innerhalb der zugelassenen Indikationen. Bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion wiederholte hohe Dosen vermeiden. Bei Fieber, Schüttelfrost, Halsschmerzen oder schmerzhaften Schleimhautveränderungen sofort absetzen und unverzüglich ein Differenzialblutbild veranlassen [FI7, SI1].
  • Wirkweise: analgetisch und antipyretisch; Paracetamol überwiegend über zentrale Mechanismen, Metamizol über mehrere zentrale und periphere Mechanismen mit zusätzlicher spasmolytischer Wirkung.
  • Indikationen: Paracetamol bei leichten bis mäßigen Schmerzen; Metamizol bei starken Schmerzen, soweit andere therapeutische Maßnahmen nicht indiziert sind.
  • Kontraindikationen: präparatespezifisch insbesondere relevante Überempfindlichkeit; bei Metamizol frühere durch Metamizol oder verwandte Substanzen ausgelöste Agranulozytose (schwerer Mangel bestimmter weißer Blutkörperchen), Störungen der Blutbildung und drittes Schwangerschaftstrimenon.
  • Nebenwirkungen: Paracetamol kann insbesondere bei Überdosierung schwere Leberschäden verursachen. Bei Metamizol sind Agranulozytose, Anaphylaxie (schwere allergische Allgemeinreaktion), Hypotonie und arzneimittelbedingte Leberschädigung möglich. Die Agranulozytose kann unabhängig von der Dosis und auch nach früherer problemloser Anwendung auftreten [FI6, FI7, SI1].

Hochpotente Opioidanalgetika – weitere Option bei starken Schmerzen

Wirkstoff Besonderheiten
Piritramid Option bei starken und stärksten Schmerzen unter Überwachung. Wiederholte Gaben wegen verzögert auftretender voller Wirkung und Akkumulationsrisiko besonders vorsichtig. Keine spezifische Standardtherapie des akuten Koronarsyndroms [FI8].
  • Wirkweise: Agonismus an µ-Opioidrezeptoren.
  • Indikationen: starke und stärkste Schmerzen bei entsprechendem klinischem Bedarf.
  • Kontraindikationen: Atemdepression, komatöse Zustände und relevante Überempfindlichkeit; weitere Gegenanzeigen der Fachinformation beachten.
  • Nebenwirkungen: Atemdepression, Sedierung, Hypotonie, Bradykardie, Übelkeit, Erbrechen und Abhängigkeit; zentral dämpfende Substanzen können die Atemdepression verstärken [FI8].

Niederpotente Opioidanalgetika

Wirkstoff Besonderheiten
Tramadol Bei abgeklärter Ursache mäßig starke bis starke Schmerzen. Retardpräparate eignen sich nicht zur raschen Titration akuter unklarer Thoraxschmerzen. Serotonerge Begleitmedikation und Krampfrisiko prüfen [FI9].
  • Wirkweise: schwacher µ-Opioidrezeptoragonismus und Hemmung der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin.
  • Indikationen: mäßig starke bis starke Schmerzen bei geeigneter individueller Indikation.
  • Kontraindikationen: unzureichend kontrollierte Epilepsie (Erkrankung mit wiederkehrenden Krampfanfällen), akute Intoxikation mit zentral dämpfenden Substanzen und gleichzeitige bzw. innerhalb der letzten 14 Tage erfolgte Behandlung mit Monoaminoxidasehemmern.
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Schwindel, Sedierung, Obstipation, Atemdepression, Krampfanfälle, Serotoninsyndrom (gefährliche Überaktivierung des Serotoninsystems) und Abhängigkeit [FI9].

Beachte

  • Schmerzfreiheit ist kein diagnostischer Endpunkt: bei fortbestehendem Verdacht auf eine gefährliche Ursache sind weitere Abklärung und Überwachung erforderlich.
  • Nach jeder intravenösen Opioidgabe: Schmerzintensität, Bewusstsein, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung und Blutdruck erneut beurteilen; bei Atemdepression Atemweg sichern, Beatmung unterstützen und ggf. Naloxon titriert einsetzen.
  • Organfunktionsstörungen und Interaktionen: Dosierungen individuell anpassen; insbesondere antithrombotische Kombinationen, zentral dämpfende Begleitmedikation und Colchicininteraktionen prüfen.
  • Nach gesicherter Diagnose: die vollständige krankheitsspezifische Therapie einschließlich weiterer antithrombotischer Behandlung, Sekundärprävention und Verlaufskontrollen nach dem jeweiligen Erkrankungsartikel durchführen.

Red Flags (Warnzeichen) bei Kardialgie

  • Anhaltender oder wiederkehrender Thoraxschmerz: insbesondere mit Ausstrahlung in Arm, Kiefer oder Rücken sowie mit Kaltschweißigkeit, Übelkeit oder ausgeprägtem Schwächegefühl.
  • Plötzlich maximaler Schmerz: insbesondere mit Rückenbetonung, Pulsdifferenz, Blutdruckdifferenz oder neuem neurologischem Defizit (neu aufgetretener Störung einer Nervenfunktion).
  • Atemnot oder Kreislaufbeeinträchtigung: Hypoxämie, Synkope, Hypotonie, Schockzeichen oder relevante Arrhythmie.
  • Zusätzliche Hinweise auf eine gefährliche Ursache: Hämoptyse (Bluthusten), einseitige Beinschwellung, deutlich abgeschwächtes einseitiges Atemgeräusch oder Zeichen einer Herzbeuteltamponade.
  • Konsequenz: sofortige notfallmedizinische Abklärung und ursachenspezifische Behandlung [LL1-LL6].

Abkürzungen

  • ASS: Acetylsalicylsäure.
  • EKG: Elektrokardiogramm.
  • NSAR: nichtsteroidales Antirheumatikum.
  • UFH: unfraktioniertes Heparin.
  • aPTT: aktivierte partielle Thromboplastinzeit.
  • WHO: Weltgesundheitsorganisation.
  • FI: Fachinformation.
  • LL: Leitlinie.
  • SI: Sicherheitsinformation.
  • ESC: European Society of Cardiology; Europäische Gesellschaft für Kardiologie.
  • ERS: European Respiratory Society; Europäische Gesellschaft für Atemwegsmedizin.
  • AHA: American Heart Association.
  • ACC: American College of Cardiology.
  • ACCP: American College of Clinical Pharmacy.
  • ACEP: American College of Emergency Physicians.
  • CHEST: American College of Chest Physicians.
  • SCAI: Society for Cardiovascular Angiography and Interventions.
  • SHM: Society of Hospital Medicine.
  • SIR: Society of Interventional Radiology.
  • SVM: Society for Vascular Medicine.
  • SVN: Society for Vascular Nursing.

Literatur

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  2. Imazio M, Brucato A, Cemin R et al.: A randomized trial of colchicine for acute pericarditis. N Engl J Med. 2013;369(16):1522-1528. doi: 10.1056/NEJMoa1208536.

Leitlinien

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Fachinformationen

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  2. Brevibloc 10 mg/ml Injektionslösung. Fachinformation. [FI2]
  3. Heparin-Natrium Braun 25.000 I.E./5 ml. Fachinformation. [FI3]
  4. Actilyse. Fachinformation. [FI4]
  5. Morphin Merck 10 mg/20 mg. Fachinformation. [FI5]
  6. Paracetalgin 500 mg Filmtabletten. Fachinformation. [FI6]
  7. Novalgin Filmtabletten. Fachinformation. [FI7]
  8. Dipidolor 7,5 mg/ml Injektionslösung. Fachinformation. [FI8]
  9. Tramal Kapseln, 50 mg, Hartkapseln. Fachinformation. [FI9]
  10. Colchicin-ratiopharm 0,5 mg Tabletten. Fachinformation. [FI10]

Arzneimittelsicherheitsinformationen

  1. European Medicines Agency: Metamizole-containing medicinal products – referral. Aktualisierte Maßnahmen zur Minimierung schwerer Folgen einer Agranulozytose. Sicherheitsinformationen und Verfahrensunterlagen. [SI1]